| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich | [P|S|M] |
Aus den Notizen Becks für einen Vortrag beim Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch am 16. Juli 1938
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"... Die Aussicht, in absehbarer Zeit die
Tschechoslowakei durch eine militärische Aktion zu zerschlagen, ohne sofort
Frankreich und England auf den Plan zu rufen, besteht nicht ... Es erscheint
nach wie vor ausgeschlossen, in den ersten zwei bis drei Tagen eine Lage zu
schaffen, die interventionslüsternen gegnerischen Staaten die
Aussichtslosigkeit der tschechischen militärischen Lage vor Augen führt. Es muss vielmehr nochmals nachdrücklichst darauf aufmerksam gemacht werden,
dass
zwar die Tschechei der äußere Anlass zum Kriege für Frankreich-England sein
wird, dass aber mit dem Augenblick, in dem diese beiden Mächte in den Krieg
eintreten, es sich nicht mehr um Intervention im Interesse der Tschechei,
sondern um einen Krieg auf Leben und Tod mit Deutschland handeln wird ... Auf
Grund meiner vorausgegangenen Darlegungen halte ich mich heute für verpflichtet
– im Bewusstsein der Tragweite eines derartigen Schrittes, aber unter Berufung
auf die mir nach meiner Dienstanweisung für die Vorbereitung und Ausführung
eines Krieges erwachsende Verantwortung –, die dringende Bitte auszusprechen,
den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht zu veranlassen, die von ihm befohlenen
Kriegsvorbereitungen einzustellen und die Absicht der gewaltsamen Lösung der
tschechischen Frage solange zurückzustellen, bis sich die militärischen
Voraussetzungen grundlegend geändert haben. Zur Zeit halte ich sie für
aussichtslos, und diese meine Auffassung wird von allen mir unterstellten
Oberquartiermeistern und Abteilungschefs des Generalstabes, soweit sie mit der
Frage der Vorbereitung und Ausführung des Krieges gegen die Tschechoslowakei
dienstlich befasst sind, geteilt. ... Es stehen hier letzte Entscheidungen über
den Bestand der Nation auf dem Spiele. Die Geschichte wird diese Führer mit
einer Blutschuld belasten, wenn sie nicht nach ihrem fachlichen und
staatspolitischen Wissen und Gewissen handeln. Ihr soldatischer Gehorsam hat
dort eine Grenze, wo ihr Wissen, ihr Gewissen und ihre Verantwortung die
Ausführung eines Befehls verbietet. Finden ihre Ratschläge und Warnungen in
solcher Lage kein Gehör, dann haben sie das Recht und die Pflicht vor dem Volk
und vor der Geschichte, von ihren Ämtern abzutreten. Wenn sie alle in einem
geschlossenen Willen handeln, ist die Durchführung einer kriegerischen Handlung
unmöglich. Sie haben damit ihr Vaterland vor dem Schlimmsten, vor dem Untergang
bewahrt. Es ist ein Mangel an Größe und an Erkenntnis der Aufgabe, wenn ein
Soldat in höchster Stellung in solchen Zeiten seine Pflichten und Aufgaben nur
in dem begrenzten Rahmen seiner militärischen Aufträge sieht, ohne sich der
höchsten Verantwortung vor dem gesamten Volk bewußt zu werden.
Außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Handlungen! ..."
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| Quelle: W.Foerster: Generaloberst Ludwig Beck. Sein
Kampf gegen den Krieg 1953, S.117ff |

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