„Gewinnen gegen Sizilianisch“ – Viktor Bologan (Band 1-3)

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 03.10.2011
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ChessBase GmbH, Hamburg; ISBN 978-3-86681-253-6, Preis 29,90 Euro; ISBN 978-3-86681-254-3, Preis 29,90; ISBN 978-3-86681-255-0, Preis 29,90 Euro

Ein sehr aktiver Schachautor bei ChessBase ist der moldawische Großmeister Viktor Bologan, von dem in dieser Rezension sein aktuelles dreibändiges Trainingsprodukt zum Thema „Gewinnen gegen Sizilianisch“ vorgestellt werden soll. Die Videolaufzeit der DVDs beträgt ca. 6 Stunden bei Bd. 1, ca. 5 Stunden und 40 Minuten bei Bd. 2 und letztlich ca. 5 Stunden bei Bd. 3.
Der Moldawier gilt als erfahrener Trainer und Buchautor, der zusätzlich einige Siege in hochklassigen Turnieren vorweisen kann. Aktuell (September 2011) liegt er in der FIDE-Rangliste auf Rang 89 mit einer ELO-Zahl von 2656. Leider fällt wieder einmal als Erstes auf, dass der GM in den letzten Jahren seine Sprachkenntnisse (im Besonderen die Aussprache) nicht sonderlich verbessert hat – den Zuhörern wird also weiterhin ein „gutes Ohr“ abverlangt, was sicherlich die fachliche Qualität der Gedanken und Theorien nicht beeinträchtigt, aber dennoch den Betrachter nicht zu einem reinen Genuss kommen lässt – gut, dass diese Titel nicht deutschsprachig aufgenommen wurden, dann wäre vermutlich der kleine sprachliche Makel noch deutlicher geworden!
Die Sizilianische Verteidigung (konkret: der „Offene Sizilianer“) ist heute eines der am häufigsten gespielten Eröffnungssysteme, in dem Spannung, wechselvolles Spiel, sowie Faszination, aber auch einige Fallstricke enthalten sind. Weiß wird sich zunehmend darauf einstellen müssen, dass Schwarz nicht nur wie das hypnotisierte Kaninchen erstarren wird, sondern durchaus heftiges Gegenspiel initiieren kann. Gerade daraus entwickelt sich der Reiz des Sizilianers.
Viktor Bologan beschreibt in seiner Intro die Intention des „Offenen Sizilianers“: gerade weil dieses System so komplex ist, wurde eine thematische Trennung zwischen den drei am häufigsten gespielten schwarzen Entgegnungen durchgeführt. In Band 1 liegt der Schwerpunkt auf den Abspielen mit 2. ... Sc6, in Band 2 geht es um Fortsetzungen nach 2. ... d6, in Band 3 folgen die Analysen nach 2. ... e6. Natürlich lassen sich nicht alle Partiebeispiele der Vorgabe entsprechend kategorisieren – dennoch sind die jeweiligen Inhalte konsequent aufbereitet.
Somit finden wir auf der 1. DVD zahlreiche Gedankengänge und Erläuterungen zur „Richter-Rauser-Variante“ (3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8-f6 5. Sb1-c3 Sb8-c6 6. Lc1-g5), zum „Maroczy-System“ oder auch der „beschleunigten Drachenvariante“( 3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 g7-g6 und nachfolgend 5. c2-c4), dem „Löwenthal-System“ (3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 e7-e5) und der „Sweschnikow-Variante“ (3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8-f6 5. Sb1-c3 e7-e5), um nur die wichtigsten der vorgestellten Abspiele incl. einiger Nebenvarianten zu nennen.
Auf der 2. DVD legt der moldawische GM dann einen klaren Schwerpunkt fest, indem er sich ausschließlich auf die zwei wohl herausragendsten Varianten im Sizilianischen beschränkt: das „Najdorf-System“ (1. e2-e4 c7-c5 2. Sg1-f3 d7-d6 3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8-f6 5. Sb1-c3 a7-a6), sowie das „Drachensystem“ (3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8-f6 5. Sb1-c3 g7-g6). Wie bedeutsam diese beiden sind, zeigt sich schon allein an der Tatsache, dass die meisten der absoluten Spitzenspieler im Schach sowohl die eine als auch die andere Fortsetzung präzise und in Ausführlichkeit analysiert haben. Vor allem Garri Kasparow hat mit den schwarzen Steinen glänzende Erfolge in beiden Varianten erzielt.
