Deep Rybka 4 - Computer Chess World Champion – Multiprozessor Version

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 30.10.2010
 Auf Amazon.de kaufenChessBase GmbH, Hamburg; erschienen Ende Mai 2010 ISBN: 978–3–86681–179–9; Preis 99,99 Euro

„Fischers Fritz fischt frische Fische“ – will für Schachkenner heißen: Deep Rybka 4 ist fangfrisch beim Hamburger Schachsoftwarehaus ChessBase eingetroffen. Seit knapp 2 Jahren warten Schachfreunde auf der ganzen Welt auf die Nachfolgeversion des hochgelobten und preisgekrönten „Fischleins“ (so übersetzt man Rybka), einer Schachengine, die bislang in der Version 3 vorlag. Es gilt daher, die Fragestellung zu klären, ob es dem Programmautor und –entwickler Vasik Rajlich und seiner Crew gelingen konnte, die Spiel- und Analysestärke des Programms entscheidend weiter zu verbessern, bzw. zu verfeinern.
In ersten Statements und Interviews äußert sich der Internationale Meister mit doppelter Staatsbürgerschaft (Tscheche und US-Amerikaner) dahingehend, dass die neueste Engine in allen Bereichen verbessert wurde. Deutlich zugelegt habe das Programm im taktischen Bereich und im Verständnis von Königsangriffen. Wie sich diese Optimierungen auswirken, wird im weiteren Verlauf dieser Ausführungen noch zum Thema werden.
Zunächst sollten einige Fakten zum aktuellen Produkt vorgestellt werden. ChessBase hat für Interessenten ein beachtenswertes Gesamtpaket geschnürt. Dem Schachenthusiasten werden eine ganze Reihe an Kaufoptionen ermöglicht, die da heißen:

• Rybka 4 als Single Prozessor Version oder
• Deep Rybka 4 für Computer mit Multiprozessoren
• inkl. Fritz 12-Programmoberfläche (damit ist eine problemlose Einbindung in eine intuitiv zu bedienende Oberfläche im Look des Microsoft Office 2007 gegeben)
• inkl. Seriennummer für ein Jahr Basic-Mitgliedschaft auf schach.de
• optional: neues Eröffnungsbuch speziell für Rybka 4 von Jiri Dufek

Eine konkrete Analyse und Bewertung der vorhandenen Fritz 12 Oberfläche wird von dieser Rezension nicht geleistet, da thematisch die Festlegung auf die Engine im Vordergrund stand. Bei Interesse können jedoch gerne u. a. unter den URLs
„http://www.zum.de/psm/schach/redaktion.php?action=view&id=106“ oder „http://www.zum.de/clever/pe/index.php?module=articles&action=show&id=162“ Spielerbewertungen zur Oberfläche und der Fritz 12-Engine nachgelesen werden.

Systemvoraussetzungen (min.):
Pentium III 1 GHz, 512 MB RAM, Windows Vista, XP SP 3, DirectX9-Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Mediaplayer 9, Soundkarte, Maus sowie Internetzugang (für Schachserver, Updates und Aktivierung). Systemvoraussetzungen (empf.):
PC Intel Core 2 Quad 2,4 GHz, 3 GB RAM, Windows Vista oder Windows 7, DirectX10-Grafikkarte mit mind. 512 MB RAM, DirectX10-kompatible Soundkarte, Maus, Windows Mediaplayer 11, DVD-ROM-Laufwerk sowie Internetzugang (für Schachserver, Updates und Aktivierung).
Der Programmentwickler weist hilfreich taxierend darauf hin, dass sich bei einer Verdopplung der Anzahl der Prozessoren die Geschwindigkeit der Engineberechnungen um den Faktor 1,7 steigere. Des Weiteren hebt er hervor, dass im Vergleich zu Rybka 3 die aktuelle Version noch aggressiver und taktisch ausgefeilter spielt. So soll es nach Rajlichs Aussage etwa 3000 Entwicklungsstufen zwischen den beiden letzten Varianten des „Fischleins“ gegeben haben. Wie viele noch in der Zukunft nachfolgen werden, bleibt somit eine hypothetische Frage.
Ehrlich ist der Programmautor jedenfalls, wenn er sagt, dass sich für jedes Schachprogramm (also auch seines) immer wieder neues Optimierungspotential finden ließe. Bleiben wir also gespannt auf zukünftige Entwicklungen, die er mit den Themen „Erhöhung der Spielstärke“, „Vermeidung von vereinzelter Stellungsblindheit“, „Verbesserung der Endspielanalysen“ oder „Schwerpunktbildung von Analyse-Features“ verbindet.
Viele dieser Begrifflichkeiten vermögen allerdings keine klare Aussage darüber zu treffen, was denn die aktualisierte Engine wirklich an spürbarer Performance bringt. Wollen wir doch ehrlich sein: ob eine Schachsoftware nun einen vergleichbaren ELO-Wert von 2900 oder 3000 oder... oder... oder... erzielen kann, dürfte sich von den meisten Schachspielern kaum erahnen lassen. Wir sollten uns deshalb wegen der objektiveren Vergleichbarkeit einem Chess Engine-Turnier (oder besser noch, mehreren Turnieren mit unterschiedlichen Voraussetzungen) zuwenden.
Ein erster Testaufbau (Rundenturnier, Blitz 2 Min., ein Eröffnungsbuch für alle, Hashgröße 1024 MB) wurde mit folgenden Engines vorgenommen:

