Fritz 12 – Das ganz große Schachprogramm

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 11.01.2010
 Auf Amazon.de kaufenChessBase GmbH, Hamburg; erschienen Oktober 2009, ISBN: 978–3–86681–133–1; Preis ca. 49,90 Euro

Wieder einmal ist der Zeitpunkt gekommen, zu dem die bekannte Hamburger Firma ChessBase ein neues Fritz-Schachprogramm auf den Markt bringt – sinnigerweise in überschaubarer Nähe zum Weihnachtsgeschäft. Schlagen nun schon die Herzen vieler Schachbegeisterter höher?
Das vermag ich nicht zu beurteilen, aber ich möchte im Folgenden einen kleinen Überblick über die Möglichkeiten der Software aufzeigen und mich am Ende meiner Betrachtung zu einem hoffentlich hilfreichen Ratschlag für Interessenten durchringen.
Zuerst einmal sei angemerkt, dass beim Erscheinen von „Fritz 8“ der Hersteller im Untertitel hinzufügte „Das ganz große Schachprogramm“ – bei „Fritz 9“ hieß es „Das ganz große Schach-programm“ – „Fritz 10“ kam mit dem Attribut „Das ganz große Schachprogramm“ – „Fritz 11“ wurde ergänzt durch „Das ganz große Schachprogramm“ – und nun wollen wir einmal raten, wie es beim aktuellen Produkt heißt... – nein, nur halb richtig. Das Programm nennt sich nun schlicht „Twelve“, allerdings auch „Das ganz große Schachprogramm“. Was soll der potentielle Käufer von diesem strategisch effizienten Coup halten? Viel Bewährtes („Das ganz große ...“), wenig Neues (8, 9, 10, ...) oder erwartet uns Revolutionäres (Twelve)? Nach einer relativ glatt verlaufenen (Voll-)Installation, die ca. 1,05 GB an Daten auf die Fest-platte schaufelt und nach etwa 35 Minuten beendet ist, fällt mir als erstes auf, dass auch ChessBase auf das Werkzeug der (Zwangs-)Aktivierung seiner Software verfallen ist, das man schon von vielen Herstellern kennt. Die Hardware wird analysiert – es wird quasi ein elektroni-scher Fingerabdruck erzeugt, um zu verhindern, dass Fritz häufiger als erlaubt installiert wurde. Dreimal darf man das Programm installieren, danach verweigert es weitere Installationen. Sollte man dennoch auf einen anderen, neuen PC umziehen wollen, muss die Software zuerst auf dem alten Gerät de-aktiviert werden. Im Sinne des Herstellers und der Kopierschutz-verfahren sicher verständlich, jedoch nicht unbedingt für die Handhabung beim User hilfreich.
Nach wie vor – so sagt jedenfalls das Magazin „Der Spiegel“ – ist Fritz das populärste deutsche Schachprogramm. Und auch die Leistungsbandbreite ist über alle Zweifel erhaben. Das Pro-gramm leistet für Anfänger, Vereinsspieler und auch Profis genau das, was die jeweilige Ziel-gruppe erwartet: Automatische Anpassung der Spielstärke, Handicap- und Coachingfunktionen, Stellungsanalyse, farbige Gefahrenanzeige, Eröffnungsstatistik, Gesamtanalyse, Trainings-module für Eröffnung, Taktik, Endspiel und eine Datenbank mit 1,5 Millionen Partien. Beim ersten Start fällt sofort die veränderte, modernisierte Oberfläche auf. Das Layout orien-tiert sich am noch aktuellen Aussehen von MS Office 2007, sogenannte Ribbons sollen eine bessere Handhabung des Programmes ermöglichen. Wer in den einschlägigen Foren für Office-Produkte recherchiert, findet aber auch eine Menge Postings, die sich zur neuen Funktionalität kritisch geäußert haben. Für viele Schachfreunde wird diese Umstellung somit Ungewohntes beinhalten, ob man damit glücklich und ob die Usability wirklich besser ist, bleibt für mich offen. Mancher Nutzer, mit dem ich gesprochen habe, sagte mir, dass ihn die Oberfläche der Software sogar an andere Schachprogramme erinnert – aber das waren sicher nur kleine Fische... Mit Fritz 12 bekommt der Käufer wie bisher auch einen einjährig kostenfreien Zugang zum weltgrößten