| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich | [P|S|M] |
Die Katastrophen-Nacht von
Bremerhaven (Wesermünde) (1) am 18.9.1944
|
von Heinrich Kloppenburg
(1888-1981),
Bremerhaven
(S. 1) Fünf ereignisschwere
Kriegsjahre hatten wir in unserem Hause Borriesstraße 16 im Stadtteil
Geestemünde bisher ohne eigenen Schaden überstanden. Zwar waren auf einige
Stadtteile Wesermündes zu verschiedenen Zeiten schon Sprengbomben abgeworfen
worden, so ein verstreuter Teppich auf Lehe, ein kleinerer auf das Viertel um
die Schillerstraße in Geestemünde, besonders aber hatte erst vor drei Monaten
die mit dem Bau von Unterseeboten beschäftigte Seebeckwerft in Geestemünde das
Ziel eines nicht ganz erfolglosen Angriffs gebildet; dennoch aber war
Wesermünde im ganzen, vor allem der Bremerhavener Kern, bisher so auffallend
verschont geblieben, daß der Volksmund ihm nicht ganz zu Unrecht den Namen
"Glückstadt" beigelegt hatte.
Doch anstatt dem
vermeintlichen Glück zu trauen, hätte es uns eine ernstliche Warnung sein
müssen, daß andere Küsten- und Hafenstädte wie Emden, Wilhelmshaven, Bremen,
Hamburg und Kiel unter ständig wiederholten Luftangriffen bereits aufs übelste
zugerichtet waren. Besonders die katastrophalen Angriffe auf Hamburg im Sommer
1943 mit ihren riesigen, alles verzehrenden Flächenbränden hätten ein
Menetekel dafür abgeben müssen, daß auch unsere Hafenstadt in ihrer
Gesamtheit über Nacht eine gleiche Heimsuchung widerfahren konnte.
Wenn nun aber die
Einwohnerschaft den Umfang der möglichen Gefahren verkannte, wäre es da nicht
Aufgabe der für die Sicherheit verantwortlichen Stellen gewesen, ihr nach den
andernorts gemachten Erfahrungen die Augen zu öffnen und ihr dringend
nahezulegen, neben einer möglichst umfassenden Evakuierung von Angehörigen
wenigstens auch alle irgendwie entbehrliche Habe in Sicherheit zu bringen, und
sei es auch nur in die Keller? Ihr offen zu sagen, daß die neueren
Angriffsmethoden der Royal-Air-Force auf völlige Inbrandsetzung ganzer Städte
zielten und daß im Falle eines solchen überraschenden Angriffs an die Bergung
nennenswerter Habe aus den Wohnungen im letzten Augenblick nicht mehr zu denken
sei. Welche unvorstellbaren Mengen an Kleidung, Wäsche und sonstigem Besitz (S.
2) hätten erhalten geblieben sein können, wenn auf solche Mahnungen hin eine
allgemeine Auslagerung aufs offene Land oder auch nur in die vom Feuer vielfach
verschont gebliebenen Kellerräume stattgefunden hätte.
Aber die Machthaber des
dritten Reiches schreckten selbst nach den entsetzlichen Hamburger Erfahrungen
davor zurück, dem Volke die Wahrheit über die Schrecken des Luftkrieges zu
sagen und überließ uns lieber weiterhin der trügerischen Auffassung, daß der
Tommy unsere Hafenstadt eine besondere Rücksichtnahme angedeihen lasse. Es gab
dafür mancherlei Gründe, wie z.B. jene scherzhafte, daß Churchills
Großmutter in Bremerhaven wohne. Es gab sogar einfältige Leute, die solchen
Unsinn für wahr nahmen. Aber auch sachlich einleuchtendere Erklärungen waren
zu hören, wie besonders der Hinweis auf das schmale, langgestreckte, von
Wasserflächen eng begrenzte Stadtbild der Unterweserstädte, daß im Nu
überflogen sei und deshalb ein schwer zu treffendes Ziel biete. Als ob es einem
angreifenden Verband nicht unbenommen gewesen wäre, die drei Städte in der
Längsrichtung mit besserer Zielwirkung zu überfliegen. Da schien der wahre
Grund für die vermeintliche Schonung schon eher in der überaus starken
Flakabwehr zu liegen, die wir in den schweren Batterien der nahen Umgebung
(Langen, Schiffdorf, Lunesiel etc.) zu besitzen glaubten.
Eine indessen noch viel
einleuchtendere Erklärung beruhte zu dieser Zeit schon auf der Annahme, daß
die Alliierten für den Fall einer beabsichtigten Landung an unserer Küste und
in Erwartung ihres sicheren Sieges darauf ausgingen, einen so günstig gelegenen
Einfuhr- und Nachschubhafen unversehrt in die Hände zu bekommen. Dieser Gedanke
lag überdies umso näher, wenn die Feindseite darauf rechnete, daß der Krieg
ein überraschendes Ende durch einen Umsturz innerhalb Deutschlands finden
könnte, wie er durch den allerdings mißglückten Anschlag auf den Führer vom
20. Juli 1944 durchaus im Bereich des Möglichen gelegen hatte. Es scheint nicht
ausgeschlossen, daß erst nach dem Fehlschlag dieser Spekulation im gegnerischen
Lager der Entschluß gefaßt wurde, nun auch Wesermünde in die Reihe der
auszuradierenden Städte mit einzubeziehen.
Immerhin sollte es noch zwei
Monate dauern, bis dieser Entschluß verwirklicht wurde. In der Zwischenzeit
verharrte die Bevölkerung in ihrer sträflichen Gelassenheit gegenüber der
aufziehenden Gefahr. Waren doch ungezählte Feindverbände bisher im Zuge ihrer
immer gesteigerten Angriffe auf das Hinterland stets über unser Gebiet
hinweggeflogen, bei welchen Gelegenheiten es zwar allemale ein grandioses
Feuerwerk der Flak abgegeben hatte, aber selten etwas passiert war, bei Nacht
schon garnichts. Was Wunder, daß wir gegen das Aufheulen der Alarmsirenen mit
der Zeit ziemlich abgestumpft (S. 3) waren. Wurden Bomberverbände im Anflug
gemeldet, so mußte schon schwerstes Flakfeuer einsetzen, ehe man sich
entschloß, den Schutzraum im Keller aufzusuchen. Handelte es sich um
Rückflieger, so blieb man trotz heftigen Flakfeuers meist unbekümmert in den
Betten liegen. Zu oft schon war man vergeblich in den Keller gelaufen. Und
sollten einmal, so ging die Überlegung, wirklich Bomben herunterkommen, so
mußten sie doch nicht gleich das ganze Haus treffen. Gesetzt den Fall aber, es
würde wider Erwarten einmal eine Brandbombe das eigene Haus entzünden, nun,
wir selbst wohnten im ersten Stock und würden, bis ein etwa nicht zum
sofortigen Ablöschen gekommener Brand sich durch drei Stockwerke über uns bis
zu uns hinunter entwickelte, schon Zeit genug finden, unsere Sachen
größtenteils zu bergen und irgendwo, wenn auch nur in den Keller, in
Sicherheit zu bringen. Wozu also sich vorher schon von den schönen Dingen
unserer Häuslichkeit trennen, die den Aufenthalt darin gegenüber dem ohnehin
stark reduzierten Lebensstandard noch erträglich machten? Das waren so unsere
Erwägungen und so mochte wohl die Mehrzahl der Bevölkerung denken. Immerhin
folgten wir eines Tages doch einer inneren Eingebung, die uns riet, auf alle
Fälle wenigstens einen Teil unserer zurzeit nicht benötigten Kleidung in
unseren Vorratskeller unterzubringen, wie auch einige Wertobjekte und vor allem
Dokumente. Die Absicht, auch von meiner umfangreichen Bibliothek den
wertvollsten Teil in Sicherheit zu bringen, ließ ich leider fallen, nachdem ein
Buchhändler meine Befürchtung, die Bücher möchten in der Kellerluft
aufquellen, bestätigt hatte, selbst für den Fall, daß ich sie in Kisten
eingepreßt verpacken würde.
