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20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich
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Werner Gebhardt über seine Verhaftung durch Gestapo und die Zeit im Konzentrationslager

Aufzeichnungen der Gründe, die zu meiner Verhaftung durch die Gestapo führten. Meine Erlebnisse im Gewahrsam der Gestapo und SS im Konzentrationslager und die Rückgewinnung der Freiheit.

von Werner Gebhard (1910-1995)

Wenn ich mich entschloss, dieses niederzuschreiben, so folgte ich einerseits einem vielfach geäußerten Wunsch, über meine Erlebnisse im Konzentrationslager etwas zu erzählen. Andererseits aber war es mir auch ein Bedürfnis dies zu tun indem ich meiner armen unschuldigen und unglücklichen Kameraden gedachte, deren Blut da vergossen wurde. Darüber hinaus empfinde ich es ferner als eine Verpflichtung, Menschen vor Augen zu führen, wie die Frucht jener Idee oder Ideologie aussah, die jene Menschen vertraten, die so überaus unsinnig die Majestät Gottes lästerten über alles Heilige spotteten, den Menschen dagegen vergötzten.
Für all die Gräuel, die an jenen Stätten des Grauens geschahen, scheinen mir diese Menschen, die so viel von Ritterlichkeit redeten, sie jedoch nicht übten, die als so edel und "erb-adelig" gelten wollten und doch so brutal an anderen handelten, die sich als so große Helden priesen, hernach aber so feige starben oder abtraten, voll verantwortlich. Möge das Beispiel jener 12 Jahre uns warnen, jemals einer Gesinnung, wie sie in jenen Gewalthabern so deutlich zur Schau trat, Raum zu geben, dagegen uns aufs Neue mahnen, dem Geiste Christi zu folgen, der jeglichem Problem unter uns Menschen die Lösung zeigt.

Unveröffentlichtes
Schreibmaschinen-Manuskript
(16 Seiten)

 

Die Verhaftung.

Am 19.Februar 1943 - etwa gegen 2 Uhr nachmittags - erschienen in meinem Büro in Aue/Sachsen 2 Gestapo-Beamte und erklärten mich kurzerhand für verhaftet. Ich arbeitete seiner Zeit infolge des kriegsbedingten Arbeitseinsatzes in meinem früheren Beruf als Elektro-Ingenieur bei einer Industrie-Ofenbau-Firma. Nach Durchsuchung meines Büromobiliars fuhr man mit mir zu meiner Wohnung, wo meine beiden Zimmer ebenfalls durchwühlt wurden. Unter Mitnahme verschiedener Aufzeichnungen, Bücher usw. technischen und privaten Charakters wurde ich im Auto zunächst einmal zum Stadthause gebracht und dort etwa eine Stunde oder länger in eine Zelle gespeist. Das wiederholte sich in Orten auf dem Wege nach Chemnitz noch 2 mal. Etwa gegen 10 Uhr abends erreichten wir dann das Polizei-Gefängnis in Chemnitz. - Das Auto fährt in den Hof hinein. Die Tore schließen sich hinter mir. Ein eigenartiges Gefühl - Wir steigen die Treppen im Zellenhaus hinauf, und in einer Zelle finde ich zwischen 2 bereits anwesenden Gefangenen einen Schlafplatz auf einer am Boden ausgebreiteten Pritsche.

Im Polizeigefängnis und bei der Gestapo.

Nach zweitägigem vergeblichen Warten auf eine Vernehmung wurde ich am 3.Tag von einem der beiden Gestapo-Beamten, dem Kriminal-Sekretär Naumann, zum Verhör abgeholt Auf dem Wege zum Gestapo-Gebäude eröffnete er mir: "Ich kann Ihnen mitteilen, Ihre Sache ist niedergeschlagen. Sie werden dem Gericht nicht übergeben, - aber frei gehen Sie nie mehr. - Sie gehen in ein Konzentrationslager." Diese mit so eindrucksvoller Betonung ausgesprochenen Worte stellten das erste dar, was ich über meine Angelegenheit zu hören bekam, noch bevor ich die Möglichkeit erhielt, auch nur ein Wörtchen der Erklärung, Verantwortung oder Verteidigung zu sprechen. Sie werden mir wohl in der Reihenfolge wie in ihrer Schärfe und Klangfarbe auf immer in meinen Ohren dröhnen. Das Urteil war also gefällt, bevor die Verhandlung statt gefunden hatte. Das darauffolgende Gespräch zielte darauf ab, mir durch Versprechung einer evtl. doch noch zu erlangenden Freiheit irgend etwas zu entlocken, was der Gestapo dienlich sein könnte. Meine Antwort lautete, ich sei gewohnt die Wahrheit zu sprechen, könne jedoch darüber hinaus nichts zugeben, das nicht den Tatsachen entspräche. Inzwischen waren wir in seinem Büro angekommen. Die Vernehmung begann. "Es ist Ihnen ja sicher bekannt, aus welchem Grunde Sie verhaftet wurden, nicht wahr?" Ich antwortete, ich könne nur vermuten, dass sie im Zusammenhang mit meinem Glaubensleben stünde, da meine Freunde im ganzen Lande bereits Versammlungsverbote erhalten hätten. Er erwiderte. "Sie sind für uns Staatsfeind Nr.1.11 - Sind Sie sich bewusst, einen derartigen Ausspruch getan zu haben?. "Die Blutschuld Deutschlands steht in der ganzen Welt einzigartig da . - " -

(Seite 2) Ich bejahte, worauf das Thema zunächst wechselte und sich mit dem Anfang, dem Aufbau und der Zielsetzung unseres Gemeindelebens und der durch eine Gemeinschaft des Geistes Christi mit mir verbundenen Freunde befasste. Kleinste Einzelheiten, auch solche, die teilweise über 20 Jahre zurücklagen, kamen zur Sprache. Ich schilderte, was mich damals bereits als Junge ergriff, so u.a. obschon es mir im Vergleich zu einem Erwachsenen nicht möglich war, mit reiferem Verständnis den Vorträgen jener in unsere Stadt gekommenen Prediger zu folgen, es einen um so tieferen Eindruck auf mich machte, das Leben, das Vorbild, die Handlungsweise und den Wandel jener Menschen kennen zu lernen. Als ich dann später die Ursache dessen ernannte: "Christus", Gehorsam gegen Sein Wort, Beachtung Seines Rates und Vorbildes, erwählte ich auch selbst Christus zum Muster und Beispiel für den Aufbau meines Lebens. Ich schilderte ferner, wie die Betrachtung der Heiligen Schrift und der Gedankenaustausch darüber, sowie das Zeugnis eigenen Erlebens, auch die gemeinsame Erbauung und das Gebet den Sinn unseres 2 mal wöchentlichen Zusammenkommens Gleichgesinnter bildete, dass wir weder durch Organisation noch durch irgend- welche sonst üblichen Statuten religiöser oder profaner Prägung zusammengehalten seien. Stattdessen strebten wir um so mehr eine Verbundenheit durch wahre göttliche Liebe an, wie sie eigentlich allgemein unter Menschen herrschen sollte. Als ich später den Ruf Gottes empfand, selbst auch anderen das zu bringen, was mein eigenes Leben mit Frieden und Freude erfüllte, folgte ich der Weisung Christi, indem ich meinen Beruf, den des Elektro-Ingenieurs, mit allem aufgab, um nach der Weise der ersten Prediger Christi hinauszugehen, das Evangelium zu verkündigen. In dieser Arbeit ging es mir nie darum, eine große Anhängerschaft zu bekommen, es war vielmehr mein Wunsch, meinen Mitmenschen Christus als Denjenigen vor Augen zu führen, der einzig allein die Lösung aller Probleme des menschlichen Lebens gewährleistet." Es wurden auch unsere alljährlichen Großversammlungen besprochen, zu denen unsere Glaubensgenossen aus der weiteren Umgebung und die in der Verkündigung des Evangeliums Stehenden aus dem ganzen Lande sowie auch einiger aus anderen Ländern kamen. - Alle Verhandlungen, 7 an der Zahl, deren längste 7 Stunden und deren kürzeste etwa 2-3 Stunden dauerte, zeigten, dass die Gestapo über alles gut unterrichtet war, mochte es sich da um den Personenkreis selbst oder um die Stellung der Einzelnen zu einander handeln. Man kannte die Probleme, die durch die Ereignisse der Zeit auftraten, besprochen worden waren und gelöst werden mussten. -

