| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich | [P|S|M] |
Kommentar der Nordwestdeutschen Zeitung zum Kanzlerwechsel am 30. Januar 1933
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| ZUM
KANZLERWECHSEL
Diese
Zeilen wurden geschrieben, bevor das Resultat der Papenschen Bemühungen:
Kabinett Hitler bekannt war. Der Aufsatz dürfte trotzdem, da er einige neue
Details über Schleichers Rücktritt enthält, unseren Lesern willkommen sein.
W.G. Man
störe Herrn v. Papens Kreise nicht, der seit Sonnabend [28.1.33] dabei ist, die
undankbarste aller Beschäftigungen, das Verhandeln mit Parteiführern,
auszuüben, der dieses ihm vom Reichspräsidenten aufgetragene Amt mit der
Unverdrossenheit eines Mannes ausübt, in dessen Brust - trotz aller bitteren
Erfahrungen - immer noch der Glaube lebt, dass der Fraktiönligeist in den
Reihen prominenter Volksvertreter durch den Gedanken an das große Ganze, dem
wir alle zu dienen haben, ausgeschaltet werden kann. In kritischen Tagen
Verhandlungen mit Gegenfüßlern einzuleiten und zu führen ist, das weiß nun
glücklich auch der "Mann auf der Straße", nicht leicht; es gehört
schon eine Lammesgeduld dazu, angesichts gewisser Bestrebungen, die nach dem
Vorbild der Penelope darauf gerichtet sind, das bei Tage mühsam
zusammengenähte - heimlich des Nachts wieder aufzutrennen. Mehr soll
einstweilen über dieses Kapitel nicht gesagt werden.
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Man störe
also Herrn v. Papens Kreise nicht mit Kombinationen und
Wahrscheinlichkeitsberechnungen, die jede Stunde über den Haufen geworfen
werden können. Dass die Neigung, Kanzler oder Minister zu werden, heute
besonders stark ist, wird wohl schwerlich jemand behaupten wollen; dass sie bei
denen, die einmal auf dem harten Polster eines Ministersessels gesessen, unter
dem Gefrierpunkt gesunken, ist verständlich, wenn man an die Worte von den
"gläsernen Wänden" denkt, die Herr v. Papen nach Mitteilungen eines
Berliner Journalisten in einem kleinen Weinrestaurant Unter den Linden
gesprochen. Eine lebendige Glaswand sei, so erzählt der Journalist, nach Papens
Ausspruch um die Reichskanzlei gezogen worden; gewisse Persönlichkeiten hätten
dafür gesorgt, dass die entscheidenden Dinge in entscheidender Stunde nicht in
der richtigen Beleuchtung an ihn herangetragen worden wären! - Um so mehr zu
bewundern, dass Papen noch einmal in dieses durchsichtige Gebäude einziehen
will. Vielleicht will er das auch gar nicht, will gewissermaßen nur der
Wegbereiter für einen anderen sein, den er als den Vertreter der stärksten
Partei im Reichstage für die Persönlichkeit hält, die ziffernmäßig über
den stärksten Rückhalt im Reichstage verfügt, der demgemäss ebenso die
Vollmacht wie die Verantwortung zu übertragen wäre: Adolf Hitler.
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Aus
den Richtlinien, die der Reichspräsident mit dem Sonderauftrag für Herrn v.
Papen verknüpft hat: Die Lösung der Kabinettskrise ist im Rahmen der
Verfassung und mit dem Reichstag zu suchen, wird klar erkennbar, warum man Herrn
v. Schleicher, der diese Lösung ohne Parlament beabsichtigte, gehen ließ. Der
Reichspräsident von Hindenburg wollten dem Volke die Aufregungen und Hemmungen
einer Neuwahl ersparen, eine Auffassung, der wir nur zustimmen können, die auch
um so eher im Volke Verständnis finden wird, als eine Neuwahl
höchstwahrscheinlich keine andere Zusammensetzung der Volksvertretung gebracht
hätte, wie wir sie jetzt im Reichstage haben.
Bei
dem diesmaligen Kabinettssturz fällt nur das eine auf: Die Schnelligkeit, mit
der sich die ganze Aktion vollzog, eine Schnelligkeit, die dem Kabinett
Schleicher überraschend kam. Die "Kölnische Zeitung" hört aus
Berlin, dass noch in den Vormittagsstunden des Sonnabend beteiligte Kreise
glaubten, dass der Reichspräsident die Forderung Schleichers nach Auflösung
des Reichstages genehmigen würde. In den Mittagsstunden sei dann unerwartet ein
Umschwung der Stimmung beim Reichspräsidenten gekommen.
Wenn
auch das Kabinett Schleicher mit dieser rapiden Entwicklung der Dinge nicht
rechnete, dem Chef des Kabinetts jedoch konnte nicht entgangen sein, dass
zwischen ihm (dem Kanzler) und dem Reichspräsidenten ein innerlicher Konnex
nicht bestand. Dazu kam die Zusammensetzung des Kabinetts, in dem an
Homogenität kaum zu denken war. In einem "Konzentrationskabinett",
wie es ursprünglich Herrn v.Schleicher vorschwebte - ein Gedanke, von dem er
sich allerdings desto mehr entfernte, je länger er amtierte -, ist
Einheitlichkeit der Richtlinien, nach denen regiert werden soll, die erste
Bedingung. Der Abgeordnete Schmidt-Hannover, der aus allernächster Nähe die
absurde Gärung im Kabinett Schleicher verfolgen konnte, hat für die
Beurteilung der Schleicherschen Wirksamkeit das treffende Wort geprägt, dass
diese Regierung Schleicher "eine einzige schleichende Krise" gewesen
ist. Nomen est omen ...
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| zit. nach:
Nordwestdeutsche Zeitung vom 30. Januar 1933 |

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