In den Tagen, die der
Katastrophe vorangingen, glaubte man umso eher, von einer Vernichtung der Stadt
verschont zu bleiben, weil unsere militärische Führung damit zu rechnen
schien, daß der Feind tatsächlich die Absicht habe, sich in den Besitz unserer
unzerstörten Hafenanlagen und damit auch der Stadt zu setzen, zu welcher
Annahme die große Luftlandeaktion der bereits auf holländischem Boden
stehenden Engländer im Raume Arnheim Anlaß gegeben haben mochte. Darauf
deutete das am Vorabend in Verbindung mit dem schon gewohnten Fliegeralarm
erstmalig stattgefundene "Invasionstuten" jedenfalls hin. Dieses
Signal war der Bevölkerung als "Küstenalarm" angekündigt und
bestand aus einem halbstündigem Tuten aller Dampfpfeifen der Werften und
größeren Betriebe, untermischt mit dem tiefen Brummen des im Hafen liegenden
Mammutschiffes "Europa" in kurzen Intervallen. Sein Zweck war, die
gesamte Garnison gegen eine drohende Landung in Abwehrbereitschaft zu bringen.
Dieser erstmalige Küstenalarm erwies sich jedoch als unbegründet und war am
nächsten Tage vergessen.
(S. 4) Dieser nächste Tag,
der für das Schicksal Wesermündes so entscheidende 18. September 1944, war ein
strahlend schöner und warmer Spätsommertag, so recht geeignet, alles
kriegerische Geschehen vergessen zu machen, wäre nicht schon am Vormittag von
10 bis 11 Uhr Vollalarmzustand gewesen. Für die Rüstungsbetriebe bedeuteten
diese täglichen, in ihrer Dauer sich immer steigernden Alarme einen
empfindlichen Arbeitsausfall. Bis vor drei Monaten noch hatte die über 3000
Mann zählende Belegschaft der Seebeckwerft im Alarmfall bei geschlossenen Toren
auf der Werft zu verbleiben und in den dort vorhandenen, nur unzureichend
sicheren Luftschutzräumen Deckung suchen müssen. Seit aber am 24. Juni diesen
Jahres um die Mittagszeit ein kleiner Verband überraschend die Werft
angegriffen, das Verwaltungsgebäude, die Tischlerei und Zimmerei und einige
andere Baulichkeiten zerstört und durch einen Volltreffer in einen kleinen
Bunker auch eine Anzahl Leute getötet hatte, war nun die Belegschaft bei
Vollalarm auf der Werft nicht mehr zu halten. Es mußten seither die Tore
geöffnet werden, worauf die Leute entweder in den großen, nahe der Werft
gelegenen Marinebunker oder in den öffentlichen Bunker an der Almersstraße
eilten, oder aber außerhalb der Stadt ins Freie strömten, vorzugsweise in den
Bürgerpark und darüber hinaus in Richtung Bismarckturm. Ich selbst war
neuerdings dazu übergegangen, bei Vollalarm nach Hause zu radeln, um dort für
den Ernstfall zum Schutze des Hauses und zur Beruhigung der Familie auf dem
Posten zu sein. Statt in einem der genannten Bunker stundenlang im Gedränge
unverrückbar eingekeilt herumzustehen und ohne Kenntnis der draußen sich
abspielenden Vorgänge unter quälender Langeweile und schlechter Luft zu
vergehen, war es bestimmt angenehmer, die Zeit zu Hause zu verbringen, dort am
Radio die Bewegungen der Feindverbände zu verfolgen, eine Zigarre zu genießen
und womöglich vom Balkon oder vom obersten Stockwerk aus den Bomberstrom unfern
der Stadt auf dem Hin- und Rückflug vorbeiziehen zu sehen. Unfaßlich war immer
wieder der Anblick, wenn die Verbände in gelockerten, aufeinanderfolgenden
Pulks, gleich Schwärmen riesenhafter Vögel, mit langen Kondensstreifen hinter
sich auftauchten, silbergleißend im Sonnenlicht die blauen Himmelsräume
zwischen den weißen Wolken durchmaßen, majestätisch langsam, wie es schien,
weil unendlich hoch und unerreichbar für die Flak, aber unbeirrt mit ihren
schweren, verderbenbringenden Lasten einem weitgesteckten Ziele im Binnenlande
entgegenfliegend, begleitet von einem dumpf mahlenden Rollen und Brummen ihrer
vieltausendpferdigen Motoren. Der Anblick war immer wieder aufs höchste
faszinierend und doch war er in zunehmenden Maße nicht frei von recht bitteren
Betrachtungen darüber, daß unsere eigene Luft- und Bodenabwehr allgemach
völlig versagte und den sich immer mehr steigernden Angriffen offenbar nichts
wirksames entgegenzustellen hatte. Zwar raffte sich die schwere (S. 5) Flak hin
und wieder zur Abwehr auf, jedoch sah man die Sprengwolken der krepierenden
Geschosse meist zu niedrig liegen und keine Wirkung haben. Es mußte schon ein
verirrter Rückflieger, der durch anderweitig erhaltene Treffer an Höhe
verloren hatte, in ihren Bereich geraten, um hier endgültig heruntergeholt zu
werden. Dann geschah es auch mitunter, daß wir die ausgestiegene Besatzung in
ihren Fallschirmen zur Erde herabschweben sahen.
Wie oft habe ich nicht
gedacht, wenn die Verbände auf ihrer gewohnten Bahn nur wenige Kilometer
nördlich der Stadt im Vorbeiflug waren, mein Gott, sie könnten doch plötzlich
in Richtung auf uns einschwenken und die Stadt zerschmettern, die mit ihren
ausgedehnten Hafenanlagen im hellen Sonnenlicht ihren Blicken preisgegeben war.
Aber nein, sie ließen uns ungeschoren, als stünden wir überhaupt nicht auf
Rechnung, und hielten ihre Flugrichtung unbeirrt bei, den jeweils vorbestimmten
Zielen im Binnenlande entgegen.
So verlief auch der Alarm an
diesem Vormittag ohne Zwischenfall für unser Gebiet, woraus von neuem
geschlossen werden konnte, daß die verbreitete Annahme, Wesermünde würde
absichtlich verschont, ihre sinnvolle Berechtigung hatte.
O du unbekümmerte Stadt, die
du dich in Sicherheit wiegst, wenn schon eine über alle Maßen furchtbare Macht
der Vernichtung zum Sprunge ansetzt, mit einem Schlage Tod und Verderben auf
dich niederregnen zu lassen. Wer hätte sich träumen lassen, daß um diese
Stunde nach beendetem Alarm, da die amerikanischen Tagesverbände ihr
zerstörendes Werk im Hinterlande getan hatten und wieder ausgeflogen waren,
etwa 4 - 500 Bomber der Royal-Air-Force auf den Startplätzen in England sich
sammelten, um am gleichen Abend ausgerechnet an unserer Stadt, unseren
Hafenanlagen und Werften einen Akt der Vernichtung zu vollziehen, wie er
schlimmer nicht hätte gedacht werden können. Hätte man eine Ahnung davon
besessen, wie fieberhaft würde ein Jeder die kurze, bis dahin noch beschiedene
Galgenfrist wohl benutzt haben, um Angehörige und Eigentum vorher noch so weit
wie möglich in Sicherheit zu bringen. So aber geschah nichts dergleichen und,
während das Verhängnis sich unbemerkt über unseren Köpfen zusammenzog,
gingen wir im weiteren, äußerlich so friedvollen Verlauf des Tages unseren
gewohnten, mehr oder weniger belanglosen Beschäftigungen nach.
Ich selbst radelte um 18 Uhr
nach Büroschluß zu unserem Garten an der Schiffdorfer Chaussee hinaus und
machte mich, nachdem ich tags zuvor etwa einen Zentner Birnen eingebracht hatte,
in aller Gemütsruhe an die Haupternte des von mir mit großer Hingabe
selbstgezogenen Tabaks. Ich hatte die (S. 6) Mehrzahl der wohlgeratenen Blätter
eben abgeerntet und in einen Korb getan, als um 19,35 Uhr die Sirenen aus
heiterem Himmel unvermittelt Vollalarm gaben. Rasch setzte ich mich aufs Rad und
fuhr mit dem Tabak nach Hause, in der Eile meinen Sommermantel im Garten
zurücklassend, ein Umstand, der mich wenigstens über dieses gute Stück am
nächsten Tage noch verfügen ließ. Etwa 50 feindliche Flugzeuge hatten
zwischen Helgoland und Wangerooge gekreuzt, die mittlerweile als Torpedoträger
erkannt worden waren und es wohl auf Schiffsziele abgesehen hatten. Sie waren
eine halbe Stunde später nach Westen abgeflogen.
Nach dem Abendbrot ging ich
daran, meine zahlreichen Tabakblätter, die besten der gesamten Ernte, sorgsam
auf Schnüre aufzureihen und diese unter der großen Überdachung unseres
weiträumigen Balkons zu den dort bereits vorhandenen Blättern aufzuhängen.