Abb.1:
Fritz Schwille & Werner Gebhard

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Nun wandte - wie sich die Gestapo ausdrückte und mir glauben machen wollte - die Verhandlung sich dem eigentlichen Haupt-Thema, dem Verhaftungsgrunde, zu. Ich wurde gefragt, wo ich Äußerungen der schon vorher erwähnten Art gemacht hätte. Das war für mich nicht einfach zu beantworten, da ich an manchen Plätzen unter unseren Freunden vor jenem Geiste gewarnt hatte, der - von den Regierenden ausgehend - mehr und mehr das Volk ergriff und leider auch in unseren Reihen Manchen beeindruckte, wie man es nicht gut heißen konnte. Auch war mir die Brutalität zuwider, mit der man Menschen anderer Überzeugung und Rasse bekämpfte. Nun, schließlich fragte man mich, ob mir ein Fräulein X bekannt wäre. Damit stand ein Abend klar vor meinen Augen, Sylvesterabend 1942/43, den ich in Y im Kreise einiger Freunde verbrachte. Unter diesen war auch das mir seit Jahren bekannte und nun genannte Fräulein X. 
Nun wandte - wie sich die Gestapo ausdrückte und mir glauben machen wollte - die Verhandlung sich dem eigentlichen Haupt-Thema, dem Verhaftungsgrunde, zu. Ich wurde gefragt, wo ich Äußerungen der schon vorher erwähnten Art gemacht hätte. Das war für mich nicht einfach zu beantworten, da ich an manchen Plätzen unter unseren Freunden vor jenem Geiste gewarnt hatte, der - von den Regierenden ausgehend - mehr und mehr das Volk ergriff und leider auch in unseren Reihen Manchen beeindruckte, wie man es nicht gut heißen konnte. Auch war mir die Brutalität zuwider, mit der man Menschen anderer Überzeugung und Rasse bekämpfte. Nun, schließlich fragte man mich, ob mir ein Fräulein X bekannt wäre. Damit stand ein Abend klar vor meinen Augen, Sylvesterabend 1942/43, den ich in Y im Kreise einiger Freunde verbrachte. Unter diesen war auch das mir seit Jahren bekannte und nun genannte Fräulein X. Diese Person, die sich selbst zwar nicht für Christus entschieden hatte, aber sich doch - besonders in jener letzten Zeit - für die Versammlungen zu interessieren schien, war also - ob wissentlich oder unwissentlich, das steht dahin, weswegen ich auch ihren Namen nicht nennen werde - der Zuträger meiner Äußerungen bei der Gestapo. An jenem Abend betrachteten wir ein Thema aus der Schrift. Später lenkte dann irgendjemand das Gespräch auf die Geschehnisse der Zeit. Ich sah mich veranlasst, einige Meinungsäußerungen richtig zu stellen, wobei ich mich auch gegen die Gräuel der SS wandte, wie sie durch Massen-Erschießungen von Männern, Frauen und Kindern im Osten Lind durch Niedersengung ganzer Dörfer beispielsweise in der Tschechoslowakei uns bekannt geworden waren. In diesem Zusammenhang sprach ich die Befürchtung aus, welch schreckliche Sühne eine solche in der Welt einzig dastehende Blutschuld eines Tages einmal finden würde. - Ein weiteres Thema befasste sich mit meiner persönlichen Stellung innerhalb der Gemeinde. Obwohl ich betonte, es gäbe unter uns, die wir uns der Verkündigung des Evangeliums hingäben - gemäß der Weisung unseres Herrn - Niemanden, der eine bevorzugte Stellung einnähme, sahen die Gestapo-Beamten meinen damaligen Wohnsitz "Aue" doch für eine Art "Hauptquartier" an. Das begründeten sie teils damit, (Seite 3) dass mich meine Mitarbeiter und Freunde viel besuchten, was jedoch nur aus dem Umstand heraus geschah, dass mir infolge meines beruflichen Einsatzes nicht die Zeit in dem Maße zur Verfügung stand wie ihnen, um jene erforderlichen Besuche und die damit verbundenen Reisen zu machen. Hinzukam, dass ein Brief mit einem für uns wichtigen Inhalt gerade an mich adressiert worden war, ein Brief, der mich allerdings nie erreichte sondern in die Hände der Gestapo gelangt und entgegen ihren Gepflogenheiten dann nicht hierher weitergesandt worden war. Schließlich sah man auch meinen erlernten Beruf als Erhärtung ihrer Annahme an. Es wurde mir eröffnet, dass meine Post seit etwa einem halben Jahre strengstens überwacht worden wäre. So bekam ich Photokopien zu sehen, die von Briefen gemacht worden waren, welche an mich gerichtet worden waren. Ich wurde über ihren Inhalt befragt. Stellte dies nun zwar keineswegs eine Überraschung für mich dar, - längst hatte ich ja Anhaltspunkte dafür gehabt - dass meine Post besondere Wege ging, ehe sie mir zugestellt wurde, so war es doch immerhin merkwürdig, dass also bereits ein halbes Jahr zuvor, ehe der Verhaftungsgrund entstanden sein sollte, ich überwacht worden war. Dieser Regie-Fehler erfuhr dann aber geradezu noch seine Krönung darin, dass man mir erklärte: "Wir sind Ihnen ja kreuz und quer im Lande nachgefahren. Leider kamen wir mitunter zu spät, da Sie ja auch noch eine Kurierpost unterhielten." Diese interessante Benennung bekamen Briefe, die ich den dann und wann mich besuchenden Freunden mitgab. Ebenso zählte scheinbar auch das zu meiner "Kurier-Post", wenn ich mal ein Telefon-Gespräch geführt hatte. Allerdings muss ich zugeben, dass ich tatsächlich zuweilen Briefe aus jenem Gefühl heraus Freunden mitgab, dass die durch die Post beförderten Briefe von der Gestapo mitgelesen würden, was ich ja nun wirklich nicht immer für unbedingt nötig hielt. Dass eine Überwachung in diesem Ausmaß tatsächlich stattgefunden hatte, stellte ich aus mir vorgelegten Telegrammen fest, die - mich unauffällig begleitende - Gestapo-Beamte oder Spitzel während meiner Reise-Unterbrechungen von den betreffenden Stationen aufgegeben hatten. Schade um die viele Zeit, die diese Leute damit verschwendeten. Doch, was war nun wohl der wahre Grund meiner Festnahme?

Seit den ersten Septembertagen des Jahres 1942 erhielten alle unsere Freunde im Lande - nur nicht die Freunde in meinem damaligen Arbeitsfelde - nach vorausgegangenen Verhören, teilweise auch durchgeführten Haussuchungen, Versammlungsverbote. Meine Mitarbeiter erhielten Rede-Verbote. Ich hatte nach wie vor meine Freiheit, obwohl die Gestapo meiner Mutter in Berlin erklärt hatte. "Ihren Sohn werden wir uns auch noch vornehmen. Diese Volksverderber müssen vernichtet werden." Etliche Wochen später äußerte sich ein Polizist in Pommern, alles wäre nun verboten, nur der im Gebirge (womit ich gemeint war) ließe sich nicht stören und mache weiter. Allerdings, ich ließ mich auch nicht stören - gemäß unserer Weisung. "Predige das Wort, es sei zu rechter Zeit oder zur Unzeit." Doch war ich mir darüber klar: meine mir belassene Freiheit müsse etwas besonderes auf sich haben. Im Dezember 1942 hatte sich alles soweit entwickelt, dass ich über oder lang mit einem Erscheinen der Gestapo rechnen konnte. In Anbetracht der vielen Familien unter unseren Geschwistern, denen ich gern eine Komplikation ersparen wollte, riet ich den Freunden in Sachsen, auf kurze Zeit mal die Versammlungen einzustellen, was auch allen nach einigen Überlegen als das Richtigste erschien. -

Der letzte Teil der Vernehmungen, der von von dem anderen Kriminal-Sekretär, namens Scheithauer, geführt wurde, ließ erkennen, um was es nun eigentlich ging. Dieser Beamte gehörte der Spionage-Abwehr-Abteilutig an. Er unterrichtete mich, dass Fritz Schwille am 9.Juli 1942 einen Brief an mich geschrieben hätte (und zwar handelt es sich bei diesem um jenen bereits erwähnten Brief), in welchem er u.a. uns ermutigen wollte, nicht weiter, beunruhigt zu sein, wenn wir eine Zeit lang nichts mehr von ihm hören würden, da er bald dort zu sein hoffte, wo Arnold Sch. sei. Am 12.Juli soll Fritz dann über die russischen Linien gegangen sein. Der Brief war scheinbar um diese Zeit noch nicht durch die Militär-Zensur, wurde somit also wohl genauer geprüft und an die Gestapo weitergeleitet. Dort glaubte man, ich sei in alles eingeweiht gewesen und hätte auch seitdem mit Fritz noch irgendwie in Verbindung gestanden. Außerdem wurde ich verdächtigt, andere derart beeinflusst zu haben, wie es einer Zersetzung der Wehrkraft gleichkäme. Dabei erging sich dieser "Herr" in wüstesten Beschimpfungen Über Fritz. Einesteils schien er Fritzs großen Mut anzuerkennen, lieber das Todesurteil zu wählen als seiner Überzeugung untreu zu werden, dann aber schrie er, man hätte Fritz zerhacken und (Seite 4) vierteilen sollen, indem Fritz ein Phantom, nämlich seine Religionsvorstellung, dem Vaterlande, dem Heiligsten, was es gäbe, vorzog. - - - Heute, da der Traum von jenem angeblich für die Ewigkeit geschaffenen Gebilde nach ganzen 12 Jahren wie eine 'Seifenblase' zerplatzt ist, sieht wohl alle Welt klar, wer die Phantasten waren. Es ist nur traurig, wie Viele für eine solche Wahnvorstellung in den Tod gehetzt wurden. Für wieviel Realeres, Besseres hatte Fritz seinen so schweren und einsamen Kampf gekämpft! Welch geringen Preis setzten dagegen die anderen für ihr ihnen angeblich so heiliges Vaterland ein! Anstatt dass auch sie nun für ihr Heiligstes in den Tod gegangen wären, benahmen sich diese egoistischen und brutalen Menschen so überaus feige. Welch ein Kontrast, wenn wir an Christum denken, dem in Wahrheit Heiligen und ebenso Heldenhaften!! Er zerbiss nicht schnell noch im letzten Moment ein Giftröhren sondern trat seinen Verfolgern mutig entgegen: "Ich bin's"!!! . 

Die Gestapo wusste genau, dass wir keine Gewissensknebelung ausübten. Dennoch suchte sie etwas zu konstruieren, mittels dessen man uns Prediger wegen Hochverrats oder der Zersetzung der Wehrmacht hätte aburteilen können. Manche Dinge wurden wohl an die 40-50 mal diskutiert. Für mich stand jedenfalls einwandfrei fest, was die Veranlassung zu meiner Beseitigung aus dem öffentlichen Leben gab. Die Gestapo hatte erkannt, wir Christen vermochten es nicht, irgend einer Staatsgewalt auf irgend einen Befehl hin blinden Kadavergehorsam zu leisten, vielmehr würden wir zuvor prüfen, ob wir es vor Gott rechtfertigen könnten - und wenn nicht, nun dann würden wir den Menschen eben den Gehorsam in jenem Stück verweigern. Schließlich ist es ja das, was wir von den ersten Jüngern und Christen lesen, dass das auch ihre Haltung war, Gott mehr denn den Menschen gehorche zu müssen, oder stimmt das etwa nicht! Die Gestapo hasste an uns, dass wir noch Menschen außerhalb unserer Landesgrenzen und Rasse liebten, auch nicht einfach alles für gut und recht anerkennen konnten, was unserem Vaterlande dienen würde, hingegen nur das, was vor Gott bestehen könnte. Folglich mussten Menschen wie wir verschwinden. Die mir länger als anderen belassene Freiheit zielte also nur darauf ab, mich bei irgend einer günstigen Gelegenheit fangen zu können. Da aber etwas derartiges, was sie bei uns vermuteten, Nachrichtenübermittelung ins Ausland und dergleichen, nicht existierte, griff man schließlich auf diese Weise zu. Ich schloss dann meine Vernehmung damit ab, dass es die zunehmende Tendenz gegen das Christentum in den nationalsozialistischen Zeitungen oder Zeitschriften und der Literatur war, was mich in die gegensätzliche Stellung zum Staat gebracht hat. - Nach 7 - wöchiger Haft im Polizei-Gefängnis in Chemnitz wurde mir der von Berlin ausgefertigte "Schutzhaftbefehl" vorgelegt. Daraufhin trat ich dann am 10.4.1943 die Reise ins Konzentrationslager Flossenbürg an. -

