Alexey Bartashnikov "Grundlagen der Schachstrategie Band 1"

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 01.11.2005
Alexey Bartashnikov „Grundlagen der Schachstrategie Band 1“
Chessbase CD; 24,50 € unverb. Preisempf.


Nachdem ich mich in meinen letzten beiden ChessBase-Rezensionen mit Trainings-CDs zum Thema „Taktik“ beschäftigt habe, ist nun das Thema „Strategie“ an der Reihe. Da ich in den vorangegangenen Rezensionen die Bedeutung der Taktik so besonders herausgestellt habe, sollte ich aber vielleicht doch zuerst eine Lanze für die Strategie brechen: Eine strategisch gesunde Partieanlage stellt selbstverständlich immer noch die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche taktische Entscheidung dar. Und selbst wenn die Taktik hinsichtlich ihrer Bedeutung in den letzten zwanzig Jahren eine enorme Aufwertung erfahren hat, steht natürlich die Strategie im Schach an erster Stelle. Dies gilt nicht nur für ihre Wertschätzung unter Schachspielern (unter denen bloße Kombinatoriker immer als etwas anrüchig gelten, während Strategen das Spiel „verstehen“), sondern ist auch ganz wörtlich zu nehmen: Denn am Beginn einer Schachpartie (und in aller Regel auch noch mehrfach in ihrem Verlauf) gibt es selbst für das taktisch geschulteste Auge nichts zu sehen, da die Stellung der Figuren absolut keine forcierte taktische Abwicklung, Kombination o. Ä. zulässt. Als Konsequenz daraus stehen im ersten Zug für den Weißspieler immerhin 20 unterschiedliche Möglichkeiten zur Wahl (jeder der acht Bauern kann auf jeweils zwei verschiedene Felder ziehen, hinzu kommen noch je zwei Züge mit den beiden Springern). Keiner dieser 20 unterschiedlichen Züge kann vom Gegner taktisch widerlegt werden, keiner würde erzwungenermaßen zu einem materiellen Nachteil von Weiß führen (nebenbei wage ich die Behauptung, dass dies noch in 100 Jahren so sein wird!). Nach welchem Maßstab soll Weiß also seine Zugentscheidung treffen?
In genau solchen Situationen kommt die Strategie ins Spiel: Die Strategie sagt uns, was zu tun ist, wenn nichts zu tun ist (oder wenn wir die taktischen Folgen unseres Tuns nicht überschauen können). Sie ist gewissermaßen unser Ariadnefaden, mit dem wir versuchen, einen Weg durch das Labyrinth einer Partie zu finden. Tatsächlich wären wir Menschen überhaupt nicht fähig, eine einzige Schachpartie zu spielen, wenn wir uns bei der Zugentscheidung nicht an irgendwelchen wie auch immer gearteten Strategien (Plänen, Faustregeln o.ä.) orientierten. Denken wir zurück an unsere allerersten Schlachten auf den 64 Feldern, jenseits jeglichen Wissens über das Zentrum, die Figurenentwicklung usw.: Haben wir damals nicht Eröffnungen kreiert wie 1.g3 , 2.e3 , 3.c3 und 4.a3 , in der Hoffnung, dass sich eine solche ästhetisch befriedigende Anordnung der Püppchen doch irgendwie auszahlen müsse? Nun lässt das Gros der Menschen, das die Schachregeln kennt, es bei solchen Methoden der Planfindung bewenden – ein kleiner Teil wird aber immer wieder von dem Ehrgeiz gepackt, dieses Spiel besser verstehen zu wollen. Je nach Charakter und Gelegenheit wird man dann einen Schachverein, ein Buch oder in der Neuzeit eben eine CD suchen, um sich erklären zu lassen, warum 1.h3 unter Schachspielern im Vergleich zu 1.e4 als schwächer gilt.