Bevor ich damit fertig war, brach die Dunkelheit herein und nötigte mich, zwei
übrig gebliebene Packen über Nacht vorerst an die ausgespannte Wäscheleine zu
knüpfen. Der schöne Tabak! Zweifellos hatte ich beabsichtigt, ihn in Rauch
aufgehen zu lassen, dennoch mir nicht vorgestellt, daß dies so bald schon,
seiner eigentlichen Bestimmung zuwider, ohne meine Mitwirkung geschehen würde.
Blicke ich nachträglich auf
den weiteren Verlauf des Abends zurück, so glaube ich, daß ich, wie um solche
Zeit gewöhnlich, vor dem Radiogerät saß und den Nachrichten aus aller Welt
lauschte. Im wahrsten Sinne, denn auf der Suche nach tieferer Erkenntnis nahm in
keinen Anstand, mich über das Weltgeschehen auch durch die Stimmen aus dem
Auslande, die durch den Aether mühelos erhältlich waren, zu unterrichten, ohne
für die behauptete Fluchwürdigkeit einer solchen Maßnahme ein Empfinden zu
haben. Vielleicht war ich auch gerade beim Lesen unserer Nordwestdeutschen
Zeitung, dem gleichgeschalteten Born aller Verlautbarungen Goebbels'scher
Prägung, und vertiefte mich in den letzten Durchhalte-Leitartikel des
Hauptschriftleiters Max Plewka, des unglücklichen Menschen, dessen Feder, wenn
nicht seine innere Einsicht, sich manchmal beim Abfassen solcher Artikel
gesträubt haben mag, und von dem keine weitere Zeile mehr erscheinen sollte, da
er sich unter den beklagenswerten Opfern des kommenden Angriffs befand.
Mit mir im Zimmer weilte
Gerda, die treue Lebensgefährtin, mit ihren flinken Fingern über eine
Handarbeit gebeugt, ein Bild vollendeter Friedfertigkeit. Margret, unser
zehnjähriges Nestküken, welches wir zwei Tage zuvor von Bremen, wohin sie von
uns evakuiert worden war, für die Dauer der Schulferien zurückgeholt hatten,
lag schon im Schlummer, und auch unsere Suse, die Zwanzigjährige, war an diesem
Abend früher als sonst in ihrem behaglichen Zimmer zur Ruhe gegangen.
(S. 7) Daß nun bald wieder
ein lästiger Fliegeralarm die geruhsame Stille des Abends durchbrechen würde,
lag durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen, denn so gegen 22 Uhr pflegten die
Sirenen in letzter Zeit gewöhnlich ihr Geheul zu erheben. Wir waren daher nicht
sonderlich überrascht, als schon gegen 21,30 Uhr unvermittelt Vollalarm gegeben
wurde. Dieser unterschied sich indessen in keiner Weise von den voraufgegangenen
und bot daher auch keinen besonderen Anlaß zur Beunruhigung. Das befragte Radio
meldete einen kleinen Verband nördlich Norderney, mit Kurs Südost. Wenn auch
diese Flugrichtung auf unser engeres Gebiet zielte, wollte das nicht viel
besagen. Das war schon so oft der Fall gewesen, der Einflug dann aber stets
über uns hinweg oder an uns vorbei ins Hinterland gegangen. Einen regelrechten
Nachtangriff auf die Unterweserstädte hatten wir eigentlich überhaupt noch
nicht erlebt.
Als nun aber nach wenigen
Minuten weitere Verbände gemeldet wurden und als etwa um 21,40 Uhr das Radio
ansagte, ein Verband habe von Cuxhaven aus Südkurs genommen und es drohe somit
unmittelbare Gefahr für Wesermünde, war dies für uns denn doch das Signal,
uns schleunigst für den Gang in den Keller bereitzumachen. Nun erst wurde
Margret, die wir ungern des Schlafs zu entreißen pflegten, so lange nicht
ernstliche Gefahr bestand, von Gerda geweckt und hastig angekleidet, während
die Suse sich von selbst erhoben hatte und notdürftig für den Keller
fertigmachte.
Schlaftrunken und ohne
Einsicht in die gebotene Eile verlangte Margret zunächst noch, das Klo
aufzusuchen, was die Mutter ihr duldsam gewährte, nicht recht an die
Unmittelbarkeit der Gefahr glaubend. Da saß die Kleine nun seelenruhig auf dem
Örtchen im Badezimmer und die Mutter stand abwartend dabei, während ich, mit
dem Blick auf das lieblich beleuchtete Idyll, an der Flurtür verhielt und die
Beiden ungeduldig zur Eile antrieb, denn schon hatte im Norden der Stadt die
schwere Flak begonnen, dem anfliegenden Verband ihr Sperrfeuer vorzulegen, und
die Luft widerhallte von den Detonationen.
Nun ging es Hals über Kopf
in den Keller, mit solcher Überstürzung, daß ich gar nicht mehr dazu kam,
irgendetwas mit hinunterzunehmen, vor allem nicht Suses ausgezeichneten
Kleinempfänger, ein modernes Bakelith-Gerät mit allen Wellenbereichen, das uns
sonst regelmäßig in den Keller begleitet und dort über die wechselnde
Luftlage unterrichtet hatte. Infolgedessen blieben wir für den weiteren Verlauf
des Angriffs, so lange noch Strom bestand, ohne Verbindung mit der Außenwelt.
Das letzte, was wir vernommen hatten und uns zur überstürzten Eile angespornt
hatte, war beim Verlassen der Wohnung, gegen 21,50 Uhr, aus meinem eigenen
großen Gerät der höchst alarmierende Ruf: "Achtung vor
Bombenwürfen!"
(S. 8) Im ausgebauten
Luftschutzraum des Kellers fanden sich rasch nacheinander sämtliche, zu dieser
Zeit im Hause anwesende Bewohner ein, im ganzen 14 Personen, darunter 3 Kinder.
Sogar das alte Ehepaar Plate aus dem zweiten Stock, das meist bei selbst
schwersten Flakfeuer gottergeben oben zu bleiben pflegte, erschien diesmal
aufgescheucht in unserer Mitte mit dem Schreckensruf, draußen sei es mit einem
Male taghell geworden von Leuchtbomben und es ständen auch
"Tannenbäume", wie man die von Vorausfliegern gesetzten Leuchtzeichen
zur Absteckung des Zielraumes nannte, am Himmel. Danach schien es also mit einem
Großangriff wirklich ernst zu werden, und es ist nicht zu leugnen, daß sich
darob eine gewisse Beklemmung unserer bemächtigte.
Was dann nach wenigen Minuten
folgte, ist in seinem genauen Ablauf nur schwer wiederzugeben. Zu plötzlich und
überraschend brach das alles über uns herein, um in der Erinnerung mit allen
schrecklichen Einzelheiten in geordneter Folge haften geblieben zu sein.
Zuerst nahmen unsere Sinne
eine heftige Steigerung des Flakbeschusses wahr. Wenn auch gedämpft durch die
Mauern, vernahmen wir ein ununterbrochenes Dröhnen, und, da die Geschosse der
schweren Flak nun direkt über der Stadt und in verhältnismäßig geringer
Höhe krepierten, so ließen die Detonationen zunächst den schreckhaften
Eindruck zahlreich explodierender Sprengbomben aufkommen. Aber einige
Augenblicke später sollten wir erfahren, wie wirkliche Bombeneinschläge sich
bemerkbar machen, als urplötzlich erdbebengleich der Boden unter unseren
Füßen und das Gemäuer um uns erzitterte. Das konnten in der Tat nur
Sprengbomben schweren Kalibers sein, die ganz in der Nähe gefallen sein mußten.
Welch beängstigendes und beklemmendes Gefühl, unter solchen Umständen beengt
und hilflos in einem nur unzulänglich geschützten Keller zu sitzen, das
unheimliche Rumpeln aus den Eingeweiden der Erde zu verspüren, und, da es in
raschen Wiederholungen auftritt, gewärtig zu sein, daß unter dem Einschlag
einer der nächsten Bomben das eigene Haus über einem zusammenstürzt und alles
Leben unter sich begräbt.
