| Primaerliteratur |
| Imperialismus | Kolonialzeit | [P|S|M] |
Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1918
|
Der Krieg in Deutsch-Südwestafrika
(S. 18) In Deutsch-Südwestafrika
stand an militärischen Kräften zunächst die weiße Schutztruppe mit annähernd
1800 Mann zur Verfügung und außerdem die Landespolizei mit 500 weißen Angehörigen.
Daneben konnte auf einen Beurlaubtenstand von etwa 3500 Köpfen aus der weißen
Ansiedlerbevölkerung zurückgegriffen werden.
Auf der anderen Seite stellte die südafrikanische Union etwa 60.000 Mann auf,
die mit allen Hilfsmitteln neuzeitlicher Kriegsführung, u. a. z. B. mit über
2000 Kraftwagen, ausgerüstet waren.
Deutsch-Südwestafrika war über die Ereignisse in Deutschland durch Vermittlung
des Funkenturmes in Kamina (Togo) unterrichtet. Nach dessen Zerstörung mußte
die Nachrichtenübermittlung unmittelbar erfolgen, was teilweise gelungen ist.
Deutscherseits verhielt man sich bei der geringen zur Verfügung stehenden Kräftezahl
un den langen Grenzen zunächst abwartend. Die Union war durch die Vorzeichen
des Burenaufstandes unter Delarey und Dewet gleichfalls in ihren Entschlüssen
gehindert, so daß der ganze August 1914 ruhig verlief. Erst am 15. September
wurde englischerseits ein Überfall auf die deutsche Station Ramansdrift am
Oranje unternommen. Die Antwort darauf war die Aufhebung der britischen
Besatzungen in Stolzenfels, Nakab und Rietfontein. Der deutsche Kommandeur nahm
seine Truppen absichtlich zurück, um stärkere feindliche Kräfte in die Falle
zu locken. Am 26. September gelang es auch, bei Sandfontein eine englische
Truppe von 300 Mann abzuschneiden und nach hartem Gefecht zur Übergabe zu
zwingen. Nach dieser Niederlage stellte der Gegner seine Angriffe vom Süden her
zunächst ein und verlegte das Hauptgewicht auf den Vorstoß von Lüderitzbucht
aus, wo er vom 19. September an unter dem Schutz von Kriegsschiffen 8000 Mann
gelandet hatte. Die deutsche Truppe wurde daraufhin nach Aus zwischen Lüderitzbucht
und Keetmanshoop verlegt. Dort schuf sie sich eine starke Stellung, aus der sie
nicht herausgeworfen worden, sondern später "herausmarschiert" ist.
Inzwischen hatte sich der bekannte Zwischenfall bei Naulila zugetragen, wo
mehrere deutsche Beamte und Offiziere von portugiesischem Militär ermordet
worden waren. (S. 19) Die unter Führung des Major Franke eingeleitete
Strafexpedition gegen Angola führte zu der Niederlage der portugiesischen
Truppe bei Naulila und zur Erstürmung dieses Forts. Währenddessen erlitt die
deutsche Schutztruppe einen schweren Verlust durch den infolge eines Unglücksfalles
erfolgten Tod des Kommandeurs der Schutztruppe, Oberstleutnant von Heydebreck.
Zu seinem Nachfolger wurde der auf dem Rückmarsch von Angole begriffene Major
Franke ernannt.
Inzwischen hatten sich an der englischen Front weitere Ereignisse nicht
abgespielt. Der Gegner hatte sich darauf beschränkt, die unverteidigte Stadt
Swakopmund mehrfach von seinen Kriegsschiffen aus zu beschießen und war im übrigen
vollauf durch die Niederwerfung des inzwischen ausgebrochenen Burenaufstandes
beschäftigt. Von Lüderitzbucht aus versuchten die Engländer, die zerstörte Lüderitzbuchtbahn
wieder herzustellen, was aber die deutsche Truppe ihrerseits nicht hinderte,
mehrfach auf die Diamantenfelder vorzustoßen.
