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Sekundaerliteratur
20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich
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Thomas Breuer: Gehorsam, pflichtbewußt und opferwillig - Deutsche Katholiken und ihr Kriegsdienst in der Wehrmacht
Am 26. April 1933 bemerkte Reichskanzler Adolf Hitler in einem Gespräch mit dem Osnabrücker Bischof Berning: "Es droht eine schwarze Wolke mit Polen. Wir haben Soldaten notwendig, gläubige Soldaten. Gläubige Soldaten sind die wertvollsten. Sie setzen alles ein"[1]. Sechs Jahre später wurde die Prophezeiung des "Führers" grausige Wirklichkeit. Mit dem deutschen Angriff auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg, der insgesamt etwa 53 Millionen Menschen das Leben kostete. Die deutschen Katholiken waren wie selbstverständlich daran beteiligt. Hitler konnte sich auf sie verlassen. Warum? Was führte dazu, daß Bischöfe und Gläubige ohne große Diskussion ihren Beitrag zum Blutvergießen im Krieg leisteten?

Begeisterung für den Nationalsozialismus, für seine Führer und seine Ideologie war es jedenfalls nicht, was die Katholiken zur Waffe greifen ließ. Im Gegenteil: Man folgte dem Aufruf zum Krieg, nicht weil, sondern obwohl die Nationalsozialisten die Regierung stellten. Denn seit 1933 hatte man allerhand negative Erfahrungen mit dem NS-Regime gemacht. Partei und Regierung waren immer härter gegen die katholische Kirche vorgegangen und hatten sie aus vielen Bereichen der Gesellschaft zurückgedrängt. Katholische Vereine waren verboten worden, Konfessionsschulen abgeschafft, die Kirchenpresse geknebelt, der christliche Glaube lächerlich gemacht; sowohl mutige Priester als auch engagierte Laien hatten staatliche Willkürmaßnahmen zu erdulden gehabt. An der Kirchenfeindschaft der Nationalsozialisten konnte im Jahre 1939 kein Zweifel mehr bestehen. Manch einer war sogar hellsichtig genug zu erwarten, daß Hitler nach dem "Endsieg" zur Endabrechnung mit der verhaßten Kirche schreiten würde.

Trotzdem machten die Katholiken mit bei Hitlers Kriegszügen - zwar nicht begeistert, aber auch nicht widerwillig. Ihre kirchlichen Führer, die Bischöfe, unterstützten sie bei diesem Tun – wenn auch nicht mit flammenden Appellen[2], so doch mit eindringlichen Mahnungen, die an der Legitimität des Krieges keinen Zweifel aufkommen ließen. Die Frage stellt sich mithin um so schärfer: Welche Dispositionen, welche Wertvorstellungen und Mentalitäten ermöglichten es den Katholiken, für die der nationalsozialistische Führerstaat alles andere als die Erfüllung ihrer Träume war, bereitwillig und ohne größere Skrupel in den nazistischen Krieg zu ziehen?[3]

Patriotismus oder: Katholiken sind auch gute Deutsche

Die deutschen Katholiken hatten seit der Kaiserzeit als Minderheit mit dem insbesondere von Bismarck geschürten Verdacht zu leben gehabt, national unzuverlässig zu sein. Als soziale Großgruppe, die ihre Befehlszentrale "jenseits der Berge" im fernen Rom hatte, schien die katholische Kirche ein Fremdkörper in der "verspäteten Nation" zu sein. Die Katholiken versuchten sich von diesem Odium zu befreien, indem sie immer wieder beteuerten, sich in der Liebe zum Vaterland von niemandem übertreffen zu lassen. Der Erste Weltkrieg schien ihnen die Stunde der Bewährung zu sein, mit der die nationale Außenseiterrolle endgültig überwunden werden sollte. Doch trotz des bedingungslosen Einsatzes im Krieg und trotz (oder wegen?) der staatstragenden Rolle der Katholiken in der Weimarer Republik ließ sich das Stigma des national unzuverlässigen Kantonisten nicht abschütteln. Der nationalsozialistischen Propaganda gelang es, alte Vorurteile gegen die "fremdgesteuerten" Katholiken erneut zu beleben.

