„Der englische Igel“ – Lubomir Ftacnik

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 16.11.2013
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer eröffnung; ChessBase GmbH, Hamburg;
ISBN 978-3-86681-363-2; Preis 27,90 Euro

Der englische Igel??? Jeder, der bereits in der Vergangenheit Lehr- oder Trainings-DVDs aus dem Hause ChessBase kennengelernt hat, wird erst einmal stutzig werden und aufhorchen. Igel??? – Da gab es doch schon einmal etwas! Ja, richtig – der englische Großmeister Daniel King (einer meiner erklärten Lieblinge bei ChessBase) hat sich vor gar nicht so langer Zeit mit seiner DVD „Power Play 12 – der Igel“ bereits dieses Themas angenommen.

Hat der Hamburger Schachsoftware-Anbieter hier bloß in die „Wiederholungs“-Kiste gegriffen? Auch wenn es sicherlich die ein oder andere Abweichung oder strukturell veränderte Nuancen zur Unterscheidung der Inhalte gibt, kann ich mich eines gewissen Zweifels an der Redundanz nicht erwehren. Der slowakische Großmeister – seinerseits ebenfalls fleißiger und regelmäßiger Autor beim DVD-Produzenten – ist eine Persönlichkeit mit so hohen Meriten, dass er es eigentlich nicht notwendig hat, ein bereits abgearbeitetes Thema Aufguss ähnlich erneut zu eröffnen, es sei denn, seine Erkenntnisse beinhalten elementar Neues. Ob dem so ist, möchte ich jedoch nicht meinem alleinigen Urteil überlassen. Ich wünsche mir, dass Schachbegeisterte diesen Vergleich für sich selber übernehmen, um zu eigener Anschauung zu gelangen.

Die auf dem deutschsprachigen Datenträger vorgelegten Video-Sequenzen haben eine Laufzeit von ca. 4 Stunden und werden wie auf anderen bereits vorliegenden Produkten durch den ChessBase-Reader unterstützt, der das mediale Betrachten und Nachspielen ermöglicht. Wie immer ist auch eine Verwendung der Fritz-Oberfläche oder der Datenbank ChessBase sinnvoll.

In 20 Themenkapiteln, inkl. Einleitung und Schlusswort, zeigt unser Experte gelungene Beispiele für den Einsatz der „Igel“-Struktur, die dem Schwarzen im weiteren Verlauf der Partie gute Möglichkeiten gewährt, wenn er denn in der Lage ist, dem Druck, der in den Hauptabspielen durch Weiß aufgebaut wird, standzuhalten und nachfolgend aus der Warteposition gewaltiges Gegenspiel im weiteren Verlauf der Partie aufzubauen.

Der Anziehende wird zu Beginn durch Zentralisierung seiner Dame und durch einen deutlichen Raumvorteil verbunden mit einem Entwicklungsvorsprung den Nachziehenden erst einmal gewaltig bedrängen und ihm Schweißtropfen auf die Stirn zaubern. Die Bewegungsfreiheit seiner Figuren gibt ihm mannigfache Möglichkeiten, ein kreatives Spiel mit vielversprechenden Varianten aufzubauen. Wenn Schwarz jedoch keine Fehler begeht und konsequent auf die Struktur seiner Bauern setzt, die von der 6. Reihe aus das weiße Zentrum und die 5. Reihe kontrollieren, können sich im weiteren Verlauf durchaus Kontermöglichkeiten ergeben, die den Weißen letzten Endes ebenfalls ins Schwitzen geraten lassen könnten.

Typisch für das Eröffnungssystem sind nach 1. c4 c5 2. Sf3 Sf6 3. Sc3 e6 die nachfolgenden Fianchettierungen der weißfeldrigen Läufer auf g2 und b7 auf der strategisch wichtigen Diagonale a8-h1. Nachfolgend kommen die schwarzen Bauern auf a6, b6, d6 und e6 auf ihre Schlüsselpositionen, die dem weißen Raum- und Entwicklungsvorteil entgegentreten und Druck auf die 5. Reihe ausüben, ja diese sogar kontrollieren. Auch der bereits genannte GM Daniel King benannte die Bauernstellung als typisch für nachfolgend durchaus erfolgreiches Konterspiel, wenn Weiß mit seinen Bemühungen stagniert.

Lubomir Ftacnik hat eine Reihe herausragender Experten (u. a. Carlsen, Kramnik, Aronian, Adams, Kortschnoj, Karpov, Kamsky, Kasparov, Leko, Ivanchuk, Nepomniachtchi – allesamt mit einer ELO-Zahl über 2700) auf seiner Lehr-DVD versammelt, die allesamt den Igel (egal, ob er denn englisch ist oder nicht) in aktuellen Partien überaus erfolgreich eingesetzt haben – wobei nach quantitativen Gesichtspunkten unter diesen Könnern die schwarze Seite durchaus erfolgreicher agieren konnte.

Systemanforderungen:
Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista, Windows 7 oder 8, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte

Fazit:
Wenn schon mit Lubomir Ftacnik und auch Daniel King zwei GM annähernd die gleiche Themenstellung präsentieren und analysieren, dann muss doch etwas an diesem Eröffnungssystem erfolgversprechend sein. Dem Schwarzspieler werden attraktive Wege aufgezeigt, durch einen grundlegend harmonischen, symmetrischen Aufbau nach den anfänglichen Vorteilen des Anziehenden in Folge konsequentes Gegenspiel zu entwickeln. Natürlich muss Weiß wissen, auf welche Risiken und Fortsetzungen er sich einlässt, wenn er es denn zum „englischen Igel“ kommen lässt. Die DVD ist reizvoll in ihrer Betrachtung und wird dem Sammler von strukturellen Systemen gefallen, ob sie denn ein unbedingtes „Must-Have“ ist, will ich mir nicht anmaßen zu beurteilen.

Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)