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Primärliteratur
20. Jahrh. | Deutschland | ...nach 1945
[P|S|M]
Nachkriegsdeutschland: Brief vom 10. Februar 1946
Lö. 10. II. 46.

Lieber Herr Löns!

Heute am Sonntag habe ich Zeit, der Regen macht die Gegend ungemütlich, da ist’s im Zimmer am besten, und ich kann meine Schreibschulden bezahlen.
Vielen Dank für Ihren langen Brief! Es freut mich, dass es Ihnen allen gut geht, soweit das in der heutigen Zeit zu sagen ist – doch ich will Ihren Brief der Reihe nach, wie sie ihn geschrieben haben, beantworten.
Ich traf Ihren Bruder hier am Südbahnhof in der vorigen Woche, als er von Brackel kam und wir konnten ein paar Worte wechseln. Er hat sich nicht viel verändert, wenigstens in der Erscheinung; das erinnerte mich an Sie und Ihr Brief tat das Übrige. Dolmetscher spielen ist eine ganz interessante Beschäftigung. Man bekommt Einblick in Gebiete, die einem Schulmeister ziemlich fremd waren. Gleichzeitig aber erhält man auch Einsicht in die Köpfe u. Charaktere und das hat mir manchmal Ekel erregt. Glauben Sie mir, ich achte einen Menschen, der in gutem Glauben für eine Sache eintritt und Rückrat zeigt. Aber was man hier erlebt geht über die Hutschnur. Ich mache mir im Großen u. Ganzen keine langen Gedanken darüber, da wir, sobald es möglich ist, nach Irland wollen, denn für die Zukunft sehe ich genauso schwarz wie Sie. Das ist aber nicht der Hauptgrund für meinen Entschluss. Ich würde gern hier wirken, wenn sich die Menschen in dieser Zeit anders zeigten. Aber dieses Gewinsele jetzt bei denen, gegen die sie früher nicht abfällig genug sprechen konnten “gives me the sickener“! Ich könnte Ihnen Namen nennen, die Sie auch kennen z.B. Föhrer etc. wie sie sich die Beine ablaufen, sich ins rechte Licht setzen wollen, all das ekelt mich an, weil ich das Gerade, Aufrechte dabei vermisse und mir sage: die wollen eine aufrechte, gerade Jugend erziehen!? Denn leider Gottes haben sich gerade in den letzten Dekaden die Schulmeister als die charakterlich Wackelichsten gezeigt. So grauts mir vor der Zukunft der deutschen Jugend und da ich keinen Weg sehe, wie die Zukunft verbessert werden kann durch meine Hilfe in den paar Jahren, die mir noch verbleiben, lasse ich alles fahren, Pension etc . . . und kehre dem ganzen Betrieb den Rücken. In den letzten Jahren hatte mich der eine Gedanke gestärkt: „Es wird möglich sein, nach dem Kriege – wenn du noch lebst – an der Wiederherstellung der alten guten Prinzipien: Wahrheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit arbeiten zu können arbeiten zu können mit denen, die gleichen Sinnes sind.“ Da ich aber keine Änderung – oder sagen wir lieber – eine solch niedere Gesinnung in den Schulmeistern hier sehe, gebe ich die Hoffnung auf und werde Egoist und sage: es ist hoffnungslos Sie sehen, l. Herr Löns, keine sonderlich erfreuliche Einstellung. Aber ich kann mir nicht helfen. Den Angeber spielen mag ich nicht und wenn ich den Leute selbst jetzt auch zeigen kann, was ich von ihnen halte ohne das K.Z. fürchten zu müssen, so wirkt das nur sehr wenig, da diese Art Leute nach jeder Abfuhr nur noch zuvorkommender sind brrrr…!
So, nach dem Erguss zu erfreulicheren Dingen! Meiner Frau geht es Gott sei Dank, in den letzten Wochen u. Monaten wesentlich besser dank der Verbindung mit der Heimat. Wir haben viel Besuch von Landsleuten aus Belfast oder Umgegend von Coleraine, ja selbst aus Coleraine, die hier in der Nähe bei der Brigade oder bei der Artillerie in der Kaserne auf dem Westfalendamm liegen, wo ich auch Deutsch unterrichte, so dass sie wesentlich frischer geworden ist. Das British Red Cross hat sich ihrer – auf Anweisung von London her – angenommen und so geht es auch sonst besser. An 3 