Katholischerseits bemühte man sich, allen Verdächtigungen den Boden zu entziehen. Hitlers Außenpolitik wurde von den deutschen Bischöfen vorbehaltlos unterstützt. Ob es sich nun um die Rückgliederung des Saargebietes im Jahr 1935 oder um den "Anschluß" Österreichs drei Jahre später handelte - die Zustimmung von Kirchenführern und Kirchenvolk war der Regierung gewiß. Zu Unstimmigkeiten kam es nur, wenn bei den angesetzten Plebisziten gleichzeitig eine Akklamation zur NS-Politik im allgemeinen verlangt wurde. Auch nach Kriegsbeginn im September 1939 gab es kaum ein Hirtenwort, in dem nicht der Gedanke der Vaterlandsliebe beschworen wurde. So äußerte der Rottenburger Bischof Sproll die Bitte, Gott möge den Soldaten Kraft geben, "für das teure Vaterland siegreich zu kämpfen oder mutig zu sterben", während der Münsteraner Bischof von Galen den Krieg gar als Konsequenz des Versailler Vertrages begriff:

"Der Krieg, der 1919 durch einen erzwungenen Gewaltfrieden äußerlich beendet wurde, ist aufs neue ausgebrochen und hat unser Volk und Vaterland in seinen Bann gezogen. Wiederum sind unsere Männer und Jungmänner zum großen Teil zu den Waffen gerufen und stehen im blutigen Kampf oder in ernster Entschlossenheit an den Grenzen auf der Wacht, um das Vaterland zu schirmen und unter Einsatz des Lebens einen Frieden der Freiheit und Gerechtigkeit für unser Volk zu erkämpfen".[4]
Die Diktion läßt keinen Zweifel daran aufkommen, daß solche Aufrufe nicht allein aus taktischen Gesichtspunkten erfolgten, sondern der inneren Überzeugung ihrer Verfasser entsprachen. Auch bei den Geistlichen und den einfachen Gläubigen war Patriotismus ein echtes Leitmotiv. Wiederholt wurde der Verdacht zurückgewiesen, die kirchentreuen Katholiken kämpften in diesem Krieg nur mit halbem Einsatz. Gute Christen seien nicht feig, sondern "verteidigen das Vaterland genauso wie andere", erklärten die Bauern in der Fränkischen Schweiz. Zur Bekräftigung dieser Ansicht erzählten sie sich gerne eine Geschichte. Danach habe ein Kreisleiter in Nürnberg in einer politischen Versammlung über das staatsfeindliche Verhalten der katholischen Kirche geschimpft. Daraufhin habe sich ein in Urlaub befindlicher älterer Major erhoben und erklärt, er müsse diese Angriffe zurückweisen, da in seinem Bataillon schon 14 Pfarrer gefallen seien, aber noch kein Kreisleiter.[5]

Demselben Bedürfnis nach Demonstration des katholischen Heldentums kam der anfangs 1942 verbreitete Mölders-Brief entgegen. Der am 22. November 1941 tödlich verunglückte Oberst Werner Mölders, einer der "erfolgreichsten" Jagdflieger der deutschen Luftwaffe und erster Träger der höchsten Tapferkeitsauszeichnungen, hatte in seiner Jugend dem Bund Neudeutschland angehört und galt als praktizierender Katholik. Der englische Geheimdienst machte sich die um Mölders' Tod rankenden Gerüchte, von denen eines besagte, der Oberst sei von der SS ermordet worden, zunutze und formulierte einen angeblichen Brief des Jagdfliegers an einen imaginären Propst von Stettin, in dem Werner Mölders sich nicht nur nachdrücklich zur katholischen Kirche bekannte, sondern darüber hinaus auch behauptete, durch das Beispiel der tapferen katholischen Soldaten seien viele der sog. "Lebensbejahenden", d.h. der Nationalsozialisten, eines Besseren belehrt worden und hätten wieder zum Glauben gefunden.