Was die persönlichen Empfindungen betrifft, so ist es ein eigenartiges Gefühl, wenn man zum ersten mal mit dem Wissen eine Gefängnis-Zelle betritt, dort eingesperrt zu werden und hinfort augenscheinlich ganz der Willkür gefühlsroher Menschen preisgegeben zu sein. Das ganze Leben spielte sich nun in einem etwa 2,5 x 3,5 m großen Raum ab. Er enthielt an der einen Seite ein herunterklappbares Bett, an der anderen mehrere übereinandergelegte Pritschen, die je nach Bedarf auf dem Boden ausgebreitet wurden. Zwischen beiden Schlafgelegenheiten an einer der schmalen Wände standen ein kleiner Tisch und 2 Schemel, darüber weit oben war ein kleines Fenster. Gegenüber davon - an der anderen schmalen Seite der Zelle - waren die Tür, links von ihr ein Klosett, rechts ein kleiner Heizkörper, der jedoch nicht geheizt war. Gewöhnlich waren 3-4 Gefangene beisammen, zeitweise mussten bis zu 20 darin ihr Unterkommen finden. Diese lagen dann nachts dicht an dicht auf dem Boden oder gegen die Wände gelehnt. Vielleicht fällt es nicht sehr schwer sich vorzustellen, wie es da manchmal zuging und was da alles passieren konnte, wenn nachts im Dunkeln einer das Klosett aufsuchen musste, gar nicht zu sprechen von der Luft, dem Ungeziefer usw. Morgens wurden die Zellen kurze Zeit aufgeschlossen, damit Waschwasser, Besen, Schaufel, Scheuerlappen, Eimer zur Reinigung der Zelle hereingenommen werden konnte. - Man kannte natürlich die Geschichte seiner Mitgefangenen. Es gab ja nichts anderes zu tun als zu warten bis man zur Vernehmung geholt wurde. Das konnte morgens, mittags oder abends sein, heute oder morgen, vielleicht erst nach einer Woche, je nachdem man scheinbar glaubte die Nerven des Gefangenen am besten durch die Ungewissheit des Wartens zu zerrütten. Das Essen war schlecht und enthielt kaum mehr als 1000 Kalorien. Das erste freudige und zugleich schmerzliche Erlebnis war der Besuch meiner Mutter und Wilmas. Welch ein Wiedersehen, nachdem wir etwa 2 Wochen zuvor noch zusammen gewesen waren! Das Traurigste und zugleich Charakterloseste seitens der Gestapo war übrigens die Behandlung der Angehörigen, denen sie immer allerlei Hoffnungen machten, wie z.B. dass ich so in 1-2 Wochen wieder zu Hause sein würde u.ä. Scheinbar machte ihnen der Schmerz anderer noch Vergnügen. Obendrein waren diese Herren immer bestrebt, die Angehörigen auch innerlich von dem Gefangenen zu lösen, so dass jener dann völlig isoliert stand und seine Beseitigung in der Öffentlichkeit nicht viel Aufsehens machen würde. Nachts kam es dann vor, dass man - vielleicht selbst schlaflos - auf seiner Pritsche hörte, wie Gefangene im Keller infolge irgendwelcher Misshandlungen jämmerlich schrieen, eine Schauerlichkeit in mitternächtlicher Ruhe an einem solchen Platz! -

Im Konzentrationslager

Am 10.4.1943 - es war ein Sonnabend - erfuhr ich in der Frühe, dass es mittags auf Transport ginge. Im grünen Gefängnis-Auto wurde ich zum Chemnitzer Hauptbahnhof gebracht und dort in einen Gefangenen-Wagen der Reichsbahn verladen. Die Reise ging bis Plauen, wo die Gefangenen dieses Transportes im Gefängnis auf dem Schloßberg übernachteten. Sonntag früh ging es in gleicher Weise bis Hof weiter. Dort wurden wir gefesselt und wiederum im Gefängnis abgeliefert, wo wir bis zum Mittwoch blieben und mit Zerkleinern von Holz beschäftigt wurden. Wieder ging es mit der Bahn weiter und zwar bis Weiden in der Oberpfalz/Bavern. Da übernahm uns ein Polizeiauto, und ab ging es unter schärfster Bewachung und in rasender Fahrt den Böhmer Wald hinauf. Nach einiger Zeit sahen wir hoch über uns Steinbrüche, und bald rollten wir auch schon in das "Schutzhaftlager Flossenbürg" ein. Nun erst wurde man sich richtig bewusst, was geschehen war: ausgestoßen, abgetrennt von allen, die man liebte, getrennt durch Elektrischen Zaun und Maschinengewehre, durch Stacheldrahtverhau und Bluthunde und dergleichen mehr! Doch für Gefühle gibt es nun keine Zeit mehr. Schnell muss man vom Wagen herunter und in Reih und Glied antreten. Der erste Anblick. Brutale, zynische Gesichter, uns kalt musternd, der SS-Leute, daneben Gefangene in guten Zivilanzügen, die irgend eine besondere Rolle zu spielen schienen. Mit diesen Gefangenen schrieb die SS ein besonderes Schandblatt ihrer verbrecherischen Geschichte, indem sie nicht nur ihre gesinnungsmäßigen Gegner mit gemeinen Verbrechern wie Massenmörder , Zuhälter , Räuber, Hochstapler, Schieber usw. zusammensperrte, sondern diese Elemente hier in diesem Lager sogar noch zur Schaffung von "Ordnung", zur Überwachung der Arbeit usw. über die aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen Inhaftierten setzte. Wieviel edler waren sie selbst von den vorhergehenden Regierungen behandelt worden, wenn sie wirklich einmal eine geringfügige Bestrafung für Vergehen bekamen, aufgrund deren sie selbst später Leute bedenkenlos zum Tode verurteilt hätten. - Zunächst wurden wir vor das Badehaus geführt. Wir mussten außerhalb des Hauses uns völlig entkleiden. Unsere Sachen wurden in einen Sack geworfen, wir in die Duschhalle gebracht, wo wir uns gegenseitig vom Scheitel bis zur Sohle den ganzen Körper abrasieren mussten. Danach reinigte man sich gründlich durch die von der Decke herabhängenden warm und kalt regulierbaren Duschen. Es folgte eine Untersuchung durch SS-Ärzte. Dann wurden wir in einen Nebenraum getrieben. Da empfing jeder ein x-beliebiges Bündel Kleider, eigentlich ist dieser Ausdruck zu nobel, denn es waren nur alte, abgetragene, zerrissene und mit roter Farbe beschmierte Lumpen, von Hygiene oder gar Ästhetik gar keine Rede, und dann ging es zur Zugangsbaracke. Dort stopften wir Strohsäcke, nähten unsere Nummern mit den uns kennzeichnenden farbigen Winkeln auf die Sachen und bekamen die wichtigsten Kommandos eingeübt, wie z.B., Achtung Häftlinge, Mützen ab. Abendappell und Abendessen beendeten den ersten Tag im Lager. -

Der zweite Tag sollte mir dann weit mehr Erlebnisse bringen. Er begann mit unsere; Vorführung vor die politische Abteilung. Ich wurde als Einziger von den ca.25 mit mir im Lager Angekommenen dem Offizierskorps vorgeführt. Ein Frage-Antwort-Spiel begann. "Wie alt sind Sie?" - 33 Jahre. "Wie lange vollen Sie denn noch leben?" - Keine Antwort. "Na ja, Sie haben eigentlich lange genug gelebt, nichtwahr?" "Sie sind Missionar? Was haben Sie denn da gepredigt ?"-  Christus. "Wie wäre es denn, wollten Sie uns nicht mal etwas vorpredigen, vielleicht am nächsten Sonntag, so um 9 Uhr?" - Keine Antwort. "Nun denken Sie sicher, das sind hier aber schlechte Menschen, nichtwahr?" 

Etwa in dieser Weise konnte ich weiteren Hohn und Spott in zynischer und sarkastischer Art eine halbe Stunde lang über mich ergehen lassen. Schließlich berieten sie (Seite 6) was mit mir gemacht werden sollte, und endlich schmiss man mich hinaus.

Die nächste Abteilung: die Kammer. Dort wurden unsere ins Lager mitgebrachten Sachen registriert. Zwar bekam man von all dem nichts mehr zu sehen mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten. Stattdessen erging sich ein sehr junger und ebenso neugieriger Oberscharführer in der wütendsten Weise über mich. Nachdem er wohl so eine halbe Stunde vor meinem Gesicht herumgefuchtelt hatte, verabschiedete er sich von mir mit den Worten. "Ich habe nur den einen Wunsch für Dich, dass Du hier recht bald eingehst. Du sollst Steine schleppen bis zur Bewusstlosigkeit. Bilde dir nur nicht ein, dass es für Dich hier noch mal erträglich würde. Ich werde mich für Dich persönlich interessieren." - Weiter ging es zum Revier, um dort gemessen und gewogen zu werden. Wir hatten noch nicht lange dort gestanden, als 2 Berufsverbrecher, die Lieblinge der SS - wohl infolge ihrer Geistesverwandtschaft - einen politischen Gefangenen vor sich her boxten und zum Revier hineinstießen. Es waren wohl kaum 5 Minuten vergangen, als man den Unglücklichen schon tot auf einer Bahre zum Krematorium schaffte. Die Einteilung zur Arbeit und Beschäftigung im Lager beendeten den 2.Tag. -

