| Sekundaerliteratur |
| Mittelalter |
[P|S|M] |
Die Zeit der salischen Kaiser 1024-1125, von Friedrich Neubauer
|
Konrad
II. und Heinrich III.
-
Konrad II. (1024-1039)
-
Heinrich III. (1039-1056)
Heinrich
IV. (1056-1106)
-
Die vormundschaftliche Regierung. 1056-1065.
-
Heinrich IV. und die Sachsen. 1065-1075.
-
Heinrich und Gregor VII. 1076-1085.
-
Die zweite Hälfte der Regierung Heinrichs. 1085-1106.
Heinrich
V. (1106-1125)
Ergebnisse
Der
erste Kreuzzug. 1096-1099.
-
Ursachen der Kreuzzüge
-
Der erste Kreuzzug
-
Die Staaten der Kreuzfahrer
Konrad
II. und Heinrich III.
- Konrad
II. (1024-1039)
Auf beiden Ufern des Rheins
oberhalb Mainz versammelten sich der Adel und die Bischöfe aller deutschen Stämme
und wählten den Urenkel Konrads des Roten und der Liutgard, Konrad, dessen
ererbter Allodialbesitz in der Gegend von Worms lag, zum König. Er wurde in
Mainz gekrönt: ein klar denkender Staatsmann, ein Fürst von starkem,
unbeugsamen Willen, der rücksichtslos, oft hart durchgriff [...].
Auf seinem ersten
italienischen Zuge ließ es sich in Rom die Kaiserkrone aufsetzen. Damals
waren in Rom die Könige Knut von Dänemark, Norwegen und England und Rudolf
von Burgund anwesend; dem ersteren gegenüber verzichtete Konrad auf die Mark
Schleswig, die einst Heinrich I. erworben hatte; der letztere hatte ihn schon
vorher als Rechtsnachfolger Heinrichs II. in dem burgundischen Erbe anerkannt.
Mit Energie stellte er die deutsche Herrschaft in Oberitalien her. Auf seinem
zweiten Römerzuge griff (S. 64) er auch in Unteritalien ein. - Nachdem Rudolf
von Burgund gestorben war, sicherte sich Konrad die Herrschaft über das Land.
[...]
Im Innern machte ihm sein
Stiefsohn Ernst von Schwaben, der Kaiserin Gisela Sohn aus erster Ehe, zu
schaffen; denn da seine Mutter eine Nichte Rudolfs von Burgund war, glaubte er
nähere Ansprüche auf dieses Land zu haben. Nachdem er sich zum zweiten Male
empört hatte, setzte ihn Konrad nach der Burg Giebichenstein bei Halle in
Haft, befreite ihn jedoch nach einiger Zeit wieder und gab ihm auch Schwaben
zurück; als sich aber Ernst weigerte, gegen seinen Freund Werner von Kiburg
die Reichsacht zu vollstrecken, wurde er selbst geächtet. Er fiel mit Werner
zusammen im Schwarzwald im Kampfe gegen Dienstmannen des Klosters Reichenau.
Die Sage verschmolz seine Person mit der Liudolfs und erzählte von seinen
weiten Reisen in abenteuerliche Fernen.
Konrad führte die
Regierung mit starker Hand. Die Herzogtümer Bayern und Schwaben gab er nach
dem Tode ihrer Inhaber an seinen Sohn Heinrich, während er selbst Franken
beherrschte. Gleichzeitig tat er der Macht der großen Vasallen dadurch
wesentlichen Abbruch, daß er in Italien die Erblichkeit auch der niederen
Lehen gesetzlich feststellte, ein Grundsatz, der bald auch in Deutschland
Anerkennung fand. Ebenso blieb er der Herr der Kirche. Ihre Geldeinkünfte aus
dem Markt-, Zoll- und Münzrecht, die mit dem Wachstum des Verkehrs sich
steigerten, machte er dadurch für sich nutzbar, daß er von den neu ernannten
Bischöfen eine Abgabe forderte; die kirchliche Reformpartei freilich
brandmarkte dieses Verfahren als "Simonie", Verkauf geistlicher Ämter.
- Heinrich
III. (1039-1056)
Konrads jugendlicher Sohn
Heinrich war nicht weniger tatkräftigen und herrischen Charakters als sein
Vater. Darin unterschied er sich von ihm, daß er eine sorgfältige
wissenschaftliche Ausbildung genossen hatte, und daß ihn die kluniazensischen
Gedanken einer Kirchenreform stark beeinflußten; in dieser ernstreligiösen
Richtung bestärkte ihn seine Gemahlin Agnes (S. 65) von Poitiers. Die süddeutschen
Herzogtümer vergab er wieder. Dem Osten gegenüber blieb er in den Bahnen der
Politik seines Vaters: Böhmen und eine Zeitlang selbst Ungarn waren ihm
untertan.
