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International | Frankreich | 1789-1815

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Die Herrschaft Napoleons. 1799-1812

Übersicht

Napoleon als erster Konsul. 1799-1804

    § 78. Der zweite Koalitionskrieg. 1798-1801.

    § 79. Der Regensburger Reichsdeputationshauptschluß. 1803.

    § 80. Napoleons Regententätigkeit. Das Kaisertum

Die Besiegung Österreichs (dritter Koalitionskrieg 1805) und Preußens (1806/7).

    § 81. Der dritte Koalitionskrieg. 1805. 

    § 82. Preußens innere Verhältnisse. 

    § 83. Der preußisch-französische Krieg. 1806-1807.

Napoleons Weltherrschaft.

    § 84. Die Festlandsperre. 

    § 85. Der spanische Krieg

    § 86. Der österreichische Krieg. 

    § 87. Der russische Krieg. 1812

Napoleon als erster Konsul. 1799-1804

§ 78. Der zweite Koalitionskrieg. 1798-1801. (S. 93) Der Grund des zweiten Koalitionskrieges war die Fortdauer der französischen Eroberungspolitik gewesen; die Schweiz wurde in eine demokratische (S. 94) helvetische Republik verwandelt; Papst Pius VI. wurde aus Rom fortgeführt und starb in Rußland, dessen neuer Beherrscher Paul I., Katharinas II. Sohn, ein leidenschaftlicher Feind der Revolution, durch die Beraubung des Malteserordens, für den er eine Vorliebe hatte, besonders erbittert war. Auch Neapel trat dem Bunde bei. Preußen dagegen, wo 1797 Friedrich Wilhelm III. den Thron bestiegen hatte, verharrte in seiner Neutralitätspolitik.

Die Neapolitaner brachen zuerst los; aber dies hatte zur Folge, daß die Bourbonen durch Macdonald verjagt und in Neapel eine Republik begründet wurde. In Deutschland wurde der Rastatter Kongreß durch den Wiederbeginn des Krieges auseinandergesprengt, wobei die französischen Gesandten durch österreichische Husaren überfallen und zum Teil ermordet wurden. Während Erzherzog Karl die Franzosen über den Rhein drängte, trug Suworow in Italien eine Reihe glänzender Siege davon, deren Ergebnis die Eroberung der Poebene und der Abzug der Franzosen aus Neapel war. Aber die Lage änderte sich, nachdem auf Verlangen der Österreicher, die bei der Annexion großer Teile Oberitaliens freie Hand zu haben wünschten, Suworow über den St. Gotthard nach der Schweiz marschiert war: dieser fand, da eben Masséna bei Zürich gesiegt hatte, den Ausgang der Pässe verlegt und mußte sich auf Hirtenpfaden dem Rheintal zuwenden. Die Folge war, daß sich Paul. I entrüstet von der Koalition zurückzog. (1)

Im Jahre 1800 überschritt Bonaparte den Großen St. Bernhard. Die Schlacht bei Marengo wurde nur durch das Eintreffen des Generals Defaix , der in der Schlacht fiel, gewonnen; aber sie war entscheidend. Nachdem im Dezember 1800 Moreau den Sieg von Hohenlinden (östlich von München) davongetragen hatte, wurde der Friede von Lunéville abgeschlossen. Er wiederholte im allgemeinen die Bestimmungen von Campoformio; Rhein und Etsch wurden wieder als Grenze festgestellt; die cisalpinische Republik trat wieder ins Leben, während nach Rom Papst Pius VII. zurückkehrte.

1802 schloß England, wo Pitt gestürzt worden war, den Frieden von Amiens, in dem es die Herausgabe der meisten der eroberten Kolonien und die Räumung Maltas versprach.

§ 79. Der Regensburger Reichsdeputationshauptschluß. 1803. (S. 95) Die Abtretung des linken Rheinufers - weiter, reicher Gebiete [...] - an Frankreich hatte zur Folge die Säkularisation aller geistlichen Reichsstände, von denen nur der Kurfürst von Mainz, Dalberg, als Kurerzkanzler und sodann die beiden geistlichen Ritterorden, die letzten Zufluchtsstätten für die jüngeren Söhne des katholischen deutschen Adels, fortbestanden, und die Mediatisierung der Reichsstädte, deren nur sechs, Hamburg, Bremen, Lübeck, Frankfurt, Nürnberg, Augsburg, erhalten blieben: mit diesen Gebieten wurden die weltlichen Fürsten, die Verluste erlitten hatten, entschädigt. Eine "Reichsdeputation" wurde mit der Feststellung der Entschädigungen beauftragt; bei ihrer Verteilung übten der französische Minister Talleyrand und sein Schreiber den größten Einfluß aus. Den bedeutendsten Gebietszuwachs erwarb Preußen, das für das das linksrheinische Cleve und Geldern die Bistümer Hildesheim und Paderborn, den größeren Teil von Münster, Erfurt und das Eichsfeld, die Reichsstädte Mühlhausen, Nordhausen, Goslar und mehrere Abteien erhielt, das Fünffache des Verlorenen. Bayern erwarb eine Reihe von Bistümern, dabei Würzburg und Bamberg.