Der gefälschte Brief [6], den die Royal Air Force über Deutschland abwarf, erlebte eine ungeheuere Resonanz. Die deutschen Katholiken schienen förmlich auf ein solches Bekenntnis gewartet zu haben. Der Mölders-Brief wanderte von Hand zu Hand, wurde immer wieder abgeschrieben und vervielfältigt, in Gottesdiensten verlesen und im Religionsunterricht verwendet. Der Staat reagierte rasch. Die Gestapo beschlagnahmte Schreibmaschinen und Vervielfältigungsapparate, verwarnte die überführten Geistlichen und machte ihnen zur Auflage, einen im Wortlaut festgelegten Widerruf über die Fälschung des Briefes öffentlich zu verlesen. Viele Personen, Kleriker wie Laien, wurden staatspolizeilich verwarnt. Für manche aber schien der Eifer der Gestapo geradezu ein Beweis dafür zu sein, daß der Brief doch echt war. Mit dem Mölders-Brief in der Hand konnten die Katholiken einer feindseligen Umgebung zeigen: "Wir sind auch Deutsche, wir sind auch national". Das angebliche Bekenntnisschreiben des tapferen Jagdfliegers diente so als psychologische Stärkung im Selbstbehauptungskampf gegen den Nationalsozialismus auf der einen und im opferbereiten Kampf fürs Vaterland auf der anderen Seite.[7]

Bis zum Schluß glaubte man, für Deutschland, für das Vaterland zu kämpfen. Daß sie mit ihrem pflichtbewußtem Einsatz in Hitlers Wehrmacht de facto für die Erhaltung und Ausbreitung des NS-Regimes kämpften, wurde von den Katholiken durchweg nicht erkannt und rückte auch nach 1945 kaum ins Bewußtsein.

Autoritätsgläubigkeit

Es war - unter Berufung auf Kapitel 13 des Römerbriefs - alte katholische Lehre, daß der Christ der rechtmäßigen Obrigkeit Gehorsam schulde. Dies hatten die Bischöfe den Gläubigen auch gleich im Jahre 1933 nochmals eingeschärft und zugleich die starke Betonung des Autoritätsgedankens im neuen Staat freudig begrüßt [8]. Gehorsam zu leisten, das war für den Katholiken eine schlichte Selbstverständlichkeit; Gehorsam war gleichsam die katholische Basistugend. "Ein gutes Kind gehorcht geschwind", hieß es im Katechismusunterricht. "Keiner kann in Gemeinschaft mit Christus stehen, der sich nicht dem kirchlichen Lehramt unterwirft", war in einer Kleinen Laiendogmatik aus dem Jahre 1935 [9] zu erfahren. Ein damals wie heute bekanntes Kirchenlied lautet: "Fest soll mein Taufbund immer stehn, ich will die Kirche hören. Sie soll mich allzeit gläubig sehn und folgsam ihren Lehren. Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad in seine Kirch berufen hat. Nie will ich von ihr weichen". Im Katholischen Feldgesangbuch aus dem Jahre 1939 erhielt das Lied eine weitere Strophe: "Will halten, was in heilgem Eid ich Gott geschworen habe, dem Volke und der Obrigkeit treu dienen bis zum Grabe! Will wanken und verzagen nicht, die Ehre lieben und die Pflicht. So wahr mein Gott mir helfe!" [10]

Gehorsam also auch in Kriegszeiten! Der Pazifismus war keine offizielle katholische Option. Allerdings war es traditionelle katholische Lehre, daß ein Krieg nur unter bestimmten Bedingungen gerechtfertigt sei [11]. Doch fatalerweise dispensierte man sich von der Frage, ob es sich um einen gerechten Krieg handle, mit dem Hinweis, daß darüber allein die Obrigkeit entscheiden könne [12]. Ganz in diesem Sinne stellte der Bamberger Erzbischof Kolb klar, es genüge "für den Christen das Unrecht, das seinem Vaterland angetan wird, der Gehorsam, den er der weltlichen Obrigkeit schuldet, um das Schwert zu zücken und seinem Fahneneid getreu zu kämpfen" [13]. Auch ohne expliziten Bezug auf die Theorie des "gerechten Krieges" bedeuteten diese und ähnliche Stellungnahmen zweifellos eine theologische Legitimation des NS-Krieges, durch die das Gewissen der Gläubigen gebunden werden sollte.

