George Renko „Killerzüge“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 15.07.2005

George Renko „Killerzüge“ Chessbase CD; 25,50 € unverb. Preisempf.

„Schach ist zu 99 Prozent Taktik!“ Dieses Bonmot verdankt die Schachwelt laut Google merkwürdigerweise Richard Teichmann, einem Schachmeister aus Urgroßvaterzeiten. Merkwürdigerweise deshalb, weil Teichmann eigentlich den Ruf hat, ein recht friedfertiger Spieler gewesen zu sein, dem seine Kurzremisen in einer Reihe von Turnieren Platz 5 und damit den Spitznamen „Richard V.“ bescherten.

Interessanter als Zweifel an der Urheberschaft von Sprüchen zu hegen dürfte für Schachspieler aber die Frage sein, inwieweit das Bonmot eigentlich stimmt? Kommt der Taktik tatsächlich eine so hohe Bedeutung zu? Sind die ganzen Strategielehrbücher von Tarrasch („Das Schachspiel“) und Nimzowitsch („Mein System“, „Die Praxis meines Systems“) über Kmoch („Die Kunst der Bauernführung“), Euwe („Urteil und Plan im Schach“) und Suetin („Schachstrategie für Fortgeschrittene“) bis hin zu Dworetzki („Geheimnisse der Schachstrategie“) eigentlich für die Katz’?
Unter dem Eindruck der vernichtenden Niederlage von GM Michael Adams gegen Rechenmonster Hydra (0,5-5,5!) muss die Antwort wohl „JA!“ lauten. Die alltägliche Erfahrung der Schachamateure, dass letztendlich jede Partie durch die Taktik bestimmt wird, machen inzwischen auch die strategisch so kunst- und planvoll agierenden Groß- und Weltmeister des königlichen Spiels. Der Siegeszug der Schachprogramme hat gezeigt, dass der Fähigkeit zum Erkennen taktischer Motive und zur konkreten Variantenberechnung eine größere Bedeutung zukommt, als dies noch vor 20 Jahren angenommen wurde. Inzwischen werden Training, Partievorbereitung und –führung bei allen Großmeistern von Schachprogrammen begleitet, inspiriert oder sogar bestimmt (siehe Interview mit GM Christopher Lutz unter

http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=4468
http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=4474
http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=4502).

Tun wir es ihnen gleich! Schließlich lässt sich obige Erkenntnis auch einmal andersrum betrachten: Wenn ich nicht so ein Talent und Positionsgefühl habe wie mein Gegner und mich vielleicht auch nicht so gerne mit den Feinheiten der Eröffnungstheorie herumschlage wie er, dann kann ich diese Mängel in der Praxis durch taktische Fähigkeiten mehr als ausgleichen. Sollte der Gegner mir nach der Partie vorjammern, er habe „strategisch klar auf Gewinn gestanden“ und seine Niederlage wäre „nur durch diesen dummen taktischen Fehler passiert“, pflichten wir ihm bei, trösten ihn und freuen uns im Stillen über unseren vollen Punkt.