Damit war der Zusammensturz der alten Reichsverfassung entschieden, zugleich Österreichs Einfluß im Reiche durch die Vernichtung der geistlichen Fürstentümer, die fast immer seine Partei gehalten hatten, vernichtet. Die süddeutschen Mittelstaaten schlossen sich an Frankreich an. Im Jahre 1804 legte sich Franz den Titel eines Kaisers von Österreich bei.

§ 80. Napoleons Regententätigkeit. Das Kaisertum

Während sich Deutschland in seine Teile auflöste, wurden die inneren Kräfte Frankreichs nach einer langen Periode der Erschütterungen von Napoleon in großartiger Weise zu einem einheitlichen Staatsbau zusammengefaßt. Die Verwaltung wurde zentralisiert, die Präfekten der Departements, die Unterpräfekten, ebenso aber auch die Bürgermeister sämtlicher Gemeinden von der Regierung ernannt und so die städtische Selbstverwaltung vernichtet. Die zerrütteten Finanzen wurden geregelt, die Erhebung der Steuern geordnet. Das Heerwesen erhielt eine sichere Grundlage in einem Wehrgesetz, das indessen den Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht durch die Erlaubnis der Stellvertretung durchbrach. Die Rechtspflege wurde geordnet und das bürgerliche Recht in dem Code Napoléon zusammengefaßt. Die öffentliche Sicherheit wurde hergestellt; für den Verkehr wurde gesorgt, Straßen und Kanäle gebaut, die Einfuhr fremder Waren durch Schutzzölle erschwert und durch alles dies ermöglicht, daß (S. 96) Handel und Gewerbe wieder aufblühten. Auch der von der Revolution gänzlich vernachlässigte Unterricht wurde zu einem streng geordneten einförmigen System zusammengefaßt. Durch versöhnliches Entgegenkommen suchte Napoleon auch solche Kreise der Bevölkerung zu gewinnen, die der neuen Ordnung bisher feindlich gegenüberstanden. Die Vendée wurde durch eine Amnestie endlich beruhigt; die Emigranten erhielten die Erlaubnis zur Rückkehr; mit dem Papst wurde ein Konkordat abgeschlossen, das der Regierung große Rechte verlieh und in dem die katholische Kirche insbesondere auf das eingezogene Kirchengut verzichtete; einige Jahre später wurde auch der republikanische Kalender wieder abgeschafft.

Der neue Herrscher, der Frankreich zu einer strafferen Einheit zusammenfaßte als selbst Ludwig XIV., schlug jeden Widerstand mit brutaler Gewalt nieder. Ein Bombenattentat gab ihm Veranlassung, eine Menge von Jakobinern ohne Urteil deportieren zu lassen. Den Herzog von Enghien, einen bourbonischen Prinzen, ließ er unter dem Verdacht, an einer Verschwörung beteiligt zu sein, in Baden aufheben und ohne Prozeß erschießen; Pichegru, der wirklich beteiligt war, tötete sich im Gefängnis, Moreau wurde verbannt. Die Zeitungen standen unter der schärfsten Aufsicht. Das Tribunat wurde später aufgehoben.

Im Jahre 1804 ließ sich Napoleon die erbliche Würde des Kaisers der Franzosen durch Volksabstimmung übertragen; von dem Papst Pius VII. ließ er sich in Notredame salben und krönte sich und Josephine. Neben Piemont wurde jetzt auch Genua Frankreich einverleibt. 1805 setzte er sich als König von Italien im Dom zu Mailand die eiserne Krone auf und ernannte seinen Stiefsohn Eugen Beauharnais zum Vizekönig von Italien. Er umgab sich mit einem glänzenden Hofstaat; seine Brüder wurden kaiserliche Prinzen, seine Getreuen mit Hofämtern und reichen Gehältern begabt, seine bedeutendsten Generäle wurden Marschälle. Bald begann er, um sie noch enger an sich zu fesseln, Herzogs- und Fürstentitel mit reichen Lehen an sie zu vergeben, z.B. an Talleyrand, den Minister des Auswärtigen [...], an den Polizeiminister Fouché, an seine Marschälle Ney, Davout, Soult, Qudinot, Bernadotte u.a. 

Die Besiegung Österreichs (dritter Koalitionskrieg 1805) und Preußens (1806/7).

