Houdini 3 Pro (Multiprozessorversion)

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 12.01.2013
 Auf Amazon.de kaufenChessBase GmbH, Hamburg; erschienen November 2012 (DVD-Version) ISBN 978-3-86681-337-3; Preis 99,90 € (auch als Download verfügbar)

„Stillstand ist Rückschritt“ sagte schon der 1989 verstorbene deutsche Industriemanager und langjährige Vorstandsvorsitzende der VEBA AG Rudolf von Bennigsen-Foerder. Und was in der Wirtschaft und Finanzwelt zählt, darf meines Erachtens auch für weitere Lebensbereiche angewandt werden. – Warum nicht konsequenterweise ebenso für das Computerschach?
Hardware- und Softwareentwicklung befinden sich im stetigen Fortschritt, neue Erkenntnisse fließen ständig ein. Der Markt der sogenannten „Chess-Engines“ macht da keine Ausnahme. Schachfreunde und –profis kennen seit langem die bewährte „Fritz“-Reihe, die Zeichen setzte. Es erschienen weitere Engines, die wie Sand am Meer sowohl als Freeware, wie auch als kommerzielle Versionen produziert wurden (genannt seien hier u.a. Crafty, Critter, Fire, Fruit, Hiarcs, Ippolit, IvanHoe, Rybka, Robbolito, Shredder, Stockfish...) und eben seit ca. zwei Jahren auch ein wahrer Zauberkünstler mit Namen „Houdini“. Die meisten dieser Programme gibt es mittlerweile als 32bit-, sowie als 64bit-Versionen (oft auch mit dem Adjektiv „Deep“ versehen). Manches Mal ist man versucht, der Frage auf den Grund zu gehen, wer von wem abkupfere und wenn die Programmierer zu offensichtlich „geguttenbergt“ haben, kann – wie im Falle Rybka schon geschehen – ein Bann ausgesprochen werden und viele Meriten gehen damit verloren.
Was hat es denn nun mit dem zu prüfenden Produkt „Houdini 3 Pro“ auf sich? Der belgische Programmierer Robert Houdart betrat im Mai 2010 mit seinem „Zauberlehrling“ erstmalig die internationale Bühne der Schachprogramme und zeigte von Anfang an, dass ein enormes Potential hinter seiner Entwicklungsarbeit steckte. Bis zur Version 1.5 erschien die Engine als Freeware, bevor sie nachfolgend kommerzialisiert wurde. Ab der Version 3 lief dann der Vertrieb ergänzend über den Hamburger Schachgiganten „ChessBase“ ab. Schon recht bald stellte die enorme Spiel- und Rechenstärke des Programms seine Konkurrenten und etablierten Gegner in den Schatten. Der bisherige Beherrscher der Computerschachwelt „Rybka“ musste sich dem neuen Giganten geschlagen geben. Glaubt man den Experten, soll diese Maschine einem ELO-Wert von über 3000 Punkten entsprechen können und liegt damit unangefochten an der Spitze (im Vergleich zur Vorversion 2.0 konnten nochmals 50 ELO-Punkte hinzu kommen). Houdart sagt selber, dass viele Ideen aus den Open-Source-Engines Ippolit und Stockfish entnommen wurden, um Houdini zu dieser Stärke zu führen. Ob das Programm damit bereits einen „Clone-Charakter“ erfüllt, bleibt dahingestellt, weil ich es nicht in Gänze beurteilen kann. Zumindest legt der Belgier seine Arbeitsweise offen und verheimlicht nichts Wesentliches. Houdini 3 zeigt in der Eröffnung ein sehr differenziertes Verständnis für Raum, Zeit und Aktivität. Das Programm erkennt im Mittelspiel noch früher, wenn Figuren an Dominanz gewinnen und im Endspiel führt eine schnelle und tiefergehende Suche sehr sicher zu einer qualifizierten Bewertung der Stellung und konsequenter Problemlösung. Ca. 10 Mio. Testpartien sollen im Laufe der Neuentwicklung und des Feintunings mit der Engine gespielt worden sein – wahrlich enorme Zahlenwerte, die die Arbeitsqualität belegen.
Mit seinen Taktikfunktionen, die es erlauben, eine Analyse gezielt auf taktisch-strategische Ideen und Motive einzustellen, sowie eine Analyse scharfer Stellungen auszuführen, aber auch taktische Aufgaben zu lösen, erhält der Käufer zusätzlichen Gewinn. Ein weiteres Highlight: „Houdini 3 Pro“ wird mit der aktuellen Deep Fritz 13 Oberfläche angeboten und stellt damit sämtliche Trainings- und Analysefunktionen zur Verfügung, wie z. B. eine Datenbank mit ca. 1,5 Millionen Partien, „Let’s Check“ und die „Engine-Cloud“. (Ich darf hier aus einer meiner zahlreichen Rezensionen zitieren: „Mit dem Begriff Cloud – einer fiktiven Rechneransammlung im Internet – werden Rechenkapazitäten verfügbar, die wie Strom aus der Steckdose flexibel angepasst über das Netz zur Verfügung stehen. Mit einer solchen Cloud-Engine lassen sich Schach-Engines, die auf entfernten Computern laufen, so nutzen, als ob sie sich auf dem eigenen Rechner befänden.“ ) Ein 12-monatiger kostenfreier Zugang zu „Schach.de“ (playchess.com) fügt noch ein weiteres Sahnehäubchen hinzu.
Was will man eigentlich mehr? Die stärkste Engine, eine der besten Oberflächen im aktuellen Office 2010-Design und Zusatztools mit gigantischen Optionen, die Spielstärke noch weiter zu erhöhen... – das erscheint mir als das derzeitige „Non-plus-ultra“! Houdini ist zweifellos das derzeit weltbeste Schachprogramm. Das Besondere an Houdini ist u.a. die äußerst effektive Suche nach Möglichkeiten und Umsetzungen, die die gesamte Konkurrenz alt aussehen lässt.
Nach diesen bisherigen überaus positiven Beobachtungen möchte ich keinesfalls versäumen, die Spielstärke der Schach-Engine an einer Testreihe zu belegen. Es standen eine Reihe an Maschinen zur Verfügung, von denen ich allerdings (mit einer Ausnahme) nur die 64bit-Versionen, ein neutrales Eröffnungsbuch und die gleiche Cachegröße auswählte, um einen objektiven Vergleich zu ermöglichen. Die Testreihe sprach für sich: Houdini 3 Pro, aber auch Houdini 3 Standard setzten deutliche Zeichen und verwiesen alle übrigen Kandidaten auf die hinteren Plätze. Hier folgt nun die tabellarische Übersicht, alle Testpartien wurden ausgetragen auf einem Intel Core i7-2630QM mit 16 GB RAM. Wer ausführlichere Testreihen betrachten möchte, fühle sich aufgefordert, im Internet entsprechende Recherchen zu starten.