Die ängstliche Erregung, die
uns alle ergriffen hatte, spiegelte sich unverhohlen in den Mienen der stumm und
in gedrückter Haltung dasitzenden kleinen Gemeinde. Unter uns weilte ein
ältliches Ehepaar namens Schütze, das vor einiger Zeit in Lehe bereits
vollständig ausgebombt worden war und hier im Hause bei Seebecks im Parterre
seither Aufnahme gefunden hatte. Das bißchen an Habe, welches die beiden
inzwischen auf Fliegerschein wieder hatten beschaffen können, schleppten sie,
in einigen Pappkartons verschürt, bei jedem Alarm mit in den Keller, ängstlich
besorgt, es nicht von neuem zu verlieren. Die Frau, deren Nerven unter den
damals ausgestandenen (S. 9) Schrecken schon arg gelitten hatten, konnte die
Spannung des Augenblicks nicht mehr ertragen. Sie schlug die Hände vors Gesicht
und schluchzte qualvoll auf, damit die allgemeine Erregung noch steigernd. Wir
suchten sie zu beruhigen und sprachen ihr Mut zu, darauf bedacht, auch die
verstört aufmerkenden und nun ebenfalls dem Weinen nahen Kinder zu
beschwichtigen.
Inzwischen mischte sich in
das dumpfe Krachen der schweren Flak ein rasendes, hartes Bellen der leichten
Abwehrwaffen, ein Zeichen dafür, daß ein Verband ziemlich tief zum Angriff
übergegangen war. In der Tat hörte man jetzt vom Kellereingang her Flugzeuge
mit unheimlich pfeifenden Getöse ganz dicht über unser Haus hinwegbrausen.
Aber nicht das allein; fast gleichzeitig vernahm man eine rasche Folge von
eigentümlich klackenden Geräuschen, die offenbar von Stabbrandbomben
herrührten, die ringsum in die Dächer des eigenen und der benachbarten Häuser
einschlugen, besonders aber auch in die Pappdächer der unmittelbar hinter
unserem Hause gelegenen, nur durch einen winzigen Garten getrennten Farbenfabrik
des Schwagers Seebeck, wie auch der sich gleich jenseits der Schönianstraße
langhin erstreckenden, mit Schnittholz gefüllten Lagerschuppen der Firma Pundt
& Kohnert.
Bevor wir recht erfaßten,
was geschehen war, erschütterte von neuem der Boden unter unseren Füßen und
gleichzeitig erlosch das elektrische Licht. Was war Nacht um uns. War das Haus
über uns getroffen? Alle Gewalten der Vernichtung schienen über uns
hereinzubrechen und mit entsetzlichem Heulen, Krachen und Beben die Stunde des
Weltunterganges sich zu vollziehen. Und hier, unter der Erde, von Finsternis
umgeben, kauerten und standen wir, hilflos, verstört, kaum fähig zu begreifen,
was über uns hereinbrach.
Ich hatte eine kleine
Dynamo-Taschenlampe. Mit ihrer Hilfe eilte ich, eine im Vorraum hängende
Notlaterne hereinzuholen und anzuzünden, nicht ohne dabei wahrzunehmen, daß
meine Hände bei dem Bemühen, das brennende Streichholz mit dem Docht in
Berührung zu bringen, erheblich zitterten. Die Laterne verbreitete alsbald ein
stetiges Licht, und dieses, wie auch beruhigende Worte der Männer trugen dazu
bei, den Ausbruch einer Panik zu verhüten.
Aber auch von der
rückwärtigen Kellertreppe her begann eine eigentümliche Helligkeit in den
dahinführenden dunklen Gang einzufallen. Ein Blick die Treppe hinauf enthüllte
mir die erschreckende Tatsache, daß die Seebeck'sche Farbenfabrik, nur durch
den winzigen Garten vom Kellereingang getrennt, so hell in Flammen stand, daß
das Licht der am (S. 10) Himmel verglühenden Leuchtbomben dagegen verblaßte.
Selbst an einem im Garten stehenden Wäschepfahl züngelten Flämmchen empor.
Bestürzt eilte ich durch die Länge des Ganges zurück nach dem neben dem
Luftschutzraum befindlichen Heizungskeller, um von diesem aus einen Blick auf
die breite Borriesstraße vor dem Hause zu gewinnen. Dieser Heizungskeller hatte
ehemals Einschüttöffnungen besessen, die in Höhe des Fußsteiges später
durch gläserne Ziegel vermauert worden waren, um das Eindringen von Wasser bei
gelegentlichen Überschwemmungen der Straße zu verhindern. Durch die trüben
Glasziegel bot sich meinen Augen ein seltsam flutendes, intensives Gleißen dar,
den Eindruck vermittelnd, als flösse dort ein Strom brennenden Phosphors, eine
Vorstellung, die schreckhaft an Berichte von der Hamburger Katastrophe
erinnerte. In Wirklichkeit war es das helle, bläuliche Magnesiumlicht einer
Anzahl Stabbrandbomben, die dort auf dem Pflaster in diesem Augenblick
versprühten.
Bedrückten Herzens kehrte
ich in den Luftschutzraum zurück. Hier war inzwischen vom Kreymborg'schen
Nachbarkeller her ein Klopfen und Rufen am Mauerdurchbruch hörbar geworden.
Herr Bombach, unser Flurnachbar, war bereits dabei, die dünne Steinwand, welche
den Durchbruch provisorisch verschloß, mit der bereitliegenden Pickaxt zu
durchschlagen. Um selbst nicht untätig zu sein, nahm ich ihm die Axt aus der
Hand und beendete das Werk, hatte dann allerdings, durch einen schmalen
Nebenkeller kriechend, noch die dünne Wand eines zweiten Mauerdurchbruchs zu
durchschlagen, ehe die geängstigten Gesichter der alten Dame Kreymborg und
einiger Mitbewohner ihres Hauses im trüben Licht einer flackernden Kerze
sichtbar wurden. Das ganze Haus brenne über ihrem Kopfe, riefen sie
verzweifelt, indem sie durch die enge Öffnung schlüpften, vor allem das
Hinterhaus, eine ehemalige Tabakfabrik, die mit ihrem starken hölzernen Gebälk
und angefüllt mit leeren Kisten und Kartonnagen ein infernalisches Feuer
abgeben mußte.
Zwar standen um diese Zeit
gewiß auch schon der Dachstuhl unseres eigenen, die Kreymborg'schen
Baulichkeiten weit überragenden Hauses, wie auch diejenigen aller umliegenden
Gebäude in Flammen, da sie wohl ausnahmslos von den unvorstellbar direkt
gefallenen Brandbomben durchschlagen waren, wenn wir auch zunächst von dem sich
daraus bald entwickelnden riesigen Flächenbrand wegen der Höhe der meisten
Gebäude noch keine unmittelbare Bedrohung verspürten. Der Umstand jedoch, daß
die niedrigen Baulichkeiten der genannten Fabriken mit ihrem gierig, zum Teil
explosionsartig brennenden Inhalt, wie Benzol, Öl, Terpentin und Wachs, unser
Haus rückseitig zu fast ebener Erde mit gewaltiger Flammenwirkung umschlossen,
ferner die dahinter auf der anderen Seite der Schönianstraße liegenden (S. 11)
langgestreckten Holzlagerschuppen mit ihren geteerten Pappdächern und ihren
reichen Holzvorräten, die erst wenige Tage zuvor aus einem schwedischen Dampfer
gelöscht worden waren, bereits in ihrer ganzen Ausdehnung unter der Einwirkung
zahlreicher Brandkanister, die wie Flammenwerfer gewirkt hatten, mächtig in
Brand geraten waren, machte uns völlig kopflos.
Die erwähnten Baulichkeiten
waren von uns, wenn wir früher schon mal an die Möglichkeit eines größeren
Feuers gedacht hatten, immer als eine gefährliche Nachbarschaft beurteilt
worden. Jetzt aber übertraf die grausige Wirklichkeit bei weitem alle
bisherigen, selbst ärgsten Befürchtungen, zumal wir dabei die geradezu
entnervende Wirkung der im Umkreis gefallenden Sprengbomben, wie überhaupt das
ganze Ausmaß dieser nächtlichen Katastrophe nicht mit in Rechnung gestellt
hatten.