§ 81. Der dritte Koalitionskrieg. 1805.  Die Bedingungen des Friedens von Amiens waren zum Teil nicht erfüllt, insbesondere Malta von (S. 97) den Engländern nicht geräumt worden; bereits 1803 brach der Krieg mit England wieder aus. Napoleon schritt jetzt zur Besetzung von Hannover, die Preußen nicht zu hindern wagte, obwohl es dadurch zugleich politisch und wirtschaftlich geschädigt wurde; ferner vereinigte er eine Armee bei Boulogne, die England mit einem Einfall bedrohte.

Die weitere Ausbreitung Napoleons, zumal in Italien, führte England, Österreich, Rußland und Schweden zu einer dritten Koalition zusammen. Friedrich Wilhelm III. von Preußen erklärte auch diesmal an dem Bunde nicht teilnehmen zu wollen; ja als Rußland sich anheischig machte, ihn mit Gewalt zu einer Entscheidung zu nötigen, machte er zum Schutze seiner Neutralität mobil. Indessen war die französische Armee von Boulogne nach Süddeutschland marschiert, wo Bayern, Württemberg und Baden auf französischer Seite standen. Bei Ulm wurde der österreichische General Mack abgeschnitten und mit dem Rest seiner Armee zur Ergebung gezwungen. Dieses Ergebnis wurde besonders dadurch erreicht, daß ein französisches Korps unter Bernadotte, ohne Preußens Neutralität zu achten, durch das preußische Ansbach marschiert war. Jetzt näherte sich Friedrich Wilhelm den Verbündeten; Alexander, mit dem er schon 1802 auf einer Zusammenkunft zu Memel in freundschaftliche Beziehungen getreten war, kam nach Potsdam, und hier schlossen beide einen Vertrag, wonach Preußen Napoleon ein Ultimatum stellen und, wenn er es ablehnte, am Kriege teilnehmen sollte.

Ehe aber Preußen in den Krieg eintreten konnte, traten auf Alexanders Verlangen Russen und Österreicher in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz in Mähren Napoleon, der indessen Wien besetzt hatte, entgegen und wurden völlig geschlagen. Jetzt knüpfte Franz II. mit ihm Verhandlungen an, die zum Frieden von Preßburg führten: Österreich trat die venetianischen Besitzungen an das Königreich Italien, Tirol an Bayern, das nebst Württemberg zum Königreich erhoben wurde, Vorderösterreich an Baden und Württemberg ab und erhielt nur Salzburg als Entschädigung.

Mit Rußland dauerte der Kriegszustand fort, ebenso mit England. Dessen Admiral Nelson hatte soeben die französisch-spanische Flotte in der Seeschlacht bei Trafalgar, in der er selbst fiel, vienichtet und damit eine Zeit der unbedingten Seeherrschaft Englands begründet.

Indessen schloß der preußische Minister Graf Haugwitz, der das Ultimatum hatte überreichen sollen, anstatt dessen den Vertrag von Schönbrunn ab. Preußen trat mit Frankreich in ein Schutz- und Trutzbündnis; Hannover sollte in Preußens Besitz übergehen, obwohl Georg II. keineswegs (S. 98) darauf verzichtet hatte, dafür aber Ansbach an Bayern, das rechtsrheinische Stück von Cleve an den neuen Großherzog von Berg, Napoleons Schwager Joachim Murat, abgetreten werden. Als die preußische Regierung zögerte, diesen Vertrag zu genehmigen, zugleich aber abrüstete, wurde sie von Napoleon zu dem noch schmählicheren Vertrage von Paris gezwungen.

Ein zweites Nachspiel des dritten Koalitionskrieges war die Absetzung der boubonischen Dynastie von Neapel. "La dynasie de Naples a cessé de régner" dekretierte Napoleon und erhob seinen ältesten Bruder Joseph zum König von Neapel. Wenige Monate später wurde die batavische Republik in ein Königreich Holland verwandelt, das Napoleon seinem Bruder Ludwig verlieh.

Die bedeutsamste Folge des Krieges aber war die Gründung des Rheinbundes und die endgültige Auflösung des Deutschen Reichs. 16 deutsche Mittel- und Kleinstaaten, dabei die Königreiche Bayern, Württemberg, die nunmehrigen Großherzogtümer Baden, Hessen-Darmstadt, Berg, ferner der nunmehrige Fürstprimas Dalberg, schlossen sich zu einem Bunde unter Napoleons Protektorat zusammen; die kleineren Fürsten und Grafen, die Reichsritterschaft, die beiden Ritterorden, die drei süddeutschen Reichsstädte wurden mediatisiert [...].

Damit hörte das Deutsche Reich auf zu existieren; Franz II. legte jetzt die deutsche Kaiserkrone nieder.