Der Kirche stellte er sich
anders gegenüber als sein Vater, da er zwar das Recht die Bischöfe zu
ernennen mit aller Energie festhielt, die Simonie aber aufgab. Der
Gottesfriede, der zuerst auf einer südfranzösischen Synode beschlossen
worden war - von Mittwoch abend bis Montag früh, außerdem in der Zeit der
hohen Feste sollten bei Strafe des Kirchenbannes die Waffen ruhen - und sich
unter kluniazensischem Einfluß über ganz Frankreich und Burgund verbreitet
hatte, fand zwar in Deutschland keinen Eingang; aber der König suchte durch
sein persönliches Beispiel, indem er denen, die wider ihn gefehlt hatten,
mehrmals in öffentlicher Versammlung verzieh und das Gleiche von den
Anwesenden forderte, den inneren Frieden zu begründen.
Indessen herrschte in Rom völlige
Verwirrung: die Römer hatten den Papst verjagt und einen anderen gewählt;
der frühere Papst war bald zurückgekehrt, hatte aber die Tiara an einen
dritten Papst, Gregor VI., einen Vertreter der kluniazensischen Richtung,
verkauft, ohne doch gänzlich zu verzichten. Nunmehr zog Heinrich nach
Italien; unter seinem Einflusse wurden auf der Synode von Sutri alle drei Päpste
abgesetzt und ein deutscher Bischof gewählt, Suidger von Bamberg. Dieser, der
sich Clemens II. nannte, krönte Heinrich zum Kaiser; nach seinem Tode sind
unter dem Einfluß des Kaisers drei andere deutsche Bischöfe zu Päpsten gewählt
worden.
Heinrich zog noch ein
zweites Mal über die Alpen. In Mittelitalien stieß er auf keinen Widerstand;
doch fühlte er sich nicht stark genug, die Normannen anzugreifen, die mächtig
emporstrebten und die Bahnen einer kaiserfeindlichen Politik einschlugen. Auch
in Deutschland stand Heinrichs Macht nicht mehr so unangefochten da wie zu
Anfang seiner Regierung, da ein großer Teil des deutschen Adels wegen seines
rücksichtslosen Auftretens gegen ihn feindselig gestimmt war. Da starb der
Kaiser plötzlich, erst 39 Jahre alt, auf einer Pfalz im Harz.
Heinrich
IV. (1056-1106)
- Die
vormundschaftliche Regierung. 1056-1065.
Heinrich IV. war bei seines
Vaters Tode erst sechs Jahre alt. So bestieg ein Kind den deutschen Thron, während
das Reich großen Gefahren entgegenging. Der hohe Laienadel war aufsässig und
gedachte die Zeit der Unmündigkeit des Königs für seine Sonderinteressen zu
benutzen. Dazu kam die Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse. In (S. 66)
der Kirche war, durch Heinrich III. selbst unterstützt, die klunianzensische
Richtung erstarkt, welche zunächst die innere Reinigung und Erneuerung der
Kirche selbst anstrebte, deren letztes Ziel aber die Herrschaft der
gereinigten Kirche über Welt und Staat war. Zwar hatte sich der größte Teil
der deutschen Bischöfe bisher diesen Plänen abhold gezeigt und hielt an der
durch die Verfassung Ottos des Großen ihnen verliehenen Stellung fest. Aber
das Papsttum war für die neuen Gedanken gewonnen; und zugleich fand dieses
eine starke politische Stütze in dem Normannenstaat. Die Regierung des
Papstes Nikolaus II., dessen Politik völlig von dem damaligen
Kardinal-Archidiakonus Hildebrand beeinflußt wurde, ist in doppelter
Beziehung denkwürdig. Erstens wurde unter ihm das Recht, den Papst zu wählen,
auf die Kardinäle, die höchsten Geistlichen der römischen Diözese, beschränkt,
was zunächst den Zweck hatte, den römischen Adel auszuschließen. Zweitens
nahmen damals die normannischen Fürsten ihre Besitzungen vom Papst zu Lehen
und traten mit ihm in ein enges Bündnis. Die Normannen eroberten damals ganz
Unteritalien: Robert Guiskard (d.h. der Schlaue) vertrieb die Griechen aus
Apulien und Calabrien, während sein Bruder Roger die Eroberung des von den
Sarazenen beherrschten Siziliens begann.