Wie aufgescheuchte Hühner
lief alles durcheinander und aus dem Keller und teilweise aus dem Hause. Jeder
organische Zusammenhalt der Hausgemeinschaft hatte aufgehört. So gelangte auch
ich mit meinen Angehörigen zunächst über den Hausflur in die offenstehende
Parterrewohnung des Schwagers Christian Seebeck, der seit langem mit Frau und
Kindern außerhalb der Stadt in Hahnenknoop Wohnung genommen hatte und nur
tagsüber hier anwesend war. Obwohl der Flur und das Treppenhaus, wie auch die
Wohnung von den Bränden erhellt waren, trug ich die Sturmlaterne aus dem Keller
krampfhaft mit mir herum, bis es mir schließlich einfiel, sie im Flur
abzusetzen. In der Parterrewohnung nahmen wir kaum wahr, daß die
Fensterscheiben zur Borriesstraße von dem Luftdruck der in der Nähe gefallenen
Sprengbomben zertrümmert waren. Zu sehr waren wir von den ringsum tobenden
Gewalten benommen. Einen Augenblick standen wir vor dem großen Schrank im
Abstellzimmer, den die Schwägerin uns zur Verfügung gestellt hatte und der
einen reichen Schatz uns gehörender Kleidungsstücke, Wäsche und sonstiger
Dinge enthielt. Wir hatten immer gedacht, im äußersten Notfall wenigstens
diesen Schrank noch ausräumen zu können. Jetzt kam uns kein Gedanke daran in
den Sinn. Wenn das nackte Leben auf dem Spiele steht, ist solchen Gedanken kein
Raum gegeben.
Wir irrten auf den
langgestreckten Hausflur zurück, ungeachtet, daß das an seinem Ende
befindliche große gläserne Oberlicht keine Deckung bot und die Scheiben darin
in diesem Augenblick von einigen Brocken durchschlagen wurden, die vermutlich
vom Dach herunterkamen. Was oben im Hause vor sich ging, blieb uns gänzlich
verborgen. Zwar versuchte ich jetzt, die Treppe hinaufzuhasten, um mir ein Bild
von der Lage zu verschaffen, auch Gerda folgte mit bis zum ersten Treppenabsatz,
(S. 12) aber unsere beiden Kinder schrieen am Treppenfuß so angsterfüllt, wir
sollten bei ihnen bleiben, daß wir wieder umkehrten, ohne selbst in unsere
eigene Wohnung im ersten Stock einen Blick getan, geschweige denn zur Bergung
irgendwelcher Sachen von Wert etwas unternommen zu haben. Und dabei wären um
diese Zeit gewiß noch wichtige und unersetzliche Dinge in Menge zu retten
gewesen, wenn uns die Sorge um die Kinder und das eigene Leben nicht
ausschließlich beherrscht hätte und wir überhaupt gewußt hätten, wohin wir
das Geborgene verbringen sollten, da doch, abgesehen von den Kellerräumen, die
ganze Umgebung in Flammen stand und in wer weiß wie kurzer Zeit einen einzigen
Glutofen bilden würde.
Diese Vorstellung ließ ein
Verbleiben und Abwarten im Keller oder gar ein Hinunterschaffen von Hausrat
dahin als nicht geraten erscheinen, sondern sie trieb uns aus dem Hause, so
lange es noch Zeit war. Im Hausflur, unter dem Oberlicht, passierten wir, ohne
recht davon Notiz zu nehmen, einige Tupfen einer brennenden Substanz auf dem
Fliesenboden, die wir instinktiv mit den Füßen mieden, weil es sich um
Phosphor handeln konnte. Es dürfte sich indessen um Spritzer aus einer der
ebenfalls zahlreich abgeworfenen Flüssigkeits-Brandkanister gehandelt haben,
die durch das Oberlicht eingedrungen waren.
Als wir das Haus verließen,
voran die am meisten aufgeregte Suse, waren unmittelbar vor der Tür und auf der
Straße etwa ein halbes Dutzend Stabbrandbomben noch am Versprühen oder schon
am Verglühen. Es mochte um dieses Zeit gegen 22,20 Uhr sein, zu welchem
Zeitpunkt die Mehrzahl der Verbände bereits abgeflogen war, aber weitere
Anflüge aus allen Richtungen noch stattfanden, wie später aus den
Luftlagemeldungen dieses Abends zu ersehen war. Rings in der Reihe der hohen
Gebäude an der Borriesstraße brannten sämtliche Dachstühle, zum Teil schon
die darunter liegenden Stockwerke, aus deren Fenstern die Flammen züngelten.
Die Luft war erfüllt vom Widerschein der feurigen Lohe und vom beißendem
Rauch. Schaurig klang dazu das Brausen der im Nachtwind gierig um sich
fressenden Brände, untermischt von dem Knistern und Krachen des brennenden und
stürzenden Gebälks. Keinerlei Abwehr, kaum ein lebendes Wesen war auf der
Straße zu sehen, was die Unheimlichkeit des Eindruck verstärkte und ihn ins
Phantastische, Unwirkliche erhob. Waren wir die letzten Auszügler aus dieser
Stadt des Unterganges, waren die gleich uns von dieser grausigen Katastrophe
jäh überraschten Mitmenschen schon alle geflüchtet, oder saßen sie in der
Mehrzahl noch in den Bunkern und Kellern?
Nach dem in südlicher
Richtung zur Kanalbrücke führenden Ende der Borriesstraße war die Sicht durch
Rauchmassen versperrt, die grau und schwärzlich, von Flammen durchzuckt, in
dichten Schwaden die Straße füllten.
(S. 13) Wir suchten in
entgegengesetzter Richtung den nähergelegenen, zur alten Geestebrücke
hinaufführenden freieren Raum zu gewinnen, von dem wir uns wegen der Nähe des
Wassers Schutz und weiteres Entkommen versprechen konnten. Die Straße war
übersät mit Glasscherben und herabgestürzten Mauerbrocken, und Suse, die sich
nur notdürftig mit Strickjacke, langen Hosen und einem leichten Mantel hatte
bekleiden können und an den Füßen leichte Pantoffeln trug, hatte die
letzteren bei der Flucht aus dem Hause verloren und im Stich gelassen. Sie lief
auf Strümpfen über die Scherben hinweg, während Gerda und ich mit Margret an
der Hand folgten.
Wir waren kaum einen
Steinwurf weit gekommen, als neue Flugzeuggeräusche hörbar wurden und eine
Reihe von Detonationen erfolgte, ob von Bomben oder Flakgeschossen, kann ich
nicht sagen. Wir hatten eben erst den alten Backsteinbau des Amtsgerichts an der
Ecke unseres Häuserblocks erreicht, dessen solides Kellergeschoß einen
öffentlichen Luftschutzraum enthielt. Auf den zum Eingang hinaufführenden
Stufen standen ein paar behelmte Luftschutzmänner, die bei unserer Annäherung
lebhaft mit den Armen winkten und uns zuriefen: "Hier herein!" Wir
kamen ohne Überlegung der Aufforderung nach, obwohl das Dachgeschoß auch
dieses Gebäudes bereits in Flammen stand, und landeten unten im Keller und
dort, nach Passieren einer Stahltür, in einem Gelaß, das einen Vorraum zu
mehreren gewölbeartigen, ebenfalls mit Stahltüren verschlossenen Nebengelassen
bildete. In diesen war es finster und ich hatten den schemenhaften Eindruck,
daß darinnen eine Menge Menschen saßen, die regungslos vor sich hinbrüteten.
Wir blieben mit wenigen anderen Individuen in dem Vorraum, der von einer
Notlampe dürftig erhellt war. Auf dem Boden befand sich eine flache, mit Sand
gefüllte Kiste, in die hinein sich Suse mit ihren nur bestrumpften Füßen
stellte.
Da standen wir vier nun, eng
aneinander, wie nackte Vögelchen, die sich plötzlich von rauher
Schicksalsfaust aus ihrem behaglich warmen Nest herausgeworfen finden. Über uns
war das Verhängnis so unvermittelt und mit solcher Gewalt hereingebrochen, daß
wir ganz verstört und benommen dem grausigen Geschehen gegenüberstanden, fast
unberührt von dem sicheren Verlust unserer Hauslichkeit und Habe, und völlig
ungewiß, wie diese entsetzliche Heimsuchung für uns noch enden sollte.
Draußen schien ein weiterer
Angriff zu laufen, denn man vernahm durch die dicken Mauern unseres Verließes
immer wieder dumpfe Detonationen. In der Tat waren, nach den später
eingesehenen Luftlagemeldungen, um 22,35 noch Feindmaschinen über Wesermünde,
und erst um 22,42 Uhr war das Gebiet feindfrei. Andererseits sind um diese Zeit
aber auch viele (S. 14) Sauer- und Wasserstoff-Flaschen auf den ganz nahe an der
Geeste gelegenen Dockanlagen der Seebeckwerft unter der Einwirkung der Hitze
zerknallt, und es mag sein, daß von daher die gehörten Detonationen rührten.