§ 82. Preußens innere Verhältnisse.  Unter Friedrich Wilhelm II. war Preußen durch den Erwerb von Ansbach und Bayreuth (1791), die der letzte, kinderlose Markgraf noch bei Lebzeiten abtrat, und der ausgedehnten polnischen Gebiete (1793 und 1795) äußerlich stark gewachsen, um mehr als die Hälfte des bisherigen Bestandes. Aber sein politisches Ansehen war ebenso wie seine innere Kraft gesunken. Die polnischen Erwerbungen [...] schwächten seine Fähigkeit zu handeln; Günstlinge beeinflußten den König in verderblicher Weise; die Finanzen lagen darnieder; das Heerwesen ermangelte der nötigen Fürsorge; im Beamtentum riß, wie der Freiherr vom Stein es nannte, eine "mechanische Dienstauffassung und Papiertätigkeit" ein, und notwendige Reformen unterblieben.

Mit Friedrich Wilhelm III. bestieg ein König den Thron, der mit unbedingter, selbstlosester Pflichttreue und unermüdlicher Arbeitskraft immer danach gestrebt hat, die Wohlfahrt seines Volkes zu fördern; freilich fehlte ihm die Freudigkeit des kühnen Entschlusses und die Fähigkeit sich (S. 99) selbst und anderen zu vertrauen, Eigenschaften, wie sie in jener schweren Zeit noch nötiger waren als sonst. Er fühlte sich am wohlsten inmitten seiner Familie, an der Seite seiner schönen, lieblichen Gattin Luise, einer Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz. Wie er nach außen ein System passiver Neutralität befolgte, so fehlte auch im Inneren bei allen Reformversuchen die aktive Tatkraft; die Finanzen insbesondere wurden nicht geordnet. Nur auf einem Gebiete wurde etwas Wesentliches erreicht, indem die Bauern der königlichen Domänen in jenen Jahren ihre Höfe zu freiem Eigentum erhielten und der Dienste für den Gutshof entbunden wurden.

Im übrigen aber fehlte es der Verwaltung an Einheit. Einen Ministerrat gab es nicht. Den Ministern fehlte die notwendige nahe Beziehung zum Könige; denn zwischen beiden standen die Räte des königlichen Kabinetts, die, unter Friedrich dem Großen nichts als Sekretäre, sich in unverantwortliche Ratgeber des Königs verwandelt hatten. Das Heer ferner war seit den Tagen Friedrichs des Großen nicht fortentwickelt worden. Es war noch immer ein Heer von geworbenen Truppen, die Magazinverpflegung verlangsamte alle Bewegungen, und die Lineartaktik war noch in Geltung, während das Heer Napoleons auf der Konskription beruhte, sich durch Requisition verpflegte und seine Infanterie sich in der Schlacht in Schützenschwärme auflöste, was eine bessere Ausnutzung des Geländes ermöglichte. Dazu waren die Truppen weniger im Felddienst als in den Künsten der Parade geübt; ihr Geist war wenig kriegerisch, da die Mannschaften für den größeren Teil des Jahres beurlaubt wurden und ein Gewerbe trieben; die Ausrüstung war aus Sparsamkeit mangelhaft, die Stabsoffiziere vielfach zu alt, der Geist der Heeresleitung pedantisch genau, aber ohne große Gedanken. Zweierlei war es vornehmlich, was dem damaligen Preußen fehlte: [...] Staatsgesinnung des Volkes, das dem Geiste des absoluten Staates gemäß von der Teilnahme an öffentlichen Angelegenheiten fern gehalten wurde; und große, weitsichtige, beigeistere Männer, welche die Nation mit idealem Schwunge zu erfüllen verstanden hätten.

Durch den Vertrag von Paris war Preußen in eine unhaltbare Lage gekommen; mit England war es wegen Hannover verfeindet, an seinen natürlichen Gegner durch ein Bündnis gekettet. Als es nun zu Zwistigkeiten mit Murat, dem Großherzog von Berg, kam, der preußisches Gebiet zu besetzen versuchte; als man erfuhr, daß Napoleon die Bildung eines norddeutschen Bundes, zu der er selbst aufgefordert hatte, im geheimen zu hindern suchte, ja daß er sogar den Engländern damals die (S. 100) Rückgabe von Hannover verhieß; als die französischen Truppen auch ferner in Süddeutschland stehen blieben, da entschloß sich der König zur Mobilmachung.

