Daniel King – „Angreifen!“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 28.05.2005

Daniel King „Angreifen!“ 2. Auflage der Chessbase CD; 25,50 € unverb. Preisempf.

Der englische Großmeister Daniel King (www.danielking.biz) dürfte Schachspielern seit geraumer Zeit vor allem als Autor bekannt sein. Neben einigen Büchern von hoher Qualität hat King zahlreiche Beiträge für Schachmagazine veröffentlicht, unter anderem eine Strategiekolumne für das ChessBase Magazin. Bei der vorliegenden CD dürfte aber Daniel Kings Rubrik „Test und Training“ (erscheint in jeder zweiten Ausgabe des Schach-Magazin 64 [www.schach-magazin.de]) Pate gestanden haben.
Hier wie dort ist das Konzept ebenso einfach wie überzeugend (und geht zurück auf das in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts erschienene Buch von Euwe/Mühring „Ich teste mich selbst“): Eine Meisterpartie wird Zug für Zug nachgespielt, wobei der Leser/User die Farbe des Gewinners übernimmt. Ab einem gewissen Punkt wird man dann dazu aufgefordert, den nächsten Zug selbst zu überlegen. Abhängig vom Schwierigkeitsgrad gibt es dabei je nach Qualität des gefundenen Zuges mehr oder weniger Punkte zu ergattern. Am Ende kann man mit der erreichten Gesamtpunktzahl auf einer Skala seine Spielstärke ablesen.
Natürlich empfiehlt es sich, diese Trainingsmethode nicht zu überschätzen: Das Üben zu Hause kann nicht mit einer realen Spielsituation gleichgesetzt werden und über die Gerechtigkeit einer Punktebewertung hat man sich schon in der Schulzeit nicht einigen können. Aber diese Methode ist sicherlich wettkampfnäher als das übliche Partienstudium und darüber hinaus aufgrund des Punkte-Feedbacks für den Lernenden sehr motivierend (hinzu kommt die Befriedigung über die gewonnene Partie ;-). Deshalb hat sich der Rezensent zum Trainieren der Vereinsjugend schon mehrfach bei den Partien aus „Test und Training“ bedient und dabei eigentlich nur positive Resonanz erfahren. Der Erfolg der „Test und Training“ Kolumne (dieser Dauerbrenner existiert meines Wissens nach seit den 80er Jahren, was für eine Schachkolumne eine halbe Ewigkeit ist!) ist auch deshalb wohlverdient, weil Daniel Kings Partienauswahl und vor allem seine Kommentierung stets Schachjournalismus auf höchstem Niveau präsentieren: Anspruchsvoll, aber nicht abgehoben; nachvollziehbar, aber nicht simplifizierend; lehrreich, aber nicht schulmeisterlich; erläuternd, aber nicht weitschweifig; präzise, aber nicht spartanisch; lustig, aber nicht lächerlich.
Da der Interessierte sich bereits durch den Erwerb von Schach Magazin 64 (2,50€ pro Ausgabe) oder den Kauf von „Wie gut ist dein Schach?“ (Sammlung von 20 teilweise bereits bei „Test und Training“ veröffentlichten Partien für 12,70€) mit Daniel Kings Kolumne in gedruckter Fassung versorgen kann, stellt sich diese Rezension vor allem die Frage, ob sich der Kauf der CD im Vergleich dazu lohnt.
Die vorliegende CD widmet sich dem schachlichen Teilgebiet, das Daniel King am liebsten ist, dem Königsangriff. Es ist aber auch das für die verwendete Methode sinnvollste Thema, denn in langwierigen Positionspartien oder Endspielen führen einfach zu viele Wege nach Rom, so dass es nahezu unmöglich wird, den einzelnen Zügen eine sinnvolle Bepunktung zuzuweisen.
Die CD enthält lediglich 10(!) Partien, die ein typisches Motiv der Angriffsführung im Schach veranschaulichen (bspw. Bauernsturm oder unrochierter König) und die in der oben erläuterten Form durchgespielt werden können. Dies erscheint auch dann noch äußerst knapp bemessen, wenn man berücksichtigt, dass zur Vertiefung des in einer Partie erworbenen Wissens weitere – eher knapp kommentierte – Beispielpartien zum selben Thema nachgespielt werden können. Auch wenn man so auf insgesamt auf etwa 100 Partien kommt, ist doch das eigentliche Vergnügen mit dem Nachspielen der 10 Partien vorbei und – ein durchschnittliches Gedächtnis vorausgesetzt – bleibt es auch für einige Zeit. (Leider war es mir nicht möglich, festzustellen, ob diese Partien der Kolumne von Schach-Magazin 64 entnommen wurden)
