George Renko „Tödliche Drohungen“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 28.07.2005

George Renko „Tödliche Drohungen“ Chessbase CD; 24,99 € unverb. Preisempf.

Einleitende Worte zum Thema kann ich mir ausnahmsweise einmal schenken und verweise diesbezüglich auf meine Rezension der ChessBase-CD „Killerzüge“ des selben Autors.

Mit „Tödliche Drohungen“ wendet sich George Renko einem Spezialgebiet der Taktik zu, dass manchmal etwas stiefmütterlich behandelt wird. Zwar wird allenthalben gerne Tartakowers Bonmot zitiert, dass die Drohung stärker als ihre Ausführung sei, aber meist finden sich in den Taktikecken doch hauptsächlich Aufgaben, in denen man es so richtig schön krachen lassen kann bzw. alles hübsch forciert abläuft. Schwieriger zu finden sind hingegen jene Kombinationen, die einen oder sogar mehrere sogenannte „stille Züge“ enthalten, Züge also, die nicht unter Schach- oder Schlaggetöse stattfinden. Mit steigender Spielstärke, wenn man selbst oder der Gegner die plumpere Taktik schon in petto hat, muss man sich aber genau mit diesen „tödlichen Drohungen“ auseinandersetzen. Für Kaufinteressierte ergibt sich hieraus der Hinweis, dass es wenig Sinn macht, die CD „Tödliche Drohungen“ zu erwerben, wenn man nicht bereits über das kleine 1x1 der Schachtaktik verfügt. Dies ist aber der einzige Grund, diese CD (noch) nicht zu erwerben, ansonsten erhält man mit dem Kauf von „Tödliche Drohungen“ eine Übungssoftware, die ihr Geld wirklich wert ist.
Das liegt nicht allein an der schieren Menge der Aufgaben (über 2500!), sondern vor allem an ihrer schachlich und didaktisch guten Aufbereitung: Zunächst einmal erläutert Renko in einem kleinen Text das Thema der CD und zeigt, welche unterschiedlichen Fälle von Drohungen behandelt werden. Anschließend wird anhand von 120 kommentierten Beispielen der Gegenstand vertieft. Als nächstes kann man zur Lösung der Aufgaben schreiten, die in einzelne Themenkomplexe unterteilt sind (z.B. ob es sich um die Drohung von Matt oder Materialgewinn handelt, ob der stille Zug am Anfang oder am Ende der Kombination zu finden ist usw.). Hat man die einzelnen Themen durchgearbeitet, wartet auf den Trainierenden ein Übungsteil, in dem nun in gemischter Form Aufgaben gestellt werden. Das Ganze gibt es in zweifacher Ausführung, einmal für den „intermediate“ und einmal für den „advanced“ Level. Zu guter Letzt lassen sich alle Übungen auch in zufälliger Abfolge lösen. Diese Sequenz von Trainingsschritten, in der die CD konzipiert ist, halte ich für sehr sinnvoll, da der Stoff damit zum einen einprägsam präsentiert wird und zum anderen die Motivation des Trainierenden erhalten bleibt, der nicht immer vor der endlosen Gesamtliste noch zu bewältigender Aufgaben sitzt, sondern das gesamte Pensum in verdaulichen „Happen“ serviert bekommt. Die Navigation durch die unterschiedlichen Dateien könnte anschaulicher organisiert sein, aber für einen CB-Anwender mit ein bisschen Erfahrung sollte sich dies meistern lassen.



Die Bearbeitung der einzelnen Aufgaben erfolgt in gewohnter Renko-Manier: Ohne einleitende Worte oder weitere Hilfestellungen ist der Lernende aufgefordert, einen Zug zu machen. Ist es der richtige, gibt es Punkte, wenn nicht, nicht. Die fehlende verbale Hilfestellung halte ich aber in diesem Fall für verzichtbar, denn schließlich ist durch die ausführliche Einführung und die Wahl des entsprechenden Themengebiets sowieso hinreichend klar, worum es geht. Ansonsten fällt positiv auf, dass sich ChessBase (oder Renko) wesentlich mehr Mühe mit der Punktewertung gemacht hat als bei „Killerzüge“: Klugerweise bekommt man nämlich auf „Tödliche Drohungen“ bei längeren/schwierigeren Varianten für den Lösungszug nur einen Teil der Gesamtpunkte der jeweiligen Aufgabe, für die restlichen Punkte muss der User erst unter Beweis stellen, dass er die nächsten Züge ebenfalls gefunden hat. Für alle Schachspieler, die oft genug den richtigen Anfangszug „erfühlen“, aber zu faul zum konkreten Berechnen sind, eine gute Disziplinierungsmaßnahme (und im Vergleich zur einfachen „ein Lösungszug=volle Punktzahl“-Methode von „Killerzüge“ ein echter Fortschritt)! Zwar wünschte man sich bei der Punktevergabe manchmal etwas weniger Strenge, so dass ein Treffer zumindest im zweiten Anlauf noch Pünktchen abwirft – andererseits gibt es im wahren Schachleben aber auch keine „second chance“. Dies ist letztlich also wohl mehr eine Geschmackssache.
Wie von Renko gewohnt ist die Auswahl der Aufgaben gelungen und ansprechend: Mittel- und Endspielstellungen, komponierte und der Praxis entnommene, bekannte und unbekannte Positionen wechseln einander ab, so dass keine Langeweile aufkommt. Da die Aufgaben aufgrund der Natur des Themas nur selten aus dem Handgelenk zu lösen sind, kann sich der Trainingsfreudige mit „Tödliche Drohungen“ sicher über einen langen Zeitraum beschäftigen. Alles in allem wirklich eine angenehme Art, seine taktischen Fähigkeiten zu verbessern – nur denken muss man natürlich immer noch selbst...
Einziger Wermutstropfen bleibt für den Rezensenten das kümmerliche Feedback: Wozu macht man sich die Mühen des Punkterwerbs, wenn es am Ende keine Rückmeldung über die Leistung gibt? Sicherlich, Gesamtpunktzahl und -prozent lassen sich von Eingeweihten ermitteln (Rechtsklick auf das Datenbanksymbol der bearbeiteten Datenbank, Eigenschaften,Training), aber was sagen meinetwegen 76% der Punkte nach 100 bearbeiteten Aufgaben über mein schachliches Können aus? Wie gut oder schlecht ist das? Dabei müsste ja nur ein kleines Hilfsprogramm ermitteln, welchen Schwierigkeitsgrad die bearbeiteten Aufgaben hatten (ergibt sich aus der Gesamtpunktzahl der jeweiligen Aufgabe), wie dann die erreichte Prozentzahl zu werten ist und zum Schluss erhielte man die Nachricht „Gratuliere! 76% der Punkte bei diesen Aufgaben entspricht Verbandsliganiveau“ oder so ähnlich. Aus Erfahrung weiß ich jedenfalls, dass eine solche Rückmeldung für Trainierende sehr motivierend sein kann, auch wenn eine derartige Messung der Spielstärke natürlich nicht zu ernst genommen werden sollte.

Fazit: Alles in allem lässt sich festhalten, dass die ChessBase-CD „Tödliche Drohungen“ von George Renko ihren Preis von 24,99 € voll rechtfertigt, weil nicht nur die Auswahl der Aufgaben sorgfältig vorgenommen wurde, sondern auch die Arbeit mit ihnen vernünftig unterstützt wird.


Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes

Ich danke der Firma Chessbase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.