§ 83. Der preußisch-französische Krieg. 1806-1807. Das preußische Heer nahm, jedoch nicht in seiner Gesamtstärke, Stellung in Thübingen: mit 20000 Sachsen zählte es an 130.000 Mann. Den Oberbefehl führte wieder [...] Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Als Napoleon mit 160000 Mann den Frankenwald überschritt und die von dem [...] Prinzen Louis Ferdinand befehligte Vorhut in dem Gefecht von Saalfeld geschlagen wurde, in welchem der Prinz fiel, beschloß man, die bisherige Stellung in der Flanke des Feindes aufzugeben und zum Schutze von Berlin nach Nordosten abzuziehen. Da griff Napoleon bei Jena die Truppenmacht des Fürsten Hohenlohe an. Man hatte versäumt, die Höhen am westlichen Rande des Saaltales genügend zu besetzten; die preußische Führung war schlecht und das Heer in mehrere Abteilungen zerstückelt, die einzeln kämpften und einzeln geschlagen wurden; das Korps des Generals Rüchel kam zu spät an und wurde ebenfalls besiegt. So war das Ergebnis eine völlige Niederlage; 54000 Franzosen hatten 53000 Preußen und Sachsen gegenübergestanden. Gleichzeitig zwang der Marschall Davout bei Auerstedt und Hassenhausen mit kaum 27000 Mann die 50000 Preußen des bei Beginn der Schlacht tödlich verwundeten Herzogs von Braunschweig (2) zum Rückzug; ein großer Teil der preußischen Reserve war allerdings überhaupt nicht in den Kampf eingetreten. Der Marsch über den Harz und Magdeburg löste die Armee völlig auf; ein Reservekorps unter dem Herzog von Württemberg wurde indessen bei Halle geschlagen; bei Prenzlau ergab sich Hohenlohe mit dem Rest seiner Truppen an eine viel schwächere Truppenabteilung Murats. [...] Napoleon war unterdessen in Berlin eingezogen, wo die meisten der Minister ihm den Eid leisteten; die Viktoria, welche das Brandenburger (S. 101) krönte, und Friedrichs des Großen Degen und Orden schickte er nach Paris. In Berlin erließ er an die Polen die Aufforderung sich zu ergeben.

Schmachvoller noch als die Besiegung der Feldarmee war die Übergabe der preußischen Festungen, Erfurt, Magdeburg, Spandau und der Oderfestungen. Es hielten sich nur einige schlesische feste Plätze, z.B. Glatz, wo der Graf Götzen befehligte, ferner [...] Kolberg, wo der Major Neithardt von Gneisenau (3) das Kommando übernahm, wacker unterstützt durch die von dem alten Seemann Joachim Nettelbeck geführte Bürgerschaft; sodann Graudenz, wo de la Courbière befehligte, und bis zum Mai 1807 auch Danzig. Die königliche Familie flüchtete nach Memel.

Indessen trat Rußland in den Kampf ein; in Ostpreußen erschien ein russisches Heer unter Bennigsen. Das kleine preußische Korps befehligte L'Estocq, von Scharnhorst unterstützt. Die blutige Schlacht von Preußisch-Eylau [...] war die erste, die Napoleon nicht gewann; indessen trat der russische General trotzdem den Rückzug an. Da jedoch der Winterfeldzug in dem ausgesogenen und verkehrsarmen Ostpreußen große Schwierigkeiten machte, Napoleon zugleich ein Eingreifen Österreichs in den Krieg für möglich hielt, so trat eine längere Pause in den kriegerischen Unternehmungen ein, während deren Friedrich Wilhelm französische Friedensvorschläge ablehnte. Dagegen begann Alexander, nachdem Napoleon bei Friedland gesiegt und sich die Verbündeten bis über die Memel zurückgezogen hatten, Unterhandlungen. Beide Kaiser trafen in Tilsit zusammen - nachträglich wurde auch Friedrich Wilhelm hinzugezogen - und schlossen Frieden und Bündnis; Rußland trat dem Kampf gegen England und der Festlandsperre [Kontinentalsperre] bei, wogegen Napoleon seine Zustimmung zur Eroberung der Donaufürstentümer sowie des schwedischen Finnlands durch Alexander gab.

Preußen verlor im Frieden alle Besitzungen links der Elbe und die in den polnischen Teilungen erworbenen Gebiete mit Ausnahme von Westpreußen. Die linkselbischen Lande außer Bayreuth, das an Bayern fiel, (S. 102) vereinigte Napoleon mit Braunschweig und Kurhessen und verlieh sie als ein Königreich Westfalen an seinen jüngsten Bruder Jerôme; die polnischen Landesteile gab er als Herzogtum Warschau an Friedrich August von Sachsen, der für sein Stammland schon vorher den Königstitel erhalten und sich an den Rheinbund angeschlossen hatte. Danzig wurde zur freien Stadt erklärt und empfing eine französische Besatzung. Besonders schwer lastete auf [...] Preußen die schwere Kriegssteuer, bis zu deren Bezahlung das französische Heer im Lande bleiben sollte; erst im Sommer 1808, als es in Spanien nötig war, marschierte es ab, nachdem Preußen die Verpflichtung übernommen hatte, ein Heer von nicht mehr als 42000 Mann zu unterhalten und die drei Oderfestungen bis zur Bezahlung der Kriegskosten an Frankreich zu überlassen. Diese wurden noch immer auf 140 Mill. Frks. berechnet; im ganzen hat Napoleon binnen zwei Jahren mehr als 1 Milliarde Frks. aus Preußen gezogen.