Das Lager Flossenbürg war ein Straflager - ähnlich Mauthausen - unter den Konzentrationslagern. Es bestand damals aus vielleicht 3000 Gefangenen. Diese Zahl hielt sich zu der Zeit ungefähr auf der Höhe, da die Zahl der Abgänge, richtiger gesagt: der zu Tode Gequälten, ungefähr der der Zugänge entsprach. Die Neuangekommenen erhielten dann die Nummern der im Krematorium Verbrannten. So mag die Zahl der im Lager Umgekommenen kaum festgestellt werden können. Die Gestapo meinte nur kühl, die Sterblichkeitsziffer entspräche ungefähr der an der Front Stehende. Die Wohnbaracken im Lager bestanden aus 2 Abteilungen, Block A und B. Jeder der beiden Blöcke beherbergte zwischen 200 und 400 Häftlinge. Für diese stand je ein gemeinsamer Schlafraum, Waschraum und Wohnraum und eine Abortanlage zur Verfügung. Platz boten diese Räumlichkeiten eigentlich nur für höchstens 100 Personen. Später füllten sich diese Lager noch mehr auf, so dass die 3-etagigen Betten im Schlafraum 3-5 Mann in jeder Etage aufnehmen mussten. - Morgens etwa 1/4 nach 4 Uhr schrie einer der Verbrecher, die auch auf den Blöcken das Regiment führten, - "Raus!" Blitzschnell war alles aus den Betten, um so rasch und so gut wie möglich das Bett zu bauen, wobei man kaum Platz genug hatte, sich frei genug dafür zu bewegen, da die Überbelegung der Räume verursachte, dass einer dem anderen im Wege stand. Dann eilte man in den Waschraum, um nach manchen erhaltenen Stößen und Knüffen, infolge des Gedränges und der verhältnismäßig wenigen Wasserhähne, sich waschen und endlich im Aufenthaltsraum sich ankleiden zu können. In langer Schlangenreihe steht man dann an, um seine erste Tagesmahlzeit in Empfang zu nehmen: 1 ltr. kaffeeähnliches Getränk oder 1 ltr. dünne Suppe. Schnell ist die Flüssigkeit runtergeschlürft.Man reinigt sein Geschirr und wird hinausgetrieben, weil der Wohnblock sofort gereinigt werden muss. Je nach den Witterungsverhältnissen konnte man somit schon vor Arbeitsbeginn durchnässt oder durchfroren sein. Glücklich deshalb derjenige, der einmal die Gelegenheit erhielt, dem Zimmerdienst zugeteilt zu werden. Er bekam manchmal etwas mehr Suppe, war bis Arbeitsbeginn im Trocknen und fand mitunter mal ein Stück weggeworfenes Papier, von dem er vielleicht noch ein bisschen Fett oder Kunsthonig abschlecken konnte. Sobald bestimmte Pfiffe durch das Lager gellten, formierte sich alles zum Marsch auf den Appell-Platz. Militärisch ausgerichtet, im 4-Eck kolonnenmäßig aufgestellt, erfolgten die Meldungen der Blockältesten, Schreiber und Blockführer über den Lagerbestand an Häftlingen. Das Kommando. "Ausrücken zum Steinbruch" bringt eine Umgruppierung, und in langen Kolonnen geht es in 5er Reihen zum Lager hinaus, vorbei an der SS, wo es Fußtritte und Prügel setzte, wenn jemand nicht genau in Reih und Glied, im gleichen Takt marschierte oder seine Kleidung nicht ordnungsgemäß war. Vorbei ging es an den uns mit lautem Gejaul empfangenden Schäfer- und Bluthunden, die manchmal nur mit großer Mühe vor uns zurückgehalten werden konnten, zu den 4 Steinbrüchen. Als Zugang kam ich natürlich - und erst recht ich - zum Steintransport des Steinbruches 1, der Abteilung härtester Arbeit. Auch hier überall, wo das Auge hinschaut, haben die Verbrecher die sogenannten "Capo-Stellen" inne. Meist wurden Loren, zwischendurch auch Lastautos, mit Steinen von etwa 1/2 bis zu 3 Ztr. Gewicht beladen. Dies ging unter ständigem Antreiben, Schlägen mit Knüppeln und Fußtritten seitens der "Grünen" vor sich. (Die Verbrecher trugen zu ihrer Kennzeichnung einen grünen Winkel an ihrer Kleidung). Waren die Loren beladen, so wurden sie im Laufschritt 400 - 500 m weit, teils auf ansteigendem Gelände fortgefahren, entladen, im Laufschritt zurückgebracht, wieder eiligst beladen, im Laufschritt fort usw. Etwa gegen 10 Uhr erhielt man - anfangs noch - 2 gute Scheiben Brot mit Margarine oder Wurst, wofür man 5 Minuten Frühstückspause hatte. Und weiter ging die Arbeit im raschen Tempo. Zu 12 Uhr wurde das Essen in den Steinbruch gebracht. Wieder wartete man - und zwar in noch längeren Reihen auf seinen ltr. Essen, meist nur ein in Wasser gekochtes Kraut, oder Steckrüben. Letztere haben wir den vorletzten Winter 8 Monate lang Tag für Tag bekommen. Mitunter war etwas Fleisch oder Gräupchen oder Kartoffeln darin. Andererseits aber verlängerte man das Essen auf die Weise, dass es zu ungefähr einem drittel aus Kartoffelschalen bestand. Immerhin gab es 3/4 Std. Ruhe zum Verzehren der Mahlzeit. Man saß dabei auf den Steinen und hatte den Blick auf die schöne Umgebung jenseits der Brüche gerichtet. Anschließend ging es im üblichen Arbeitstempo weiter, bis es etwa um 6 Uhr Feierabend war. -

Wie oft habe ich früher als Junge von den Fron- und Sklaven-Diensten gelesen und gehört. Ich ahnte damals nicht, dass ich eines Tages die Illustration dessen, ja vielleicht mehr noch als das - und dies noch dazu in meinem mir so lieb gewesenen Vaterlande - kennen lernen sollte. So ein Steintransport von den oberen Felsen aus betrachtet, bot etwa folgendes Bild: Da zogen und schoben arme, abgemagerte Menschen Karren oder Loren, die schwer mit Steinen beladen waren, dahinter ein Berufsverbrecher oder SS-Mann mit einem Knüppel, von dem Gebrauch gemacht wurde, sobald die Gefangenen innehielten. Welch zahme Tiere sind Bestien gegen solche entmenschten Kreaturen, die die armen, vor Erschöpfung und Entkräftung nicht weiter könnenden, sich verschnaufenden Gefangenen mit Knüppeln, Peitschen und Fußtritten bearbeiteten, sie obendrein noch dann und wann zu planmäßigen Bestrafungen der SS-Lagerleitung meldeten, die ohnehin schon die Gefangenen mit Feldstechern aus verborgen Plätzen heraus beobachtete und abends wegen angeblicher Arbeits-Sabotage, Faulheit usw. bestrafte. -

Die Sirene ertönt. Alles strömt zum Sammelplatz. Im Gleichschritt, die im Laufe des Tages zu Tode Gekommenen mittragend, geht es zum Appell-Platz. Militärische Kommandos nach den erfolgten Meldungen, dann folgt die Bestrafung oftmals vollkommen Ahnungsloser wegen Faulheit, Sabotage, Diebstahls, Rauchens während der Arbeit oder anderem. Ein SS-Offizier verkündet das Urteil: 25, 50 oder gar 100 Stockhiebe. Er lässt ein halbes Dutzend Berufsverbrecher vortreten, schärft ihnen ein, die Schläge aus Leibeskräften auszuteilen, wenn sie nicht selbst mit drankommen wollten. Ein Bock wird vorgezogen; die Grünen werfen ihr Opfer darüber und indem sie sich abwechseln, damit die Schläge kraftvoll genug bleiben, verabreichen sie unter fortgesetzter Ermunterung durch die SS-Offiziere dem Verurteilten die festgesetzten Stockschläge. Hierbei waren ernstere Verletzungen wie Durchschlagen des Rückgrats, Abschlagen der Nieren oder Loslösung von Fleischteilen keine Seltenheit. Dies alles geschah vor versammelter Mannschaft. War die Verfehlung nach Auffassung der SS strengerer Bewertung nötig, so folgte beispielsweise die Verurteilung zu einem Jahr Strafkompanie. Diese Kolonne marschierte bereits 2 Stunden vor den anderen zu ihrem ca. 10 - 12 km entfernt liegenden Arbeitsplatz: Anlegung eines Goldfischteiches für einen SS-Offizier, Urbarmachung von Sumpfgelände und ähnliche Arbeiten. Diese Leute erhielten kein Frühstücksbrot, und auf dem Heimwege hatten sie etwa 2 km vor dem Lager aus einem Steinbruch jeder einen etwa 1 Ztr. schweren Stein den die letzten 200 m noch ansteigenden Weg zum Lager hinaufzutragen. Was das heißt, kann nur derjenige voll und ganz ermessen, der einmal diesen Weg und diese Arbeit bei der vollkommen unzureichenden Ernährung auszuführen hatte. Allein der Marsch - Hin- und Rückweg: 4 Stunden - in jenen fürchterlichen, schweren, klobigen und schlechten Holzschuhen war schon ein Martyrium. So wankten die Gefangenen dann erschöpft zum Lager hinein. Außerdem war ihnen jeglicher Postverkehr und andere Vergünstigungen untersagt. - Im Anschluss an den Appell konnte man verbrauchte Kleidung und Schuhe tauschen. War dies jedoch nach Ansicht der auch hierin maßgeblichen "Grünen" noch selbstausbesserungsfähig, flog der Gefangene mit Schwung zur Kammer hinaus. War es - nach ihrer Meinung - zu sehr zerschlissen, bestand die Gefahr, dass man der absichtlichen Zerstörung beschuldigt und der SS gemeldet wurde. Auch konnte man bei Verletzungen oder in Krankheitsfällen zur Behandlung ins Revier gehen. Doch zog ich persönlich es vor, mit einem gebrochenen Finger und beiden zur gleichen Zeit verstauchten Füßen lieber hinaus in den Steinbruch zu humpeln, als mich des äußerst ungewissen Ausganges einer solchen Revier-Behandlung zu überlassen. Für einen "Neuen", der über keinerlei Verbindungen im Lager verfügte, war es noch äußerst günstig - wie ich von einem Buchenwalder Kameraden her wusste - in die Hände eines Häftlings-Arztes zu geraten, der in seinem früheren Beruf vielleicht Bäcker oder Metzger war, und nun schließlich im Laufe der Zeit auch eine Blinddarmoperation oder dergleichen auszuführen verstand, anstatt in die Hände eines SS-Arztes zu fallen, der zuweilen seine Studien an irgendwelchen Organen des Häftlings betrieb. Im Lager zu erkranken war einfach eine Katastrophe. 

Hatte sich jedoch beim Appell ergeben, dass ein Häftling fehlte, so kommandierte der diensttuende SS-Offizier. "Das Lager steht." Man stelle sich nun vor: Die nach Tausenden zählenden Menschen kommen nach harter Arbeit, bei grimmiger Kälte durchfroren, hungrig und müde aus den Steinbrüchen zurück und haben nun entblößtem Hauptes und womöglich barfüssig zu stehen, zu stehen ohne einmal wegtreten zu dürfen, bis der Fehlende gefunden ist oder bis - na ja, bis es den Herren von der SS einfiel, die Gefangenen wegtreten zu lassen. In einigen Lagern kam es vor, dass das jedoch erst nach 70 Stunden geschah. Was die Folgen davon waren, braucht wohl nicht erst extra berichtet zu werden, oder etwa doch? Die Toten wurden vorn hingelegt. Wer auf die Weise durch Erfrierungen zum Krüppel wurde, kam ins Revier und wurde später wieder in den Steinbruch zur Arbeit geschickt. Der Zweck war erreicht. Jedenfalls wusste die SS wohl, dass die von ihr bewachten Gefangenen anständiger waren als sie selbst. Kam jemand in Verzweiflung, so lief er eben lieber in die Postenkette, um durch eine Salve seinem Leben ein Ende bereiten zu lassen, als durch seine Flucht das Leben hunderter seiner Mitgefangenen zu gefährden. Infolgedessen waren Fluchtversuche verhältnismäßig selten. Außerdem hatte man wenig Chancen sich durch Flucht seine Freiheit zu verschaffen. Die Meisten wurden doch wieder eingefangen. Alle Gendarmerie-Stationen wurden ja benachrichtigt. Die SS kämmte mit ihren Hunden die ganze Umgebung durch, und außerdem war der Flüchtling ja durch seine Kleidung und durch die Verschimpfierung seiner Frisur sofort erkenntlich. Solch Flüchtling bot einen bejammernswerten Anblick, wenn er ins Lager zurückkehrte. Zuweilen war er so zugerichtet, dass er nur noch wie ein Hund ins Lager hereinkriechen konnte. 

