Battle vs. Chess

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 24.08.2011
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: Games for Windows
TopWare Interactive; Preis ab ca. 33,-- Euro (online je nach Anbieter);
freigegeben ab 12 Jahren

In dieser Rezension möchte ich – sicherlich ungewöhnlich – mit einer Behauptung starten, die nicht wissenschaftlich fundiert oder durch empirische Forschung belegt ist: Dieses Fantasy-Game wird die Spielerschar und Menge der Schachbegeisterten in ihrer Betrachtung spalten, weil hier spielerische Welten aufeinander prallen.
Auf der einen Seite haben wir das seit dem 3. - 6. Jahrhundert bekannte alte Strategie-, Denk- und Brettspiel, das im Laufe der Zeit zahlreichen Veränderungen der Spielregeln unterworfen war und sich schließlich in seiner heutigen Form als Ergebnis der schöpferischen Kraft vieler Völker darstellt, sozusagen ein Schach-Evolutionsprodukt. Auf der anderen Seite finden wir in „Battle vs. Chess“ ein multimediales Fantasy-Erlebnis auf dem PC (oder einer Spielekonsole) vor, das mit dem eigentlichen Flair des ursprünglichen Schachspiels außer den zu beachtenden Spiel- und Zugregeln nicht mehr viel zu tun hat, da es überall blitzt, kracht, scheppert, flickert, flackert, blinkt... ... – fehlt nur, dass nach 30 Minuten des Spielens eine Werbeunterbrechung eingeblendet wird.
Eine wirklich objektive (!) Bewertung dieses Genres kann und werde ich nicht leisten, da auch ich nur ein emotionaler, jedoch kritisch veranlagter Rezensent bin, der seine entsprechenden Schlussfolgerungen und Erkenntnisse nur aus dem ureigensten Blickwinkel leisten kann. Ob diese Sichtweise für Teile der Allgemeinheit gültig ist oder ob es andere Gruppierungen gibt, die meinen Standpunkt nicht teilen, bzw. ihn verwerfen, soll offen diskutierbar bleiben. Ich nehme mir nur das Recht eines Kritikers heraus, mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg zu halten.
Aber nun der Reihe nach zuerst einige Fakten: Das vorliegende Spiel ist laut der stabilen Verpackung in neun Sprachen verfügbar (englisch, französisch, deutsch, italienisch, spanisch, russisch, ungarisch, tschechisch und polnisch), auch wenn sich im Handbuch nur englische, deutsche, französische, spanische und italienische Hinweise befinden.
Das Fantasy-Abenteuer ist kostenlos online spielbar (deswegen vermutlich auch der Hinweis auf die Vielsprachigkeit), allerdings wird dazu zwingend ein Account per Windows-Live mit einer zu generierenden Live-ID benötigt, damit man Spiele und Aktivitäten seiner Freunde sehen, man Spielerfolge für alle „Games for Windows-Live-Spiele“ nachverfolgen und man Teil der „PC-Spiele-Revolution“ werden kann. Dazu braucht man die aktuelle Software „Games for Windows – Live“, man gibt seine Spiel-Seriennummer ein, erstellt ein neues Live-Profil, meldet sich an und gibt zu guter Letzt noch einen weiteren 25-stelligen Produkt Key ein. Vielleicht reagiere ich mittlerweile übertrieben sensibel, wenn es um Daten im Netz geht, aber dennoch geht mir dieser gläserne Ansatz ein ganzes Stück zu weit. Wie weit meine Daten über das Netz verteilt werden und für andere Zugriffe verfügbar sind, wird nirgends in der Spielanleitung auch nur mit einem Wort erwähnt.
Um die Installation erfolgreich abschließen zu können, gibt man nach dem Spielstart zuerst seine 16-stellige Seriennummer ein, anschließend schließt sich eine Zwangsaktivierung über das Internet (wahlweise auch per Telefon) an, um im vollen Umfang spielen zu können. Wer sich noch registrieren möchte, kann dies selbstverständlich auch noch tun – man braucht nur noch seine Email-Adresse anzugeben und schon erhält man Zugang zu Extramaterialien, sowie Hinweise auf Produktaktualisierungen und Neuerungen. Keine Sorge: hierbei handelt es sich bestimmt nicht um etwaige Möglichkeiten zur Werbung oder das Anlegen eines Kundenprofils (Microsoft lässt grüßen)!!!
Das nach dem Start erscheinende Hauptmenü ist auch für Neueinsteiger sehr übersichtlich: es lässt u. a. den Einzelspieler- oder Mehrspielermodus zu, hier gibt es die Einstellungen, einen „Credits-Button“ und die Möglichkeit, das Spiel zu verlassen.
Als Einzelspieler kann ich auswählen, ob ich eine klassische Partie, ein Tutorial (für Schachneulinge), eine Kampagne (Varianten und Sonderregeln in einer von 15 spannenden Fantasy-Geschichten verpackt – hier kann der Schachinteressent „die Armeen der Ordnung und des Chaos“ zum Sieg führen...), Minispiele (kleinere, aber auch komplexere Schachpuzzles, Aufgaben zu kniffligen Startpositionen) oder mit den Battlegrounds beginnen möchte. Hier lässt sich das Schachbrett in eine Kampfarena verwandeln, die Figuren ziehen in die Schlacht und Schacharmeen werden sich in spannenden Duellen messen – so verspricht der Hersteller.
Dem Multiplayer bieten sich drei Optionen: Games for Windows – Live, ein Spiel über LAN oder Head-to-Head (laut Anleitungsheft die Möglichkeit, mit einem Freund auf der selben „Konsole“ zu spielen – ist das etwa so ähnlich wie eine „richtige“ Partie am Brett...???).
Die „Einstellungen“ dienen wie gewohnt dazu, Grafik-, Sound- und Steuerungsverhalten zu definieren, so dass damit eine Anpassung an die unterschiedlichste Hardware gegeben ist. Zu den wählbaren Spielmodi möchte ich noch erläuternde Hinweise geben. Ich kann unter sechs Möglichkeiten auswählen (wobei ich nicht die Frage nach der Ernsthaftigkeit des Spielens aufwerfen möchte – das sollte jede(r) für sich selbst tun:

