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Die SPD-Fraktion hatte am 22. und am
Vormittag des 23.März noch eingehend über ihre Haltung zum
Ermächtigungsgesetz beraten. Es handelte sich um die Entscheidung darüber, ob
die Fraktion überhaupt an der Sitzung teilnehmen solle. Es gab einige Kollegen,
darunter vor allem den Reichsbanner-Vorsitzenden Höltermann, die hartnäckig
die Meinung vertraten, dem Präsidenten Göring eine scharfe Entschließung zu
übermitteln und dann abzureisen. Diese Meinung fand keine Mehrheit. Otto Wels
wehrte sich ebenso wie der um viele Jahre jüngere Dr.Schumacher energisch gegen
ein Fernbleiben von der Sitzung. Die Abgeordnete aus Schleswig-Holstein, Luise
Schröder, geriet in Erregung. Sie sprang auf und forderte leidenschaftlich:
"Keiner darf fernbleiben! Ich gehe hinüber und wenn sie mich in Stücke
reißen. Man muss vor aller Welt den Nazis widersprechen und mit Nein
stimmen." Auch Clara Bohm-Schuch wandte sich zornig gegen Höltermann.
Jeder Satz der Rede, die Otto Wels halten wollte, wurde nun in reger Diskussion
abgewogen [...].
Der Zentrumsabgeordnete Joos, ein
sehr achtbarer christlicher Arbeiterführer aus Köln, nahm während unserer
Fraktionssitzung mehrmals Verbindung mit uns auf, um uns über den Verlauf der
Beratungen beim Zentrum zu unterrichten. [...]
Die Ankündigung der Kanzlerrede
hatte eine riesige Menschenmenge in Bewegung gesetzt. Agitatoren der NSDAP
peitschten sie unaufhörlich mit Zurufen an. Sprechchöre brandeten zu den
Fraktionszimmern, die teilweise im Reichstag noch benutzbar waren, hinauf, um
den Abgeordneten der bürgerlichen Mitte und der SPD begreiflich zu machen, dass
der Reichstag bewusst unter äußersten Druck gesetzt werde. "Wir wollen
das Ermächtigungsgesetz, sonst gibt's Zunder! Nieder mit den roten Schuften und
Landesverrätern!" Kein Wunder, dass die unheimliche Situation in der
SPD-Fraktion psychische Belastungen und so bei manchem die Meinung auslöste, in
die Krolloper hinüberzugehen, bedeute vielleicht Selbstmord.
So wurde der Weg vom Wallotbau zur
Krolloper zum Dornenpfad. Die Schutzpolizei hielt nur eine schmale Gasse in der
Menschenbrandung für die Abgeordneten frei. Unmittelbar vor dem Portal der
Krolloper erlebten wir die Verhaftung des ehemaligen Ministers Carl Severing.
Auf Intervention von Göring kam er wieder frei und konnte nachträglich noch
seine Neinstimme abgeben. Der ebenfalls verhaftete Abgeordnete Dr.Julius Leber
kam nicht frei.
Hitler ließ wie ein Star auf sich
warten. Die Abgeordneten zeichneten sich in die Anwesenheitsliste ein, bewitzelt
von schlaksigen SA- und SS-Führern, die aus dem ganzen Reich eingeladen waren,
um dem großen Schauspiel beizuwohnen. Die Minister und Abgeordneten der DNVP
wurden - für uns eine besonders interessante Wahrnehmung - von ihren
NSDAP-Kollegen förmlich gemieden. [...]
Hitler und sein Gefolge kamen in
Parteiuniform im Sturmschritt und mit erhobener Hand. Die Botschafter und
Gesandten der fremden Mächte und die sonstige Prominenz erwarteten ihn in den
vollgepfropften Logen stehend, während die gestiefelten Nazis die Haken
zusammenschlugen wie eine preußische Gardekompagnie. Die bürgerliche Mitte und
die SPD nahmen sichtlich betroffen und schweigend Platz. [...]