Die Trainingsmethode, mit der sich die Grundlagen für Schachtaktik legen lassen, ist eigentlich seit Jahrzehnten bewährt und praktisch nicht mehr verändert worden: Grundlegende taktische Motive werden zunächst in einfachster Form erläutert und anschließend mit Abwandlungen an vielen Beispielstellungen eingeübt. Im weiteren Verlauf werden die Stellungen durch die Kombination mehrerer Motive immer komplexer. Hinter dieser Vorgehensweise verbirgt sich ein Verständnis für die Arbeit des menschlichen Gehirns während des Schachspiels und beim Lernvorgang an sich: Jede Stellung wird vom Gehirn mit abgespeicherten Mustern verglichen. Je mehr Stellungsmuster bekannt sind, umso leichter werden taktische Kombinationen „gesehen“ und die Stellungsprobleme lösen sich „wie von selbst“. Durch die oben beschriebene Trainingsmethode stellen Schachtrainer seit Jahrzehnten sicher, dass im Gehirn tatsächlich Muster abgebildet werden und nicht etwa unzusammenhängende Einzelinformationen. Dass die „Mustererkennung“ tatsächlich den Unterschied zwischen starkem und schwachem Spieler ausmacht, wurde von der modernen Gehirnforschung inzwischen bestätigt. Stark verändert hat sich aber – gottseidank! – das Training selbst. An Übungspositionen zum Thema bestand zwar noch nie ein Mangel, aber wie mühselig war es vor den Zeiten des PC, mit diesen zu trainieren! Für jede neue Aufgabe musste das Schachbrett geleert und die benötigten Figuren neu aufgestellt werden. Mit steigendem Können dauerte das Aufbauen länger als das Lösen – also löste man die Aufgaben direkt vom Blatt, mit dem Nachteil, dass man es kaum noch gewohnt war, die schwarzen Figuren vor sich zu haben (denn in den abgedruckten Diagrammen ist immer „Weiß“ unten). Dann das Nachschlagen der Lösung: Wie stellt man’s an, ohne schon einen vorwitzigen Blick auf das Ergebnis der nächsten Aufgaben zu werfen? Heutzutage muss man nur noch seinen Jahresurlaub nehmen, eine CD in den PC schieben und schon kann man die nächsten Wochen in aller Ruhe mit Taktikaufgaben verbringen. In diesem Fall geht es um eine CD aus dem Hause ChessBase: „Killerzüge“ von George Renko. Sie ist gedacht zum Ausbau bereits vorhandener Kenntnisse in Sachen Schachtaktik, also nicht für den Einstieg geeignet (hierzu sei z.B. auf die CD „Intensivkurs Taktik“ vom selben Autor verwiesen, die mir allerdings noch nicht vorliegt). Irgendeinen verbalen Kommentar zu den Positionen gibt es nämlich nicht, dafür aber ganz schön viele von ihnen: Ungefähr 1600 Aufgaben, eingeteilt in 9 Schwierigkeitsstufen, machen deutlich, dass es auf dieser CD die Masse macht. Ich hoffe, man sieht es dem Rezensenten nach, dass er diesen Text verfasst, bevor er sämtliche 1600 Exempel absolviert hat?! Allen Aufgaben ist gemeinsam, dass die Partei, deren Seite man übernimmt (das Aufstellen der Figuren und das Brettdrehen beim Farbenwechsel von Aufgabe zu Aufgabe übernimmt natürlich ChessBase), die Partie auf erfreulich eindeutige Weise erfreulich zügig zu Ende bringen kann – eben mit einem „Killerzug“. Die Stellungen sind gut ausgewählt, neben bekannteren und unbekannteren Partiestellungen finden sich auch komponierte Aufgaben. Der Anstieg der Schwierigkeit erfolgt in vergleichbaren Schritten, was die Motivation des Trainierenden erhält. Mit dem Schwierigkeitsgrad erhöht sich die Anzahl der Punkte, die sich durch die Lösung ergattern lassen und die Zeit, die einem dabei zur Verfügung steht (selbstredend merkt sich ChessBase Punktestand und zuletzt aufgerufene Stellung, wenn man nicht alle Aufgaben am Stück schafft ;-). Die Vergabe von Punkten bildet natürlich einen schönen Anreiz bei der Erarbeitung der Stellungen, weshalb es schade ist, dass dieser Bereich von ChessBase nicht stärker ausgebaut worden ist, z.B. in Form einer High-Score Liste oder ähnlichem, bei der man gegen sich oder andere antreten könnte oder je nach Erlangung einer bestimmten Anzahl von Punkten vom Programm mit einem Titel oder so belobigt würde. Fazit: Das Ganze kommt reichlich trocken daher und hat – wie immer bei ChessBase – seinen Preis. Wer es kommentiert mag, ist vielleicht mit der Taktik-CD von Rainer Knaak besser bedient (lag dem Rezensenten nicht vor). Wem es aber einzig und allein darauf ankommt, ein intensives Training zu betreiben, der ist mit diesem Taktik-Fitnessstudio gut bedient.


Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes

Ich danke der Firma Chessbase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

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