Enter 1. f4, Bird’s Opening! – Andrew Martin

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 26.04.2011
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer opening (englischsprachig)
ChessBase GmbH, Hamburg; ISBN 978-3-86681-209-3, Preis 27,90 Euro

Etwa um das Jahr 1880 herum spielte der damals über die Landesgrenzen hinweg anerkannte englische Schachspieler Henry Edward Bird die später nach ihm benannte Eröffnung mit 1. f4 vermutlich zum ersten Mal ernsthaft in mehreren Partien. (In anderen Quellen wird sie auch „Holländisch im Anzug“ genannt.) Verfügbare Statistiken besagen, dass der Namensgeber in ca. 80 seiner mehr als 200 der Nachwelt erhaltenen Partien mit den weißen Steinen die Bird-Eröffnung gespielt hat – allerdings mit recht unterschiedlichem Erfolg (Siegquote unter 40%).
Auf der vorliegenden DVD mit einer Gesamt-Videospielzeit von etwa drei Stunden, die dem Kenner dieser Art von Schachsoftware die gewohnte Darstellung mit Hilfe des beigefügten ChessBase-Readers ermöglicht, präsentiert der englische IM Andrew Martin diese schon recht alte Eröffnung und versucht, ihr neuen Glanz zu verleihen, wobei mich sein englischer Vortrag eher an das „Cockney“ der Verkäufer auf dem Billingsgate Fish Market in London erinnert. (Offtopic: Ich bleibe bei dem, was ich schon häufiger in der Vergangenheit angesprochen habe: Warum tut die Hamburger Firma ChessBase das den deutschsprachigen Käufern an und verzichtet auf eine adäquate Simultanübersetzung oder Zweisprachigkeit der Software?)
Bei Bird’s Opening muss man von folgender Grundüberlegung ausgehen: Wer sich von den etablierten Wegen traditioneller, geschlossener Standarderöffnungen entfernen möchte, weil er Überraschungsmomente setzen und ausnutzen will, der darf nicht 1. d4 oder 1. e4 spielen. Diese Eröffnungen sind oft gespielt und reichlich analysiert worden, Rätsel werden kaum noch aufgegeben und Fallen ebenso selten gestellt. Aber genauso wie in den späten 70er- und 80er-Jahren mit der Trompowsky-Eröffnung (1. d4 Sf6 2. Lg5 ...) Schwarz einige Kopfschmerzen bereitet werden konnten, könnte hypothetisch auch mit 1. f4 der Nachziehende in interessante Positionen geraten, bzw. verwickelt werden, die keinesfalls so beschaulich verlaufen müssen wie die o. g. Standarderöffnungen. Weiß versucht vom ersten Zug an, Druck aufzubauen und den Gegner abseits der ausgetretenen Wege vor Probleme zu stellen, für die dieser erst einmal Lösungen finden muss.
Die Grundidee der Eröffnung liegt in der Kontrolle des Zentrumsfeldes e5, welche nachfolgend mit den Zügen Sg1-f3 und g2-g3 mit dem nachfolgenden Fianchetto des Läufers nach g2 unterstützt wird. Je nach Entgegnung des Schwarzen ergeben sich Möglichkeiten der Fortsetzung und Überleitung analog zum Königsgambit (1. e4 e5 2. f4), bzw. der Holländischen Verteidigung mit vertauschten Farben (1. d4 f5). Der Nachziehende kann allerdings auch zuerst abwarten, um sich anschließend indische Varianten offen zu halten. Andrew Martin hat sich auf dem Datenträger dafür entschieden, den Interessenten zuerst in neun Einstiegskapiteln Partiebeispiele zum Thema vorzustellen, die allerdings mit recht unterschiedlichem Ausgang gespielt wurden. Bird selber, aber auch die Schachgrößen Steinitz, Lasker, Tartakower, Spielmann, Larsen und Spassky dienen hier als prägnante Beispiele.
Im weiteren Verlauf lernen wir dann die bekanntesten Fortsetzungen kennen, wie z. B. Froms Gambit (1. f4 e5), das Leningrader System (basierend auf den Abwicklungen nach g3 und Lg2), sowie Zugfolgen / Varianten nach ... c5 oder ... Lg4 oder ... b6 oder ... Sf6 oder ... f5. Es gilt ergänzend zu erwähnen, dass an dieser Stelle nicht unbedingt Spitzenspieler der aktuellen Gegenwart auf der DVD zur Anschauung diesen, da die Bird Eröffnung immer noch nicht als die höchste Qualitätsstufe sachgemäßer zeitgenössischer Eröffnungskultur gilt.
Systemanforderungen: Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista oder Windows 7, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte
Fazit: Jäger und Sammler werden diese DVD vermutlich in ihren Fundus an Schachsoftware übernehmen wollen. Ob allerdings diese Bird Eröffnung das Zeug hat, sich von einem Nischenprodukt zu einer gängigen Variante weiter zu entwickeln, vermag ich nicht zu sagen. Realistisch kann ich es mir nicht vorstellen. Als Überraschungs-Coup, um einen Gegner, der vielleicht nicht so sattelfest in der Schachtheorie ist, aus den Angeln zu heben und ihn in verwirrende Abspiele zu verstricken, kann das ChessBase-Produkt vielleicht noch eher dienen. Dann muss ein potentieller Käufer allerdings auch bereit sein, knapp 30 Euro zu investieren.
Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)