Die Reihe „Grundlagen der Schachstrategie“ von Alexey Bartashnikov aus dem Hause ChessBase, richtet sich an Schachspieler, die bereits erste Kenntnisse vom Schachspiel erlangt haben und nun das 1x1 der Schachstrategie kennen lernen möchten. Im ersten Band geht es um Eröffnungsstrategie (Der Kampf ums Zentrum, Die schnelle Entwicklung der Figuren, Die effiziente Verwendung der Bauern, Die Sicherheit des Königs) und Mittelspielstrategie (Plan und Stellungseinschätzung, Bauern und Bauernstrukturen, Verbundene Bauern, Der rückständige Bauer, Der isolierte Bauer, Doppelbauern, Der Freibauer, Der "Pfahl im Fleisch", Der Bauernkeil, Bauernketten, Der Bauernschutz des Königs), in Band 2 ausschließlich um das Mittelspiel (starke und schwache Felder, Aktivität der Figuren und Angriffe auf den König) und in Band 3 schließlich um Mittel- und Endspiel (effektive Vorteilsverwertung im Mittelspiel, Der richtige Abtausch, Hemmung von Figuren und Blockade, Positionsopfer, Die Kunst des Manövrierens, Der Kampf um die Initiative und schließlich der Übergang vom Mittelspiel ins Endspiel). Wie die Fülle des Materials zeigt, haben wir es hier mit dem Großen 1x1 der Schachstrategie zu tun.
Was verbirgt sich inhaltlich hinter den Überschriften? Bartashnikov unterbreitet das moderne schachstrategische Wissen der sowjetischen Schachschule, also die Synthese der Lehren von Steinitz, Tarrasch und Nimzowitsch, ergänzt um die Entdeckungen vor allem der sowjetischen Schachspieler in der Nachkriegszeit des letzten Jahrhunderts. An gründlichen Erläuterungen ist auf der CD kein Mangel, Bartashnikov gibt zu jedem Kapitel und Unterkapitel eine ausführliche Erklärung, unterstützt von Diagrammen zur Verdeutlichung des Gesagten. Anschließend wird mit Hilfe von Partiebeispielen die praktische Umsetzung des einzelnen Strategems anschaulich gemacht (insgesamt knapp 50 Partien). Die Partien sind meist gut gewählt und kommentiert, Bartashnikov konzentriert sich dabei sinnvollerweise vor allem auf den jeweils zu besprechenden Aspekt, so dass das entsprechende strategische Motiv klar herausgearbeitet werden kann und sich damit auch gut einprägt. Eben hier liegt auch die Überlegenheit der CD im Vergleich zum Buch: Natürlich unterscheidet sich Bartashnikovs Strategielehre nicht von dem, was wir seit Jahrzehnten in vergleichbaren Printmedien finden können. Es wird aber unvergleichlich einprägsamer präsentiert – dank der Möglichkeiten von ChessBase, mit farbig gestalteten Feldern und Pfeilen einzelne Merkmale der Bauernstruktur und geplante Züge bestimmter Figuren (sogenannte Figurenpfade) besonders hervorzuheben. Selbst wenn man schon hunderte Male in Mittelspiellehren und Partiensammlungen erläutert bekommen hat, wie ein isolierter Bauer anzugreifen ist, vermittelt ein kurzer Blick auf ein solcherart gestaltetes Diagramm schneller und eindrucksvoller, was mit „Belagerung des Isolani“ gemeint ist. Gerade für den nachgewiesenermaßen von der optischen Mustererkennung lebenden Schachspieler also ein trainingstechnischer Quantensprung, der sich hier mit Hilfe der ChessBase-CD erzielen lässt.
