Rezension Fritz 12

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 11.01.2010
 Auf Amazon.de kaufenChessBase GmbH, ISBN: 978𣛮66811331; Preis ca. 49,90 Euro

FRITZ 12 ist da, jetzt ist das runde Dutzend voll! Der kleine FRITZ-Kutter, der 1991 in Hamburg auslief, um die Schachwelt das F黵chten zu lehren und einige Gro適eisterfische zu fangen, ist inzwischen ein veritabler Trawler geworden, dessen Treibnetzjagd kein Schachspieler mehr gewachsen ist. Freilich gilt auch f黵 diesen Etablierten der Satz 刉er nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit und das umso mehr, wenn ihm seit geraumer Zeit ausgerechnet ein Rybka (Fischlein) als unbestritten bestes Schachprogramm der Welt vor der Nase herumtanzt. Nicht nur deshalb wird FRITZ in sch鰊er Regelm溥igkeit zu neuen Programmversions- und Spielst鋜keh鰄en getrieben, obwohl seine Leistungsf鋒igkeit seit geraumer Zeit f黵 sicherlich 99,99% der Anwender so jenseits von allem Guten und B鰏en liegt, dass eine noch bessere Version doch eigentlich keinen Sinn macht?!
Aber Schachspieler sind eben auch nur Menschen und als solche gieren wir stets nach dem Besten. Wir werden neidisch, wenn wir von unserem Nachbarn h鰎en, dass sein neuer Rasenm鋒er die geschorene Fl鋍he automatisch bei Google-Earth online stellt (ok, Larry und Sergey, f黵 100.000 Euronen k鰊nt ihr die Idee haben) und wir strafen unseren ehemals stolz vorgef黨rten Heim-PC mit Verachtung, wenn die Zeit 黚er seine RAM-Gr鲞e, CPU-Taktfrequenz und Festplattenspeicherkapazit鋞 hinweggegangen ist also sp鋞estens nach 5 Jahren. Und so stellen uns irgendwann auch Suchtiefen unseres Schachprogramms nicht mehr zufrieden, f黵 die wir fr黨er unser letztes Hemd gegeben h鋞ten. Schauen wir uns also an, was FRITZ 12, das popul鋜ste Schachprogramm der Deutschen (DER SPIEGEL), uns am Ende der ersten Dekade des dritten Jahrtausends zu bieten hat.

Der Rezensent hat mit dieser Version von FRITZ 10 upgedatet, eventuell wird also die eine oder andere Neuheit schon beim Vorg鋘ger FRITZ 11 vorhanden gewesen sein. Aber kommen wir zur Sache:
Grunds鋞zlich sollte ein gutes Schachprogramm gut Schach spielen k鰊nen und ein Update sollte st鋜ker spielen als sein Vorg鋘ger. Auch wenn, wie oben erw鋒nt, f黵 einen User beim Spielen gegen das Programm die gestiegene Spielst鋜ke kaum direkt festzustellen ist, wird doch die 0% Misserfolgs-Quote im Vergleich zur Vorg鋘gerversion dieselbe bleiben Laut SSDF Rangliste kommt schon FRITZ 11 auf einem PC auf eine Wertung von 2920, eventuell wird diese Version also die 3000er Schallmauer knacken und damit in unerreichbaren H鰄en 黚er der Masse der Schachspieler kreisen.
躡er die prinzipielle Arbeitsweise eines Schachprogramms informiere ich in meinem Artikel 刉arum Schach ein schwieriges Spiel ist厯 auf n鋗licher Plattform. Wenn Sie sich fragen, wie die Programmierer es schaffen, irgendwoher weitere ELO-Punkte aus ihrer Software zu kitzeln, kann ich Ihnen darauf immerhin zwei Antworten geben: F黵 den einen Teil des Spielst鋜kezuwachses sorgen Sie, liebe Leserinnen und Leser, ganz von selbst, indem Sie sich in gewissen Abst鋘den einen neuen PC mit verbesserter Leistungsf鋒igkeit zulegen. H鰄ere Rechengeschwindigkeit ist gleich h鰄ere Suchtiefe ist gleich h鰄ere Spielst鋜ke lautet die einfache Gleichung, die jedes Programm seit Jahren ELO-Punkte gewinnen l鋝st, auch wenn es stets dasselbe geblieben ist. Der Fairness halber sollte man aber hinzusetzen, dass die gestiegene Rechenkraft erst durch eine intelligente Programmierung zu wirklichen Verbesserungen f黨rt. Ein neuer Trick der Programmierer nennt sich Nullzug und der geht so: Man l鋝st das Programm f黵 eine Seite einen Zug und die dadurch entstehende Stellung berechnen, anschlie遝nd l鋝st man es f黵 die Gegenseite KEINEN Zug berechnen (das ist der Nullzug) und nun wieder f黵 die erste Seite einen Zug und die daraus entstehende Stellung. Mit anderen Worten: Das Programm rechnet so, als w黵de man zweimal hintereinander ziehen. Das ist zwar nicht legal, liefert aber viel Aufschluss 黚er die Qualit鋞 des ersten Zuges: Wenn Sie zweimal hintereinander ziehen d黵fen, aber mit keinem zweiten Zug eine Stellung erreichen, die die Qualit鋞 der Stellung nach dem ersten Zug 黚ertrifft wie gut wird dann wohl der erste Zug gewesen sein? Mit dem Nullzug lassen sich eine Vielzahl von Zugm鰃lichkeiten aus der Berechnung ausklammern, wodurch die Menge der zu berechnenden Varianten pro Zug kleiner wird. Dadurch erzielen die Programme eine h鰄ere Suchtiefe und h鰄ere Suchtiefe ist gleich h鰄ere Spielst鋜ke und das hatten wir schon.

