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Primaerliteratur
Deutschland | Industrialisierung

[P|S|M]

Friedrich Harkort über die Soziale Frage
Der Staat muss einschreiten, um fernerem Verderben zu wehren, damit der Strom des Pauperismus nicht unaufhaltsam wachsend die gesegneten Augen des Vaterlandes unheilbringend überschwemme ... Vom Staate verlangen wir, dass er nicht allein gebietend, sondern auch helfend und fördernd einschreite.

Zunächst muss die Regierung mit aller Strenge das Gesetz hinstellen und handhaben: dass durchaus keine Kinder vor zurückgelegter Schulzeit in Fabriken angestellt werden dürfen. Den Eltern muss unerbittlich das Recht genommen sein, ihre Kinder als Sklaven an die Industrie zu verkaufen ... So wie die Sachen jetzt stehen, werden die Kinder benutzt, um die Löhne der Erwachsenen zu drücken; lasst die Unmündigen ausscheiden aus dem Kreise der Dienstbarkeit, und die Älteren finden eine bessere Vergütung für die Arbeit ihrer Hände. Selbst gehöre ich zu den Leitern der Industrie, allein vom Herzen verachte ich jede Schaffung von Werten und Reichtümern, die auf Kosten der Menschenwürde, auf Erniedrigung der arbeitenden Klassen begründet ist. Zweck der Maschine ist, den Menschen der tierischen Dienstbarkeit zu entheben, nicht ärgere Frohne zu schaffen ...

Dann sorgt der Staat für einen Volksunterricht, der ist, wie er sein soll, karge nicht mit der geistigen Saat, bestelle das Feld nicht durch Fronden, und es wird ein neues Geschlecht aufblühen, edler als das alte.

Demnächst muss die Dauer der Arbeit, wenigstens ein Maximum, gesetzlich festgestellt werden, eine Wohltat, die selbst dem Sklaven Amerikas zuteil wird ... Ebensogut wie das Gesetz den Sonntag zur Ruhe bestimmt, kann es den Feierabend feststellen ... Dass eine gesetzliche Norm möglich und für die Erhaltung eines tüchtigen Arbeiterstandes förderlich ist, lehrt der deutsche Bergbau. Die Schicht ist von acht bis zwölf Stunden täglich festgesetzt ... Der Knappschaftsverband sichert Unterstützung in Krankheitsfällen oder bei Invalidität. Durch diese einfache Organisation erscheint der Stand gesicherter und unabhängiger als wie jene Masse von Lohnarbeitern anderer Gewerbe. Proletarier werden so nicht gebildet.

Früher bemerkten wir bereits, dass es untunlich erscheint, den Fabrikherrn für den Unterhalt seiner Leute verantwortlich zu machen. Allein die Pflicht könnte dringend nahe gelegt werden, das System der wechselseitigen Unterstützung ... sowohl in Krankheitsfällen als wie Invalidität unter ihnen einzuführen und mit angemessenen Zuschüssen zu unterstützen. Sichert der Staat durch Zollschutz die Herrn, dann geschehe auch einiges für die Diener.

Der Arme, welcher in den kleinsten Quantitäten kauft, muss eben deshalb die teuersten Preise bezahlen. Diesem zu begegnen, könnte der Fabrikant seine Arbeiter zu einem Vereine sammeln, welcher die notwendigsten Bedürfnisse in größeren Massen anschaffte und unter sich verteilte. Allein bei dieser nützlichen Einrichtung dürfte der Arbeiter nicht aus der Hand in den Mund leben, sondern müsste eine gewisse Voraussicht und Sparsamkeit besitzen, welche nur eine bessere Volkserziehung gewährt ...

Nach jetzigen Verhältnissen leistet der Arbeiter gewisse Dienste gegen einen gewissen Lohn, wobei noch strenge Aufsicht stattfinden muss; weiter kümmert ihn weder die Wohlfahrt der Fabrik noch des Unternehmers. Die Arbeitskraft tritt noch zu roh und ungebildet auf, als dass eine engere Verbindung mit dem Kapitale möglich wäre. Denken wir uns indessen eine sittlich gebildete Masse von Individuen, dann könnte ein glückliches Verhältnis stattfinden. Außer den festen Löhnen wäre der Arbeit ein Anteil an Gewinn zuzugestehen, und Fleiß und Tätigkeit würden Wunder tun ... Das Verhältnis wäre nicht so schwierig, als wie manchem erscheinen mag. Der Fabrikunternehmer steht da als Monarch, die Arbeiter wie beratende Stände, von Jahr zu Jahr einberufen ...

Das Kapital oder der Unternehmer brächte eigentlich keine Opfer, denn der so gestellte Gehilfe arbeitete mehr und besser ...

In solcher Weise würde es möglich, die Monopole des Reichtums zu brechen, die dem Lande nur verderblich Früchte bringen. Die Zeit wird kommen, wo bei manchen Gewerben unser Vorschlag Eingang findet, denn der schroffe Gegensatz zu großem Überfluss und Mangel wird täglich bedenklicher. Die Bevölkerung indessen, welche einen solchen Versuch macht, muss eine menschlichere Erziehung genossen haben, als wie die heutigen Proletarier der großen Industriellen.



zit. nach: Schaepler, E., Quellen zur Geschichte der sozialen Frage in Deutschland. Göttingen 1955
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