Schwarzrepertoire gegen 1. e4, Band 2: Offene Spiele – Jan Gustafsson

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 26.04.2011
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer eröffnung
ChessBase GmbH, Hamburg; ISBN 978-3-86681-211-6, Preis 32,90 Euro

Nach seiner ersten DVD aus dem Hause ChessBase stellt uns der 31-jährige Großmeister sein zweites Werk vor. Zur Person und Vita des extrovertierten Experten will ich an dieser Stelle nichts mehr ausführen, es kann bei Bedarf an geeigneter Stelle nachgelesen werden, z. B. auf seiner Homepage „www.jan-gustafsson.de“.
Jan Gustafsson ist nach eigenem Bekunden ein großer Spezialist und Liebhaber der offenen Spiele mit 1. e4 e5, weshalb er vor allem als Spieler mit den schwarzen Steinen diese Eröffnung bevorzugt. Schon zu Beginn entschuldigt er sich quasi für sein extremes Tempo, das er auf dem Datenträger vorlegt, aber ich kann hier tatsächlich nachvollziehen, warum er diesen Stil pflegen muss. Die Fülle der Informationen, Analysen und Handreichungen sprengen beinahe den Rahmen dessen, was sich auf einer DVD unterbringen lässt. Die bei ChessBase üblichen Videosequenzen mit einer Gesamtlänge von etwa 5,5 Stunden in 19 Kapiteln sind prall gefüllt von einem Feuerwerk an Ideen und messerscharfen Betrachtungen – großes Kompliment!
Was erwartet uns bei diesem Lehrprogramm en detail? Da wäre als erstes die Spanische Partie in ihren Hauptvarianten zu nennen (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lb5 a6 ...), bei der uns Gustafsson interessante und vielfältige Fortsetzungen vorführt. Viele gezeigte Brettbeispiele drehen sich um Zugfolgen und Zugumstellungen bis hin zum 5./6. Zug mit d3, die Anderssen-Variante mit 5. De2, die Steenwijker-Variante (6. Lxc6 oder d4) und die Abtauschvariante (4. Lxc6 dxc6). Der Schwerpunkt der Betrachtung bleibt jedoch immer das möglichst Gewinn versprechende Spiel für Schwarz. Allerdings zeigt uns der Deutsche auch deutlich auf, welche Absichten Weiß verfolgt, bzw. verfolgen kann. Es schließen sich in den weiteren Ausführungen die Hauptvarianten der Italienischen Partie an, die nach 1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lc4 Lc5 entsteht. Wir erfahren Hintergründe über die moderne Fortsetzung von Weiß mit c3 und nachfolgend d3 (giuco piano), aber auch die scharfe Variante mit 4. b4 (Evans Gambit), die ihre jeweils eigenen Schwerpunkte festlegen. Auch hier vermag der Großmeister, dem Zuschauer / Zuhörer wichtige Hinweise und Grundgedanken an die Hand zu geben. (Ein wenig erinnern mich seine Ausführungen an eine weitere ChessBase-DVD von Nigel Davies mit dem Titel „Modern Italian“, die ich vor kurzem rezensiert habe.) Zu guter Letzt erläutert Jan Gustafsson noch einige Nebenvarianten, die er der Vollständigkeit halber anführt.
Im nächsten Schritt werden wir zur „Schottischen Partie“ mit der Hauptzugfolge (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. d4 exd4, 4. Sxd4 ...) geführt, bei der sich unser Moderator nur auf die wesentlichen Aspekte beschränkt, um anschließend sehr detailliert und ausführlich auf das „Schottische und alternativ das Spanische Vierspringerspiel“ einzugehen (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Sc3 Sf6). Dabei wird dem Lernenden klar gemacht, dass sich die ruhige Schottische Variante deutlich von der im Verlauf deutlich spannender ablaufenden Spanischen Variante unterscheidet. Wer also eine solide, unaufgeregte Fortsetzung spielen will, darf sich nicht für Letztere entscheiden. Die schließlich noch genannten Nebenvarianten dieser Eröffnung erwähnt der GM lediglich, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sich die Strategien als recht behäbig darstellen, weil die zu erreichenden Stellungen häufig stark remislastig sind.
Der Rest des Lehrgangs wird komplettiert durch noch zu präsentierende Eröffnungsfolgen wie zum Beispiel die Ponziani-Variante nach 1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. c3 ... (die allerdings in der heutigen Zeit kaum am Brett gespielt wird), sowie das vermutlich noch seltener anzutreffende Läuferspiel, das nach 1. e4 e5, 2. Lc4 ... entsteht und womöglich seine Existenzberechtigung nur daraus erhält, dass sich so die Russische Eröffnung (1. e4 e5, 2. Sf3 Sf6 ...) vermeiden lässt.
Nach diesen Ausführungen kommt Jan Gustafsson noch zur Wiener Partie (1. e4 e5, 2. Sc3 ...) und zum Königsgambit (1. e4 e5, 2. f4 ...), dem er etwas ausführlicher zwei Kapitel widmet, obwohl nach Meinung unseres Experten das Königsgambit eher fehlerhaft in seiner Spielanlage zu sein scheint. Abgerundet wird der DVD-Lehrgang durch das sogenannte Mittelgambit (1. e4 e5, 2. d4), dem aktuell wieder einige junge russische Schachspieler anhängen.
Systemanforderungen: Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista oder Windows 7, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte
Fazit: Wer diese DVD erwirbt, erhält einen absolut umfassenden Überblick über alles, was nach 1. e4 e5 Sinn macht. Sieht man vom hohen Tempo Gustafssons ab, ist dieses Lehrwerk gut zu betrachten, wozu sicherlich auch die Person des jugendlich wirkenden Großmeisters beiträgt. Ich kann eine Empfehlung aussprechen.
Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)