Welche Tricks bei FRITZ 12 au遝rdem noch zur Anwendung kommen, dar黚er schweigen sich die Macher von ChessBase nat黵lich aus, aber schneller geworden ist der Knabe auf jeden Fall. Ein Beispiel hierzu: In der folgenden Stellung aus der Fernschachpartie Wallinger-Wegener 1993-1995 ist Schwarz am Zug.



Diese Position habe ich deshalb gew鋒lt, weil ich mich noch gut daran erinnern kann, wie ich meinen FRITZ 3(!) in jenen Tagen daran habe arbeiten lassen. Zur damaligen 刉indows 3.1-Zeit erreichte FRITZ 3 typischerweise recht schnell (= wenige Sekunden) eine Suchtiefe von 8 Halbz黦en, wenn man ihn ein bisschen rechnen lie (= 1-3 Minuten), ging er auf 9 und 10 Halbz黦e hoch. Alles weitere kostete viel Zeit, also war man gut beraten, interessante Z黦e auszuf黨ren, um dadurch manuell die Suchtiefe zu erh鰄en. In der vorliegenden Stellung schwankte ich zwischen den Z黦en 26協4 und 26卐4 und auch FRITZ 3 bewertete beide Z黦e lange etwa gleich. Nach vielen Stunden des Ausprobierens und Analysierens entschied ich mich f黵 26協4. Aus Neugier lie ich FRITZ 3 黚er Nacht an der Stellung rechnen. Nach 黚er 12 Stunden Rechenzeit neigte sich seine Bewertung deutlicher zu 26協4, mit -1 Komma irgendwas Bauerneinheiten Vorteil f黵 Schwarz. Mehr war damals nicht rauszuholen. Die Partie ging 黚rigens folgenderma遝n weiter: 26協4! (Schwarz steht bereits mehr oder weniger auf Gewinn) 27.Sf3 (anscheinend logisch, verliert aber forciert) 27匰e3+ 28.Lxe3 fxe3 29.Kg1 e4 30.Sxd4 cxd4 31.Ta2 Taf6 und Wei gab auf, weil er vom schwarzen Bauernzentrum 黚errannt wird. Mein Gegner spielte damals in einer Mannschaft mit dem bezeichnenden Namen 凜hessBase User Club, er wird seinen FRITZ 3 also sicherlich ebenfalls mit der Stellung gef黷tert haben. Doch die entstehende schwarze Bauernmasse im Zentrum ist f黵 Schachprogramme schwierig zu bewerten: Kann sie beim Vorr點ken gehemmt werden, ist sie schwach und die Bauern werden wahrscheinlich fallen ist ihre Hemmung jedoch unm鰃lich, gehen die Freibauern zur Dame und gewinnen die Partie. Ziemlich krasse Gegens鋞ze, deren korrekte Einsch鋞zung wieder einmal entscheidend von der Suchtiefe beeinflusst wird. Zu Beginn der 90er Jahre war es absolut illusorisch, dass ein Programm die St鋜ke der schwarzen Bauern bereits bei der Berechnung vor dem 26. Zug von Schwarz erkennt. Die Konsequenzen waren nur vorherzusehen, indem man in die Variante hineinging und das ging nur mit viel investierter Menschen-Zeit.