Schachserver „Schach.de“ – neu ist allerdings, dass mittlerweile eine sogenannte Premium-Mitgliedschaft beinhaltet ist, d. h. Audio-Kommentare bei Turnieren, Live-Training mit Top-Großmeistern, Simultanangebote, TV-ChessBase, Liga-Turniere u.v.m. Was hat sich sonst verändert? Fritz 12 ist schneller geworden, seine Engine wurde erneut über-arbeitet und verbessert, es gibt ein neues Eröffnungsbuch (aktuelle Engine und Eröffnungsbuch sollen eine ELO-Verbesserung von ca. 80 Punkten bedeuten), einen neuen Stellungsspion und neue Wertungspartiefunktion, optisch sehenswerte 3-D-Bretter wurden ergänzend eingearbei-tet und einige hilfreiche Visualisierungshilfen z. B. grafische Schnellbewertung mit Spielschärfe-Anzeige und Matt-O-Meter sind hinzugekommen. Mit mehreren anderen Schachliebhabern habe ich dann auch noch in sogenannten „Engine-Wettkämpfen“ die Qualitäten des aktuellen ChessBase-Produktes getestet. Dabei wurde ein Leistungsanstieg der Engine sehr deutlich, jedoch bleibt zu konstatieren, dass es immer noch Konkurrenzprodukte gibt, gegen die Fritz „keine Schnitte bekommt“ – aber auch das sind sicherlich nur kleine Fische...
Der potentielle Käufer eines Schachprogrammes entscheidet ganz sicher aufgrund anderer Kri-terien, welches Produkt er erwerben möchte: Bedienung, Handhabung, Spielspaß, Übungs- und Trainingsmöglichkeiten, Datenbanken und nicht zuletzt auch die Möglichkeit, Zusatzprodukte wie z. B. Ergänzungs-DVDs oder CDs aus dem Hause ChessBase mit seinem Fritz 12 nutzen zu können. Auch das aus der Vergangenheit bekannte Schach-Media-System, das der Präsentation von Videosequenzen in der vertrauten Oberfläche dient, ist weiterhin nutzbar. Rainer Woisin, der Geschäftsführer der ChessBase GmbH aus Hamburg, äußert sich wie folgt über sein neues Produkt: „Fritz ist ein frecher und cleverer Schachpartner! Ob Schachprofis oder Hobbyspieler: Fritz ist unentbehrlich und macht jede Menge Spaß!“
Dem ist nicht zu widersprechen, Fritz macht tatsächlich Spaß und ist immer noch der geduldige Lehrmeister von früher. Ob die von mir entdeckten Neuerungen und systemischen Verbesse-rungen wirklich jedes Update wert sind, muss der Schachenthusiast selber für sich entscheiden. Ich weiß jedenfalls ganz genau, dass jeder Fritz (egal ob 8, 9, 10, 11, .... oder oder oder) für meine Verhältnisse stark genug – mehr noch: viel zu stark ist.
Wem die rezensierte Software derzeit noch nicht attraktiv genug ist, dem kann ich jedenfalls empfehlen zu warten, bis der Deep Fritz 12 erhältlich ist. In Mehrprozessorumgebungen und auf einer 64-Bit-Basis lassen sich sicher noch mehr Partien verlieren oder gegen unwissende Gegner im Internet glorreich gewinnen. Und das ist vermutlich doch etwas fürs eigene Selbst-wertgefühl! Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Systemvoraussetzungen:
Minimal: Pentium III 1 GHz, 512 MB RAM, Windows Vista, Windows XP SP3, DirectX9-Grafik-karte mit 256 MB RAM, DVD–ROM–Laufwerk, Windows–Media Player 9, Internetzugang für Aktivierung und Updates.
Empfohlen: Intel Core 2 Duo 2,4 GHz oder besser, 3 GB RAM, Windows Vista, DirectX10-Grafik-karte mit 512 MB, DirectX10-kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD–ROM–Laufwerk, Internetzugang für Aktivierung und Updates.
Auch dieses Mal zeigt sich allerdings, dass die Minimalwerte nicht völlig hinreichend sind. Das Programm erfordert deutlich mehr als 512 MB RAM und vor allem die Grafikkarte braucht mehr als die genannten 256 MB, um einen ansehnlichen Ablauf im 3-D-Bereich sicherzustellen. Am besten also kauft man sich zum Programm auch gleich einen neuen PC...

Heinz–Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)