Bezeichnenderweise konnten die wenigen katholischen Kriegsdienstverweigerer nicht mit einer Unterstützung durch ihre Oberhirten rechnen. Es ist aufschlußreich, wie der Linzer Bischof Fließer, der dem nachdenklichen Katholiken Franz Jägerstätter während des Krieges die Verweigerung hatte ausreden wollen, noch 1946 argumentierte:

"Ich halte jene idealen katholischen Jungen und Theologen und Priester und Väter für die größeren Helden, die in heroischer Pflichterfüllung und in der tiefgläubigen Auffassung, den Willen Gottes auf ihrem Platz zu erfüllen, wie einst die christlichen Soldaten im Heer des heidnischen Imperators, gekämpft haben und gefallen sind. Oder sind die Bibelforscher und Adventisten, die ‘konsequent’ lieber im Konzentrationslager starben als zur Waffe griffen, die größeren Helden?" [14]
Mit dem Gedanken, daß eine konsequente Verweigerung gegenüber dem nationalsozialistischen Krieg das deutlichere christliche Zeugnis gewesen sein könnte, mochte man sich offensichtlich nicht beunruhigen. Wer gehorchte und seine (Kriegs-) Pflicht tat, war nach katholischer Auffassung moralisch auf der richtigen Seite. Ein gehorsamer Soldat konnte demnach mit sauberem Gewissen aus einem unsauberen Krieg herauskommen. Eine Gewissensentscheidung zu treffen, die die Aufkündigung des staatsbürgerlichen Gehorsams beinhaltete, wurde hingegen dem katholischen Gläubigen nicht zugestanden.

Der soldatische Dienst als Gottesdienst

Was der Linzer Bischof 1946 nur indirekt ansprach, wurde in der NS-Zeit selbst oft klar und ohne Umschweife zum Ausdruck gebracht: die Auffassung, der katholische Soldat erfülle mit seinem Waffendienst den Willen Gottes. Im Werkblatt für die katholische Soldatenseelsorge "Die Kasernenstunde" erschien im Juli 1936 ein Artikel, in dem - nach Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht - das soldatische Dienst-Ethos religiös begründet wurde. Der junge Mensch, so hieß es, solle "das Bewußtsein bekommen, daß wahrer soldatischer Dienst zuletzt immer Gehorsam gegen fremden Willen ist, der seinerseits trotz aller menschlichen Unzulänglichkeit im Einzelfalle im Willen Gottes begründet ist und daß jeder dienende Gehorsam schließlich im Gehorsam gegen die unbedingte Person gründet, d.h. im Gehorsam gegen Gott" [15].

Zwar blieb es Feldbischof Rarkowski vorbehalten, die Befehle Hitlers unmittelbar mit göttlichem Glanz zu versehen, wenn er in einem Hirtenwort aus dem Jahre 1942 meinte:

"Was diese Zeit fordert an Mühen, Blut und Tränen, was der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht euch Soldaten befiehlt und die Heimat erwartet: hinter all dem steht Gott selbst mit seinem Willen und seinem Gebot." [16]
Doch auch der Gesamtepiskopat glaubte den katholischen Soldaten die "trostvolle Gewißheit" mit auf ihren strapaziösen Weg geben zu müssen, "daß ihr ... nicht bloß dem Vaterlande dient, sondern zugleich dem heiligen Willen Gottes folgt, der alles Geschehen, auch das Schicksal der Völker und der einzelnen Menschen in seiner weisen Vorsehung lenkt" [17].