Hin und wieder öffnete sich
die Stahltür zum Vorraum und es wurden einzelne Bewohner aus der Nachbarschaft
hereingeleitet, die sich nach hier durchgeschlagen hatten, darunter ein oder
zwei völlig aufgelöste Frauen. Mit jedem Öffnen der Tür verqualmte die
ohnehin schon schlechte Luft mehr und mehr. Unsere Augen schmerzten und tränten
vom beißenden Rauch, der Hals war ausgedörrt und wir begannen unter der
zunehmenden Wärme am ganzen Körper zu schwitzen.
Wie lange Zeit wir so
gestanden haben, erinnere ich nicht. Jeder Zeitbegriff war verloren gegangen.
Immerhin war doch soviel Zeit verstrichen, daß der Gedanke, von hier fort und
an einen sicheren Ort zu gelangen, allmählich von uns Besitz ergriff. Eine im
Keller ein- und ausgehende Frau, wohl die Frau des Hauswarts, erbarmte sich der
Suse und brachte ihr hilfsbereit ein Paar Schuhe, die ihr zwar viel zu eng
waren, mit denen sie es aber wagen konnte, das Haus zu verlassen.
Um eine Möglichkeit dafür
zu erkunden, verließ ich wiederholt den Keller, stieg zur Haustür empor,
deren Scheiben ebenfalls zertrümmert waren und trat einige Schritte auf die
glutdurchwehte, flackrig beleuchtete Straße hinaus. Draußen sah es schlimmer
aus als zuvor. Die Feuersbrünste hatten an Stärke überall zugenommen. Mit
einem wehen Gefühl gewahrte ich, daß auch unser Haus zunehmend verzehrt wurde
und die Flammen jetzt aus dem Erker des zweiten Stocks herausschlugen. Ob unsere
darunter befindliche Wohnung noch betretbar sein mochte? Vielleicht war schon
die Decke am Durchbrennen, sicherlich aber das Treppenhaus bereits zu sehr
verqualmt, um einen Versuch, in die Wohnung noch einzudringen, gelingen zu
lassen. Dafür war es jetzt offenbar zu spät. Aber mir kam auch gar kein
ernstliches Verlangen danach. Mochte alles hinter uns zu Asche werden, wenn wir
nur selbst beieinander blieben und unversehrt davonkamen.
Aber wie davonkommen? Ein
starker Feuersturm hatte sich inzwischen aufgemacht, der von den gewaltigen
Brandherden aus den Nebenstraßen heraus besonders von den Holzlagerschuppen an
der Schönianstraße, einen stiebenden Funkenregen mit sengender Hitzestrahlung
quer über die Borriesstraße blies. Es schien gewagt, diesen mit Frau und
Kindern zu passieren. Und doch würde uns nichts anderes übrig bleiben, denn
unser gegenwärtiger Aufenthalt konnte nicht mehr von langer Dauer sein, da das
Gebäude über uns, wie ich gewahrte, jetzt schon abwärts bis zum ersten Stock
brannte.
Tief niedergeschlagen kehrte
ich zu den Meinen zurück. Es war schrecklich (S. 15), sich vorzustellen, daß
der uns umgebende Gürtel von Feuer, Rauch und Gluthauch vielleicht
undurchdringlich sei. Noch aber konnte, so sagte ich mir, nicht alle Hoffnung
verloren sein, so lange nicht ein entschlossener Versuch gewagt war. Die Frage
war nur, ob man zunächst noch weiter in diesem Keller verharren, oder ob man
nicht, trotz der verzagten Meinung anderer, daß man draußen nicht durchkommen
würde, sich dennoch ungesäumt einen Weg ins Freie bahnen sollte. Ich kehrte
noch einmal auf die Straße zurück und erkannte, daß wir nicht länger zögern
durften, diese Mausefalle zu verlassen, wenn wir noch hinauskommen wollten,
bevor der Ausgang durch das bald zu erwartende Niederbrechen der Decke über dem
Hausflur versperrt wurde. Es gab zwar noch einen Notausstieg nach hinten hinaus,
den nach uns die anderen Insassen des Kellers benutzt haben dürften, aber
diesen hielt ich zu dieser Zeit für weniger sicher, weil er über den Hof des
ebenfalls brennenden Gerichtsgefängnisses auf die Kanalstraße führte, durch
welche der Glutstrom von dem gewaltig brennenden Holzlager und der dahinter
liegenden Hansawerft fegte. Es galt also, nach vorn heraus über die
Borriesstraße ins Freie zu gelangen.
Wieder im Keller stellte ich
meinen Lieben die Lage vor und bat sie, sich zusammenzunehmen und mir zu folgen.
In der Ecke stand eine halbgefüllte Wassertonne. Ich tauchte ihre Mäntel
hinein, stülpte sie ihnen über den Kopf und ließ sie nasse Taschentücher vor
den Mund nehmen. So angetan ging es hinaus auf die Mitte der Straße. Ich selbst
war mantellos, da ich ja einige Stunden zuvor bei dem eiligen Aufbruch vom
Garten meinen Mantel dort zurückgelassen hatte. Mit hochgeschlagenem Kragen und
eingezogenem Kopf suchte ich der Glut zu begegnen.
Auf der Straße schlug uns
zwar eine starke Hitze entgegen, die ich sengend im Gesicht verspürte, aber sie
erwies sich zum Glück doch als erträglich. Selbst den aus der Kanalstraße
seitlich heranfegenden Funkensturz passierten wir, ohne Feuer zu fangen, obwohl
er im Verein mit den aus den Schaufenstern der [?]ollmeyer'schen
Papierwarenhandlung durch die Sogwirkung weit auf die Straße hinausschlagenden
Stichflammen äußerst bedrohlich aussah. Immer auf der Mitte der Fahrbahn
bleibend, strebten wir der zur alten Geestebrücke hinaufführenden breiten
Rampe zu, behindert von den auf dem Pflaster liegenden elektrischen
Leitungsdrähten und den Verspannungen der Straßenbahn, vor denen wir anfangs
instinktiv zurückschreckten in der Meinung, sie könnten noch unter Strom
stehen, was allerdings nicht der Fall war.
Von der Angst um ihr junges
Leben beflügelt war Suse uns bald voraus, indem sie sich einem Manne anschloß,
der zugleich mit uns den Keller verlassen (S. 16) hatte und rüstig
voranstrebte. Ich folgte mit Margret an der Hand, die unter dem über den Kopf
gezogenen Mantel kaum etwas von dem gewahrte, was um sie herum vorging und sich
willig führen ließ. Einige Schritte hinter uns bewegte sich Gerda unter ihrem
wassergetränkten Mantel etwas schwerfällig über die im Wege liegenden
Hindernisse hinweg, bis ich es für geraten hielt, sie ebenfalls am Arm zu
geleiten. So gelangten wir ohne Zwischenfall und ohne Schaden zunächst auf den
breiten Anfahrtsraum zur Geestebrücke, der, wenn auch hier alle benachbarten
Baulichkeiten in Flammen standen, wenigstens nicht befürchten ließ, daß uns
hier Ziegel und brennende Trümmer auf den Kopf fallen konnten.
Nach Bremerhaven war der Weg
versperrt, da sogar der hölzerne Bodenbelag der Brücke brannte, ganz abgesehen
davon, daß die Stadtmitte selbst völlig in Brand zu stehen schien. Jedenfalls
standen alle Häuserzeilen am Torfplatz und an der Fährstraße in Flammen,
einschließlich der unmittelbar an der Brücke gelegenen Direktions-Villa der
Seebeckwerft, wie auch die daran anschließenden umfangreichen Dockanlagen
dieser Werft. Und auch diesseits der Geeste waren die langgestreckten,
schuppenartigen Baulichkeiten flußabwärts ein einziges Flammenmeer, es
brannten selbst die am Ufer in langer Reihe liegenden Fischkutter und sonstigen
Fahrzeuge, einschließlich des Fährdampfers und des Fährhauses für die
Überfahrt nach Blexen auf dem oldenburgischen Ufer der Weser.
Obwohl sich viele Menschen,
auch solche aus unserem Hause, hierher in die Nähe des Wassers im Schutze des
Busse-Denkmals an der Geeste gerettet hatten, sahen wir davon ab, dort ebenfalls
zu verweilen, sondern zogen instinktiv vor, uns zur Ludwigsstraße hinab in
Richtung Bürgerpark zu wenden, über den wir hoffen konnten, unseren außerhalb
der Stadt an der Schiffdorfer Chaussee liegenden Garten zu erreichen, der nun
rein gefühlsmäßig unsere einzige Heimstätte bildete, wenn er auch keine
ausreichende Wohngelegenheit für uns bot. In dieser Hinsicht durften wir darauf
rechnen, daß unsere Gartennachbarn, die Familie Bürgerhoff, uns in ihrem Hause
fürs erste aufnehmen würden.
