„Power Play 17 – Angreifen mit 1. e4“ – von Daniel King

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 31.10.2012
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer power play Chess Base GmbH, Hamburg – ISBN 978-3-86681-293-2, Preis 29,99 Euro

Daniel King – einer der fleißigsten und produktivsten Großmeister, die beim Hamburger Schachsoftware-Giganten ChessBase unter Vertrag stehen – hat seine Power Play Serie mit der Ausgabe 17 aktualisiert. Ich mache keinen Hehl daraus, dass mir die Qualität der DVDs und auch das Auftreten der Person des englischen Spitzenspielers und –kommentators bisher überaus gut gefallen haben. Deshalb darf ich schon zu Beginn meiner Rezension feststellen, dass das gewohnte, erwartete Repertoire auch dieses Mal absolut stimmig ist.
Überragend (wie schon oft bewiesen) ist die Fähigkeit Kings, den Betrachter so in seinen Bann zu ziehen, dass man sogar recht komplexe Abspiele in seinen Analysen mit Begeisterung und hoher Motivation verfolgen möchte, um für sich einen möglichst hohen Lernzuwachs zu erzie-len. Der Mann ist nicht nur exzellenter Schachexperte, sondern auch exquisiter Pädagoge.
Mit seinem Lehrgang „Angreifen mit 1. e4“ vermittelt der GM fundierte Erkenntnisse und verlässliche Vorgehensweisen bei den vier häufigsten Entgegnungen auf diese Spieleröffnung als da wären: 1. ...e5 (mit gezielter Überleitung in Italienisch) / 1. ...c5 (Sizilianisch) / 1. ...c6 (Caro Kann) / 1. ...e6 (Französisch). In vier Kapiteln mit insgesamt 24 Partie- und Übungs¬beispielen (mit einer Gesamtlaufzeit der Videos von ca. 5,5 Stunden!) lässt Daniel King uns an seinen Analysen und Gedanken teilhaben. Typisch für ihn ist der immer wiederkehrende, mahnende Hinweis, ein „echtes“ Schachbrett zur Übung heranzuziehen und (natürlich) das Notations-fenster zur höheren Lernausbeute auszublenden.
Anfangs beschäftigt sich unser Experte mit den Zugfolgen 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. c3 ..., wobei er ganz bewusst die Überleitung in die Spanische Partie umgeht. Als Begründung liefert King das häufige Verhalten Kasparovs, in vielen Simultanpartien genauso zu verfahren. Das Abweichen von gängigen Normen (also Einsatz der eher als ruhig eingeschätzten Italienischen Eröffnung) beinhaltet ein wichtiges Konzept in dieser Strategie – Überraschungen sorgen für Druck beim Nachziehenden und Druck sorgt für Fehler oder Schwächen beim weiteren Aufbau des Schwarzen.
Anschließend dürfen wir den Analysen zu 1. e4 c5 2. Sc3 Sc6 3. f4 folgen, die das gleiche Grund-thema verfolgen und für nicht erwartete Fortsetzungen stehen (2. Sc3 und nachfolgend 3. f4 beim Sizilianisch ist nicht unbedingt die am häufigsten gewählte Variante). Als Expertenbeispiele dienen hier u. a. Partien von King, Short oder Petrosian.
Im Anschluss daran erfährt der Schachinteressent fundierte Möglichkeiten des Partieaufbaus nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 (also dem Grundgedanken der Französischen Partie). Die Analysen Kings werden durch passende Partiebeispiele der Schachexperten Jussupow, Short, Grischuk und Smyslov untermauert.
Letztlich rundet der Engländer seinen Lehrgang im 4. Kapitel mit dem Thema Caro Kann ab (1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. Ld3). Die Beispiele wurden ausgewählt aus Partien von Larsen, Fischer, Petrosian, Moldovan u. a.. Auch hier liegt der Schwerpunkt der Gedankenführung auf dem Element der Überraschung – nicht immer die modernste oder meist gespiel¬teste Variante verspricht den Erfolg, sondern auch eine Nischenfortsetzung bringt so manche Gewinnstellung.
Systemanforderungen: Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista oder Windows 7, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte. Die Videos sind auch mit Hilfe von PocketFritz 4 abspielbar.
Fazit: Wieder einmal bin ich fasziniert von Daniel Kings DVD-Training. Mit welcher gedanklichen Schärfe, aber auch fast spielerischer Leichtigkeit er seine Analysen und Erkenntnisse vermittelt, ist einfach großartig. Er ist einer der ganz wenigen Autoren im Hause ChessBase, denen es auf jedem Datenträger gelingt, den Betrachter in ihren Bann zu ziehen. Kein stereotypes Abarbei¬ten irgendwelcher Schachtheorien, sondern ein zielgerichtetes und absolut Adressaten bezoge¬nes Vorgehen zeugt von höchster Qualität. So muss ein Schachlehrgang gestaltet sein. Wenn es jetzt dem Hamburger Software-Lieferanten auch noch gelingen würde, einen vernünftigen Kaufpreis für die gesamte Themenreihe anzubieten (mittlerweile liegt die Summe der 17 Power Play-Ausgaben bei insgesamt über 500,-- Euro), den jeder Interessent bezahlen könnte, gäbe es zumindest für mich keinen einzigen Kritikpunkt. Damit will ich keinesfalls ausdrücken, dass Daniel Kings Lehrgänge nicht ihr Geld wert wären, aber nicht jeder von uns hat eine Gelddruckmaschine nur für „eines“ seiner Hobbies im Keller stehen.
Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)