| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich | [P|S|M] |
Buchwitz (SPD) zum Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933
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"Im April [richtig: März] 1933 findet die
erste Sitzung des neugewählten Reichstages in der Krolloper statt. Vorher war
eine Fraktionssitzung im alten Reichstag, dessen obere Räume ja unzerstört
sind. Eine dramatische, unvergeßliche Sitzung. Zu Beginn der Sitzung erklärte
Löbe, daß das Reichstagsgebäude von SS umstellt sei, er könne nicht sagen,
ob wir alle wieder frei das Gebäude verlassen würden, er wisse auch nicht, ob
Göring inzwischen Abhörapparate habe einbauen lassen. Die Stimmung war
verzweifelt. [...] Von unserer Fraktion fehlte wohl ein Drittel der Mitglieder.
Ich hatte, wie immer, meinen Revolver bei mir und mir außerdem Zyankali
besorgt. Fest stand bei mir: Wehrlos lasse ich micht nicht abmurksen, und
lebendig sollen sie mich auch nicht bekommen. [...]
Auf der Tagesordnung stand das Ermächtigungsgesetz
für Hitler. Eine Reihe Genossen - zu denen ich gehöre - waren für das
Fernbleiben von der ganzen Reichstagskomödie. Andere hatten Angst, daß die zu
unliebsamen Konsequenzen führen könne. Es gab auch Kollegen, welche glaubten,
durch Wohlverhalten Gnade vor den Augen Hitlers finden zu können.
Mittags wurde eine Pause eingelegt, um drei Genossen
zu Göring zu schicken, die noch etwas über das Ermächtigungsgesetz klären
sollten. Hätte man, anstatt mit Göring zu verhandeln, abstimmen lassen, so
wäre - davon bin ich überzeugt - die Beteiligung an der Sitzung abgelehnt
worden. In der Paus kam die Genossini Toni Pfülf - eine tapfere Frau - zu mir
und meinte, ob denn dies noch Männer seien, die hier versammelt wären? Einige
Wochen später vergiftete sich die Genossin Pfülf aus Verzweiflung über die
Tragödie der deutschen Arbeiterbewegung. Nach kurzer Pause kehrten die
Unterhändler zurück, ich glaube, es waren Paul Löbe, Friedrich Ebert und ein
Dritter, dessen Namen ich vergessen habe. Sie hatten nur mit dem nazistischen
Innenminister Frick reden können; dieser ließ die Fraktion kurz und bündig
sagen, sie könne der Sitzung fernbleiben, jedoch solle die SPD auch wissen, daß es um die Nation gehe, und daher würde die Regierung nicht Rücksicht
nehmen auf das Leben einzelner! Diese Drohung erzielte die beabsichtigte Wirkung
mit großer Mehrheit beschloss die Fraktion, an der Reichstagssitzung
teilzunehmen. Ich hatte mich mit anderen dagegen gewandt. Doch beschloss die
Fraktion, gegen das Ermächtigungsgesetz zu stimmen. [...]
Die Rumpffraktion begab sich nach der Krolloper. Es
war ein Spießrutenlaufen. Um die Krolloper zehntausend Nazis. Im Plenarsaal
sind die Abgeordneten von einem mehrfachen Kordon SS umgeben. Die Regie,
einerseits zum Einschüchtern, andererseits um die brutalste Machtergreifung zu
dokumentieren, ist nicht schlecht. Auf den Tribünen alles, was einen Namen im
neuen Nazistaat hat. Vollständig vertreten das diplomatische Korps. [...]
Als ich nach Schluss der Sitzung den Plenarsaal
verließ, bekam ich von hinten einen Schlag ins Genick, der mich in die Reihen
der bürgerlichen Abgeordneten taumeln ließ, welche durch eine andere Tür den
Saal verließen. In deren Reihen tauchte ich unter, kam dabei wieder unbehelligt
aus der Krolloper heraus und konnte im Trubel der Menschenmenge
verschwinden."
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| Quelle: Buchwitz, Otto (1950) - 50 Jahre
Funktionär der deutschen Arbeiterbewegung. Berlin (Ost), S.147-150; zit. nach: Morsey,
Rudolf, Das "Ermächtigungsgesetz" vom 24. März 1933. Düsseldorf
1992, S. 165f |

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