Am 15. Dezember wurde durch einen der beiden im Schutzgebiet befindlichen
Flieger festgestellt, daß der Feind begann, sich von Lüderitzbucht
vorzuschieben, und schon am folgenden Tag griff eine feindliche Kolonne von 5
Schwadronen die deutschen Vorposten 100 Kilometer von der Küste entfernt an. Am
24. Dezember erschienen Schiffe vor Walfischbai, das früher von deutscher Seite
besetzt worden war. Große Truppenmengen wurden gelandet und Botha, der
inzwischen die Führung des Feldzuges übernommen und sein Hauptquartier in
Walfischbai aufgeschlagen hatte, begann sofort mit dem Bau einer Bahn von
Walfischbai nach Swakopmund. Durch diese Ereignisse, ebenso wie durch das
Vordringen südafrikanischer Truppen vom Betschuanenland her wurde die Stellung
im Süden des Landes unhaltbar, nachdem der Feind von Swakopmund aus nach
Nordosten und Osten vorging. Der Süden wurde deshalb geräumt und das
Kriegsmaterial nach Norden abtransportiert. Bahnen und Wasserstellen zerstörte
man so gut es ging, während das Vieh nach Norden in Marsch gesetzt wurde. Bei
der zahlenmäßig großen Überlegenheit der Unionstruppe, die sich zeitweilig
auf 60.000 Mann belief, war es ihr immer möglich, die kleinen
Schutztruppenabteilungen zu überflügeln und zum Rückzug zu zwingen. Trotzdem
gelang es den deutschen Sicherungsabteilungen wiederholt, dem Gegner Verluste
beizubringen. Im April 1915 versuchte die Abteilung von Kleist, den von der Südbahn
herandringenden Feind nochmals bei Berseba zum Halten zu veranlassen. Zwar
gelang die Überraschung Bersebas selbst, die Unternehmung übte aber keinen
sonderlichen Eindruck auf die feindlichen Operationen aus. Am 27. April wurde
die geamte Abteilung von Kleist nördlich Gibeon von riesiger Übermacht, die
von 2 Seiten kam, angegriffen und nahezu umzingelt. Der Truppe gelang es
trotzdem, dem Gegner schwere Verluste beizubringen und selbst nach Norden
durchzubrechen. Der weitere Rückzug Kleists wurde nicht mehr gehindert. Der
Gegner kam wegen völliger Erschöpfung und Mangel an Nachschub nicht mehr so
rasch vorwärts.
Inzwischen waren die Bastards in Aufstand ausgebrochen. Sie verließen ihren
Hauptplatz Rehoboth und begannen die deutschen Farmen des Bezirks auszuplündern
und die deutschen Farmer zu ermorden. Auch gegen sie mußten nun Truppen
entfaltet werden.
Der Gegner hatte, von der Swakopmundbasis vorgehend, Mitte Februar 1915 bei
Felseneck am Swakop das Lager der Küstenschutzkompagnien überfallen, gerade
als ein Teil der Kompagnien unterwegs war um aufzuklären. Die Kompagnien wurden
bis Stinkbank zurückgenommen. 2 Kompagnien sowie eine Batterie, welche von der
Expedition nach Angola zurückgekehrt waren, wurden zur Unterstützung bereits
bei Ried stehenden Truppen herangezogen. Zwischen Otavibahn und Swakop wurde
eine Stellung bezogen, die zu Verschleierung dienen sollte. Ende Februar griff
der Gegner die Stellung in einer Stärke von 7 bis 8000 Mann und 5 Batterien
(gegen höchstens 360 Gewehre, 4 moderne, 6 veraltete Geschütze und 6
Maschinengewehre) an. In weitem Bogen nordwärts ausholend, beabsichtigte er die
Stellung abzuschneiden und sie nach Zusammenschießen der Artillerie zur Übergabe
zu zwingen. Der Angriff auf den andern Teil der Stellung mißlang; sie mußte
jedoch geräumt werden, so daß damit der Gegner praktisch den Namibgürtel von
Swakopmund überwunden hatte. Damit war Windhuk unmittelbar gefährdet, und die
Truppenleitung entschloß sich nunmehr, diesen Platz preiszugeben, um sich
weiter nach Norden zurückzuziehen. Alles Material sowie die Kriegsvorräte
wurden nach Tsumeb abgeschoben. Der Gouverneur verließ mit dem
Verwaltungsapparat Windhuk und ging nach Grootfontein.
Nach dem Gefecht an der Swakopstellung blieb der Gegner zwar in der
gewonnenen Stellung liegen, baute aber eifrig an der zerstörten Otavibahn
weiter. Um ihn an einem Durchstoß nach Windhuk vor Vollendung des
Stellungswechsels der Truppe zu verhindern, wurde am 26. April auf die Bauspitze
bei Trekkopje an der Otavibahn der Angriff befohlen, und von 5 Kompagnien und 3
Batterien unternommen. Der Feind hatte aber den Anmarsch beobachtet und sich
nach Heranziehung von Verstärkung starkt verschanzt. Da auch noch während des
Gefechts mit Hilfe der Bahn und von Panzerautos starke Verstärkungen für den
Gegner eintrafen, mußte der Kampf abgebrochen werden. Am 4. Mai gelang es den Südafrikanern,
Karibib zu besetzen.