War der Appell zu Ende und man vor seiner Baracke angekommen, musste man sich oft noch lange Zurechtweisungen anhören, Inventar, Kleidung usw. besser zu pflegen. Es war vielleicht ein Brotkrümel oder sonst etwas im Schrank gefunden worden. Dann bekam man endlich das Abendessen ausgeteilt. Es bestand anfangs noch aus einem Viertel Brot mit Margarine oder Wurst bzw. Käse oder Marmelade und einem ltr. Kaffee, später nur noch aus einem Sechstel Brot (1/2 Pfund) und etwas Tee, zuweilen auch 25 gr. Margarine dazu. Nach dem Essen blieb vielleicht noch eine knappe Stunde Zeit, die mit gründlicher körperlicher Reinigung, der Säuberung und Instandsetzung der Kleidung ausgefüllt war. Nicht früher und kaum viel später als das Kommando "Einsteigen" ertönte, durfte - nur mit einem Hemd bekleidet - der Schlafraum aufgesucht werden. Dauerte es den "Grünen" zu lange bis alles verschwunden war, so machten sie wieder in brutalster Weise vom Knüppel Gebrauch. Immerhin fiel man dann in einen tiefen, erquickenden Schlaf. Doch kam es öfter vor, dass man mitten in der Nacht rausgetrieben wurde, um sich auf den reinlichen Zustand seines Körpers untersuchen zu lassen. Das war etwa das normale Lager-Leben. Durch all diese Schikanen und durch schärfste Verbote, anderen zu Hilfe zu kommen, stumpfte schließlich die große Masse gegen jegliche Interessen außer denen des Essens und Trinkens zur völligen Gleichgültigkeit ab und entwickelte sich zu ausgesprochenen Egoisten. Die Berufsverbrecher, die die Ordnungsämter innehatten, führten allerdings ein anderes Leben. Ihnen fehlte es an nichts. Sie besaßen so ziemlich alles, was man überhaupt besitzen konnte. Da von ihnen sehr häufig das Wohl und Wehe eines gewöhnlichen Häftlings abhing, war fast jeder gezwungen, diesen Leuten Tribut zu zahlen, sei es durch Hergabe von Lebensmitteln oder Rauchwaren, die die Häftlinge von ihren Angehörigen geschickt bekamen, sei es durch Diebstähle irgendwelchen Inventars. Dies handelten dann die Grünen mitunter bei der SS wieder gegen Alkohol oder andere von ihnen begehrten Dinge ein. Am meisten gefürchtet war jedoch das geschickte Intrigenspiel, das die Verbrecher sowohl mit ihren Mitgefangenen wie auch mit der SS trieben. Sie waren oft unumschränkte Herrscher im Lager, vor denen sogar manchmal SS-Offiziere den Rückzug antreten mussten. In meiner Flossenbürger Zeit begegnete ich eigentlich nur 3 Menschen, die mir freundlich entgegenkamen, und das waren junge russische Offiziere. Einmal als ich - im Vergleich zu dem, was die anderen mit ihren guten Karren beförderten - die doppelte Last Zement mit der schlechtesten Karre zu schieben hatte und meine Kraft zusammenbrach, nahm einer dieser jungen Offiziere wortlos meine Karre und überließ mir seine. -

Für gewöhnlich durfte man an einem oder 2 Sonntagen im Monat schreiben. Welch schöner Moment!, ein paar Minuten lang mit seinen Angehörigen in Verbindung treten zu dürfen. Aber wie gefährlich konnten einem mitunter die wenigen Worte werden die man schreiben durfte, ließen sie allerlei Deutungen zu. Doch genug davon. - Eines Tages - man brauchte allmählich mehr und mehr Facharbeiter - wurde ich in der Elektro-Werkstatt geprüft und erhielt eine außerordentliche gute Beurteilung. Etliche Wochen danach, wurde ich anschließend an einen Zählappell mit anderen von SS-Ärzten untersucht. Es sollte ermittelt werden, in welchem Zustande die körperliche Tauglichkeit für ein Außenlager vorhanden war. Das wurde durch 5 Prädikate zum Ausdruck gebracht. Prädikat 1 - 3 wurde noch für tauglich gehalten. Die in schlechterem Zustand befindlichen Gefangenen schämte man sich scheinbar, noch der Außenwelt vor Augen zu führen. Ich erhielt das fast allerschlechteste Urteil: 4-5 und ähnelte den der Öffentlichkeit inzwischen bekannt gewordenen Bildern, auf denen man fast alle Rippen, Sehnen und Knochen der Häftlinge erkennen kannte. Es war wohl nur der Umstand, als Elektriker dringend gebraucht zu werden, wie auch die Vermittlung eines Mitgefangenen, namens August Skladal, und das Eintreten des Arbeitseinsatzführers, eines zu mir sehr anständig gewesenen SS- Unterscharführers, wodurch ich noch mit nach Neu-Rohlau bei Karlsbad zur Errichtung eines neuen Lagers geschickt wurde und wodurch ich wohl überhaupt am Leben geblieben bin. 

Am 1. Juni 1943 - es war ein wunderschöner Morgen - wanderten wir so um 5 Uhr zum Lager hinaus. Welch ein erlösendes Gefühl, diese Hölle hinter uns zu haben, und durch Felder und Wälder zu streifen. Wir waren 5 Gefangene. Darunter war auch der Innsbrucker Elektro-Ingenieur und Meister August Skladal. Dieser wurde mir dann ein so guter und treuer Kamerad. Etwa 12 SS-Leute stellten unsere Begleitung dar. Wir hatten nun eine andere Bekleidung, blau-weiß gestreifte aber neue Anzüge. In dieser Tracht waren wir der Bevölkerung, die unser ansichtig wurde, ein seltsames Rätsel. Manche hielten uns für amerikanische Fallschirmspringer. Nach längerer Bahnfahrt kamen wir von Floß über Eger abends in unserem Bestimmungsort "Neu-Rohlau" an. Hier befand sich eine Porzellan-Fabrik, die der SS gehörte. In dieser wurden weibliche Häftlinge beschäftigt. Wir wurden vorläufig auf dem Fabrikgelände untergebracht. Es waren bereits ca. 60 männliche Häftlinge von Dachau und einige hundert weibliche Häftlinge dort. Ungefähr 500 m vom Werk entfernt wurde zunächst ein Hügel planiert. Dann errichteten die Gefangenen die Baracken. Meinem Kameraden und mir oblagen Planung, Berechnung, Bestellung und Ausführung des elektrischen Teiles der Anlage. Da wir weder Tabellen noch Prüfgeräte noch sonstige Hilfsmittel zu unserer Verfügung hatten, war unsere Aufgabe schwierig genug. Bei der Durchführung dieser Aufgaben danke ich meinem Kameraden außerordentlich viel. Ich war ja schon über 10 Jahre nicht mehr praktisch als Elektriker tätig gewesen, besaß also keineswegs die reichen Erfahrungen wie er, noch seine Routine. Ich musste mich erst wieder einarbeiten. Dennoch gab es zwischen uns nie die geringste Verstimmung und gelang es den Grünen nie, uns gegenseitig auszuspielen. Ich werde diesen edlen, guten Menschen nie vergessen, der mir in jeder Weise ein guter Freund und Kamerad war. Unsere Hauptarbeiten bestanden in der Kabellegung, Baracken-Installierung, Erstellung von Freileitungen, Lagerbeleuchtung und Herstellung eines elektrischen Zaunes, sowie des davor befindlichen Drahthindernisses, Arbeiten, die uns außerordentlich gut gelangen, trotz der teils sehr schwierigen Verhältnisse. Ich will beispielsweise nur erwähnen, dass wir monatelang die Masten in jenen ungetümen Holzschuhen und stumpfen Steigeisen erstiegen. Der Stacheldraht zur Herstellung des elektrischen Zaunes und der Vorhindernisse war vergiftet. Doch wir mussten ihn mit blossen Händen verarbeiten. Die Folge war, dass wir wochenlang Geschwüre und Eiterbeulen an den Händen hatten.

Am 10.August 1943 wurde ich als Betriebselektriker in die Porzellan-Fabrik übernommen. Die äußerst abwechslungsreiche Arbeit: Neuanlagen und Reparaturen und Instandhaltung von Licht- und Kraftanlagen, der Motoren, elektroautomatisch gesteuerter Einrichtungen, Schaltschützen und Relais, Klingel-, Telefon- und Radio- Anlagen, der Kühlschränke, Heizgeräte, Akkumulatoren usw. ließ die Monate schnelle dahinfließen. War Neu-Rohlau immerhin manchmal auch streng genug und grausam, so war es doch bei weitem kein Flossenbürg mehr. Das Essen war - wenigstens anfangs besser, meine Arbeit bei weitem nicht so schwer. Vor allem gab es mitunter auch etwas Ruhe. So kam ich bald wieder zu Kräften. Besonders war es Wilmas Aufopferung bis zum Äußersten, aber auch die überaus liebevolle Fürsorge all meiner lieben Angehörigen und Freunde, die mir Pakete sandten, was unter großen Opfern und Verzichtleistungen zustande kam, die dies bewerkstelligten. Ferner danke ich einer serbischen Ärztin, auch eine Gefangene, durch ihren Einsatz die Wiedererlangung meiner Kräfte.