Im Hier und Jetzt sieht alles ganz anders aus. Geben wir zum Vergleich einmal FRITZ 10 die Stellung und er rast (in wenigen Sekunden!) Suchtiefen von 13 und 14 Halbz黦en entgegen, bereits jetzt 26協4 fest im Blick und mit etwa -1 Bauerneinheit bewertet. Nach einer Minute ist FRITZ 10 bei Suchtiefe 16 und selbiger Bewertung angelangt. Und FRITZ 12, der Hauptdarsteller dieser Rezension? Bereits nach siebzehn(!) Sekunden ist er bei Suchtiefe 16, nach einer Minute ist es Suchtiefe 18 das sind wirklich hohe Hausnummern! Nicht dass wir uns falsch verstehen: Die erreichte Suchtiefe ist lediglich ein Indiz f黵 eine Spielst鋜kesteigerung (Suchtiefen lassen sich auch erh鰄en, indem die Programmierer der Software beibringen, Varianten einfach zu 剆chlabbern, wobei dann freilich gute Z黦e darunter leiden k鰊nten), aber erfahrungsgem溥 darf man davon ausgehen, dass der neue FRITZ um mindestens 50 ELO-Punkte st鋜ker sein wird.

F黵 die Analyse mit FRITZ 12 sind das schon mal gute Aussichten, aber die haupts鋍hlichen Neuerungen bei FRITZ 12 betreffen die Programmoberfl鋍he und den Server Schach.de. Arbeiten Sie schon mit Office 2007? Genau, das ist die Office-Version, bei der die jahrelang eintrainierte Anordnung der Dropdown-Men黶 einfach mal so 黚er Bord geworfen und durch browserm溥ige Multifunktionsleisten ersetzt wurde. Chefs raufen sich die Haare und Sekret鋜innenschulungsakademien reiben sich die H鋘de, weil man bei Word und Co. jetzt nichts mehr an der alten Stelle findet und ich gestehe, dass ich mich auch nur m黨sam an dieses neue Erscheinungsbild gew鰄nen kann. Auch FRITZ 12 ist nun entsprechend umgestylt, aber ich finde da geht抯!



Warum mir bei FRITZ 12 auf Anhieb gef鋖lt, was ich bei Office 2007 f黵 zumindest gew鰄nungsbed黵ftig halte? Ein Grund k鰊nte sein, dass ich die kryptischen Symbole der Vorg鋘gerversion schon immer nur wenig hilfreich fand die neuen Icons sind viel verst鋘dlicher und au遝rdem steht der Text ja daneben. Dar黚er hinaus waren bei den alten FRITZ-Versionen die Dropdown-Men黶 eh nicht so 黚erf黮lt wie bei Word, weshalb sich die Inhalte jetzt auch bequem in der Breite verteilen lassen, ohne dass etwas fehlt. Einziger Wermutstropfen: Wie Sie sehen, bevorzuge ich die Brettdarstellung in Holz und fr黨er konnte ich den restlichen Hintergrund diesem Holz-Farbton anpassen. Leider stellt ChessBase diesen Stil aber (noch) nicht zur Verf黦ung, weshalb sich jetzt, wie Sie oben sehen, das k黨l-technische Blau-Grau mit den warmen Holzfarben bei遲. Hoffen wir auf Abhilfe durch Update.