1. Deep Rybka 4 x64
2. Deep Rybka 4 SSE 42 x64
3. Rybka 3 x64
4. Fire 1.31 x64 (Freeware)
5. IvanHoe 9.63b x64 (Freeware)
6. IvanHoe 9.73b x64 (Freeware)
7. Stockfish 1.7.1. JA x64 (Freeware)
8. Stockfish 1.6 JA x64 (Freeware)

Bevor die Auswertung folgt, muss vorsorglich darauf hingewiesen werden, dass derzeit sehr umstritten ist, ob es sich bei den Freeware-Engines eventuell nur um bloße Clones oder Adaptionen der Rybka-Engine handelt. Zweifelsfrei nachweisen lässt sich dieses aus Erfahrung kaum, jedoch gibt es eine Menge an Schachexperten, die die überaus guten Ergebnisse der Freeware-Produkte ein wenig abwerten – aber generell sollte meines Erachtens die Devise „in dubio pro reo“ gelten. Folgende Resultate brachte ein Versuchsaufbau über 8 Runden:

Platz 1-2 Deep Rybka 4 SSE 42 x64 und Fire 1.31 x64 38 / 56
Platz 3 Deep Rybka 4 x64 36 / 56
Platz 4 IvanHoe 9.63b x64 34 / 56
Platz 5 Stockfish 1.7.1. JA x64 30 / 56
Platz 6 Stockfish 1.6 JA x64 18 / 56
Platz 7 Rybka 3 x64 16 / 56
Platz 8 IvanHoe 9.73b x64 14 / 56

(Die Zahlen am Ende der jeweiligen Zeile bedeuten Punkte aus Spielen.)
Ein nächster Testaufbau sollte die Qualitäten der Engines in Single Prozessor Umgebungen prüfen, deshalb wurde wiederum ein Eröffnungsbuch für alle und der gleiche Hash gewählt – allerdings auf den Multi Prozessor Modus verzichtet. Zu den oben genannten Kandidaten wurden ergänzend RobboLito, Fritz 12, Shredder 12 und Hiarcs 12 hinzugezogen. Hier ergaben sich folgende Resultate:

Platz 1 Deep Rybka 4 SSE 42 x64 82,5 / 88
Platz 2 Deep Rybka 4 x64 75,5 / 88
Platz 3 IvanHoe 9.63b x64 71 / 88
Platz 4 Stockfish 1.6 JA x64 63 / 88
Platz 5 Rybka 3 x64 61,5 / 88
Platz 6-7 Fire 1.31 x64 und Stockfish 1.7.1. JA x64 59 / 88
Platz 8 IvanHoe 9.73b x64 44 / 88

Auf den Plätzen 9 - 12 folgen dann die 32bit-Engines (Fritz 12, Hiarcs 12, RobboLito 0084 und Shredder 12), die, wie man nicht unbedingt a priori erwarten konnte, trotzdem auch in der Single Prozessor-Testumgebung ohne jede Chance im Vergleich zu den 64bit-Boliden blieben und deswegen nicht mehr in den weiteren Tests berücksichtigt wurden. Nach diesen Versuchsaufbauten in Blitzturnieren bot es sich an, die Kandidaten in einer anderen Umgebung zu testen. Ausgewählt wurde eine Zugrückgabe von 5 Minuten pro Zug. Die Rundenanzahl wurde auf 4 reduziert, die übrigen Rahmenbedingungen blieben unverändert. (Nur 64bit-Engines wurden – wie gesagt – benutzt.) Es ergaben sich folgende Resultate, die sich nicht divergent von den bisherigen unterschieden (deswegen wird auf Punktzahlen verzichtet):

Platz 1 Deep Rybka 4 SSE 42 x64
Platz 2 Deep Rybka 4 x64
Platz 3 IvanHoe 9.63b x64
Platz 4 Rybka 3 x64
...

Im Anschluss daran sollte noch ein Testverfahren mit einzelnen Duellen zweier Engines erfolgen, dabei wurden jeweils 100 Partien mit 40 Zügen bei 40 Minuten Bedenkzeit gespielt. Noch länger sollten dann die PCs nicht rechnen müssen. (Die bisher ausgespielten Tests nahmen bereits mehr als 4 Tage in Anspruch.) Allerdings fielen die Resultate zum Teil noch wesentlich deutlicher aus. (Die Quote bezieht sich immer auf die erstgenannte Engine und gibt in Prozentpunkten die positiven Partiewertungen an.)