Abb.2:
KZ Neu-Rohlau, Zeichnung: Werner Gebhard

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Neu-Rohlau war vorwiegend ein Frauenlager und zwar ein Außenlager des großen Frauenlagers Ravensbrück in Mecklenburg. Von Zeit zu Zeit liefen grössere Frauen-Transporte ein. Die Frauen wurden in Güterwagen zu je 50-80 in einem Wagon befördert. Mitunter waren diese Transporte 2-3 Wochen unterwegs. Die ganze Zeit über durfte niemand die Wagen verlassen. Das ganze Leben spielte sich also im Wagen ab. Ich denke, auch wer diese Wagons nicht bei ihrer Ankunft sah, wird sich unschwer ein Bild machen können, was die armen Menschen für eine Fahrt hinter sich hatten. Für viele dieser Frauen und Mädchen stellte Neu-Rohlau geradezu eine Erlösung von ihrem Hauptlager dar. Dort hatten sie schwere Arbeiten wie Steine fahren usw. zu verrichten gehabt. Erschlafften ihre Glieder, passierte es zuweilen, dass man die Hunde auf sie hetzte, die sie so zurichteten, dass sie am ganzen Körper bluteten. Auch griff man dann und wann willkürlich Frauen und Mädchen zur "Operation?' heraus. So erhielten gesunde, kräftige, blühende Mädchen Serum- Einspritzungen, woraufhin sie bald abmagert und starben. Man muss einmal versuchen sich vorzustellen, was diese Armen durchmachten

beim Gedanken an den nächsten  Appell, bei welchem wieder Dutzende von "Nummern" zur "Operation" aufgerufen wurden, wie grausames sie erduldeten, wenn dann vielleicht die Nummer der Mutter oder Schwester, die der Tochter oder einer Freundin aufgerufen wurde, und sie nun wussten, es gäbe für sie kein Wiedersehen mehr !!! ---- Welch eine Schande für unsere arme und nun so unglückliche Nation - Wie berechtigt waren doch meine Warnungen. -

Doch auch hier in Neu-Rohlau gab es manches, was mich mit Abscheu erfüllte. Schon geringfügiger Verfehlungen wegen - oft aber auch völlig grundlos - sah ich diese "Elite-Truppe", die SS, wobei sich Adlige auch nicht anders verhielten, Mädchen auspeitschen, boxen, schlagen, stoßen, mit Füßen auf zu Boden Gestürzte herumtrampeln, ihnen ihre derben Stiefel in den Leib treten, ihnen die Haare abscheren, das Brot entziehen und bei grimmiger Kälte sie tagelang in ungeheizte Bunker sperren. Im Sommer stand in diesen Bunkern oft fußhoch Wasser, ohne dass ein Tisch, Stuhl oder Bett darin war. -

Abb.3:
KZ Neu-Rohlau: Schaltungsmast E-Zaun
Zeichnung: Werner Gebhard

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Dann gab es jene Kollektiv-Strafen. Wie oft haben an die 1000 Mädel nach 10 ständiger schwerer Arbeit die ganze Nacht - in Reih und Glied aufgestellt - zu- bringen müssen und ohne dass sie etwas zu essen bekommen hätten morgens wieder an ihre Arbeit müssen. All dies machte man mit all diesen Frauen, weil vielleicht ein einziges Mädel sein Bett nicht ordentlich gemacht hatte oder dergleichen. Viele edle Menschen trugen auf die Weise schwerste Schädigungen für immer davon. Sank ein Mädchen - und das war ja fast täglich der Fall - in den warmen, sauer stoffarmen Räumen der Porzellan-Fabrik ohnmächtig um, konnten die SS-Aufseherinnen höhnisch darüber lachen: "Die kommt schon wieder zu sich" oder auch: "die mag da verrecken." Wenn es uns auch strengstens verboten war, nur einen Blick mit den Gefangenen anderen Geschlechts zu wechseln, geschweige denn ein Wort mit ihnen zu sprechen, so kümmerte ich mich - angesichts solcher Zustände - nicht viel darum. Noch heute bin ich dankbar, dass ich Gelegenheit hatte das Los Eini ger doch etwas zu mildern, indem ich sie mit Medizin versorgte und infolge meiner Tätigkeit in der Werkstatt, ihnen Gummi, Leder, Nägel usw. beschaffen konnte. Ich empfinde es dankbar das Los jener Armen haben teilen zu dürfen und auf die Weise ein wenig Ermutigung und Hilfe bringen konnte. 
Wie oft bei meinen verschiedenen Reparatur-Arbeiten da und dort im Betrieb sprachen wir auch über all die uns bewegenden Fragen, wobei ich auch etwas polnisch lernte. Einige immer wiederkehrende Sätze waren: Co slychac nowego? (Was gibt's Neues) Kiedy wrócimy do domu? (Wann gehen wir nach Hause) Nie dlugo wiencej, mislem dwa albo trzy mie sionce jescze. (Nicht lange mehr, ich denke in 2-3 Wochen) Niech Pani nie traci nadzieje, Czlowiek mysli a Pan Bog kieruje. (Verlieren Sie nicht den Mut, der Mensch denkt, doch Gott lenkt) Ufajmy w tego od ktorego wzystko zalezne. (Ver trauen wir Dem, von dem alles abhängt).

Die weiblichen Gefangenen waren ebenfalls verschiedener Nationalität und Qualität. Während die deutschen Frauen meist durch leichtsinniges Handeln ins Lager gekommen waren, so waren unter hauptsächlich den Polinnen äußerst charaktervolle Menschen, die aus Liebe zu ihrer Nation dieses Los - und zwar voller Würde - hinnahmen. Dann gab es auch solche, die von ihrem Besitz vertrieben worden waren oder als Kinder erschossener Eltern hierher geschafft worden waren. Viele unter ihnen waren auch nach Deutschland Verschleppte, die, vom Heimweh überwältigt, nach Hause laufen wollten und einfach ihre Arbeit verließen. Meist wurden sie an den Grenzen aufgegriffen und ins Lager geschickt. Die Jugoslawinnen waren meist Geiseln, weil die Väter oder Brüder in Titos Armee kämpften. Wenn zwar das Leben in der Porzellan-Fabrik auch gerade keine besondere Erleichterung gegenüber dem Lagerleben darstellte, so gab es doch immerhin dort einige anständige Zivilisten, die uns erzählten, was draußen vor sich ging.

 

Die Wiedergewinnung der Freiheit

Je näher die Front rückte und je lauter der Kanonendonner wurde, desto feiger wurde ein Teil der SS, um so brutaler ein anderer. Drohungen "uns alle vorher noch umzulegen" waren keine Seltenheit. Um so öfter berieten mein Kamerad Gustl und ich, wie wir dies vereiteln könnten und dem anständigen Teil der Gefangenen zu helfen wäre. Ich hatte einer Gruppe von etwa 25 polnischen Frauen und Mädels meine Hilfe zugesagt. Da wurden unerwartet am 18. April 1945 abends nach der Arbeit 1400 weibliche und etwa 80 männliche Häftlinge abtransportiert. Die Direktion des Werkes drängte darauf, sie, die ihnen bisher so nützlich waren, nun los zu werden, wohl in der Befürchtung, es könnte eines Tages auch über sie die Vergeltung hereinbrechen. Etwa 17 Männer, darunter mein Kamerad und ich und 250 weibliche Häftlinge, Deutsche und Polinnen, blieben zurück. Jene Abmarschierenden wanderten ungefähr 3-4 Stunden weit zu einem kleinen Bahnhof hinter Karlsbad. Dort wurden sie zu je 120 Personen in Güterwagen verladen, von wo sie nach Dachau in die Gaskammern geschafft werden sollten. Glücklicherweise hatten Flieger die Bahngleise bereits so gründlich zerstört, dass alle nach 4tägigem Warten auf dem Bahnhofsgelände wieder ausgeladen und zu Fuß in Marsch gesetzt wurden. Sie erreichten übrigens ihr Ziel nicht mehr. Etwa eine Woche zuvor waren auf dem Bahnhof Neu-Rohlau einige Transporte mit Gefangenen angekommen, die aus mehr nördlicheren Lagern stammten und geräumt worden waren. Diese Menschen lagen tagelang ohne Verpflegung herum. Außer dem Hunger herrschte unter ihnen Typhus, was in kurzer Zeit über 100 Tote kostete. Auch diese Transporte waren in jener Nacht aufgebrochen unter Zurücklassung von weiteren 12 oder 13 Toten oder solchen, die in den letzten Zügen lagen. Wir nahmen sie ins Lager hinauf, wo sie wie die ersteren, nachdem die SS ihnen nochmals Schüsse durch die Schläfen gegeben hatte , beerdigt wurden. Verbrannt konnten sie nicht mehr werden, da es für diese Zwecke keine Kohle mehr gab. -

Unser eigenes Los schien noch ungewiss. Doch zeigte es sich allmählich, dass man uns auch loswerden wollte. Der Kommandoführer des Lagers, Sturmscharführer Bock, ein zeitweilig sehr brutal handelnder, unentschlossener, eingebildeter und feiger Mensch, gab vor, dass es keine Verpflegung mehr für die Gefangenen gäbe. Aus einem solchen Grunde das Lager räumen, ist nur so zu verstehen, dass man die Ernährungsfrage wohl so zu lösen gedachte, uns andernorts kurzer Hand umzubringen. 

Aber auch der Kanonendonner der Amerikaner sprach wohl eine zu eindringliche Sprache. Mein Freund und ich hatten stundenlang mit der Direktion und Betriebsleitung des Werkes versucht zu erreichen, dass man einen weiteren Transport verhindern möge, denn ohne ausreichende Lebensmittel 500-600 km , noch dazu nur zur Vernichtung nach Dachau zu marschieren, war doch nur eine Wahnsinnstat oder ein Amoklauf. Doch dies erwirkte nur eilte Verzögerung des ganzen Unternehmens. Am Sonntag, dem 22. April 1945 startete schließlich auch dies Unternehmen. U.a. hatte ich auch dem Direktor die Frage vorgelegt, was er für eine Haltung einnehmen würde, wenn vom Transport abhanden kommende Häftlinge nach Neu-Rohlau zurückkehren würden. Er beantwortete sie mit den Worten. "Da oben steht das Lager." Konnte ich mich auch durchaus nicht 100%ig auf sein Wort verlassen, so war es immerhin keine direkt feindselige Haltung, und ich verstand auch daraus, was er ja nicht direkt sagen durfte oder konnte. Ich besprach mit einigen der polnischen Mädchen nochmals die Möglichkeiten und Einzelheiten der Flucht, wie sie unterwegs vonstatten gehen sollte. Als ich mich dann kurze Zeit auf mein Lager zurückzog, um mich auf den evtl. letzten Schritt in meinem Leben vorzubereiten, hörte ich die polnischen Mädchen - wohl von ähnlichen Gedanken bewegt - einen Choral singen und ein gemeinsames Gebet sprechen. Ein ernstes, sittliches und mutiges Bekenntnis angesichts so vieler ganz anders Denkender! -