Systemvoraussetzungen: Minimal: Pentium III 1 GHz, 1 GB RAM, Windows Vista, XP (Service Pack 3), DirectX9, Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM Laufwerk, Windows-Media Player 9 und Internetzugang für Programmaktivierung, Schach.de, Let’s Check, Engine Cloud und Updates.
Empfohlen: PC Intel Core i7, 2.8 GHz, 4 GB RAM, Windows 7 oder 8, DirectX10 Grafikkarte (oder kompatibel) mit 512 MB RAM oder mehr, 100% DirectX10 kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD ROM Laufwerk und Internetzugang für Programmaktivierung, Schach.de, Let’s Check, Engine Cloud und Updates.

Fazit:
Mit Houdini 3 Pro wird ein neuer Horizont erschlossen. Die Schach-Engine in der mitgelieferten Deep Fritz 13-Oberfläche stellt eine neue absolute Bestmarke auf. In Verbindung mit den Fritz-Funktionen „Let’s Check“ und der „Engine Cloud“ scheint kein Widersacher auch nur annähernd gewachsen zu sein. Wenn man sich vorstellt, welche Sprünge / Möglichkeiten zukünftig mit Weiterentwicklungen Houdarts zu erwarten sein können, muss einem Angst und Bange werden. Der Mensch mit seiner Maschine – dem Gehirn – ist hoffnungslos im Hintertreffen.
Danke an die Firma ChessBase für das fantastische Rezensionsexemplar.

Heinz–Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter aus Mönchengladbach)