Die Vorsehung führte bekanntlich auch der Mann aus Braunau gerne im Munde. Natürlich, bei Hitler stand hinter dieser Rede nicht die christliche personale Gottesvorstellung, seine Berufung auf den Allmächtigen war eine Instrumentalisierung religiöser Anschauungen für eigene Zwecke. Aber beweist der Mißbrauch durch den einen auch schon den rechten Gebrauch durch die anderen? Oder ist es nicht vielmehr so, daß die Begriffe Vorsehung und Wille Gottes ein immens hohes Ideologiepotential in sich bergen? Haben sich nicht auch katholische Bischöfe und Priester zu Unrecht auf einen göttlichen Willen berufen, wenn es tatsächlich um allzu menschliche Machenschaften ging? Offenbar steht fromme Rede immer in der Gefahr, auch noch die schrecklichsten Geschehnisse auf Erden religiös zu verkleistern.

Furcht vor dem Bolschewismus

"Der Gegensatz zwischen Tag und Nacht, zwischen Feuer und Wasser kann nicht größer sein als der Gegensatz zwischen der katholischen Kirche und der bolschewistischen Weltanschauung. ... Nur der Wahnsinn kann den Sieg des Bolschewismus herbeiwünschen", vernahmen die deutschen Katholiken zum Weihnachtsfest 1936 aus dem Munde ihrer Bischöfe [18]. An der prinzipiellen Ablehnung der "satanischen Macht" des Bolschewismus [19] konnte in der Tat keinerlei Zweifel bestehen. Wie hätte es auch anders sein können? Die radikale Kirchen- und Religionsfeindschaft des Bolschewismus war schließlich keine Erfindung des deutschen Episkopats. Zudem standen den Kirchenführern die Ausschreitungen im spanischen Bürgerkrieg deutlich vor Augen. Bedenklich ist allerdings die apokalyptisch anmutende Rhetorik, die im Bolschewismus nicht nur "eine Pforte der Hölle", sondern gar einen "Vortrupp des Antichrist" erblickte [20]. Wer eine begründete Gegnerschaft dermaßen in eschatologische Dimensionen rückte, stand in der Gefahr, rationale Maßstäbe zu verlieren und auf dem rechten Auge zu erblinden [21].

Es ist deshalb bemerkenswert, daß die deutschen Bischöfe mit Ausnahme Rarkowskis [22] den Krieg gegen die Sowjetunion nur mäßig unterstützten. Für Aufregung bei der NS-Führung sorgte der Umstand, daß der deutsche Episkopat in seinem Hirtenbrief vom 26. Juni 1941, mithin vier Tage nach dem Überfall auf die Sowjetunion, die Gläubigen zwar zu "treuer Pflichterfüllung, tapferem Ausharren, opferwilligem Arbeiten und Kämpfen im Dienste unseres Volkes" mahnten [23], aber mit keinem Wort auf den Kampf gegen den Bolschewismus eingingen und statt dessen lautstark über die Bedrückung der Kirche in Deutschland klagten  [24]. Zwar äußerten die Bischöfe in der Folgezeit dann doch ihre "Genugtuung" über den "Kampf gegen die Macht des Bolschewismus" [25], aber zugleich wurden die Gläubigen belehrt, man dürfe auch die "Vorboten und Vorkämpfer des Bolschewismus" in der Heimat nicht übersehen [26]. In der Tat: Da Bolschewismus für die Katholiken letztlich identisch war mit Gottlosigkeit und Feindschaft gegen das Christentum, war es nur konsequent, den Nationalsozialismus in die Nähe des Bolschewismus zu rücken. Zwar hielt man das sowjetische Original immer noch für schlimmer als das nationalsozialistische Regime daheim, aber der Elan im Kampf gegen die "satanische Macht" des Bolschewismus wurde durch die kirchenfeindlichen Maßnahmen der NS-Regierung zweifelsohne empfindlich gedämpft.