Überrascht hat mich allerdings, dass Bartashnikov die Partien offenbar ohne Computerunterstützung kommentiert hat. Denn gerade dank FRITZ und anderen ist ja inzwischen auch im Schach das Zeitalter der Postmoderne angebrochen – zwar geht nicht alles, aber viel mehr als das, was man noch vor zwanzig Jahren für strategisch gesund hielt. Neben einigen innovativen Schachspielern haben vor allem FRITZ and friends der Schachwelt gezeigt, dass einige Dogmen der Strategielehre auf den Prüfstand gehören, dass Positionen, die man früher für unspielbar hielt, durchaus spielbar sein können und dass sich oft in den strategisch scheinbar so klar und logisch verlaufenen Partien zahlreiche taktische Haken und Ösen finden lassen (diese neue Entwicklung im Schach wurde zum ersten Mal von John Watson in bündiger Form festgehalten und ist nachzulesen in seinem Werk „Geheimnisse der modernen Schachstrategie“, Gambit Verlag 1998). Ein Beispiel von der Bartashnikov CD mag das Gemeinte verdeutlichen:




Zu dieser Stellung aus der Partie Spielmann-Rubinstein, St. Petersburg 1909, schreibt Bartashnikov einige Züge vorher: „Weiß hat drei Bauerninseln, und trotz seines Minusbauern beschließt Schwarz, in ein Endspiel zu vereinfachen, wo die Schwäche der gegnerischen Isolanis um so spürbarer werden wird. Dabei darf er allerdings nicht seinen eigenen schwachen Bauern auf c7 vergessen“ und zum folgenden Zug von Rubinstein: 33...Dd6 heißt es: „Schwarz vereinfacht konsequent weiter“. In der Tat ein beeindruckendes Konzept des Endspielkünstlers Rubinstein; wer würde schon mit einem Bauern weniger so zielsicher das Endspiel ansteuern? FRITZ ist jedoch von der schwarzen Position nicht so begeistert und von 33...Dd6? schon gar nicht, es bringt Schwarz nämlich zumindest an den Rand einer Niederlage: 34.Lxf7+! Lxf7 (nach Königszügen spielt Weiß 35.Lxg6 und sichert anschließend mit b4 sein Bauernduo am Damenflügel) 35.Te5!! und dank der Mattdrohung auf g7 muss Schwarz die Qualität geben. Sicherlich nicht einfach zu sehen (hätte der Rezensent ohne FRITZ nie gefunden und der Weiße sah es ebenso wenig, stattdessen spielte er mit 34.Dxd6? Rubinstein in die Hände und verlor) aber eben nicht untypisch: Der vermeintlich klare strategische Weg erweist sich bei genauerem Hinsehen als Stolperstrecke; mehr als ein Remis dürfte Rubinsteins Plan bei bestem Spiel von Weiß wohl kaum erbringen. Insgesamt ändern solche Entdeckungen natürlich nicht viel: Bartashnikovs Erläuterungen zu den schwachen weißen Bauern bleiben richtig und es ist durchaus im Sinne der Didaktik, wenn er sich grundsätzlich weniger um die taktischen Verwicklungen und mehr um den roten strategischen Faden in der Partie kümmert. Aber verwundert hat es mich bei einem ChessBase Produkt schon, dass Bartashnikov seine Analysen nicht etwas wasserdichter gemacht hat. Zurück zum Thema: Das positive Bild von „Grundlagen der Schachstrategie“ wird abgerundet durch 10 Testpartien, mit deren Hilfe man überprüfen kann, inwieweit das strategische Verständnis tatsächlich profitiert hat. Die Punktevergabe ist ebenso fair wie durchdacht und auch zu den schwächeren Zügen erhält man eine Rückmeldung. Mit der erzielten Punktezahl lässt Bartashnikov den Anwender nicht im Regen stehen, ähnlich wie bei Daniel King kann man seine Leistung anhand eines Punkteschlüssels einstufen – dies freut sicherlich nicht nur die Lehrer unter den Käufern. Zum guten Schluss liegen die 10 Testpartien auch noch kommentiert vor, gewissermaßen also die ‚Musterlösung’ zu den Testaufgaben; insgesamt bringt es die CD damit also auf 60 kommentierte Partien. Fazit: Sicherlich eine empfehlenswerte Reihe (hier ging es zwar nur um Band 1, aber es würde mich sehr wundern, wenn Bartashnikov dieses Niveau nicht auch in den anderen Bänden hielte). Wer seine strategischen Fähigkeiten (weiter)entwickeln möchte, muss insgesamt rund 75,- Euro hinblättern – dafür erhält er neben dem strategischen Standardwissen allerdings auch Trainingsmöglichkeiten, wie sie kein Buch bietet. Besonders überzeugt hat mich die ausgewogene Nutzung der ‚farbigen Kommentierung’, mit der es Bartashnikov durchweg gelingt, das jeweilige strategische Motiv einprägsam darzustellen und die Dreh- und Angelpunkte im strategischen Verlauf einer Schachpartie vor Augen zu führen. Die angesprochenen Lücken in der Kommentierung entwerten den erzielbaren Lerneffekt sicherlich nicht, vielleicht kann der Lernende sie ja als Ansporn sehen, kritisch zu bleiben und sein taktisches Sehvermögen unter Beweis zu stellen?!

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.