Deep Fritz 13

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 18.11.2012
 Auf Amazon.de kaufenChessBase GmbH, Hamburg; erschienen Juni 2012 ISBN 978-3-86681-292-5; Preis ca. 99,90 €

In diesen Tagen hatte ich die Möglichkeit, den derzeit aktuellsten und stärksten „Fritz“ in Ruhe testen zu können. Die Software ist zwar bereits seit einem runden halben Jahr auf dem Markt, allerdings hat dies der Aktualität keinen grundsätzlichen Abbruch getan.
Im Vergleich zu „Fritz 13“ bringt „Deep (!) Fritz 13“ eine deutlich verbesserte Rechenpower mit – einsetzbar in sogenannten Multiprozessor-Umgebungen, dazu sind mehrere (mind. zwei), weitgehend unabhängige Prozessorkerne notwendig. In unseren modernen, weit verbreiteten Computersystemen ist dies 2012 schon fast eine Selbstverständlichkeit.
Was spricht denn nun konkret für eine beinahe Verdopplung der finanziellen Ausgaben im Vergleich zum „einfachen“ Fritz 13? Nun ja, es ist nahezu selbsterklärend, dass mehrere Prozessorkerne eine deutlich höhere Rechnerleistung erbringen, vor allem, wenn man dies kombiniert mit einem entsprechenden Ausbau des RAM-Speichers (allerdings mehr als 4 GB), der dann für die Engine optimal als Cache o.ä. nutzbar ist. Kein Single-Core-Prozessor wird gegen eine Multi-Core-Maschine eine Chance haben – erst recht werden damit „wir normale Schachenthusiasten ohne GM-Titel“ überhaupt keine reellen Chancen mehr auf Siege haben.
„Deep Fritz 13“ wartet jedoch noch mit einem weiteren Leckerbissen auf: er nutzt die „Cloud“, um einen Turbo für seine taktischen Überlegungen hinzu schalten zu können. Eine feine Sache! Man stelle sich nur einmal vor, dass diese Möglichkeiten bei üblichen Brettpartien bestünden und wir einfach auf Knopfdruck noch ein bisschen gedanklich nachlegen könnten.
Mit dem Begriff „Cloud“ – einer fiktiven Rechneransammlung im Internet – werden Rechenkapazitäten verfügbar, die wie Strom aus der Steckdose flexibel angepasst über das Netz zur Verfügung stehen. Mit einer solchen Cloud-Engine lassen sich Schach-Engines, die auf entfernten Computern laufen, so nutzen, als ob sie sich auf dem eigenen Rechner befänden.
Man kann sich Cloud-Engines einerseits ganz einfach selbst mit anderen eigenen Rechnern (z.B. im heimischen Netzwerk) zur Verfügung stellen, auf der anderen Seite kann man sogar von Rechenzentren Leistung anfordern oder sogar seine eigene Rechenpower über die ChessBase Engine-Cloud für andere Benutzer anbieten. Hier kommt ebenfalls ein kommerzieller Aspekt zum Tragen: ich kann solche Quad-Core-Rechner sogar gegen eine Gebühr anmieten, damit ergibt sich zwangsläufig auch ein Faktum, das lauten könnte: „Wer bereit ist, das meiste Geld für Schach-Equipment auszugeben, wird den größten Nutzen ziehen und die meisten Partiesiege erringen (lassen) können. Eine vielfach traurige Perspektive, die durchaus nichts mit abwegigen Überlegungen zu tun hat – das könnte blanke Realität werden. Damit wird sogar der uneingeschränkte Einsatz von Notebooks möglich, man lässt in der Cloud rechnen, ohne dass der eigene Akku heiß läuft und schlapp macht.
Soweit zu den Vorzügen der Cloud-Engines; wie sieht aber ein Vergleich mit Produkten der Konkurrenz aus? Um einigermaßen verlässliche Ergebnisse zu erhalten, habe ich mehrere Engine-Turniere vorbereitet und durchgeführt, deren „Beteiligte“ einige kommerzielle, aber auch frei erhältliche Chess-Engines waren – wichtigste Voraussetzung war, dass sie als 64bit-Version vorlagen und somit grundsätzlich als Multi-Core-Maschine lauffähig waren.
Im Einzelnen traten an:
Deep Fritz 13, Deep Rybka 4 64bit, Deep Rybka 4.1 64bit, Rybka 3 64bit, IvanHoe 9.46f, Houdini 2.0C pro, Houdini 3 pro, Stockfish 2.3.1, Fire 2.2a xTreme, Robbolito 0.085f1. Die Resultate mehrerer Turniere zeigten, dass „Deep Fritz 13“ sich zwar einiger Mitbewerber erwehren konnte, jedoch langte es nicht zu einer Spitzenplatzierung. Da ich mich bemüht habe, alle Maschinen mit dem gleichen Eröffnungsbuch und absolut gleichen Parametern spielen zu lassen, hat das Ergebnis für mich schon eine gewisse Verlässlichkeit. Ich möchte noch einmal betonen, dass damit „Deep Fritz 13“ kein schwächliches Programm ist, lediglich gibt es noch bessere Module. Zu Fragen der Installation und Handhabung, sowie Anpassung der grafischen Oberfläche kann ich nichts Kritisches anmerken, da ist die Software über alle Zweifel erhaben und auch für unerfahrene Schachfreund(e)/-innen problemlos einsetzbar und beherrschbar. Die bisherigen Möglichkeiten mit dem Chess Media System von ChessBase, das das Abspielen von Schach-Videos (beispielsweise zahlreiche getestete Trainings-DVDs der Firma ChessBase) darbot, blieben unverändert erhalten.
Systemvoraussetzungen:
PC mit Intel Core 2 Duo, 2.4 GHz, 3 GB RAM, Windows 7, DirectX10 Grafikkarte (oder kompatibel) mit 512 MB RAM oder mehr, 100% DirectX10 kompatible Soundkarte, MS Media Player 11, DVD-ROM Laufwerk und Internetzugang für Programmaktivierung, schach.de, Let’s Check, Engine Cloud und Updates.
Fazit:
Bei „Deep Fritz 13“ lassen sich eine Reihe an Neuerungen entdecken, die lohnenswert erscheinen, es ist nicht lediglich nur ein Face-Lifting durchgeführt worden. Besonders die Möglichkeiten der „Cloud“-Nutzung haben mich überzeugt. Leider muss ich für die zahllosen Nutzer von Computerschach-Programmen erwähnen, dass die Fritz-Engine nicht unbedingt das oberste Ende der Leistungsmöglichkeiten darstellt, da gibt es noch ganz andere Platzhirsche. Für uns Normalverbraucher ist die Software allerdings immer noch über jeden Zweifel erhaben. Wer ernsthaft glaubt, mit menschlichem Gehirn hier Schritt halten zu können, hat sich ganz enorm getäuscht. Diejenigen, die jedoch auf den unterschiedlichsten Schachservern bestehen und um Spitzenplätze mitkämpfen wollen, müssen sich über Alternativprodukte informieren.
Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar, das mich von der Idee und seinen Möglichkeiten her durchaus überzeugt hat. Wenn noch ein „Fritz“ im Hause fehlt, können viele unbedenklich zugreifen, da man außer der Engine ergänzend noch eine grafische Oberfläche erhält, die in ihrer Usability nahezu unübertroffen ist.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)