1. Klassische Partie
2. Zufällige Partie (die Figuren beider Seiten werden zufällig platziert)
3. Taktische Partie (meine Figurenaufstellung bestimme ich selber, während die Engine nur eine kleine Anzahl vordefinierter Positionen hat)
4. Wahnsinnspartie (die Figuren werden auf beiden Seiten absolut zufällig aufgestellt)
5. Rekrutenpartie (man erhält max. 16 Figuren mit max. 39 Wertungspunkten – analog der Faustwertung beim „richtigen“ Schach)
6. Rekrut des Wahnsinns-Partie (die beiden letztgenannten Modi werden kombiniert)

Auf die Möglichkeiten der Minispiele und der Schachpuzzles möchte ich hier nicht näher eingehen, sie sind in ihrer Zielsetzung gut beschrieben und daher leicht nachvollziehbar.
Die schachliche Qualität des Produkts soll in dieser Rezension keinesfalls übergangen werden. Eine Fritz-Engine werkelt im Hintergrund und lässt damit durchaus anspruchsvolles Spiel zu, genauso wie in den „seriösen“ Schachvarianten. Auch die grafischen / multimedialen Details sind sehenswert: schicke Schauplätze (allerdings ist Fantasy wohl wirklich Geschmackssache), gute Animationen – wenn auch nach kurzer Zeit recht eintönig, da die Abwechslungsvielfalt fehlt, sowie eine dem Genre angepasste stimmungsvolle Musikuntermalung. Die Steuerung des Spiels ist einfach und unkompliziert, keine schwierigen Sequenzen, die man sich merken müsste.
Systemanforderungen:
min.: AMD / Intel CPU 2 GHz, 512 MB RAM, Windows XP SP2 bis Windows 7, Grafikkarte Per-Pixel-Shader 2.0 512 MB RAM, Festplatte 1 GB verfügbarer freier Platz, DVD-ROM-Lauf-werk, Maus, Soundkarte 5.1, Internetzugang DSL / ADSL. empf.: Multicore CPU, 1 GByte RAM, Betriebssystem s.o., Grafik Geforce FX 6, 7, 8 oder ATI / AMD Radeon X, übrige Komponenten s.o.
Fazit: Vielleicht darf ich an Stelle einer seriösen Abschlussformulierung auszugsweise zu Heinrich Heines Lied von der Loreley greifen: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, ...“ An dieser Software scheiden sich ganz sicher die Geister. Vielleicht mögen jüngere oder anders ausgerichtete Menschen sich erinnert fühlen an Episoden aus „Terminator“, „Harry Potter“, „Star Wars“ oder „Kampfstern Galactica“ – das kann ich nicht beurteilen. Für mich als hauptsächlich ernsthaften Schachspieler, -berater und –freund ist dieses Produkt jenseits von „Gut und Böse“. Das ist nicht das Schach, das ich jahrzehntelang gespielt und geliebt habe – das ist Krawallmacherei und Animation pur! Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass im Hintergrund der Anwendung eine Fritz-Engine läuft und demnach durchaus die Möglichkeiten gegeben sind, auf einem hohem Niveau Schach spielen zu können. In einzelnen Ausführungen der gängigen Spiele-Fachpresse wird dieses Spiel hoch gelobt und als eine teilweise bahnbrechende Innovation eingestuft, um dem Schachspiel seinen antiquierten Touch zu nehmen und eine zeitgemäße Einstufung mit höherer Spielmotivation zu ermöglichen. Leider denke ich persönlich anders darüber, möchte aber nicht kategorisch die Software verdammen. Das Schachspiel ist meines Erachtens so vielfältig, dass es durchaus auch andere Perspektiven zulassen kann.
Letztlich darf ich noch einen ausgesprochenen Schachkenner und Pädagogen – Herrn Dr. Georg Mondwurf aus Bremerhaven – auszugsweise zitieren:
„Das Schachspiel schult (...) das logische und vorausschauende Denken, das räumliche Vorstellungsvermögen, Mustererkennung, Rechenvermögen, Gedächtnis (...) und macht (...) auch noch Spaß“. Dem kann ich nur noch hinzufügen: „...sondern leitet auch zur inneren Ruhe, Besinnung und stillen Konzentration auf eine zur Aufgabe gestellte Situation an!!!“
In diesem Sinne danke ich dem Hersteller für das kostenlose Rezensionsexemplar, es wird sicherlich geeignetere Abnehmer finden, die eine andere Schachperspektive besitzen als ich.

Heinz-Willi Jansen (stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)