Tagen in der Woche werde ich auch in der Kaserne während meines Unterrichts verpflegt, und das glänzend, so dass sie während der Tage weniger Arbeit hat und sparen kann. Ich selber habe, trotz der vielen Arbeit mindestens 10 Pf. zugenommen und fühle mich frischer denn je. Meine Frau kann jeder Zeit wieder in die Heimat zurück, sie will aber warten, bis ich mit kann, denn augenblicklich bestehen noch Vorschriften, dass sie – wenn sie einmal erst drüben ist – nicht nach Belieben hierher zurückkehren kann. Ich suche sie zu bestimmen doch zu fahren und das Weitere der Zeit zu überlassen, aber sie will nicht und alles Reden ist vergebens. Ich sage: „es wird ihr gut tun“, sie sagt: „Wenn ich ein paar Monate drüben bin und soll hören, dass du vielleicht noch 1 Jahr hier bleiben musst, leide ich mehr, als wenn ich mit dir wartete.“ Da ist nichts zu machen, und wir arbeiten an allen Ecken, um unsere gemeinsame Fahrt durchzusetzen. Das ist die Lage hier. Einflussreiche Leute M.P.s (members of Parl.) sind am wirken, so dass Hoffnung besteht. Transport ist noch immer, und auch da, das größte Hindernis. ------
Ihre Kinder sind ja in bester Ordnung, dass freut mich für Sie und Ihre verehrte Frau. Ob Philologie viel Aussicht hat, kann ich von hier leider nicht sagen, unser Gesichtskreis ist zu eng. Augenblicklich fehlt es ja an Kräften und es werden sicherlich junge unbelastete, sehr gesucht sein. Hier sollen jetzt sogen. Förderkreise anlaufen. Dortmund hinkt lange nach. Es ist kein rechter Auftrieb da. Gebäude so gut wie gar nicht vorhanden; die Kurse sollen anlaufen in Marten-Volksschule. Die höheren Schulen werden wohl nicht vor Ende des Jahres anfangen können, wenn überhaupt. Ich glaube nicht daran.
Ich war – ich will ganz ehrlich sein – erstaunt als ich Sie damals mit dem Zeichen sah. Aber ich kann mir denken, dass in einer kleinen Stadt es schwerer war sich heraus zu halten als hier. Ihre Parteizugehörigkeit seit 1937 hat aber, meines Erachtens und wie ich hier an vielen Beispielen sehe, keinen Einfluss auf Ihre Stellung. Ich hatte Sie, Herr Löns; besonders geschätzt von unserer Militärzeit an, wegen Ihres klaren Kopfes, und wir – meine Frau u. ich – konnten es uns einfach nicht denken, dass Sie das Verrottete, Faule, Unfreie in dem ganzen System nicht sehen konnten. Und wir waren natürlich zurückhaltend – nicht weil wir Ihnen misstrauten, sondern weil wir schon belastet waren und briefliche Erörterung zu unsicher war. Ich konnte es nicht begreifen, dass Sie, dessen mannhaftes Auftreten dem kleinen Groß gegenüber mich in meinem ganzen Verhalten stark beeinflusst hatte, als ich so in den empfänglichen Jahren war, jetzt mit der Masse laufen und das bejahen konnte gegen das Sie früher scharf Sturm gelaufen hatten. Das hat mich, ich will ganz offen sprechen, damals erschüttert. Ich glaube aber, dass Sie wenig kannten von dem, was wirklich gespielt wurde, während ich auch die andere Seite „hörte“. Und dann mag ihr Blick auch getrübt worden sein durch die außenpolitischen Erfolge die Sie nach Ihrem ganzen Werdegang und nach Ihrer ganzen Einstellung mit berechtigter Freude und Hoffnung auf ein großes Deutschland erfüllen mussten. Eins aber hielt mich davon ab denselben Fehler zu begehen: Ich wusste von dem falschen, ungerechten, verlogenen Fundament, auf dem all die Erfolge aufgebaut waren, und wenn ich – offen gesagt – auch vor 1939 nicht an einen so schnellen Zusammenbruch glaubte, so war ich doch felsenfest überzeugt, dass er kommen würde, denn wenn ich auch kein Kirchengänger bin, so glaube ich doch an eine ausgleichende Gerechtigkeit. Früher oder später, eines Tages kommt die Vergeltung für das Unrecht, das man getan hat, und kein Herrscher hat bis jetzt ungestraft mit dem Leben