Strategie-Kompass, Bd. 2 & 3, Sam Collins

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 20.10.2011
 Auf Amazon.de kaufenTitel: „Strategie-Kompass, Bd. 2 – Capablanca-Struktur“, Bd. 3 – Zentrumsmehrheit“
aus der Reihe: fritztrainer eröffnung (englischsprachig)
Chess Base GmbH, Hamburg – ISBN 978-3-86681-256-7, ISBN 978-3-86681-263-5, Preis jeweils 27,90 Euro

Was mir als allererstes Detail bei diesen Titeln auffällt, ist die Tatsache, dass es nirgendwo einen „Band 1“ des „Strategie-Kompass“ gibt – sollte sich da ChessBase mit der Zählweise einen Rechenfehler erlaubt haben? Nein, natürlich nicht, da ein anderes Produkt mit dem Namen „Know the Terrain, Vol. 1: The Carlsbad“ in der Vergangenheit veröffentlicht wurde, das als Vorläufer der beiden hier getesteten DVDs gelten darf, auch wenn es völlig anders heißt. Interessanterweise stellt man nach dem Start der Software fest, dass im Begrüßungsbildschirm sehr wohl der alte Titel „Know the Terrain“ beibehalten wurde – welch ein Durcheinander, für die Sache und die vorgestellten Informationen allerdings von eher untergeordneter Bedeutung!
Wie dem auch sei, darf ich in dieser Rezension für mich erstmalig den irischen IM Sam Collins vorstellen, der in der Vergangenheit (wie bereits angedeutet) schon andere Titel bei der Hamburger Schachverlags GmbH veröffentlicht hat, vor allem auf seinem Spezialgebiet Eröffnungen. Weitere anerkannte Erfolge erzielte er ebenfalls als Trainer verschiedener Jugendnationalmannschaften, sowie mit der Meisterklasse der „Berkeley Chess School“ (www.berkeleychessschool.org) in Kalifornien.
Die Videolaufzeit bei Band 2 liegt bei 4 Stunden 30 Minuten, bei Band 3 sind es 4 Stunden 40 Minuten, so dass der Gesamtumfang des Materials bei etwas über 9 Stunden liegt.
Seitdem das EDV-Zeitalter auch starken Einfluss auf das Schachspiel genommen hat, ist es Experten, aber auch „völlig normalen“ Schachfreunden nicht entgangen, dass die Informationsflut enorm angewachsen ist. Wir erhalten Zugriff auf Partien, Datenbanken, taktische Vorhaben, Schachstrategien, Expertenmeinungen und nicht zuletzt führen uns Schachmaschinen vor, welche unvorstellbaren Dimensionen sich in den letzten ca. 20 Jahren eröffnet haben. Diese Fülle kann vom menschlichen Gehirn mittlerweile nicht mehr adäquat verarbeitet werden. Deshalb ist es zukünftig zunehmend wichtiger, eine Auswahl zu treffen, Strukturen zu erkennen, wiederkehrende Stellungsbilder einzuordnen, um überhaupt noch für sich selber eine Verfahrensweise mit dem modernen Schach entwickeln zu können.
Hierbei möchte uns Collins behilflich sein, der seine Theorien mit den immer wiederkehrenden Bauernstrukturen untermauert. Auf der DVD „Strategie-Kompass, Bd. 2 – Capablanca-Struktur“ leitet er eine ausführliche Untersuchung der Ideen des Namensgebers ein. Im System Capablancas geht es sehr oft um die weißen Bauernpositionen c4 / d4, dem die schwarzen Bauern sehr gerne auf c6 / e6 gegenüber stehen. Vereinfachend ausgedrückt geht es hier um die Abwägung der Vorteile eines weißen Raumgewinns im Gegensatz zur schwarzen Solidität. Der Raumvorteil des Weißen trägt jedoch nur so lange, wie es ihm gelingt, den Schwarzen nicht zur Stellungsvereinfachung kommen zu lassen, die den weißen Vorsprung egalisieren würde.
Interessant ist dieser Ansatz vor allem deswegen, weil man sich nicht auf eine (!) spezielle Eröffnungsvariante konzentriert, sondern eine ganze Reihe an bekannten, gern gespielten Eröffnungen im Gefüge unterzubringen sind.
Die Gedanken gelten beispielsweise für das „Abgelehnte Damengambit“ (1. d2-d4 d7-d5 2. c2-c4 e7-e6), „Halbslawisch“ (1. d2-d4 d7-d5 2. c2-c4 e7-e6 3. Sb1-c3 c7-c6), die „Französische Verteidigung – Rubinsteinvariante“ (1. e2-e4 e7-e6 2. d2-d4 d7-d5 3. Sb1-c3 d5xe4, alternativ: 3. Sb1-d2 d5xe4, bzw. 3. Sb1-c3 Sg8-f6 4. Lc1-g5 dxe4) oder auch die „Caro-Kann-Eröffnung“ (1. e2-e4 c7-c6).