Für Heinrich führte zunächst
seine Mutter Agnes die Regierung, jedoch ohne die nötige Tatkraft. Sie
verlieh das erledigte Schwaben an den Grafen Rudolf von Rheinfelden, Bayern an
den Sachsen Otto von Nordheim, Kärnten an Berthold von Zähringen, ohne doch
an ihnen eine Stütze zu finden. Es bildete sich eine Verschwörung von hohen
Geistlichen und Adligen; ihr Haupt war der Erzbischof Anno von Köln, der Held
des Annoliedes, ein sittenstrenger und eifriger, aber auch ehrgeiziger und
herrischer Kirchenfürst. 1062 wurde Heinrich seiner Mutter, die auf der Insel
Kaiserswerth bei Düsseldorf Hof hielt, entführt. Die Kaiserin verzichtete
nunmehr auf die Vormundschaft und ging nach Rom, um dort das Leben einer Büßerin
zu führen; die Reichsregierung fiel an die Bischöfe, unter denen Anno als
Erzieher Heinrichs die erste Rolle spielte. Neben ihm aber gewann einen
steigenden Einfluß auf den jungen König der Erzbischof Adalbert von Bremen,
nicht minder ehrgeizig, aber eine glänzende, heitere, Verschwendung und
Pracht liebende Natur. Er hatte einst das Angebot des Papsttums zurückgewiesen,
weil er in dem Plane lebte, Bremen zum Mittelpunkt der nordischen Mission, zu
einem nordischen Patriarchat zu erheben; zugleich (S. 67) suchte er seinen
Landsitz möglichst auszudehnen und das Erzbistum von den sächsischen Herzögen,
denn Billungen, unabhängig zu machen.
- Heinrich
IV. und die Sachsen. 1065-1075.
Adalberts Macht wuchs noch,
seit Heinrich mit 15 Jahren für wehrfähig erklärt worden war; aber seine
geistlichen und weltlichen Gegner nötigten den König auf dem Fürstentage
von Tribur, ihn auf einige Jahre vom Hofe zum entfernen. Indessen war Heinrich
auch ferner nicht gewillt, den Bischöfen einen wesentlichen Einfluß einzuräumen;
er befolgte, umgeben von königlichen Dienstmannen (Ministerialen), aus denen
er seine Berater nahm, eine ganz persönliche Politik. Er gedachte sich ein
starkes Königtum zu gründen, dessen Kern die Länder nördlich und südlich
des Harzes sein sollten - hier hatte auch Heinrich III. gern geweilt und sich
in Goslar eine Kaiserpfalz gebaut -; militärisch wollte er sich auf den Kranz
von Burgen, die er aufführen ließ und mit seinen Dienstmannen besetzte,
finanziell auf die Erträge der Harzbergwerke und der großen dortigen königlichen
Domänen und auf die Leistungen der umwohnenden Sachsen stützen, während er
zugleich die Simonie in derselben Weise wie Konrad II. übte.
Im Jahre 1070 wurde Otto
von Nordheim eines Mordversuchs auf den König angeklagt; Bayern wurde ihm
genommen und an den schwäbischen Grafen Welf [Fußnote: Die Welfen haben von
1070-1180 über Bayern geherrscht; ihnen folgten die Wittelsbacher.] übertragen.
Im Bunde mit Herzog Magnus Billung von Sachsen erhob sich Otto; doch mußten
sich beide unterwerfen. Daß Magnus in Haft gehalten wurde, verstärkte die
Erregung des sächsischen Volkes, das über seine schwere wirtschaftliche
Belastung erbittert war und die Minderung seiner alten Freiheiten fürchtete.
So kam es zum Aufstande; das sächsische Aufgebot, zu einem Zuge gegen Polen
versammelt, zog statt dessen, Adel und Bauernschaft im Verein, vor die
Harzburg, wo Heinrich weilte. Dieser entfloh durch das Gebirge. Da versagten
ihm auch die süddeutschen Herzöge den Gehorsam, unter dem Vorwand, er habe
zwei von ihnen ermorden lassen wollen. In dieser Bedrängnis fand Heinrich
Hilfe bei der Bürgerschaft von Worms; auch blieben ihm die meisten Bischöfe
treu. An der Spitze eines Heeres stehend, schloß er mit den Sachsen einen
Vertrag, wonach sie gegen das Versprechen der Amnestie und der Niederreißung
der Burgen zum Gehorsam zurückkehrten.
Aber die Kirchen- und Gräberschändung,
deren sich die sächsischen Bauern bei der Zerstörung der Harzburg schuldig
machten, (S. 68) führte einen Umschwung in der Stimmung der Fürsten herbei.
Mit einem starken Heere konnte Heinrich im nächsten Jahre im Felde
erscheinen; das von Otto von Nordheim geführte sächsische Heer wurde völlig
geschlagen; auf Gnade und Ungnade unterwarfen sich die Sachsen. Stärker als
je schien Heinrichs königliche Gewalt dazustehen.