Napoleons Weltherrschaft.

§ 84. Die Festlandsperre.  England stand jetzt allein gegen Napoleon unter den Waffen, der ihm weder durch die ägyptische Expedition hatte schaden können noch - seit Trafalgar - an einen Landungsversuch denken durfte. Jetzt suchte er seinen Handel zu vernichten, indem er durch ein im November 1806 zu Berlin erlassenes Edikt England in Blokadezustand erklärte und alle englischen Waren mit Beschlag zu belegen, alle Engländer zu verhaften befahl. Immer offenkundiger strebte er in seinem mit jedem Erfolg wachsenden Ehrgeiz als "Nachfolger Karls des Großen" nach der Begründung einer Weltherrschaft. [...]

§ 85. Der spanische Krieg Im Herbst 1807 ließ Napoleon in Portugal, das bisher an der Festlandssperre nicht teilgenommen hatte, Truppen einrücken und erklärte das Haus Braganza für abgesetzt; die königliche Familie ging nach Brasilien. 

Ebenso [...] verfuhr er gegen Spanien, obwohl dieser Staat seit Jahren treu zu Frankreich gehalten hatte. Als in der spanischen Königsfamilie Zwistigkeiten ausbrachen und gegen den unfähigen, von seiner Frau und deren Günstling, dem Minister und "Friedensfürsten" Godoy, beherrschten Karl IV. sein Sohn Ferdinand (VII.) durch einen Volksaufstand erhoben wurde, benutzte er die Gelegenheit, um Vater und Sohn nach Bayonne zu berufen und zur Thronentsagung zu nötigen; (S. 103) die erledigte Krone übertrug er seinem Bruder Joseph, an dessen Stelle Murat König von Neapel wurde.

Da erhoben sich aber die Spanier; englische Truppen landeten in Portugal, und zwei französische Heeresabteilungen wurden zur Kapitulation gezwungen. Napoleon sah sich genötigt seine Armee aus Preußen nach Spanien zu führen. Auf dem Kongreß zu Erfurt, einer glänzenden Versammlung von ihm abhängiger Fürsten, befestigte er die wankende Freundschaft mit Alexander von Rußland; damals fand seine berühmte Unterredung mit Goethe statt. Dann überschritt er die Pyrenäen, trieb die feindlichen Heere auseinander und zog mit Joseph in Madrid ein; aber nach seiner Rückkehr wurden seine Generäle im kleinen Kriege stetig zurückgedrängt. Wellington, der die englischen Truppen befehligte, eroberte nach dem Siege von Salamanka 1812 Madrid und überschritt im Februar 1814 die Pyrenäen.

§ 86. Der österreichische Krieg.  Die spanische Volkserhebung ließ an vielen Stellen Europas die Hoffnung aufleben, daß ein Volkskrieg die Befreiung bringen könne, während zugleich Napoleons Verfahren gegen die spanische Königsfamilie ähnliche Gewalttaten gegen andere Dynastien befürchten ließ. 1809 erhob sich Österreich, wo das ganze Volk von Begeisterung erfüllt war; der leitende Minister war damals Graf Stadion. Auswärtige Hilfe fand es nicht: Alexander von Rußland war immer noch der Hoffnung, das Bündnis mit Napoleon für seine orientalischen Eroberungsabsichten ausnutzen zu können; Friedrich Wilhelm III. aber vermochte, obwohl alle Parteien am Hofe ihn bestürmten, den Entschluß zur Teilnahme am Kriege nicht zu fassen, zumal ihm Österreich keine annehmbaren Vertragsbedingungen machte.

Ein Aufstand der gegen die bayrische Herrschaft erbitterten Tiroler begann den Krieg; zweimal in jenem Jahre nahmen sie Innsbruck, und Andreas Hofer schaltete dort als Oberkommandant von Tirol. Auf dem wichtigsten Kriegsschauplatz, in Oberdeutschland, befehligte Erzherzog Karl, der den Inn überschritt, aber durch sein Zaudern die Gelegenheit versäumte, die zerstreut stehenden französischen Truppenteile zu überwältigen. Der herangeeilte Napoleon zog seine Armee zusammen und zwang in einer Reihe glänzender Gefechte, dem Feldzug von Regensburg, den Erzherzog, auf das linke Donauufer hinüberzugehen. (S. 104) Während dieser nun den Rückzug nach Mähren antrat, marschierte er selbst nach Wien und besetzte es.