Allerdings war auch die
Ludwigstraße mit ihren hohen Häusern in ihrer ganzen Ausdehnung in die
Feuerbrunst einbezogen, und von beiden Seiten schlug uns der sengende Hauch der
Glut entgegen. Das focht uns indessen nicht sonderlich mehr an, nachdem wir
merkten, daß inmitten der brennenden Straße wenigstens keine vom
Sauerstoffmangel herrührende Gefahr bestand. Trotzdem hasteten wir, diese
Strecke hinter uns zu bringen, denn ganz sicher konnten wir uns erst fühlen,
wenn wir aus dem Glutzentrum heraus waren. Ein neues Hindernis tauchte auf, als
wir das Ende der Straße fast erreicht hatten. Hier waren schwere Bombentreffer
niedergegangen, die besonders (S. 17) das letzte Haus an der linken Seite
auseinandergesprengt hatten. Die Trümmer dieses großen Hauses lagen weit
verbreitet über der Straße. Wir mußten über sie - wie auch über einen
umgestürzten Baum - hinwegsteigen, bevor wir auf den weiterführenden
Hohenzollernring kamen, wo links die Gebäude der Geheimen Staatspolizei
(Gestapo) und der Reichsbank, rechts die der Handelskammer und der
Oberrealschule noch so gut wie unversehrt waren.
Nach Passieren dieser
Gebäude bekamen wir hier auf dieser breiten, baumbestandenen Allee von den
nahen Grünflächen aus dem Osten her die erste frische, kühle Nachtluft als
köstliche Erquickung in die ausgedörrten Lungen. Wie waren heraus aus dem
Feuermeer, waren gerettet! Hier konnte uns das ungeheure Feuer im Rücken nichts
mehr anhaben, und auch die im Stillen nicht von uns gewichene Besorgnis, daß
wir von einem weiteren Angriff noch überrascht werden könnten oder das
irgendwo noch Zeitbomben liegen und im Augenblick unserer Annäherung hochgehen
könnten, fiel hier von uns ab. Daß wir nun und fortan "Ausgebombte"
waren und uns mit dem Verlust unsere schönen Heimes und aller Habe abzufinden
hatten, bedrückte uns auch in diesem Augenblick noch wenig, sondern bei weitem
überwog das ungeheure Glücksgefühl, daß wir der tödlichen Bedrohung
entkommen und heil und gesund hier beieinander waren. Überwältigt davon sanken
wir uns in die Arme und hielten uns fest umschlungen. Ohne Worte empfanden wir
in diesem Augenblick zutiefst, was wir einander bedeuteten und welche Liebe uns
verband.
Meiner Tochter Suse
vorherrschender Gedanke schien in diesem bedeutungsvollen Augenblick allerdings
auch einem anderen männlichen Wesen außer mir zugewendet zu sein. Abwesenden
Auges, wie entrückt von unserer Gegenwart, sprach sie halblaut vor sich hin,
und nur meine Ohren vernahmen, wie ihre Lippen die Worte formten: "Nun
weiß ich erst, wie lieb' ich ihn hab'". Wem diese Worte galten, ergab sich
erst im Verlauf des folgenden Tages, als sich erkennen ließ, daß die
freundschaftlichen Beziehungen, die Suse seit kurzem mit einem Manne ihres
beruflichen Wirkungskreises bei der Marine verbanden und die sie bewogen hatten,
ihn bei uns zuhause einzuführen, wenn auch unter dem Deckmantel einer von ihm
auszuführenden Instandsetzung unseres elektrischen Plattenspielers, eine
tiefere, die beiderseitigen Herzen berührende Grundlage hatten.
Doch das nur nebenbei,
gewissermaßen in Paranthese. Wesentlich war, daß, wenn uns das Schicksal auch
übel mitgespielt hatte, wir doch vor schlimmerem bewahrt geblieben waren. Wenn
wir uns betrachteten, konnten wir fast nicht glauben, daß nicht einer von uns
zu Schaden gekommen war, (S. 18) daß nicht einmal unsere Kleidung durch den
nachhaltigen Funkenregen nennenswert gelitten hatte. Nur die Augen schmerzten
uns unter den Lidern, als wären Sandkörner hineingeraten.
Unser nächstes Ziel galt
nun dem am östlichen Rande der Stadt liegenden Bürgerpark. Diesen über den
nach rechts zum Bahnhof abbiegenden Hohenzollernring und dann unter der
Bahnüberführung hindurch zu erreichen, schien wieder nicht rätlich, da auch
dort Brände tobten und besonders das Bahnhofshotel am Ende der Straße
lichterloh in Flammen stand. Wir zogen daher vor, nach links in die
Gartenparzellen, die später dem Neubau des Arbeitsamtes weichen mußten,
einzubiegen und von dort zu versuchen, den Bürgerpark über den hohen
Eisenbahndamm hinweg zu erreichen. An der Einmündung zu den Parzellen stießen
wir auf eine junge Frau, mit der wir oberflächlich bekannt waren. Sie saß
mutterseelenallein auf einem mit Weckgläsern und dergleichen gefüllten
Wäschekorb und hütete einen weiteren Teil ihrer hierher geretteten Habe. Von
ihr hörten wir, daß schon viele Flüchtlinge hier durchgekommen seien, und sie
wies uns den Weg, den wir zu nehmen hatten. Sie war auch so gutherzig, Suse mit
einem Paar anderer Schuhe zu versehen, die nun allerdings zu groß waren, für
sie aber eine Erleichterung bedeuteten. Sogar ein Weckglas mit Fleisch aus ihrem
Wäschekorb gab uns das freundliche Wesen noch mit auf den Weg. Nun ging's durch
die Schrebergärten, über Drähte und Zäune und hinter Landbuden herum, und
nachdem wir schließlich auch noch einen Wassergraben überquert hatten,
gelangten wir vor den hohen und steilen Bahndamm, den wir an einer Stelle
erstiegen, an der auf seinem Gipfel ein von den nahen Bränden hell
angestrahltes Stellwerksgebäude emporragte. Aus einem der hohen Fenster lehnte,
dem Turmwächter Lynkeus ähnlich, ein Wärter heraus, dessen weiter Blick von
dieser sicheren Höhe das vor ihm sich abspielende Schaustück der ungeheuren
Feuersbrunst umfaßte. Auch wir verhielten eine Weile und nahmen
rückwärtsblickend den grandiosen, schaurigschönen Anblick der nächtlich
brennenden Stadt mit den darüber sich riesenhaft aufballenden, phantastisch
beleuchteten Rauchwolken in uns auf. So mag Sodom gebrannt und sich dem Auge von
Lot's zurückblickenden Weibe dargeboten haben, als Feuer und Schwefel auf die
Stadt herabregnete. Wir erstarrten nun zwar nicht zu Salzsäulen, wie es Lot's
Weibe widerfuhr, aber eine gewisse Erstarrung des Empfindens hatte sich unserer
bemächtigt, da unsere Augen und verstörten Sinne gar nicht alles zu erfassen
vermochten, was sich an diesem Abend im Verlauf von nur etwa 2 Stunden
abspielte. Selbst die Sprache versagte gegenüber der Größe und Fruchtbarkeit
des Geschehens. Ich selbst kam kaum über die unablässig wiederholte Frage
hinaus, wie solches nur möglich sei. Dabei konnte ich im Grunde keine
Aufwallung von Empörung über den Tommy empfinden, der der Stadt diese
Vernichtung (S. 19) bescherte und uns selbst doch so empfindlich traf. Dieses
Gefühl war in meinem Innersten ausschließlich gegen diejenigen gerichtet, die
diesen Krieg, dieses Verbrechen gegen die Menschheit entfesselt hatten und deren
Saat nun zu einer so furchtbaren Ernte aufging, weit schlimmer, als ich es bei
Kriegsausbruch vorausgefühlt und geahnt hatte.