- Heinrich
und Gregor VII. 1076-1085.
Indessen hatte jener
Hildebrand, der seit Nikolaus II. der päpstlichen Politik die Richtung
gegeben hatte, als Gregor VII. den päpstlichen Stuhl bestiegen. Er stammte
aus einem Städtchen in Toskana, war zuerst als Kaplan Gregors VI.
emporgekommen und hatte sich ganz den kluniazensischen Ideen angeschlossen:
die Kirche innerlich zu reformieren und mit dem Geist der Askese zu erfüllen;
sie zu einer geschlossenen, universalen Organisation unter dem Papste, dem
Stellvertreter Christi, als ihrem Haupte zu vereinigen; sie von dem weltlichen
Staat nicht bloß unabhängig zu machen, sondern über ihn zu erheben und die
Herrschaft des Gottesstaates über alles Irdische, die Lehnshoheit des Papstes
über die Christenheit zu begründen. Um die Geistlichkeit von allem
Weltlichen hinweg und der Kirche zuzuwenden, ordnete er die allgemeine Durchführung
des Cölibats [Zölibats], der Ehelosigkeit der Priester, an; um die Kirche
unabhängig vom Staat zu machen, verbot er nicht allein die Simonie, sondern
stellte bereits 1075 den Grundsatz auf, daß die Investitur der Bischöfe
durch Laien gegen Gottes Gesetz sei. Nun waren die Bischöfe aber nicht nur
Beamte der Kirche, sondern seit Ottos des Großen Regierung zugleich
Reichsbeamte und mit Reichsgut und Hoheitsrechten ausgestattet; der deutsche König
konnte ihre Ernennung nicht dem römischen Papste überlassen.
Gregor hatte bereits einige
königliche Räte wegen Übung der Simonie mit dem Banne belegt. Als er jetzt
Heinrich selbst mit dem Banne bedrohte, wenn er fortfahre Simonie und
Investitur zu üben, ließ ihn dieser durch eine Synode zu Worms absetzen. [Fußnote:
Heinricus rex Hildebrando iam non apostolico, sed falso monacho. Ego enim cum
omnibus episcopis nostris tibi dicimus: Descende, descende!] Gregor
antwortete, indem er ihn mit dem Banne belegte, für abgesetzt erklärte und
seine Untertanen des Eides entband. Die unmittelbare Folge war, daß die süddeutschen
Herzöge ebenso wie die Sachsen von neuem abfielen. Heinrich sah sich aller
Macht beraubt; in einem Vertrage mit seinen in Tribur versammelten Gegnern mußte
er versprechen, sich der Regierungsgeschäfte vorläufig zu enthalten und sich
der Entscheidung des Papstes zu fügen, der nach Augsburg eingeladen wurde.
(S. 69) Da faßte Heinrich
den Entschluß, sich des gefährlichen Gegners zu entledigen, indem er
Kirchenbuße leistete. Mit seiner Gemahlin Berta von Susa begab er sich im
Winter über den Mont-Cenis nach Italien. Gregor, der sich bereits auf der
Reise nach Deutschland befand, fürchtete einen Angriff des Königs und eilte
nach Canossa, einer Burg seiner treuen Anhängerin, der Markgräfin Mathilde
von Tuscien; als aber Heinrich als Büßer dort erschien, sah er sich genötigt,
ihn vom Banne zu lösen. Nunmehr kehrte dieser nach Deutschland zurück.
Indessen haaten die abgefallenen Fürsten an seiner Statt Rudolf von Schwaben
zum König gewählt; er war der erste Gegenkönig. So entstand der Bürgerkrieg;
der bedeutendste Mann der Gegenpartei war Otto von Nordheim, während Heinrich
besonders Friedrich von Büren zur Seite stand, den er mit Schwaben belehnte
und dem er später seine Tochter Agnes zur Gemahlin gab, der Stammvater der
Hohenstaufen. Im Kampfe war Heinrich wenig glücklich: auch bei Hohenmölsen
wurde er besiegt, aber Rudolf verlor in der Schlacht die rechte Hand und
starb.