Als er aber über die Donau zu gehen versuchte, erlitt er in der Schlacht bei Aspern und Eßling seine erste Niederlage, da die Österreicher die nach der Donauinsel Lobau geschlagene Schiffbrücke [...] zerstörten und so den Zuzug neuer Truppen verhinderten. Leider nützte Erzherzog Karl den Sieg nicht aus; und da sich Napoleon durch die italienische Armee Eugen Beauharnais' verstärkte, während der ebenfalls von Italien heranziehende Erzherzog Johann zu spät kam, so vermochte er zum zweiten Mal die Donau zu überschreiten und siegte in der Schlag bei Wagram. Darauf wurde ein Waffenstillstand abgeschlossen, dem der Friede von Wien folgte: Österreich trat die "illyrischen Provinzen" an Frankreich ab, wodurch des die Verbindung mit dem Meere verlor, und überließ Salzburg an Bayern, Westgalizien an das Herzogtum Warschau; zugleich schloß es sich der Festlandsperre an.

Darauf mußten die Tiroler sich unterwerfen; Andreas Hofer, der sich im Vertrauen auf Kaiser Franz nicht dazu hatte verstehen wollen, den Friedensschluß anzuerkennen, wurde in einer Alpenhütte des oberen Passertales aufgespürt und zu Mantua 1810 erschossen. Ein Aufstand, den der Oberst von Dörnberg in der Gegend von Kassel versucht hatte, war mißlungen. Der Major von Schill, der sich 1806 als Freischarenführer in Pommern einen Namen gemacht und jetzt sein Husarenregiment und einige Kompagnien Infanterie über die Elbe geführt hatte, um Preußen mit in den Krieg hineinzureißen, war nach Stralsund gedrängt worden und dort gefallen, seine Offiziere in Wesel erschossen worden. Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig dagegen, der auf eigene Hand mit einem kleinen Korps am österreichischen Kriege teilgenommen hatte, schlug sich nach Abschluß des Waffenstillstandes durch Norddeutschland durch und wurde von englischen Schiffen nach England gebracht.

Nunmehr sah sich der König von Preußen genötigt, seinen Hof von Königsberg wieder nach Berlin, in den Bereich der französischen Garnisonen, zu verlegen; 1810 entriß ihm der Tod seine Gemahlin Luise, den "Schutzengel Preußens". Indessen trat in Österreich ein völliger Umschwung ein: an Stadions Stelle trat Graf Metternich und an die Stelle patriotischer Volkserregung ein drückendes Polizeiregiment. Nachdem sich Napoleon von seiner Gemahlin Josephine hatte scheiden lassen, vermählte ihm Kaiser Franz im Jahre 1810 seine Tochter Marie Luise; der Sohn, der dieser Ehe entsprang, erhielt den Titel eines Königs von Rom.

(S. 105) Es war die Zeit der höchsten Macht Napoleons. Schon vorher hatte er Toskana seinem Reiche einverleibt; jetzt annektierte er auch den Kirchenstaat; Pius VII., der gegen dessen Besetzung durch französische Truppen Einspruch erhoben und den Kaiser exkommuniziert hatte, wurde verhaftet und von Rom weggeführt. In demselben Jahre vereinigte er Holland, nachdem sein Bruder Ludwig dessen Krone niedergelegt hatte, sowie die deutsche Nordseeküste mit Frankreich. Sein Reich umfaßte im Süden Rom, im Norden Hamburg und Lübeck.

§ 87. Der russische Krieg. 1812 Verschiedene Gründe riefen eine Spannung zwischen Napoleon und Alexander hervor und führten endlich zum Kriege: das [...] Benehmen Napoleons, der die Türkei insgeheim zum Widerstande gegen die Russen aufforderte, während er Alexander die Eroberung der Donaufürstentümer zugestanden hatte; die Begünstigung der polnischen Selbständigkeitsbestrebungen, wie sie sich in der Vergrößerung des Herzogtums Warschau aussprach; die Einverleibung Oldenburgs, dessen Herzog ein Verwandter von Alexander war; endlich der Umstand, daß letzterer in der Erkenntnis, daß Rußland unter der Festlandsperre auf das schwerste litte, die Einfuhr englischer Waren auf neutralen Schiffen wieder zuließ, während er zugleich gewisse französische Waren mit hohen Zöllen belastete.