seiner Mitmenschen und mit Gerechtigkeit nach Belieben umspringen können. Es mag eine veraltete Ansicht sein, zu sehr nach „Kirche“ aussehen. aber mein eigenes Leben und die Geschichte haben mich das gelehrt und ich glaube daran. Sie haben Recht, man braucht einige Jahre um klar zusehen. Die Lage wird sich, soweit ich das nach allem was ich höre und lese in den engl. Zeitungen, vor 47-48 nicht viel ändern, da die Siegermächte u. die ganze Welt sich in einem fürchterlichen Durcheinander befindet. England denkt sogar daran, Brot, das den ganzen Krieg hindurch nicht rationiert war, zu rationieren. Daran können Sie ermessen, wie es in der Welt aussieht. Für uns hier natürlich wird die Lage dementsprechend schlimmer werden. Wenn ich Ihnen raten darf, tun Sie alles um ihren Garten – vielleicht auch ein Stück Land zu bebauen. Der nächste Winter wird schlimmer werden als dieser!! Dann allerdings wird schnell der Auftrieb kommen und Sie werden – besonders in dem gut erhaltenen Warendorf – Ihr gutes Auskommen haben. Diese fürchterlich zusammengehauenen Städte wie Dortmund etc. werden mindestens 10 Jahre lang noch Stätten des Grauens sein, wo viele Leute kein anständiges Zimmer, kein Wasser, Kanalisation, Licht etc. haben. Wie manche hier lebe können, ist mir unbegreiflich und keiner auf dem Lande kann sich ein Bild davon machen.
Wann die Zivilregierung kommt, kann keiner sagen. Ich glaube aber, dass es nicht sehr lange mehr dauern wird. Vielleicht im Sommer. Augenblicklich werden die beiden größten Gruppen 26 u. 27 in der engl. Armee demobilisiert; das wird eine Menge Leute zurückführen. Wie weit die durch Rekruten ersetzt werden, weiß ich nicht, kann also auch nicht sagen, ob dadurch Warendorf’s Häuser weniger betroffen werden. Ich kann mir aber wohl denken, dass – falls keine irrsinnigen „Werwölfe“ unerwartet Schwierigkeiten machen – die Besatzung stark verringert wird, was sich natürlich auf den Wohnungsmarkt auswirken würde. Andererseits lese ich, dass ab Juli engl. Soldaten ihre Familie mitbringen können, was erneute Schwierigkeiten auf den Wohnungsmarkt hervorrufen würde, wenn die Zahl nicht verringert würde. Es tut mir leid, dass ich in diesem Punkt nicht Tröstlicheres sagen kann. Doch glaube ich, dass ab Mitte des Jahres die Lage sich entspannen wird und Sie mit Ruhe in Ihrem Hause die Entwicklung der Dinge abwarten können. Wenn mal erst die Sonne kräftig genug ist, die Zimmer zu wärmen, wird das Herz auch wieder wärmer. Wir haben hier Glück und bekommen dann und wann von einem Bergmann dessen Deputatkohlen, die er übrig hat. –
Ich beneide Sie nicht um ihre Arbeit als Dezernent. aber freuen Sie sich, dass Sie es noch können. Nur keine Überarbeitung! Ich glaube nicht, dass die Mil. Reg. gegen Sie als Dezernent Einwendungen machte, die 1937er Mitgliedschaft besagt nicht viel, wenn nicht der Regierungspräsident in Arnsberg Einwendungen macht. Der hat Direktoren, die PGs waren und von der Mil. Reg. zugelassen waren, abgesägt.
So, das ist ein langer Schrieb geworden und ich habe allerlei, was so in den langen Jahren sich angesammelt hatte, vom Herzen runtergeredet. Ich hoffe und wünsche, dass Sie noch viele Jahre in bester Gesundheit Ihren Garten bestellen u. Ihr Pfeifchen rauchen können, wenn wieder der nötige Tabak zu haben ist. Augenblicklich ist’s ja trostlos. – Vielleicht bringt auch die nächste Zukunft die Gelegenheit zu einer mündlichen Plauderei. Hier sind: herzliche Grüße von uns beiden an die ganze Familie Löns und Sie


von Ihrem alten
AL






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Dokument in English Language


Quelle: Privatarchiv Alexander Decker, mit frdl. Genehmigung
Digitale Edition GM und AG (Übersetzung) für psm-data
Transkription Alexandra S.