In diesem Augenblick geschah etwas
Ungewöhnliches: SA- und SS-Leute betraten in völlig unzulässiger Weise den
Raum der Abgeordneten und bildeten einen dichten Kordon um die Sitze der SPD.
Ihre gezischten Drohungen und billigen Witze verstummten erst, als Hitler mit
seiner programmatischen Rede begann. Bei jedem seiner sarkastischen Hiebe gegen
die SPD fieberten die braunen Gäste um uns und es sah mehr als einmal so aus,
als könnten sie den Zeitpunkt einer "persönlichen Abrechnung" mit
uns nicht erwarten. [...]
Die Sitzung wurde nun für die Dauer
von etwa drei Stunden unterbrochen, um den Fraktionen - im alten Reichstag -
Zeit für ihre Schlussberatungen zu lassen. Warnend, ja beschwörend kam der
Abgeordnete Joos nochmals zu uns: "Reist ab oder sagt ja, ihr seid in
Lebensgefahr!" Auch der Zentrumsabgeordnete Dr.Dessauer warnte einige
Kollegen.
Die Fraktion billigte einige
Abwesenheitsmeldungen für jüdische Kollegen aus menschlich sehr erklärbaren
Gründen. Über 20 Abgeordnete befanden sich in "Schutzhaft", so dass
die verbleibenden 94 nun die endgültige Entscheidung zu treffen hatten. Es kam
zu einem dringenden Appell jüngerer Abgeordneter, Otto Wels solle die Antwort
der SPD an Hitler an sie abgeben. Auch Dr.Schumacher war dazu bereit. Mit
klarer, zornbebender Stimme antwortete der Parteiführer: "Kein anderer als
ich hat in dieser schweren Stunde die Verpflichtung, das Nein der
Sozialdemokratie auszusprechen. Auf jede Gefahr hin werde ich es tun."
Noch einmal wurde unsere Erklärung
überprüft und nach kurzer Debatte ein Satz gestrichen, der die
verfassungswidrige Behandlung der Kommunisten enthielt. Mit Nachdruck betonten
einige Redner die schwere Mitschuld der Kommunisten an dem Zusammenbruch der
Weimarer Demokratie. In der gegebenen Situation würde eine aus
Rechtsbewusstsein bedingte Verwahrung für sie äußerst provokativ auf die
Nazis wirken und zu einem Kesseltreiben gegen die SPD-Funktionäre im ganzen
Reiche benützt werden. Wahrscheinlich würde dann die Rede von Wels in einem
ungeheueren Tumult untergehen.
Am Spätnachmittag des 23.März
erhielt sofort nach Sitzungsbeginn Otto Wels unter gespanntester Aufmerksamkeit
des Hauses das Wort.
Würdevoll, äußerst beherrscht und
ohne jedes Zeichen von Furcht stand er am Rednerpult. Unser Beifall zu besonders
markanten Sätzen löste Zischen und Zwischenrufe um uns herum aus, während die
Nazi-Abgeordneten sich überraschend ruhig verhielten. Göring winkte der SA
wiederholt unwillig ab und sagte dann mit schneidender Stimme: "Die
Abrechnung ist Sache des Führers!" Hitler machte einen nervösen Eindruck,
notierte eifrig auf kleine Zettel und schüttelte mehrmals den Kopf.
Höhnisches Gelächter der Rechten
übertönte unseren Beifall und dann stürzte Hitler förmlich ans Rednerpult:
"Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!" Und nun folgte eine Flut von
böswilligen Behauptungen und Anklagen gegen die Sozialdemokratie, unter
völliger Missdeutung politischer und geschichtlicher Fakten. Zwischenrufe aus
den Reihen der SPD mischten sich mit Heil- und Bravo-Rufen der Rechten. Göring
zu uns gewandt: "Ruhe! Jetzt rechnet der Führer ab!" Die bürgerliche
Mitte verhielt sich schweigend.
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