In nahezu 50 Kapiteln erleben wir beispielhafte Positionen, in denen uns Collins seine Gedanken näher bringt; er bedient sich zahlreicher Beispiele bekannter WM und GM des Schach: z. B. Smyslov, Polugaevsky, Polgar, Tiviakov, Radjabov, Karjakin, Ivanchuk, Leko, Kasimdzhanov, Short, Van Wely, Carlsen, Capablanca, Kramnik, Anand, Ponomariov – also eine mehr als illustre Mischung aus Jung und Alt.
Wer Genaueres zum Inhalt erfahren möchte, dem sei gesagt, dass der irische Experte uns Muster neuralgischer Ideen bereithält, aus denen er Schachwissen vermitteln will. Es geht um Aufeinandertreffen der Bauern e4 e5, das Vorrücken des d-Bauern nach d5, Vorrücken nach c5 oder e5, Besetzung von d6, c5 gegen b6 mit Lb7, Vorrücken des h-Bauern, Turmpositionen, taktische Verfahrensweisen gegen f7 und e6, Sf5, Königsflügelangriffe des Weißen, Bauernsturm des Schwarzen, Attacken mit f4 nachfolgend e5, Bauern auf b5 – f5 – g5, Turmverdopplung im Zentrum, Figurentausch, frühes Einleiten ins Endspiel... ... ... – eine wahre Schatzkammer an brauchbaren Hinweisen, keiner an eine bestimmte Eröffnung gebunden.
Die zweite getestete DVD „Strategie-Kompass, Bd. 3 – Zentrumsmehrheit“ dreht sich (wie schon der Titel andeutet) um eine solide zentrale Bauernüberzahl, die es nunmehr für den Weißen erfolgreich zu nutzen gilt. Wie so oft im Schach erkennen wir durch diese strategische Anleitung Zusammenhänge, die einen gewonnenen Vorteil mindestens halten, am besten sogar ausbauen sollen. Wohl dem, dem diese Umsetzung gewinnbringend gelingt.
Auch hier lernen wir nicht im Sinne von „Auswendiglernen“, bestimmte Eröffnungen und deren Besonderheiten Zug für Zug nachzuspielen, sondern der Blick geht voraus! Variable Positionen, strategisch angelegte Konzepte und eine Orientierung an wiederkehrenden Grundmustern sind laut Sam Collins der Weg zum Erfolg. In fast 35 Kapiteln (vom System her der zuvor getesteten DVD ähnlich) erläutert der Ire seine Philosophie, wobei er folgende Schwerpunkte zielgerichtet bearbeitet oder vom Zuschauer / Zuhörer bearbeiten lässt:
Schwarz spielt b6 und nachfolgend Sc6, b6 und nachfolgend Sd7, Weiß eröffnet mit d4 und setzt mit e5 fort, der Anziehende kombiniert d5 mit e5, Königsflügelangriffe (mit Zielrichtung, zentrale Bauernmehrheiten zu erringen), der Nachziehende entgegnet mit f5, Vorposten auf c4, Täuschungsattacken mit schwarzem Zentralbauern, d-Bauern-Varianten in Verbindung mit Sg5, Blockadestellungen in Mittel- und Endspiel, entscheidende Vorposten im Endspiel. Auch diese Erkenntnisse stellen wiederum ein Füllhorn schachlicher Leckerbissen dar.
An Spielergrößen werden uns vorgestellt (ich habe nur Spieler/-innen mit einer ELO-Zahl über 2700 ausgewählt): Anand, Aronian, Carlsen, Gelfand, Ivanchuk, Jakovenko, Kasparov, Kramnik, Leko, Polgar, Ponomariov, Radjabov, Svidler, Topalov, Van Wely und etliche zur Weltspitze zählende GM.
Systemanforderungen: Pentium-Prozessor mit 300 MHz, 64 MB RAM, Windows XP, Vista oder Windows 7, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte.
Fazit: Für erfahrene Schachspieler/-innen ist dieses Werk sicherlich eine große Hilfe, für deren wahren Nutzen man Einiges an Zeit investieren sollte. Ich darf allerdings einschränkend hinzufügen, dass der „normale“ Schachfreund, der nicht im Verein, sondern nur zum bloßen Hobby spielt, unter Umständen mit dieser Trainingssoftware überfordert sein könnte. Die größten Spielfortschritte wird vermutlich nur der erzielen, der schon einen gewissen geschulten „Schachblick“ besitzt und dem einige positionelle Grundmuster aus eigener Erfahrung bekannt sind. Sonst kann ich letztlich nur vermuten, dass die tiefergehenden Erkenntnisse gar nicht erfolgreich vermittelt werden können.
Danke an Chessbase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)