Zwar wurde ein neuer Gegenkönig
gewählt, Hermann von Salm. Aber Heinrich wandte sich jetzt gegen Gregor, der
ihn während des Bürgerkriegs von neuem gebannt hatte. Nach vergeblichen
Versuchen, Rom zu erobern, gewann er die Römer durch Geld für sich, zog in
die Stadt ein, erhob den Erzbischof von Ravenna zum Gegenpast und ließ sich
von ihm krönen, während sich Gregor in der Engelsburg, dem Mausoleum
Hadrians, behauptete. Ihn befreite nach des Kaisers Abzug Robert Guiskard, der
bei dieser Gelegenheit Rom zum Teil niederbrannte; er nahm Gregor mit sich
nach Salerno, wo dieser 1085 mit den Worten verschied: dilexi iustitiam et odi
iniquitatem; propterea morior in exsilio. In ihm starb ein mächtiger Kämpfer
für einen gewaltigen Gedanken, den Gedanken der Durchdringung und
Beherrschung alles Weltlichen durch das Geistliche. Aber er hatte verkannt, daß
auch der Staat seine eigentümlichen sittlichen Ideale zu erfüllen hat; und
um seine Ziele zu erreichen, hatte er den Abfall der deutschen Fürsten und
den Bürgerkrieg gutgeheißen.
- Die zweite
Hälfte der Regierung Heinrichs. 1085-1106.
Hermann von Salm kam bald
darauf um; die Sachsen, deren Führer Otto von Nordheim schon vorher gestorben
war, unterwarfen sich; die meisten Bischöfe hingen dem Kaiser an. 1090 zog
Heinrich zum zweiten Male über die Alpen, wo Urban II. zum Papst gewählt
worden war, ein Mann, der dieselben Ziele wie Gregor VII. verfolgte und, (S.
70) ohne seine Größe zu besitzen, an diplomatischem Geschick ihm überlegen
war. Heinrich wurde vom Unglück verfolgt; mehrere lombardische Städte
schlossen einen Bund gegen ihn; sein schon zum König gekrönter Sohn Konrad
fiel von ihm ab; seine zweite Gemahlin Praxedis, eine russische Prinzessin,
verließ ihn. Während er sich in der Gegend von Verona aufhielt, feierte der
Papst gewaltige Triumphe, indem er auf den Konzilien von Piacenza und Clermont
die Massen zu einem Kreuzzug entflammte. Italien war für Heinrich verloren.
Dagegen trat in Deutschland
ein Zustand des Friedens ein; auch die Welfen versöhnten sich mit dem Kaiser.
Dieser ließ Konrad, der bald darauf starb, absetzen und seinen zweiten Sohn
Heinrich zum König krönen; doch hatte er ihn vorher schwören lassen, nicht
vor seinem Ableben die Regierung zu beanspruchen. Mit Erfolg war er bemüht,
den Landfrieden im Reiche durchzusetzen, zum Schutze von Bürger und Bauer,
zur Unzufriedenheit des Laienadels, der in Kampf und Fehde sein Lebenselement
sah und wirtschaftliche Arbeit verachtete. Mit der Kirche konnte sich Heinrich
nicht versöhnen: er erbot sich einen Kreuzzug zu unternehmen, wobei er wohl
zugleich den Zweck verfolgte, die Tatenlust des deutschen Adels nach außen
abzuleiten; aber Urbans II. Nachfolger Paschalis II. wiederholte den
Bannfluch.
Die Mißstimmung des Adels
benutzte sein Sohn Heinrich zum Abfall; auch die Bischöfe schlossen sich
zumeist an ihn an, als er im Jahre 1105 das Hoflager plötzlich verließ. Auf
verräterische Weise nahm er seinen Vater gefangen und zwang ihn zu Ingelheim
zur Thronentsagung. Aber noch einmal entfloh der Kaiser; er fand ein Zuflucht
bei dem Bischof Otbert von Lüttich; Köln wurde der Mittelpunkt einer
Erhebung zu seinen Gunsten. Da starb er zu Lüttich. Seine Leiche stand noch fünf
Jahre lang in einer ungeweihten Kapelle am Dom zu Speier [Speyer], bis sie vom
Banne losgesprochen wurde.
Heinrich IV., der unter
allen deutschen Königen das tragischste Schicksal gehabt hat, ragte unter
seinen Zeitgenossen hervor durch Gaben des Leibes, des Verstandes, des
Willens. Von unbezähmbarer Leidenschaft in der Jugend, wo ihm eine starke,
zum Guten leitende Hand fehlte, durch schwere Schicksale sodann geläutert und
zum gerechten und versöhnlichen Regenten herangereift, hat er zwar das Ziel
einer gewaltigen Machtverstärkung des Königtums nicht erreichen können;
indessen hat er, im Kampfe mit dem Papsttum, das seine (S. 71) Machtansprüche
auf das höchste steigerte, im Kampfe mit dem unbotmäßigen, fehdelustigen
deutschen Adel, der sich auf die Eifersucht der Stämme stützte und die
deutsche Krone zu einer Wahlkrone machen wollte, nur zeitweilig unterstützt
von den deutschen Bischöfen, die einst die stärkste Hilfe der deutschen Könige
gewesen waren, getragen dagegen von der lebhaften und begeisterten Zuneigung
des aufblühenden deutschen Bürgertums, von den Rechten des deutschen Königtums
keines preisgegeben.
