| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich | [P|S|M] |
Martin Walser (Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandel, 12.10.1998 Frankfurter Paulskirche, Auszüge)
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[...] Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande,
kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. Könnte es sein, dass die
Intellektuellen, die sie uns vorhalten, dadurch, dass sie uns die Schande
vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich, weil sie
wieder im grausamen Erinnerungsdienst gearbeitet haben, ein wenig entschuldigt,
seien für einen Augenblick sogar näher bei den Opfern als bei den Tätern?
Eine momentane Milderung der unerbittlichen Entgegengesetztheit von Tätern und
Opfern. Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu
verlassen. Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer
Beschuldigung attackiert zu werden, muß ich mir zu meiner Entlastung einreden,
in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den
schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon
zwanzigmal weggeschaut. Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein
noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz
herum; wenn mit aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten
wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer
Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation
unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in
diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie noch nie zuvor. Wenn
ich merke, dass sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung
unserer Schande auf Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube,
entdecken zu können, dass öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen
das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen
Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung.
Jemand findet die Art, wie wir die Folgen der deutschen Teilung überwinden
wollen, nicht gut und sagt, so ermöglichten wir ein neues Auschwitz.
Schon die Teilung selbst, solange sie dauerte, wurde von maßgeblichen
Intellektuellen gerechtfertigt mit dem Hinweis auf Auschwitz. [...]
Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit
einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.
Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets.
Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt
ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?
In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal
nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen
verantwortlich fühlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem
fußballplatzgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande. Der
Historiker Heinrich August Winkler nennt das "negativen
Nationalismus". Dass der, auch wenn er sich tausendmal besser vorkommt,
kein bisschen besser ist als sein Gegenteil, wage ich zu vermuten.
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| Quelle: FR vom 12.10.1998 |

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