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Primaerliteratur
20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich
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Pressestimmen zur Judenverfolgung am 9./10.November 1938 (II)

British United Press am 10.November aus Berlin:

"Haufen wilder Nazis setzen heute abend die wilde Orgie des Plünderns und der Zerstörung in ganz Deutschland fort. Der Ausbruch des Terrors war wohl organisiert, und Goebbels bezeichnete diesen als "gerechtfertigt". Nicht ein jüdisches Geschäft im Zentrum Berlins, Friedrichstraße und Unter den Linden blieb unbeschädigt. Haufen, unter denen sich SA-Männer mit ihren Abzeichen befanden, belagerten noch um Mitternacht die Hauptstraßen und fuhren fort, in die jüdischen Geschäfte einzubrechen und sie zu demolieren, die während des Tages wegen ihrer vergitterten Fenster und verschlossenen Türen der Plünderung entgangen waren. Wenn die gewöhnliche Verwüstungsmethoden versagten, taten Äxte und Feuer ihr Werk. Das Plündern artete an manchen Stellen in gegenseitige Kämpfe um die Beute aus. In der großen Passage, die die Behrenstraße mit Unter den Linden verbindet, drangen Männer und Frauen durch die zerschlagenen Auslagen in die Läden ein und verteilten Spielzeuge und Juwelen. Scheiterhaufen, die aus Waren von den jüdischen Geschäften und den Gebetbüchern aus den Synagogen errichtet wurden, warfen ein düsteres Licht auf die rasenden Pöbelhaufen. Als an einem jüdischen Laden die Tür unter den Axthieben zerbracht, stürzten fliehend eine Frau und ihre kleine Tochter heraus, unter dem höhnischen Geschrei mehrerer hundert Nazis. In der Nähe davon wurde ein junger Mensch, der als Jude erkannt wurde, fast bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen. Ein patroullierendes Polizeiauto fuhr vorbei, ohne sich um die Vorgänge zu kümmern. Schon nach der verhängnisvollen Erschießung von Ernst vom Rath, dem dritten Sekretär der Nazibotschaft in Paris, durch einen siebzehnjährigen Juden, die als Vorwand für die Gewalttaten diente, wurden Tausende Juden verhaftet. Polizei und SA schauten ruhig zu, als die Haufen ihre Angriffe ausübten. Zwei amerikanische Frauen, die in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms gingen, sahen, wie ein älterer Jude aus einem Hause herausgeschleift und von einer Menge gestoßen und geschlagen wurde, die ihn immer wieder auf die Füße riss, wenn er unter dem Hagel der Schläge zu Boden brach. Ein Deutscher wurde verhaftet, weil er, wie ihm vorgeworfen wird, erklärte, dass die antijüdischen Gewaltakte "schändlich" sind. In der Friedrichstraße wurde ein Mann übel zugerichtet, als er erklärte: "Lassen wir die armen Leute in Ruhe, wir haben jetzt schon genug getan". Eine gut gekleidete Frau entging Unter den Linden mit knapper Not einer Menge, die auf sie eindrang und sie bespuckte, weil sie erklärt hatte, was vorgehe, sei "eine Schande".



zit. nach: Die Judenverfolgung am 9./10.November, Hrsg. vom Bremer Senator für Bildung, Bremen 1978, S.11