Heinrich
V. (1106-1125) war ein harter und finsterer Charakter, kühn und
willenskräftig, aber gewalttätig und von niemand geliebt. Die Frage der
Investitur dachte er auf einem Römerzug zu entscheiden, den er mit einem
starken Heere deutscher Ritter antrat. Ein mit Paschalis II. abgeschlossener
Vertrag bestimmte im Sinne der folgerichtigen Kluniazenser, daß der König
auf die Investitur, die Kirche aber auf alles Reichsgut, das sie seit Karl dem
Großen erhalten hatte, verzichten solle. Aber als in der Peterskirche der
Vertrag verlesen wurde, entstand die größte Erregung unter den Bischöfen,
die ihn für unausführbar erklärten. Da ließ Heinrich Paschalis festnehmen,
führte ihn, als die Römer sich erhoben, mit sich in die Campagna und nötigte
ihn, auf die Investitur zu verzichten, ihn zu krönen und zugleich zu
versprechen, ihn nicht bannen zu wollen. Siegreich kehrte er nach Deutschland
zurück und bestattete mit kaiserlichem Punk die Leiche seines Vaters im Dom
zu Speier [Speyer].
Zwar nicht der Papst, aber
eine burgundische Synode sprach den Bann über Heinrich aus. In Deutschland
aber entstand gegen die erstarkte königliche Macht ein Fürstenaufstand,
dessen Führer Lothar von Supplinburg, Herzog von Sachsen, war. Heinrich mußte
die Bekämpfung des Aufstandes den Brüdern Friedrich und Konrad von Staufen,
seinen Neffen, überlassen, um nach Italien zu gehen. [Fußnote: Die "große
Gräfin" Mathilde von Tuscien war gestorben. Obwohl diese ihr Erbe der
Kirche vermacht hatte, nahm es der Kaiser in Besitz, ebenso die Reichslehen
wie ihre Allodien (Eigengüter).]
Papst Calixtus II.
erneuerte den Bannfluch über den Kaiser. Endlich kam es in Würzburg zur Versöhnung
mit den deutschen Fürsten und sodann 1122 zur Beilegung des Investiturstreits
durch das Konkordat von Worms: die Bischöfe sollten von nun an durch (S. 72)
das Kapitel, aber in Gegenwart des Königs oder seines Vertreters gewählt
werden; der König sollte sie darauf durch das Zepter mit den weltlichen
Hoheitsrechten belehnen; dagegen verzichtete er auf die geistliche Investitur
durch Ring und Stab. 1125 starb Heinrich V. kinderlos.
Ergebnisse
Der Versuch Heinrichs IV.,
die Macht des deutschen Königtums wesentlich zu verstärken, war nicht
gelungen. Vielmehr hatte der unter ihm beginnende Investiturstreit das Reich
in doppelter Beziehung stark erschüttert: Heinrich V. hatte auf das Recht,
die Bischöfe zu ernennen, verzichten müssen, und die Sondergewalt der großen
Vasallen war gewachsen. In jene Zeit fällt die erste Aufstellung eines Gegenkönigs.
Der Bürgerkrieg, der die letzten 50 Jahre der Salier erfüllt hatte, dauerte
auch unter den beiden nächsten Königen fort, bis Friedrich Barbarossa die
macht des Königtums über die Vasallen wieder feststellte, während sich ihm
zugleich die deutsche Kirche anschloß.
In dem lang andauernden Bürgerkriege
vergaben die großen Vasallen und Grundherren einen großen Teil ihres Gutes
zu Lehen, um ihr reisiges Gefolge zu vermehren; so wuchs der niedere Adel, der
nur dem Schildesamt lebte und sich über eigene wirtschaftliche Arbeit erhaben
fühlte, außerordentlich. Es bildete sich ein Stand von unfreien Dienstmannen
oder Ministerialen, der durch die Ehre des Rittergurts mehr und mehr von den hörigen
Standesgenossen geschieden wurde und allmählich mit den freien Rittern zu
einem Stande zusammenwuchs.
Trotz des inneren Zwistes
entwickelte sich die deutsche Volkswirtschaft. Immer reger wurde der Handel
und die Gewerbetätigkeit; beide knüpften sich an das erblühende Städtewesen.
Schon machten sich manche rheinische Städte von ihren bischöflichen Herren
unabhängig; Worms und Köln waren die ersten deutschen Städte, die eine
politische Rollen spielten.