Da kam uns ein günstiger Umstand zu Hilfe. Der Abmarsch verzögerte sich, da das Lebensmittelmagazin verladen wurde, was wohl das Interesse der SS reichlich in Anspruch nahm. Jedenfalls befand sich kein SS-Mann in unserer Nähe, und es begann dunkel zu werden. Das war die Gelegenheit, die genutzt werden musste. Rasch hinter unserer Baracke an einer von der SS-Wache nicht zu übersehenden Stelle durchschnitt mein Kamerad den elektrischen Zaun, während ich die Drähte zurückbog. Gerade uns gegenüber befand sich der Hundezwinger, aber was kümmerte uns schon das sofortige Anschlagen der Hunde. Die SS war scheinbar viel zu sehr mit sich und den Lebensmitteln beschäftigt. Ich eilte dann zu einer der Frauenbaracken hinüber und berichtete, welches nun die Situation war und was zu geschehen habe, nämlich in kleinen Abständen einzeln oder zu zweit mir zu folgen. Ein paar Rucksäcke greifend und 2 Mädeln, Maria und Irene, die ich im Laufe der Zeit als sehr wertvolle Menschen kennen gelernt hatte durchs Fenster hinaushelfend, sie dann hinter unserer Baracke durch den Zaun lassend, gelangten wir ins Freie. Zunächst ging es schnell eine Talsenke hinab, später mussten wir dann einen Hügel hinauf und erreichten einen kleinen Wald. Die anderen männlichen Häftlinge, die unser Tun beobachtet hatten, waren nun schon vor uns, andere Frauen folgten hinter uns. Die meisten verschwanden sofort im Walde. Mein Kamerad, der immer so mutig gewesen war, blieb am Waldesrande stehen, um den nachkommenden die günstigste Richtung zu zeigen. Ich brachte jene beiden Mädels ein Stück weit in den Wald und ließ sie sich dort niedersetzen, ein bissel auszuruhen. Ich selbst lief zurück, um nicht die Verbindung zu meinem Freunde zu verlieren. Ich war schon fast wieder aus dem Walde heraus, als ich aus seitlicher Richtung Rascheln und Hundegebell der uns nun scheinbar schon verfolgenden SS hörte. So musste ich schnellstens umkehren und mit meinen beiden Schützlingen eine neue Richtung einschlagen. Abseits der Wege durch dichten Wald und Schonungen, unter Vermeidung jeder Lichtung, durch sumpfiges Gelände und Geröll entkamen wir glücklich. Es war allerdings schwierig genug, ohne Kenntnis der Gegend, ohne Karte bzw. Kompass, ohne Wegweiser und bei bedecktem Himmel, ohne Weg und Steg Richtung zu halten, und fast wäre alles schief gegangen. Anfangs beschrieben wir nämlich einen riesigen Halbkreis um das Lager ohne es zu ahnen. Aber dann - nach vielleicht 3-4stündigem Lauf, wie schwierig und anstrengend war er für meine beiden Begleiterinnen in nur selbstgefertigten Sandalen und bei schlechter Gesundheit - konnten wir uns endlich in einer Schonung niederlassen. Inzwischen hatte es zu regnen angefangen. Das war gut für unsere Flucht, denn so konnten die uns nachspürenden Hunde beim Suchen unserer Spuren nicht gut arbeiten. Gegen Morgen schneite es, und so lagen wir bald unter weißer Decke, wenn auch in die vom Lager mit- genommenen Decken gehüllt. Sobald es hell war, machte ich mich auf, um nach unseren Kameraden zu suchen, jedoch ohne Erfolg. Wir kletterten dann voller Freiheitswonne in einigen Felsen herum und erfreuten uns der herrlichen Sonnenstrahlen und der wunderschönen Ausblicke, die wir von dort haben konnten. Schließlich fanden wir eine in der Nähe eines Steinbruches errichtete Holzbude, in der wir uns häuslich niederließen. Wir bauten einen kleinen Herd aus den vielen Steinen, die umherlagen, machten ein Holzreisig-Feuer, hängten unsere Kleider zum Trocknen auf und konnten uns selbst ein bissel aufwärmen. Unweit unserer Behausung ging ein Bächlein vorbei. So gab es Gelegenheit zum Waschen und uns auch etwas warmes Zuckerwasser herzurichten. Wir hatten ja die Tage zuvor manches an Esswaren zusammengespart. Bei guter Einteilung konnten wir somit schon einige Tage mit unserem Proviant auskommen. -

Wie wir später feststellen konnten, konnten etwa 30 aus dem Lager entkommen. Dann war wieder mal einer der uns schon seit 2 Jahren schikanierenden "Grünen" dazugekommen, der den Kommandoführer alarmierte und somit die anderen hinderte hinauszukommen. Er selbst hatte ja nichts zu fürchten, da er unter persönlichem Schutz eines hohen SS-Offiziers stand. Die SS-Wachen wurden mit ihren Hunden angesetzt und die übrigen Gefangenen wurden in Marsch gesetzt. Unser Fluchtplan sah vor, in der Nähe des Lagers abzuwarten, bis die SS abgezogen sein würde, dann zurückzukehren und im Lager das Kriegsende abzuwarten. Der erste, der zum Lager zurückkommen würde, sollte es durchsuchen und bei Feststellung gänzlicher Räumung ein weißes Tuch in den Zaun knüpfen. Dies sollte anderen anzeigen, dass sie keine Gefahr mehr fürchten brauchten. Die SS hatte uns nach vergeblicher Verfolgung - sie hatte keinen einzigen gefangen - noch eine Weile aufgelauert, war aber dann doch schließlich abgerückt. Wir waren uns sehr wohl bewusst, dass unser Plan ein nicht 100%ig sicher zum Erfolg führender war. Aber wo sollten wir hin? Es knallte viel in den Wäldern. Zur Front sich durchschlagen war ein Abenteuer, dass sehr schnell seinen Abschluss gefunden haben würde, wenn wir in SS-Stellungen gelaufen wären. Wie lange noch der Krieg dauern würde, wussten wir ebenfalls nicht. Wir konnten aber kaum länger als 5 Tage mit unserer Verpflegung rechnen, auch nicht mehr, wenn wir sehr sparsam sein würden. So erhofften wir von diesem Plan weit mehr, zumal wir ihn ja immer noch irgendwie abändern konnten, da wir auch genug Schlupfwinkel im Lager in den Rohrkanälen hatten, die wir verschließen konnten. -

Wir drei verbrachten also den ersten Tag unserer Freiheit in unserem Häuschen, da der wieder einsetzende Regen den ganzen Tag anhielt und uns nicht so schnell zur Erkundung des Lagers zurücklockte. Am Morgen des folgenden Tages wollten wir's dann vornehmen. Aber es sollte anders kommen. Bisher war es uns immer geglückt, uns den Blicken irgendwelchen Leute im Walde zu entziehen. Als ich am morgen des 2. Tages unserer Souveränität zum Bach hinuntergehen wollte, um mich zu waschen und Wasser heraufzuholen, sah ich in weiterer Entfernung einen mit einem Gewehr bewaffneten Mann, der scheinbar unsere Hütte beobachtete. Natürlich sah er mich sofort, ich trug ja auch noch mein auffälliges gestreiftes Gewand. Dennoch ging ich - scheinbar ruhig - zum Bach hinunter, wusch mich und trug das Wasser hinauf. Kurze Zeit darauf klopfte es dann an unserer Hütte, worauf dieser Mann uns dann erklärte, dass er uns zur nächsten Gendarmerie nehmen müsse. Wir machten noch ein gutes Frühstück, und er wartete auch geduldig. Dann brachen wir auf. Bald kamen wir aus dem Walde heraus, und nach kurzer Zeit begegnete uns auf der Landstraße ein junger Wehrmachtsoffizier, der von 2 Volkssturm-Männern begleitet war. Dieser hielt uns an, fragte über unser "woher und wohin" und meinte dann zu mir, man sollte uns sofort erschießen lassen. Ich erwiderte ihm, dass wir schließlich auch nur wie er und andere um unser Leben kämpften und aus diesem Grunde aus dem Lager ausgebrochen seien. Es war sowieso unsere Absicht, sobald die SS das Lager geräumt haben würde, dorthin zurückzukehren. Er befahl, uns auf die nächste Gendarmerie-Station zu schaffen, die Gestapo in Karlsbad anzurufen und uns nach dort abführen zu lassen. Das gefiel mir ganz und gar nicht, und so unterbrach ich ihn, indem ich ihn fragte, ob man bei ihm an ein Menschlichkeitsgefühl appellieren könne und bat ihn, uns zu den Behörden nach Neu-Rohlau führen zu lassen, denen wir als ordentliche, unsere Pflicht tuende Menschen bekannt seien und uns da das weitere abwarten zu lassen, anstatt uns Menschen auszuliefern, die uns gleichgültig be- und verurteilen würden. Nach einigem Widerstreben gestattete er es und fügte dann hinzu, dass er der neue Lagerkommandant sei. Ich kann nicht sagen, dass das gerade Musik für meine Ohren war, doch bekam ich etwas später heraus, dass er eigentlich nichts anderes als ein desertierter Offizier war, der sich mit einigen Dirnen in den leerstehenden Baracken herumtrieb und zum Schein seiner Daseinsberechtigung Kontrollen von Straßensperren vornahm. Nach längerer Wanderung sahen wir links voraus Neu-Rohlau, das Lager und - das weiße Tuch im Zaun ! - 

Neue Zuversicht erfüllte unsere Herzen. Wir wurden auch schon sehnlichst erwartet. Der Gustl war bereits dort. Wir vereinbarten mit dem Werk, dort weiter zu arbeiten und als Gegenleistung Verpflegung aus der Werkskantine zu erhalten. Tag für Tag kehrten nun von den Transporten Entflohene zurück - unter diesen auch ein Mädel, Marie Bieliska, das viel Edelmut und große Tapferkeit bewiesen hatte. Ihr hatte sich eine ganze Gruppe anvertraut. Weder groß noch kräftig von Gestalt, nötigte ihr Schneid und sittlicher Ernst einem einfach Bewunderung ab. Sie war eine Nichte des Oberkommandierenden der in Deutschland kämpfenden polnischen Verbände General Maczek. Sie rettete vielleicht überhaupt das Leben ihrer meisten Kameradinnen. Erst nachdem sie allen die Flucht ermöglicht hatte, machte sie sich selbst mit einigen anderen davon. Eine ihrer Kameradinnen wurde dabei auf der Flucht angeschossen. Sie schleppten diese Unglückliche mit sich fort, verbanden sie, und nachdem sie sie dennoch nicht retten konnten, weil sie inzwischen verblutete, beerdigten sie sie, ehe sie weiter an ihre eigene Rettung gingen. Wie würdevoll hatte sie sich auch den Gestapo-Häschern gegenüber benommen! Weder sie noch ihre Eltern hatten um Freilassung gefleht. Sie wollte dies auch nicht. Indem sie für ihr Vaterland arbeitete, war sie sich von Anfang an des evtl. Ausganges bewusst und bereit ihr Leben als Opfer in die Waagschale zu werfen. - 