Der Soldatentod als Märtyrertod?

"Das Vaterland darf jedes Opfer fordern" - dieser Ausspruch Theodor Körners, mit dem die katholischen Soldaten in ihrem Feldgesangbuch konfrontiert wurden, bezeichnet treffend die fatalistische Haltung, mit der die Katholiken sich in ihr Schicksal fügten und dem "Führer" Adolf Hitler ihre Kampfkraft zur Verfügung stellten. Opferwilligkeit erwarteten auch die Bischöfe von ihren Gläubigen. Als Belohnung wurde ihnen die "ewige Seligkeit" in Aussicht gestellt, da der Soldatentod dem "Martertod um des Glaubens willen" gleiche [27].

Wie sehr der Opfergedanke tatsächlich auch bei jungen Katholiken virulent war, zeigt eindrücklich der Bericht über die Symbolhandlung, die Soldaten beim Tod von Hans Niermann, des ehemaligen Reichsführers der katholischen Jugendorganisation "Sturmschar", im Juni 1940 in einer französischen Dorfkirche vornahmen:

"Nun liegt er tot vor uns, Hans, unser lieber Kamerad. [...]. Wir tragen ihn in die Kirche - und legen ihn auf die Stufen des Altars, mit dem Kopf nach oben. Ein Kamerad nimmt ein Altartuch und legt es unter den Toten, wir hüllen den Körper in eine Zeltbahn und stellen Altarkerzen zu beiden Seiten. Sie brennen die ganze Nacht. In das Opfertuch des Altars eingehüllt, die Hände in Kreuzesform auf die Brust gelegt, so liegt Hans nun selbst als Opfergabe vor dem Altar des Herrn, so brachte er sein großes Opfer dar." [28]
Der Soldatentod erhielt als Opfertod eine gleichsam sakrale Qualität. Offenbar kam niemand auf den Gedanken, daß der christliche Gott vielleicht gar keinen Geschmack an Menschenopfern finden könne. Hier rächte es sich, daß die katholische Tradition des Christentums den Charakter einer Opferreligion nie ganz abgestreift hatte. Durch die einseitige Interpretation des Todes Jesu als Opfertod wurde das Opfer mystifiziert und so der kritischen Reflexion entzogen. Sich (im Krieg) zu opfern, galt als Akt der Christusnachfolge. Daß man dabei in der Regel auch andere opferte, geriet schnell in Vergessenheit.