Die Pflegerin der
Wissenschaft, vornehmlich der Geschichtsschreibung, und der Kunst, vor allem
der Baukunst, blieb auch in diesem Zeitraum die Geistlichkeit. Auch die
deutschen Gedichte, die in jener Zeit entstanden, z. B. das Annolied, sind von
Geistlichen geschaffen.
Der
erste Kreuzzug. 1096-1099.
-
Ursachen der Kreuzzüge
Die Kreuzzüge erklären
sich einerseits aus der tiefreligiösen Stimmung, welche in jener (S. 73) Zeit
alle Stände ergriff, zur Gründung neuer Mönchsorden, des Cisterzienserorden
(von Cîteaux in Burgund) und des Kartäuserordens (von Chartreuse in der
Dauphiné) führte, dem Papsttum in seinem Kampfe gegen den Staat zu Hilfe kam
und sich ganz besonders in einer außerordentlichen Zunahme der Wallfahrten
nach dem Heiligen Grabe äußerte; andrerseits aus der Lust an
abenteuerlichen, beuteverheißenden Kämpfen, welche den im ganzen Abendland
zahlreich vorhandenen, wirtschaftliche Erwerbstätigkeit verachtenden
ritterlichen Lehnsadel erfüllte. In Italien und Spanien war die Ritterschaft
bereits im Glaubenskriege begriffen. Auch die italischen Seestädte, Amalfi,
Pisa, Venedig, Genua, pflegten, während sie gewinnreichen Handel mit der
Levante trieben, zugleich durch Streifzüge die Küsten der Saraszenen
heimzusuchen.
Daß aber eine umfassende
Unternehmung zur Wiedereroberung der heiligen Stätten zustande kam, daß die
christliche Welt für eine große religiöse Aufgabe unter die Waffen gerufen
wurde, war die Tat des Papsttums. Schon Gregor VII. hatte einen Feldzug
geplant, um dem byzantinischen Kaiser gegen die seldschuckischen Türken
beizustehen. Diese, aus Turan gekommen, hatten sich fast ganz Vorderasien
unterworfen und bedrohten bereits Konstantinopel; als Beherrscher Palästinas
mißhandelten sie die Pilger, während die Araber, die früher Inhaber des
Heiligen Landes, den Pilgern zwar eine Steuer auferlegt, aber sonst nichts in
den Weg gelegt hatten. Als jetzt der Kaiser Alexius Komnenus das Hilfegesuch
wiederholte, nahm Urban II. den Gedanken Gregors auf; auf den Konzilien von
Piacenza und Clermont begeisterte er Unzählige für den Kreuzzug. Feurige
Prediger, vor allen der Klausner Peter von Amiens, trugen die Bewegung weithin
durch die Lande.
-
Der erste Kreuzzug
Zwar die ungeordneten,
zuchtlosen Scharen, die unter Peter von Amiens, Walter von Habenichts und
anderen nach Konstantinopel aufbrachen und ihren Marsch vielfach durch Verwüstungen
und Judenverfolgungen bezeichneten, fanden teils in Ungarn oder Bulgarien,
teils in Kleinasien den Untergang. Aber ihnen folgten wohlgerüstete, reisige
Haufen, nicht von Königen geführt - denn wie Heinrich IV., so war auch der König
von Frankreich im Banne - , sondern von Angehörigen des hohen Adels:
Gottfried von Bouillon, dem Herzog von Niederlothringen, und seinem Bruder
Balduin, dem reichen Grafen Raimund von Toulouse, Boemund von Tarent, dem
ebenso ehrgeizigen wie klugen (S. 74) Sohne Robert Guiskards, und seinem
Vetter Tankred, den die Sage und der Dichter Tasso, der Verfasser des
"Befreiten Jerusalem", als Blume aller Ritterschaft gefeiert haben,
und vielen anderen.