Womit wir bei der zweiten gro遝n Ver鋘derung w鋜en, dem Schachserver, auf dem man sich ein eventuelles Update holen k鰊nte. Schach.de ist aber nat黵lich viel mehr, es ist eine der gr鲞ten Schachplattformen der Welt, auf der sich t鋑lich tausende Schachspieler tummeln, darunter auch der eine oder andere GM. Auf Schach.de kann man Partien spielen, trainieren, Simultan spielen und nat黵lich alle Partien von den Gro適eisterturnieren verfolgen live und in Echtzeit! Sogar 黚er eine eigene W鋒rung, die Dukate, verf黦t man dort. Der Zugang zu Schach.de kostet normalerweise 29,90 , f黵 K鋟fer von FRITZ 12 ist er jedoch ein Jahr lang kostenlos Beim Schach-Server hat sich ChessBase f黵 die FRITZ 12 User etwas einfallen lassen. So werden nun z.B. die Partien eines bestimmten Turniers geb黱delt angezeigt und sind damit auch als Paket aufrufbar; mit wenigen Klicks hat man damit alle gerade laufenden Partien eines Turniers auf dem Bildschirm. Ein kleiner Gimmick sind 凷ch鋜femesser und 凪att-o-Meter, im Screenshot rechts unten zu sehen: Im Stile eines Drehzahlmessers wird angezeigt, wie scharf die Position nach Meinung von FRITZ ist bzw. wie stark es nach Matt riecht. Auch beim Server kann die neue Programmoberfl鋍he 黚erzeugen, die Multifunktionsleisten sind auf Anhieb verst鋘dlich und machen die Bedienung zum Kinderspiel. Ebenfalls neu: Es gibt nun eine Premium-Mitgliedschaft, die kostenlos dazu berechtigt, an einigen Extras teilzuhaben, f黵 die der normale User sonst Dukaten l鰄nen muss. Wem angesichts dieser Verlockungen schon der Finger juckt, den muss ich auf das Kleingedruckte hinweisen (steht nirgendwo bei ChessBase, steht nur in meiner Rezension): Erstens kann Internetschach s點htig machen (und das ist nur zur H鋖fte ein Scherz!). Zweitens wird NACH dem sch鰊en kostenlosen ersten Jahr jeder von ChessBase zur Kasse gebeten, der weiter dabei sein will und der Premium-Zugang d黵fte dann wohl nicht f黵 die erw鋒nten 29,90 zu haben sein Drittens aber ist ChessBase so frei, Programmupdates f黵 FRITZ 12 eben NUR noch auf genanntem Server anzubieten. Mit anderen Worten, wer nach einem Jahr nicht zahlt, kann auch nicht mehr updaten, und wenn es auch nur das kleinste Patch sein sollte

Zumindest erw鋒nen m鯿hte ich noch die folgenden FRITZ-Features, die f黵 den einen oder anderen Anwender ebenfalls relevant sein m鰃en: Nach wie vor kommt FRITZ mit einer Datenbank daher, die inzwischen auf die Gr鲞e von 1,5 Millionen Partien angewachsen ist. Und schlie遧ich finden Sie auf der DVD 12 Stunden Videos in Form eines Anf鋘gerkurses sowie einiger Appetith鋚pchen aus dem Angebot von ChessBase.

Fazit: Nur FRITZ-User, die Internetschachmuffel und Office 2007-Hasser sind, werden um die neue Version einen Bogen machen wollen. Wer hingegen seinen Spiel- und Analysepartner auf den neuesten Stand bringen und au遝rdem im Internet hautnah am Schachleben teilhaben will, kommt um FRITZ 12 nicht herum.

Systemvoraussetzung : Minimal : Pentium III 1 GHz, 512 MB RAM, Windows Vista, XP (Service Pack 3), DirectX9 Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM Laufwerk, Windows-Media Player 9. Empfohlen: PC Intel Core 2 Duo, 2.4 GHz, 3 GB RAM, Windows Vista oder Windows 7, DirectX10 Grafikkarte (oder kompatibel) mit 512 MB RAM oder mehr, 100% DirectX10 kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD ROM Laufwerk.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verf黦ung gestellt hat.

Marcus Wegener, Schachtrainer B-Lizenz und Realschullehrer aus K鰈n