Zweikämpfe:
Deep Rybka 4 SSE 42 x64 – Fire 1.31 x64 Quote >98% (heftige Aussetzer bei Fire)
Deep Rybka 4 SSE 42 x64 – Rybka 3 x64 Quote >97% (nur 3 Remis!)
Deep Rybka 4 SSE 42 x64 – Stockfish 1.7.1. JA x64 Quote >68% (hoher Remisanteil)
Deep Rybka 4 SSE 42 x64 – IvanHoe 9.63b x64 Quote >65% (hoher Remisanteil)
Deep Rybka 4 SSE 42 x64 – Deep Rybka 4 x64 Quote >54% (sehr ausgeglichene Resultate)

Fazit:
Ich gebe zu, dass ich bei meinen Überlegungen zur spielerischen Qualität der Schachsoftware schwerpunktmäßig gelenkt wurde von den ermittelten Spielergebnissen der verschiedenen Schachengines. Trotz der unverhohlenen Kritik eines Teiles der Schachöffentlichkeit an den Freeware-Engines, denen vorgeworfen wird, Clones oder Adaptionen der Rybka-Engine zu sein, fällt auf und verwundert, dass die jeweiligen Einschätzungen der Software zur Stellungsanalyse keineswegs deckungsgleich waren – jede Engine beurteilte die Positionen zum Teil deutlich unterschiedlich. Oft zeigte Deep Rybka bereits ein deutliches Plus zu seinen Gunsten, während die anderen genauso häufig noch ein Plus für sich wähnten. Also bleibt zumindest nach logischen Gesichtspunkten ein mögliches „Abkupfern“ weitgehend für mich offen. Jedoch wird damit die außergewöhnliche Leistung Rybkas noch deutlicher.
Die erzielten Resultate sprechen eine absolut eindeutige Sprache: Deep Rybka 4 ist wohl das neue Maß der Dinge am Schachengine-Himmel. Selbst die knapp zwei Jahre alte Rybka Version 3 bleibt letztendlich ohne jede Chance. Lediglich in einigen Testumgebungen (s. o.) konnten die übrigen getesteten Engines noch in der Nähe des Testsiegers bleiben, allerdings ohne jede Chance auf dauerhaften Erfolg. Zieht man zu guter Letzt den Einsatz des neuen optimierten Rybka 4-Books von Jiri Dufek in Betracht, fallen die Ergebnisse noch drastischer aus.
Für den Rezensenten bleibt ein Stück Begeisterung zurück – die Entwicklungsarbeit vom Rybka-Team um Vasik Rajlich hat sich gelohnt, das entstandene Produkt ist bemerkenswert. Bleiben wir dennoch gespannt, was die Zukunft bringt. Schafft es der Software-Entwickler, seinen derzeitigen Vorsprung in den nächsten Jahren noch weiter zu vergrößern? Welche Schätze liegen noch im Verborgenen? Welchen Meilenstein, beziehungsweise welche Hürde werden die Tüftler demnächst erreichen oder überwinden? Ich vermag es nicht zu erahnen. Wenn aber nur ein Teil der Prognosen und Vorgaben Realität wird, öffnen sich wahrlich neue Dimensionen.
Welcher Adressatenkreis wird durch die neue optimierte Engine angesprochen? Nun, das ist schon beinahe eine Gretchenfrage. Zweifellos sollte jeder, der noch nicht in den Genuss eines solchen Analysewerkzeugs gekommen ist und sich selber als Schachenthusiasten bezeichnet, einen Kauf für sich unbedingt in Erwägung ziehen. Das Dargebotene ist den Preis auf alle Fälle wert. Keine Frage, dass jeder ernsthafte Schach- oder Vereinsspieler genauso wenig am Programm vorbeiblicken kann. Für Vereine, die echte Trainingsarbeit und Spielanalysen nach Wettkämpfen wollen, geht ebenfalls kein Weg am „Fischchen“ vorbei. Schachfreunde, die grundsätzlich statistisch orientiert sind, haben in der Vergangenheit wahrscheinlich zu einem anderen ChessBase-Produkt gegriffen (z. B. ChessBase 9, 10 oder das aktuelle 11). Wer aber messerscharfe Ergebnisse im Umgang mit Figuren und Brett sofort nutzen möchte, kommt an dieser Engine nicht vorbei. Die beigefügte Fritz 12-Oberfläche kommt mit dieser Maschine glänzend zurecht und hat vielleicht nach anfänglichen Umstellungsschwierigkeiten eine intuitive Handhabung exzellent ermöglicht.
(... und für diejenigen Spieler, die beim Fern- oder Online-Schach immer schon „glänzen“ wollten, bietet sich hier endlich eine Gelegenheit, selbst Großmeister „vom Brett zu fegen“. Ein wenig Ironie konnte ich mir im letzten Satz nicht verkneifen.)
Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)