Auf verschiedenen Wegen
gelangten die Kreuzfahrer nach Konstantinopel, wo sie Alexius durch kluge
Verhandlungen dazu vermochte, ihm den Lehnseid zu schwören. Ihr Unternehmen
wurde dadurch begünstigt, daß das Reich der Seldschucken nach dem Tode
seines Begründers schnell zerfallen und die mohammedanische Welt in viele
Staaten zersplittert war. Im Frühjahr 1097 brachen sie auf und durchzogen
unter vielen Kämpfen Kleinasien. Während Balduin von dem
armenisch-christlichen Fürsten von Edessa eingeladen und durch eine
Volkserhebung an dessen Stelle erhoben wurde, belagerte das übrige Heer acht
Monate lang die reiche und große, stark ummauerte Stadt Antiochia. Sie wurde
nach vielen Beschwerden nur durch Verrat genommen und ging in den Besitz
Boemunds über, der sich hier ein Fürstentum gründete; ein gewaltiges Heer
des Sultans von Mossul wurde von dem durch Auffindung der heiligen Lanze
begeisterten Heere in die Flucht geschlagen. Erst im Sommer des Jahres 1099
langte der Rest des Kreuzheeres vor Jerusalem an und erstürmte die Stadt
unter furchtbarem Blutvergießen am 15. Juli. Gottfried von Bouillon wurde zum
Beschützer des Heiligen Grabes ernannt; er sicherte die Eroberung durch einen
Sieg über ein ägyptisches Heer bei Askalon. Als er schon im nächsten Jahre
starb, folgte ihm sein Bruder Balduin als König; er ist der eigentliche Gründer
des Königreichs Jerusalem. [Fußnote: Ein zweites Kreuzfahrerheer, das dem
ersten an Stärke nicht viel nachgab, und an dem sich diesmal auch viele
rechtsrheinische Deutsche beteiligten, erlitt im Jahre 1101, als es seinen
Marsch durch das nördliche Kleinasien nahm, infolge schlechter Führung und
mangelnder Zucht in den Gegenden am Halys eine vernichtende Niederlage.]
-
Die Staaten der Kreuzfahrer
Unter fortwährenden
schweren Kämpfen mit äußeren Feinden, auch den Griechen, und unter
vielfachen inneren Zwistigkeiten gestalteten sich die Kreuzfahrerkolonien allmählich
zu Staaten aus; von Wichtigkeit war es, daß die Küstenstädte allmählich
erobert wurden. Vom Abendlande erhielten sie in jedem Jahre Zuzug bewaffneter
Pilger. Es waren Kriegerstaaten, die hier entstanden, beherrscht von der
kriegerischen Ritterschaft, die sie gegründet hatte. Ihre Formen waren die
des Lehnsstaats, und so litten sie an denselben Gebrechen wie die Staaten des
Abendlandes, an Schwäche der Zentralgewalt und Unzuverlässigkeit der
Vasallen; (S. 75) die Fürsten von Edessa, Antiochien und Tripolis, zu denen
auch kleinere Vasallen traten, standen nur in loser Abhängigkeit vom Könige
von Jerusalem. Es kam dazu, daß die Geistlichkeit, an ihrer Spitze der
Patriarch von Jerusalem, einen maßgebenden Einfluß für sich beanspruchte.
Endlich fehlte nicht das Element des Bürgertums, da sich in den Küstenstädten
Kolonien italienischer Kaufleute ansiedelten.
Zwar gewannen die
Kreuzfahrerstaaten insofern eine gewisse nationale Einheit, als das französische
Volkstum, das schon von Anfang an überwogen hatte, allmählich das
herrschende wurde; auch gab sich der junge Staat ein Gesetzbuch, die assises
de Jérusalem. Ebenso hob sich das Land wirtschaftlich trotz des
andauernden Kriegszustandes: die Erzeugnisse der Levante, Südfrüchte und
Weine, tyrisches Glas und Purpur, Seide und Baumwolle, Zucker, Spezereien,
wurden ausgeführt; die Küstenstädte wurden Mittelpunkt des Handels zwischen
Orient und Okzident. Andrerseits war die Begleiterscheinung der unsicheren
Verhältnisse, die dem einzelnen heute reiche Beute oder Handelsgewinn, morgen
Tod und Gefangenschaft brachten, ein wüstes Genußleben und tiefe
Unsittlichkeit.
Eine eigentümliche
Vereinigung der mönchischen und ritterlichen Ideale trat in den geistlichen
Ritterorden zutage. Der Tempelritterorden, der seinen Namen von seiner Wohnung
im königlichen Palast nahe der Stelle des einstigen salomonischen Tempels
hatte, vereinigte zuerst die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsames
mit dem des Kampfes zum Schutz der Pilger und der heiligen Stätten; er
bestand aus Rittern, Geistlichen und dienenden Brüdern; an seiner Spitze
stand ein Meister. Nach diesem Vorbild organisierte sich die Genossenschaft
der Pfleger des Johanneshospitals zu Jerusalem, das schon vor dem ersten
Kreuzzug von einem reichen Amalfitaner Kaufmann begründet worden war; so
entstand der Orden der Johanniter oder Hospitaliter. Im dritten Kreuzzug trat
beider Orden der der Deutschritter zur Seite.
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| | aus: Neubauer, F., Lehrbuch der Geschichte für höhere Lehranstalten, Ausgabe A, IV. Teil, 19. Auflage. Halle a.d.S. 1915, S. 63-75
|
GM (digitale Edition) für psm-data 
|