Gut gelöst wurden einige Probleme, mit denen man sich in der gedruckten „Test und Training“ Kolumne herumschlagen muss: Erstens lässt es sich auch mit gutem Willen kaum vermeiden, dass man beim Lesen versehentlich eine Zeile zu tief rutscht. Auch ein Papier zur Abdeckung hilft da nur bedingt. Hat man aber bereits gesehen, welcher Zug als nächstes kommt, ist der Sinn der Übung selbstverständlich dahin. Zweitens kann man aus Daniel Kings Kommentierung des gespielten Zuges natürlich einige Informationen gewinnen, die einem den weiteren Verlauf der Partie unnötig vereinfachen. Da die Kommentierung dem Leser ja auch aufzeigen soll, welcher Plan mit dem gewählten Zug verfolgt wird, ist dies unvermeidlich eine Hilfe für die kommenden Zugentscheidungen. Euwe/Mühring hatten dies dadurch gelöst, dass sie Notation und Kommentierung getrennt voneinander abdrucken ließen, was dann aber das Nachvollziehen der Lösung unattraktiv macht: Wer blättert schon gerne bei jedem Zug hin und her?
Hier können nun ChessBase und der PC ihre Stärken ausspielen! Jede der 10 Übungspartien bekommt man in zwei Versionen: Die erste Version dient dem Test der eigenen Fähigkeiten. Bei aktiviertem Trainingsmodus kann nicht mehr gespickt werden und man kann selbst entscheiden, ob man den Zugentscheid mit kleinen Hilfen oder auf sich allein gestellt trifft. Hinzu kommt, dass für jeden Lösungszug Zeitvorgaben gemacht werde, was das Lösen noch anspruchsvoller und partieähnlicher macht. Dabei werden die erzielten Punkte selbstredend automatisch addiert.
Anschließend kann man dann durch die zweite Version der Partie ins Training gehen, bei dem Daniel King gekonnt (aber nicht so ausführlich wie in seiner Kolumne) das Geschehen Zug für Zug erläutert. Zum Schluss können – wie erwähnt – noch weitere Partien mit Minimalkommentar zur Vertiefung herangezogen werden. Zwei sehr unterhaltsame und lehrreiche Strategielektionen, die ChessBase in die Zweitauflage der CD aufgenommen hat, runden den schachlichen Teil der CD ab.
Abschließend sollte noch erwähnt werden, dass zu jeder Partie ein kleines Einführungsvideo (in der Regel unter einer Minute Dauer) betrachtet werden kann, in dem Daniel King kurz erklärt, worauf man sich einstellen kann. Das ist nett anzusehen und lockert das Ganze auf, schachlichen Wert hat es aber nicht.
Fazit: Auf Daniel King lasse ich nichts kommen. Eine solide Leistung. Die Partien sind gut ausgewählt, didaktisch geschickt aufbereitet und das Nachspielen macht wirklich Freude. Allerdings: Etwas mehr Arbeit hätte er sich bei der Kommentierung gerne machen können. Oder durfte er nicht? Dem Hause ChessBase sei mitgeteilt, dass ihre Preispolitik für mich schwer nachzuvollziehen ist. Das Partienmaterial stammt durchweg aus den Jahren 1995-1998. Da sich die strategischen Motive kaum ändern, ist dies sicherlich noch am ehesten zu verschmerzen. Dennoch sind 10 Jahre im modernen Schach eine lange Zeit. Hinzu kommt die geringe Anzahl der Übungspartien (es sind und bleiben 10!) und ihre zwar gelungene, aber kurze Kommentierung und Variantenarmut. Bei einer CD sollte man hier im Vergleich zur gedruckten Fassung doch eher mehr als weniger erwarten. Nimmt man die Kostenersparnis für den Centartikel CD statt des aufwendigen Drucks hinzu, liegt ein Preis von 25,50€ nicht mehr innerhalb der von ChessBase Kunden bereits weit gezogenen Schmerzgrenze, sondern überschreitet diese erheblich und zwar meines Erachtens bereits zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung. Nachdem inzwischen einige Jahre ins Land gegangen sind und vergleichbare Produkte von ChessBase als DVD auf den Markt gebracht werden, hielte ich die Hälfte des Preises für angemessen. Anscheinend ist der Käufer aber kein Mangel, zumal die Produkte von ChessBase außer Büchern in der Regel kaum Konkurrenz zu fürchten brauchen.
Es ist einfach überfällig, dass ChessBase für seine Produkte eine Nice-Price Sparte einführt, wie man sie aus der Musikindustrie kennt. Die „Schnäppchen“-Seite im Katalog auf www.chessbase.de weist als günstigsten Preis für eine Schach-CD 19,99€ aus...



Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes

Ich danke der Firma Chessbase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

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