Verwirrend an diesen beiden Eröffnungen ist die schier unglaubliche Fülle an Abspielen, Varianten (incl. Untervarianten) und Verwicklungen. Wer diese Systeme spielt, kann mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht alle spielbaren Situationen auf dem Brett kennen oder „er“kennen – dazu ist der mögliche Partieverlauf viel zu komplex. Deshalb ist es gut, mit Viktor Bologan einen Lehrmeister zu bekommen, der in vielen gängigen Beispielen die Kernideen anreißen und Gefahren aufzeigen kann. Der Autor selber favorisiert Fortsetzungen mit f3, Le3 oder Dd2, was auf den sog. „Englischen Angriff“ hinausläuft und sich mit vielen gewählten Einleitungen kombinieren oder anwenden lässt. Oft erinnert mich die Fülle des dargebotenen Materials an das gern zitierte indische Sprichwort: „Schach ist ein See, in dem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann.“
Die 3. Silberscheibe rundet den Lehrgang ab, indem die Fortsetzungen nach 2. ... e7-e6 vorgestellt und analysiert werden. Auch auf diesem Datenträger liegt eine Fülle an anschaulichem Partien- und Stellungsmaterial vor, das den Interessenten in diesem Bereich nicht alleine stehen lässt. Man muss deutlich herausheben, dass natürlich Schwarz mit der gewählten Fortsetzung den Weißen in äußerst komplexe Varianten zwingen möchte, jedoch darf er / sie keinesfalls leichtsinnig werden, weil man durchaus ein hohes Risiko eingeht, da das Gegenüber mit den weißen Steinen jederzeit ernste Problemstellungen retour bewirken kann.
Als glänzende Beispiele der nicht eindeutigen Vorteilsnahme für Weiß oder Schwarz gelten hier u. a. die „Paulsen-Variante“ (3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 a7-a6 --- auch „Kan-Variante genannt“) mit all ihren möglichen Abspielen, der „Keres-Angriff“ (1. e2-e4 c7-c5 2. Sg1-f3 d7-d6 [e7-e6] 3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8-f6 5. Sb1-c3 e7-e6 [d7-d6] 6. g2-g4), der sich aus der „Scheveninger Variante“ ableitet, aber auch die „Taimanow-Variante“ (3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sb8-c6) oder verschiedene andere Fortsetzungen wie der „Sizilianische Angriff“ (3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8-f6 5. Sb1-c3 Lf8-b4) und das „Sizilianische Vierspringerspiel“ (3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8-f6 5. Sb1-c3 Sb8-c6).
Tenor auf dem dritten Datenträger bleibt die Erkenntnis Bologans, dass Fortsetzungen für Weiß mit f3, Le3 oder Dd2 noch am sinnvollsten und gefahrlosesten bleiben, obgleich niemals die Sicherheit und Garantie dafür gegeben werden kann, dass der mit den schwarzen Steinen Spielende nicht doch Verwicklungen erreicht, die dem Weißen keinen Vorteil mehr übrig lassen.
Systemanforderungen: Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista oder Windows 7, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte.
Fazit: Die vorgestellten DVDs sind weitere Lehrprodukte aus der vom Hamburger Anbieter ChessBase produzierten typischen 30-Euro-Klasse, von denen man natürlich jedes auch einzeln erwerben kann. Inhaltlich macht dies jedoch wenig Sinn, da thematisch durch die dreibändige Umsetzung ein sinnhafter Bogen vollzogen wurde. Wer die faszinierende Welt des Schach mit Kombinationen, Attacken und Gegenattacken an einem ganz bestimmten Eröffnungssystem erleben und erlernen will, dem kann mit Viktor Bologans Drillingswerk geholfen werden. Ob es dann wirklich zum Repertoire eines Großmeisters (!) werden kann, zeigt sich erst zukünftig beim jeweilig Lernenden. Vor allem deshalb, weil der Moldawier ehrlich genug ist, zuzugeben, dass es keinen „Königsweg“ zur erfolgreichen Beendigung einer Schachpartie geben kann. Deshalb ein Kompliment für die offene und objektive Betrachtungsweise der „Sizilianischen Eröffnung“, die Vor- und Nachteile deutlich gegenüberstellt und dem Schacheleven die Qual der Wahl der richtigen Fortsetzung lässt.

Danke an Chessbase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)