Inzwischen waren Verhandlungen zwischen dem Gouverneur und Botha
eingeleitet worden, die den Abschluß eines Waffenstillstandes zum Ziele hatten.
Infolge der weder der Sachlage in Europa noch im Schutzgebiet entsprechenden
weitgehenden Forderungen Bothas mußten diese Verhandlungen aber ohne
praktisches Ergebnis abgebrochen werden.
Die erste Zeit nach den vergeblichen Verhandlungen ließ der Feind ziemlich
untätig verstreichen. Deutscherseits richtete man sich inzwischen darauf ein,
auch noch über Tsumeb hinaus nach Namutoni zu gehen und gegebenenfalls in das
Owamboland (S. 20) auszuweichen. Nunmehr aber setzte der Gegner seinen letzten
Vorstoß nach Norden von Omaruru und Okahandja ausgehend in einer Weise an, wie
es nach den bisherigen Erfahrungen nicht hätte erwartet werden können.
Entgegen seinen früheren Gewohnheiten machte er sich dieses Mal völlig frei
von dem mit der Bahn herangeführten Nachschub an Verpflegung usw. und verließ
sich einzig und allein hinsichtlich der Verpflegung von 25.000 Mann auf seinen
gewaltigen Automobilpark. Gegenüber solcher Beweglichkeit war die Schutztruppe
mit ihren langsamen Ochsenfuhrwagen und ihren aus Mangel an Kraftfutter bei
gleichzeitiger Überanstrengung völlig niedergebrochenen Tieren ohnmächtig.
Insbesondere war ihr damit die Möglichkeit abgeschnitten, weiter nach Norden
auszuweichen, weil sie dann ihren letzten Vorteil, die Otavibahn als
Hauptverkehrsstrang der Stellung hätte aufgeben müssen. Eine linke Kolonne des
Gegners in Stärke von 4000 Mann marschierte über Omaruru und Outjo nach
Namutoni. Dabei fand sie so gut wie keine Widerstand, da ihr einfach nichts
entgegenzustellen war. Dank ihrem Automobilpark konnte sie aber wider Erwarten
die Entfernung von 240 Kilometern zwischen Outjo und Namutoni im Laufe von 2
Tagen zurücklegen. Botha selbst ging mit 15.000 Mann links und rechts der
Otavibahn bis Otavi, dann nach Otavifontein und griff dort eine Abteilung der
Schutztruppe mit großer Übermacht an. Um nicht abgeschnitten zu werden, mußte
diese Truppe kämpfend auf die Hauptstellung bei km 514 zurückgehen. Der rechte
Flügel des Feindes in Stärke von 4000 Mann rückte von Okahandja über
Waterberg nach Tsumeb vor. Auch hier mußte die linke Seitendeckung der
deutschen Stellung, um nicht umzingelt zu werden, zurückweichen, um so mehr,
als sie nicht einmal mehr über Artillerie verfügte. Bei dieser Sachlage sah
sich der Gouverneur gezwungen, Botha neue Verhandlungen vorzuschlagen, der es in
der Hand gehabt hätte, die letzte Stellung der deutschen Truppe einfach
auszuhungern, nachdem die linke Kolonne des Gegners inzwischen sich Namutoni genähert
haben mußte und die rückwärtigen Magazine und Niederlagen doch nicht mehr zu
retten waren.
Am 6. Juli trat der Gouverneur in Anwesenheit des Kommandeurs der
Schutztruppe in Otavi mit Botha in Verhandlungen ein. Gleichzeitig wurde ein
Waffenstillstand vereinbart. In einer Stärke von 3400 Mann kapitulierte die
Truppe am 9. Juli unter ehrenvollen Bedingungen. Die aktive Truppe durfte die
Gewehre behalten, Offiziere sogar Gewehre, Munition und Pferde.
Die aktiven Mannschaften der Schutztruppe und Landespolizei in Stärke von
1400 Mann wurden interniert.
Über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Südwestafrika
sind wir infolge der vom Gegner durchgeführten Sperre des Postverkehrs nur
schlecht unterrichtet. Das Land hat stark dadurch gelitten, daß die Südafrikaner
auch die Zivilisten wenigstens vorübergehend in die Gefangenschaft nach Südafrika
abgeführt haben. Immerhin scheint sich in der letzten Zeit ein lebhafterer
Verkehr zwischen der Union und Südwestafrika entwickelt zu haben, der
wirtschaftlich auch den im Lande ansässigen deutschen Farmern zugute gekommen
ist.
|
| Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf
Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P.
Sprigade und M. Moisel. Uebersichten und Rückblicke von Dr. Karstedt.
Berlin 1918, S. 18ff |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek
zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz

Kartenabteilung
Document
in English Language
|
|

|