Dabei war das tatsächliche
Ausmaß der Katastrophe für unsere Stadt von hier oben noch gar nicht zu
übersehen. Ich rief zu dem Lynkeus hinauf, er möge mir sagen, ob auch die
Seebeckwerft, meine Arbeitsstätte brenne. Er gab zurück, daß es nicht
auszumachen sei, weil nach jener Richtung der sich westwärts wälzende Rauch
alles verhülle. So war es in der Tat. Wir standen mit dem Rücken gegen Osten
und ungeheure Rauchschwaden zogen nach Westen und über die Weser. Vom
jenseitigen oldenburgischen Ufer sahen die Zuschauer wohl den mächtigen
Feuerschein über der Stadt, aber kaum das Flammenmeer selbst, da die ihnen
entgegenziehenden Rauchmassen den Blick darauf nicht freigaben. Aber nicht Rauch
allein nahm den Weg dahin über die breite Weser. Auch Asche und Stoffe aller
Art riß der riesige Glutofen mit unheimlichem Sog wirbelnd in große Höhen und
trug sie weit ins Oldenburger Land hinein. Die Pächtersleute einer uns
gehörenden Landstelle in Blexerwisch, ungefähr 5 km landeinwärts gelegen,
erzählten uns wenig später, daß nicht nur ihre Äcker und das Vieh auf der
Weide mit Asche bedeckt, sondern daß Papiere und Aktenstücke unverkohlt bei
ihnen heruntergekommen seien. Eine besondere Laune des Zufalls hatte es dabei
gefügt, daß sich unter den Papieren auch Briefschaften der Geestemünder
Farbenfabrik August Seebeck befanden. Aus der Anwesenheit dieser geflügelten
Boten auf ihrem Acker hatten die besagten Pächtersleute Kenntnis davon erlangt,
daß auch unser Haus vollständig niedergebrannt war, weil sie wußten, daß
sich das Kontor der Firma im Parterre unseres Hauses befand.
Nach dem geschilderten
Verweilen auf dem Bahndamm und nachdem der Wärter des Stellwerks uns mit den
Armen die Stelle gewiesen hatte, an der wir am besten über die zahlreichen
Spanndrähte hinwegkommen konnten, stiegen wir, mehr rutschend als schreitend,
den jenseitigen Abhang des Dammes hinab. Wir gelangten auf diese Weise in die
Frühlingsstraße des Bürgerparkviertels, das im ganzen einigermaßen verschont
geblieben war, weil es am Rande der Stadt lag. Das erste brennende Haus, auf
welches wir dennoch nach ein paar Schritten stießen, war das der Familie
Nahrendorf. Das Ehepaar stand vor den traurigen Resten seines vordem so schönen
Besitzes, und die Frau sprach mir aus der Seele, als sie voll Bitternis und
Sarkasmus die Worte ausstieß: "Das danken wir unserem Führer!"
Im Café Roux am Haupteingang
zum Bürgerpark, dem wir uns nun näherten, kehrten wir zu kurzer Rast ein.
Seine weitläufigen Räume glichen einem (S. 20) Heerlager von Abgebrannten, die sich
aus dem Chaos zu dieser Sammelstelle durchgeschlagen hatten. Es mochte gegen
Mitternacht und der Angriff etwa seit einer Stunde vorbei sein. Eine Entwarnung
hatte es nicht geben können, da sämtliche Sirenen ausgefallen waren. Apathisch
und wie zerschlagen saßen die Menschen herum, meist vor leeren Tassen und
abgeräumten Tischen, denn unter dem ersten Andrang war wohl alles an
Erfrischungen und an verzehrbaren Beständen draufgegangen. Gleichwohl glückte
es uns nach einigem Bemühen, mit einem dünnen Kaffee unsere trockenen Kehlen
zu netzen, bevor wir weiterzogen.
In der Hermann
Göring-Straße (jetzt Walter Delius-Straße) sprachen wir in der unversehrten
Villa des uns bekannten Cornelius Loop vor. Er war Kreispresseleiter der NSDAP,
und in diesen ereignisschweren Stunden natürlich dienstlich aus dem Hause.
Meine Bekanntschaft mit ihm beruhte auf der gelegentlichen Aufnahme meiner
photographischen Heimatbilder in die von ihm redigierten Kreisbriefe für die
kämpfende Front. Seine Gattin, eine Jugendfreundin Gerdas, empfing uns zwar
mitfühlend, aber wenn wir im Stillen gehofft hatten, unsere Kinder würden dort
zur Nacht bleiben können, so erfolgte keine entsprechende Einladung. Indessen
half sie der Suse mit trockener Kleidung (Mantel, Hut und Strümpfen) aus. Auch
meine Bitte nach etwas Rauchbarem, wonach mir sehr gelüstete, fand Gewährung
durch die Darbietung einer Zigarette.
Als wir darauf unsere
nächtliche Wanderung vom Bürgerpark über den "Kammerweg"
fortsetzten, gewahrten wir mit Bestürzung, daß auch an der Schiffdorfer
Chaussee in Richtung unseres Gartens einige große Brände wüteten. Es stand
nicht nur das nähergelegene Ehlers'sche Holzlager in voller Glut, sondern
weiterhin, in der Nähe unseres Gartens, zeichnete sich ein größeres Feuer
unheimlich lodernd vom schwarzen Nachthimmel ab. Wir fragten uns entgeistert, ob
vielleicht auch das Haus unseres Gartennachbarn Bürgerhoff mit in Flammen
stehe, bei dem wir um Obdach nachsuchen wollten, weil doch unser eigenes
winziges Gartenhäuschen nicht genügend Platz und Schlafgelegenheit für uns
bot. Um darüber Gewißheit zu erlangen und meine erschöpften Lieben den Weg
bis dahin nicht umsonst machen zu lassen, lief ich voraus und ließ Gerda und
die Kinder solange am Feuer des Ehlers'schen Holzlagers sich erwärmen.
Als ich am Ziel anlangte,
fand ich das Bürgerhoff'sche Haus zum Glück unversehrt vor. Das große
lodernde Feuer beschränkte sich auf die ganz in der Nähe befindliche ehemalige
Tranfabrik von Schuseil, worin eine bedeutende Menge Walfett eingelagert war.
Die Familie Bürgerhoff, Mann, Frau und Tochter, standen vor der Tür. Auch sie
hatten eine Anzahl Stabbrandbomben abbekommen, aber ablöschen können, und nun
waren sie aufgeblieben, gebannten Auges (S. 21) des überwältigende nächtliche Bild
dieser alles verheerenden Brandkatastrophe zu betrachten. Wir waren mit der
Familie befreundet, weil der Mann, ein ehemaliger Postangestellter, der sich
durch unermüdlichen Fleiß und äußerste Sparsamkeit ein zweistöckiges Haus
mit großem Nutzgarten geschaffen hatte, auch unseren Garten mit betreute. Wir
hatten ihnen dafür manche Wohltat erwiesen und gelegentlich mal im Scherz
geäußert, daß wir, sollten wir mal ausgebombt werden, bei ihnen Zuflucht
suchen würden. Sie waren angesichts der von ihnen beobachteten Ausdehnung der
Katastrophe daher nicht überrascht, als ich mit meinen inzwischen
herbeigerufenen Angehörigen bei ihnen erschien. Sie hatten uns schon erwartet
und fanden uns hilfsbedürftiger, als jemals zu ahnen gewesen war, da wir ohne
jedes Gepäck angerückt kamen und nur das besaßen, was wir auf dem Leibe
trugen. In ihrer stillen Art, ohne viel Worte zu machen, nahmen sie sich unserer
an, indem sie uns die kleine Mansardenwohnung in ihrem Hause überließen, die
ihre Tochter, Frau Hollmann, deren Mann im Felde stand, bisher innegehabt hatte,
während diese nach unten zu ihren Eltern zog.
Es mochte gegen 2 Uhr sein,
als wir uns, reichlich erschöpft von den schrecklichen Erlebnissen und
Eindrücken dieser Nacht, in den fremden Betten zur Ruhe legten,
schlafbedürftig zwar, doch noch eine ganze Weile in unruhigem Halbschlaf
verharrend, da die Augeneindrücke von lodernden Flammen und stiebenden Funken
noch lange in uns nachwirkten. Schließlich aber verloren sich auch diese, und
ein traumloser Schlummer entrückte uns fürs erste der so trübe gewordenen
Gegenwart.
Teil 2: Am
Tage danach, den 19.9.1944
Document
in English Language
(1) Die
Benennung "Wesermünde" war im dritten Reich geschaffen worden. Sie
bildete den Zusammenschluß der bisher politisch getrennt gewesen, obwohl
räumlich zusammengewachsenen drei Orte Bremerhaven (als Kern) und Geestemünde
und Lehe.
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| Quelle: unveröffentlichtes
Schreibmaschinen-Manuskript aus den Jahren 1945/46, im Besitz der Familie Rebehn (Bremerhaven), mit frdl.
Genehmigung für psm-data; digitale Umsetzung GM |

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