Schließlich waren wir 73 ins Lager Zurückgekehrte. Viele kamen völlig erschöpft nach 100 - 150 km Fußmarsch an. Manch Trauriges hatten sie über die Weitergetriebenen zu erzählen, die man bald in die böhmischen Wälder gelenkt hatte, da der Vormarsch der Amerikaner die geplante Reiseroute unmöglich machte. Manche flohen, aber so manches junge blühende Mädchen hauchte sein Leben unter den Kugeln der SS aus. - 

Im Lager hatten wir nun ein verhältnismäßig gutes Leben. Arbeit gab es nicht mehr zu viel, das Essen war entschieden besser, reichlicher und geschmackvoller. Die Werkdirektion hatte wohl der Gestapo in Karlsbad über uns Mitteilung gemacht. Dort nahm man aber gar nicht mehr Stellung dazu. Es vergingen noch 2 Wochen, ehe der langersehnte Zusammenbruch unserer Unterdrücker kam, die das ganze Deutsche Volk 12 lange Jahre geknechtet hatten. 4 km von unserem Lager entfernt, durch den Ort Chodau, lief die amerikanische Sperrlinie. Kamen die Amerikaner nicht zu uns, so mussten wir eben zu ihnen. Die Generalsnichte sowie eine polnische Studentin, Sofie Gorska, und ich fuhren in einem Kraftwagen vom Werk hinüber. Wir waren den ganzen Tag unterwegs, sahen eine ganze deutsche Armee stundenlang an uns vorüber in die Gefangenschaft ziehen. Die Straßen waren mit Verwundeten übersät. Alles strebte westwärts. Wir fuhren noch nach Karlsbad, wo es toll zuging. Nach mancherlei Erlebnissen kehrten wir schließlich nach Neu-Rohlau zurück. Ich hatte den Befehl eines amerikanischen Captain in der Tasche. Durch diesen wurde der Bürgermeister von Neu-Rohlau aufgefordert, uns mit Lebensmitteln zu versehen, auch mit allen anderen an notwendigen Dingen. Für den nächsten Tag hatten wir unseren Aufbruch vom Lager geplant. Es hieß noch Beförderungsmittel, Karten und Geld zu beschaffen. Wir erhielten alles vom Werk. Ein Schriftstück, das ich in des Bürgermeisters Maschine diktierte, legitimierte uns und sorgte für freie Passage. Es verbot den Behörden unterwegs, uns in irgendeiner Weise zu belästigen und forderte sie auf, uns jegliche mögliche Hilfe zu leisten. Ich ließ das Schriftstück von der alten und neuen Ortsbehörde unterschreiben und abstempeln und war gegen 15.30 Uhr jenes denkwürdigen Tages, Donnerstag, den 10.Mai 1945, wieder zurück im Lager. Das kleine Lastauto, das mir nach langwierigem Verhandeln von der Direktion bewilligt worden war, stand nun beladen mit Lebensmitteln und Gepäckstücken fahrbereit. Nun sollten noch 32 Leute, denn soviel waren es, die sich für die Reise zusammengeschlossen hatten, darauf Platz finden. Unmöglich für den kleinen Wagen, der etwa 17 Personen fassen konnte. Ich teilte daher die Gruppe in 2 Abteilungen und schickte eine davon unter Führung meines Kameraden Gustl auf den Weg nach Neudeck. Die anderen ließ ich auf den Gepäckstücken aufsitzen. Ich nahm meinen Platz auf einem Kotflügel des Autos, ein anderer Kamerad auf dem anderen Kotflügel, und ab ging es - genau um 16 Uhr. Nach 10-15km Fahrt ließ ich Halt machen. Alles stieg herunter, und unter Führung Fräulein Bieliekas ließ ich diese Gruppe in ausgemachter Richtung weitermarschieren. Das Auto kehrte um, und mit ihm holten wir die anderen nach, fuhren dann mit ihnen etwa 10-15 km voraus, ließen sie dann wieder zu Fuß weitergehen, um die nun hinter uns Kommenden abzuholen. So kamen wir hin und herpendelnd abends - schon im Dunkel - in Rautenkranz, der dichtgelegensten Stelle zu unserem Ziel "Plauen" an der amerikanischen Sperre an. Wir luden das Auto ab und schickten es zurück. Bald hatten wir einen günstigen Rastplatz am Waldesrand gefunden, entfachten ein Lagerfeuer und saßen eine kleine Zeit still beieinander. Jeder war wohl mit sich selbst, seiner neuen Lage, seinen Angehörigen und seiner sich nun erst richtig bewusst werdenden Freiheit beschäftigt. Von irgendwoher tönte, auf einer Mundharmonika gespielt, das Lied herüber "Lustig ist das Zigeunerleben ...". Wir Männer teilten uns in die Wache, und dann schlief man rasch ein. -

Ein neuer Tag begann. An der amerikanischen Sperre suchten wir zunächst zwecks Übernahme nach dem amerikanischen Kommandanten. Jedoch da gab es viel zu tun, so dass wir zu warten hatten. Infolgedessen entschloss ich mich, zuerst mal die nicht allzu weit entfernt wohnenden Freunde aufzusuchen. 1 1/2 Stunde Fußmarsch quer durch den Wald, und ich war in Neuheide bei Normanns. Es schien mir wie ein Traum, nach so langer Zeit, so vielem schweren, schaurigen wieder unter alten Freunden sitzen zu dürfen. Minnel und Marthel kamen dann auch sogleich. Eine Stunde darauf ging es weiter noch zu Petzolds nach Stützengrün, wo auch Karl und Emma Müller waren. Welch eine Freude des Wiedersehens! Noch am gleichen Tage radelte ich nach Zschorlau und Aue, wo ich Wilma überraschte. Es war fast zu viel, das alles an einem einzigen Tage zu verdauen. Es war kaum zu fassen, tatsächlich wieder beieinander sitzen zu dürfen. Welch ein wohliges Gefühl, nach 2 1/4 Jahren einmal wieder in einem anständigen Bett zu schlafen! Den andern Morgen führte mich das Rad wieder zu meinen Freunden im Walde. Ich blieb bis zum Sonntag bei ihnen. Mittags bekamen wir dann von den Amerikanern ein Lastauto, und um 14 Uhr nahm ich an diesem 13. Mai Abschied von 31 guten Freunden, die in Richtung Flauen fuhren, während ich ins Erzgebirge zurückkehrte. In den folgenden Tagen sah ich dann alle Freunde im Erzgebirge und Vogtland wieder. -

Die vielen Aufforderungen der örtlichen Behörden jener Gegend an die erst während des Kriegs zugezogene Bevölkerung der Lebensmittelknappheit wegen das Gebiet zu verlassen wie auch die Ungewissheit über den Verbleib meiner Angehörigen, bestimmten mich, nach Ausstellung eines Passierscheins abzureisen. In Werda auf dem Wege nach Süden und Westen hatte ich meine erste Versammlung nach langer, langer Zeit. Ich vermag kaum zu sagen, wie sehr sie mich bewegte. -

Ich möchte diese Zeilen nicht beenden, ohne noch eine kleine Begebenheit - besonderer Gründe halber - zu erwähnen. Den polnischen Teil meiner Leidensgefährten traf ich noch 3 mal in Ölsnitz wieder, ehe ich Sachsen verließ. Es ging ihnen gut, und wir freuten uns, einander wiederzusehen. Ich stellte fest, dass die Mädels noch immer ihre zuletzt im Lager empfangenen, wenn auch inzwischen nett hergerichteten Kleider trugen. Ich fragte einen der mir so wertvoll gewordenen Menschen, jene Maria Mielniczuk, ob sie denn noch nicht etwas anderes hatten bekommen können. Sie antwortete schlicht und einfach: "Ich möchte den Leuten hier nicht das Wenige noch nehmen, was ihnen verblieb. Ich kann warten, bis ich wieder das habe, was mir dann gehört." Dies war die Haltung eines jungen Mädchen unserem Volke gegenüber, nachdem ihm folgendes zuvor von unserem Volke geschehen war: Sie war Polin, hatte sich in einer sehr guten Stellung befunden. Die Eltern hatten ein größeres Gut besessen. Man hatte ihnen das fortgenommen. Vater und Mutter und ihre 6 Brüder hatte man wie sie selbst ins Konzentrationslager gebracht. Seitdem hatte sie nichts mehr über den Verbleib ihrer Angehörigen gehört. Ihr selbst hatte man die schönsten Jahre ihrer Jugend - 5 lange Jahre - geraubt, sie oft unmenschlich behandelt, sie auch all ihrer Habe beraubt und gesundheitlich geschädigt. Welch ein edles Verhalten der Nation gegenüber, von der ihr so viel Leid bereitet wurde! - Welch ein erhabener Charakter! - 

Ich beende diese Zeilen, die so viel Schreckliches bergen, welches aus den Reihen - noch dazu aus denen der Führung - unserer Nation begangen worden war, deshalb mit der Schilderung dieses kleinen Erlebnisses, ja ich sollte vielleicht sagen, mit dem Hohen Lied auf dieses junge Mädchen, um vor Augen zu führen, in welch wahnsinniger Verblendung edelste Menschen misshandelt worden sind, nur weil sie einer anderen Nation angehörten. Wie viel hat doch gerade das polnische Volk im Laufe seiner Geschichte zu erdulden gehabt! Wie viel Edles hat sich mir in vielen seiner Glieder gezeigt! Mögen deshalb unsere Augen auf das zu leistende Gute und auf das auszurottende Böse innerhalb unseres Volkes gerichtet sein. Mögen wir aber den anderen Völkern ausnahmslos jene Achtung entgegenbringen, die wir bei jenen für uns wünschen! Über allem aber möge Christus unser Leben regieren, wodurch wir befähigt sein könnten, ein friedliches, göttliches und harmonisches Leben zu führen!

aufgezeichnet 1945

Werner Gebhard





Quelle: Unveröffentlichtes Schreibmaschinen-Manuskript in Privatbesitz. Vermerk: mit freundlicher Genehmigung für PSM-Data