1   Akten dt. Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945, Bd. 1, hg. v. B. STASIEWSKI  (Mainz 1968) 102.
2   Unter den katholischen Würdenträgern bildete Feldbf. Rarkowski, ein glühender Hitler-Verehrer, der in seinen Hirtenbriefen kaum ein nat.soz. Klischee ausließ, eine Ausnahme. Er wurde von seinen Amtsbrüdern kritisch beäugt und nicht zu den Sitzungen der Fuldaer Bf.konf. eingeladen: H. MISSALLA, Wie der Krieg zur Schule Gottes wurde. Hitlers Feldbf. Rarkowski (Oberursel 1997).
3   Zum Thema Kath. Kirche und Zweiter Weltkrieg: H. MISSALLA, Für Volk und Vaterland (Königstein 1978); H. HÜRTEN, Kath. Kirche und nat.soz. Krieg, in: Die dt. Eliten und der Weg in den Zweiten Weltkrieg, hg. v. M. Broszat, K. Schwabe (München 1989) 135-179; A. LEUGERS, „Opfer für eine große und heilige Sache“: Kath. Kriegserleben im nat.soz. Eroberungs- und Vernichtungskrieg, in: Volksreligiosität und Kriegserleben, hg. v. F. Boll (Münster 1997) 157-174; Dem Führer gehorsam, hg. v. TH. BREUER  (Oberursel 1989).
4   Diese und weitere „vaterländische“ Hirtenworte in: BREUER (A. 3) 14-17.
5  TH. BREUER, Verordneter Wandel? (Mainz 1992) 300.
6  H. WITETSCHEK, Der gefälschte u. der echte Mölders-Brief, in: VfZ 16 (1968) 60-65.
7   BREUER (A. 5), 300f.
8   Ebd. 86ff.
9   CH. BEILMANN, Eine kath. Jugend in Gottes u. dem Dritten Reich (Wuppertal 1989) S.235.
10  BREUER (A. 3) 35.
11  Die drei klassischen Bedingungen des „gerechten Krieges“ for-mulierte Thomas von Aquin (Summa theologiae II-II, 40,1). Danach muß ein Krieg erstens auf Befehl der legitimen Obrigkeit geführt werden, zweitens einen gerechten Grund haben, d.h. der Kriegs-gegner muß ein zu ahndendes Unrecht begangen haben, und drittens in der rechten Absicht geführt werden, d.h. die Kriegführenden müssen entweder das Gute mehren oder das Böse meiden wollen.
12  Erzbf. Gröber bereits 1935:  BREUER (A. 3) 8; vgl. auch die Äußerung von Galens aus dem Jahr 1938: „Ob und inwiefern ein Krieg gerecht ist, kann niemals dem Urteil des einzelnen, etwa dem des Soldaten, unterliegen, so daß er die Bereitschaft, sein Leben einzusetzen, davon abhängig machen könnte. Solches zu entscheiden, ist Sache der Führung“, zit. nach BEILMANN (A. 9) 366.
13  BREUER (A. 5) 297f.
14  R. FENEBERG, Max Josef Metzger - ein politischer Theologe, in: Auf dem Weg zu einem Friedenskonzil. hg. v. d.  Pax-Christi-Bewegung, Dt. Sekretariat (Frankfurt 1987) 17.
15  BREUER (A. 3) 12.
16  Ebd. 25.
17  Hirtenwort v. 26.6.1941, ebd. 18
18  Hirtenwort des dt. Episkopats v. 24.12.1936, ebd. 10.
19  Ebd. 9.
20  Ebd.
21  Für Bf. von Galen war Franco der „spanische Befreier“: BEILMANN (A. 9) 78.
22  Der Feldbf.  übernahm die rassistische Sprache der Nat.soz. und sprach von einer „Auseinandersetzung mit dem bolschewistischen Untermenschentum“: ebd. S. 26. Allerdings war der Paderborner Erzbf. Jaeger nicht weit entfernt von dieser Begrifflichkeit, wenn er in einem Hirtenbrief vom Februar 1942 die Gläubigen mahnte: „Schaut hin auf Rußland! Ist jenes arme unglückliche Land nicht der Tummelplatz von Menschen, die durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christushaß fast zu Tieren entartet sind? Erleben unsere Soldaten dort nicht ein Elend und ein Unglück sondergleichen? Und warum? Weil man die Ordnung dort nicht auf Christus, sondern auf Judas aufgebaut hat“; zit. nach H. GRUß, Erzbf. Jaeger als Kirchenführer im Dritten Reich (Paderborn 1995) 407f, dessen Entlastungsversuche nicht zu überzeugen vermögen, vgl. meine Rez. in ThRv 94 (1998) 78f.
23  BREUER (Anm. 3) 17.
24  Goebbels sprach in seinem Tagebuch von einem „Dolchstoß des kath. Klerus in den Rücken unserer Kriegführung“: HÜRTEN (A. 3) 176f.
25  Die westdt. Bischöfe im März 1942: BREUER (A. 3) 19.
26  Erzbf. Faulhaber im Dezember 1941: BREUER (A. 3) 18.
27  Bf. von Galen in seinem Fastenhirtenbrief 1944, zit. nach LEUGERS (A. 3) 164.
28  BEILMANN (A. 9) 186; vgl. auch LEUGERS (A. 3) 161-163.



erschienen in: Stimmen der Zeit 217 (1999) 37-44

(digitale Edition für psm-data mit freundlicher Genehmigung durch den Autoren)