Darauf begann Napoleon die umfassendsten Rüstungen. Die preußische Regierung mußte sich [...] zu einem Bündnis entschließen, wonach sie ein Hilfskorps von 20000 Mann stellte und die Verpflegung der französischen Armee auf dem Durchmarsche übernahm. Auch Österreich stellte ein Korps von 30000 Mann. 440000 Mann, mit den nachziehenden Reserven über 600000, betrug die "große Armee"; nur der kleine Teil davon waren Franzosen. Den linken Flügel, der in die Ostseeprovinzen einfiel und von dem die von York geführten Preußen einen Teil bildeten, befehligte Macdonald; den rechten führte der Österreicher Schwarzenberg; mit der Hauptmasse der Armee schlug Napoleon die Richtung auf Moskau ein. Alexander seinerseits hatte bei Ausbruch des Krieges mit der Türkei Frieden, mit Schweden, wo zum Nachfolger des kinderlosen Königs der Marschall Bernadotte gewählt worden war, ein Bündnis abgeschlossen; aber seine Streitkräfte hoben sich erst langsam bis zu der Stärke von 220000 Mann; sein Kriegsplan war, sich nicht zur Schlacht zu stellen, sondern sich ins Innere des Landes zurückzuziehen.

(S. 106) Die französische Armee litt schon auf dem Hinmarsch außerordentlich durch schlechte Verpflegung, durch die großen Strapazen der Märsche, durch Krankheiten und durch massenhafte Desertionen. Smolensk wurde von dem feindlichen Heerführer Barclay de Tolly nach heftigem Kampfe geräumt. Kutusow, den Alexander bald darauf als Nationalrussen auf Verlangen des Heeres zum Oberbefehlshaber ernannte, setzte ebenfalls den Rückzug fort und blieb erst bei Borodino stehen; nach einer außerordentlich blutigen Schlacht, die im ganzen 70000 Tote und Verwundete kostete, räumte er das Schlachtfeld. Am 14. September zog Napoleon mit noch etwa 100000 Mann in das vom Feinde geräumte Moskau ein, das gleich darauf durch einen vom Gouverneur Grafen Rostopschin angeordneten Brand zum größten Teil in Asche gelegt wurde.

Alexander beharrte mit Festigkeit bei dem Entschlusse, keinen Frieden zu schließen; er wurde hierin besonders von dem Freiherrn vom Stein bestärkt, den er zu sich berufen hatte. So sah sich denn Napoleon endlich genötigt den Rückzug anzutreten. Durch Not und Hunger, Kälte und Glatteis erlitt die Armee die furchtbarsten Verluste, während sich die Disziplin zugleich immer mehr auflöste. Der Übergang über die von Eisschollen erfüllte Beresina, an deren westlichem Ufer ein russisches Heer stand, während die Truppen Kutusows und Wittgensteins von Osten und Nordosten nachdrängten, wurde nur dadurch möglich, daß es gelang, den gegenüberstehenden General über den Übergangsort zu täuschen, blieb aber trotzdem ungeheuer verlustreich. Während sich die Reste der Armee, nur zum kleinen Teil noch bewaffnet, durch Polen und Preußen hindurchretteten, eilte der Kaiser ihnen voraus nach Paris; das neunundzwanzigste Bulletin verkündete den Untergang der großen Armee.

Auch ihr linker Flügel hatte den Rückzug angetreten. Da schloß am 30. Dezember der General York mit dem russischen General Diebitsch die Konvention von Tauroggen, nach der das preußische Korps neutral bleiben sollte; die Folge war, daß Macdonald über die Weichsel zurückgehen mußte. Mit dieser kühnen, auf eigene Verantwortung gewagten Tat [...] begann die Erhebung Preußens. Einige Wochen später erschien Stein als Bevollmächtigter Alexanders in Königsberg.


(1) Napoleon gewann den Zaren dadurch völlig für sich, daß er ihm die russischen Gefangenen neu eingekleidet zurückschickte und die Einräumung von Malta in Aussicht stellte. Aber der launenhafte, leidenschaftliche Herrscher wurde 1801 ermordet; ihm folgte Alexander I. 

(2) Er starb zu Ottensen bei Altona.

(3) August Neithardt von Gneisenau wurde als Sohn eines in der Reichsarmee gegen Preußen dienenden Artillerieleutnants 1760 in Schilda geboren und verbrachte seine Kindheit in ärmlichen Verhältnissen. Später wurde er von den Eltern seiner Mutter in Würzburg erzogen, studierte einige Zeit in Erfurt, wurde dann aber Soldat, anfangs in einem österreichischen Regiment, dann in Diensten des Markgrafen von Bayreuth, aus denen er 1786 in die preußische Armee übertrat.



aus: Neubauer, F., Lehrbuch der Geschichte für höhere Lehranstalten, Ausgabe A, V. Teil, 19. Auflage. Halle a.d.S. 1915, S. 93-106

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