Schach kurios - Dagobert Kohlmeyer

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 29.03.2013
 Auf Amazon.de kaufenMarlon Verlag, Moers; ISBN 978-3-943172-16-4; Preis 14,95 Euro
- Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt von Euro Schach Dresden GmbH & Co. KG (www.euroschach.de) -

Schach – das Spiel der Könige, Schach – ein königliches Spiel! Seit Jahrhunderten kennen Millionen Menschen diese Definitionen --- und dann kommt da im Jahr 2012 ein Buch daher mit dem Titel „Schach kurios“. Passt das überhaupt? Ich war sehr neugierig und darf schon an dieser frühen Stelle meiner Rezension meine Begeisterung für dieses ca. 160 Seiten umfassende Paperback-Buch kundtun.

Der Autor Dagobert Kohlmeyer (geb. 23.05.1946 in Jena) ist Journalist, Fotograf, Übersetzer und außerdem wohl Deutschlands bekanntester Schachreporter, der von zahlreichen WM-Kämpfen, Olympiaden und höchstdotierten Schachturnieren in Wort und Bild umfassend berichtet hat. Mit seiner Buchveröffentlichung hat er sich eines Themas angenommen, das nicht nur die „seriösen“ Seiten des Schachspiels beleuchtet, sondern er deckt ein breites Feld an Seltsamkeiten ab, die bei Zweikämpfen am Brett durchaus entstehen können – und wie Kohlmeyer aufzeigt – unterlaufen diese sogar den Größten der Zunft mit mehr oder weniger großer Regelmäßigkeit.

Bei der Lektüre dieses Büchleins (das ich übrigens in rund zwei Tagen nahezu „verschlungen“ habe) hatte ich sehr oft ein breites Schmunzeln ob der geschilderten Kuriositäten, Irrtümer, Komödien / Tragödien am und abseits des Schachbrett(s) auf den Lippen. Ich habe selten bisher so viel Humor und lesenswerte Anekdoten in einem einzigen Buch zum Thema „Schach“ vorgefunden – eine wahre Fundgrube für erstklassige Unterhaltung. Der einzige Wermutstropfen war für mich die Tatsache, dass nach 160 Seiten kurzweiliger Unterhaltung schon Schluss war...

Sehr gut ist meines Erachtens auch der konzeptionelle Aufbau gelungen: Spielsituationen am Brett (dargestellt mit Hilfe zahlreicher Diagramme) wechseln sich kontinuierlich ab mit Anekdoten und Geschichten, die abseits der Turnierbretter stattgefunden haben und den Leser deutlich erkennen lassen, dass unsere Schachgrößen in manchen Lebenssituationen auch nur „einfache“ Menschen sind, denen ein Fauxpas durchaus unterlaufen kann.

Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis mag dies verdeutlichen: „Geniale Momente – Berühmte Reinfälle – Zugzwang – Königsmärsche – Geometrische Motive – Listige Springer – Überdeckung“ sind Themen, die sich konkret auf Situationen am Brett beziehen.

Zu jedem genannten Beispiel gehört ein Diagramm und natürlich der „Aussetzer“, sowie die eigentlich richtige Fortsetzung. Wer möchte, kann sich mit Hilfe dieser Form der Darstellung sogar kombinatorisch schulen oder prüfen lassen – man muss nur die Lösungen oder Hinweise verdecken, um zu erfahren, wie es mit dem eigenen „Schachauge“ steht. Tappt man in die gleiche Falle oder hat man den schachlichen Weitblick, um nicht hineinzutappen? Wer sich nun ernsthaft fragt, ob mancher Lapsus nicht hätte vermieden werden müssen, darf nicht übersehen, dass wir hier Beispielpartien auf höchstem Niveau von berühmtesten Schachgrößen vorgeführt bekommen. Und vermutlich ist es genau das, was den eigentlichen Reiz der Darstellung ausmacht: nicht „Karlchen Lehmann“ oder „Käthe Schmitz“ machen den vermeintlich dummen Fehler, sondern es sind gestandene Welt- und Großmeister, denen diese schrecklichen Fehler sehenden Auges unterlaufen. Von der Situation her erscheint mir das Ganze ein bisschen wie „Versteckte Kamera“ mit Prominenten zu sein.

Abgerundet wird die Partieauswahl durch weitere Kapitel mit Titeln wie „Anekdoten – Schach-Stories – Fälle des Jahres (auch mit Diagrammbeispielen)“, in denen wir Amüsantes abseits des Brettes genießen können. Unvergesslich die Schilderungen eines Wolfgang Uhlmann, der manches Mal Reise- und Gepäckprobleme erleben durfte.

Eine kleine Anekdote, die mir persönlich besonders gut gefallen hat und meiner besten Leselaune zuträglich war, darf ich hoffentlich komplett zitieren (sie steht im Büchlein auf Seite 90): „Bei der USA-Meisterschaft 1957 gewann James Sherwin in den ersten Runden alle Partien. Großmeister Samuel Reshewsky, der das Gleiche tat, sagte zu ihm: ‚Nun muss ich Sie wohl stoppen.‘ – ‚Vielleicht stoppe ich Sie ja?‘ bekam er zur Antwort. Reshewsky: ‚Nicht in einer Million Jahren!‘ Sherwin gewann die Partie. Hinterher murmelte er beiläufig: ‚Wie doch die Zeit vergeht...‘“

Fazit:
Wer solche Kuriositäten und Bonmots mag, der wird mit der Lektüre dieser Paperback-Ausgabe seinen hellen Spaß haben. Aber auch derjenige, der in Schachdiagrammen schwelgen möchte, um am eigenen Brett nachspielen zu können, in welche „Fettnäpfchen“ unsere Schachgrößen traten, wird sich ganz sicher am Dargestellten erfreuen.

Ich spreche höchstes Lob für Dagobert Kohlmeyer aus, dem es glänzend gelungen ist, dem vermeintlich trockenen „Spiel der Könige“ humorvolle, unterhaltsame Leckerbissen zu entlocken. Dieses Büchlein wird einen Ehrenplatz in meinem Schachregal erhalten. Die Investition von knapp 15,-- Euro ist vermutlich für gute Unterhaltung nicht der Rede wert.

Danke an Euro Schach Dresden GmbH & Co. KG für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellv. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)