„Phantasie statt Theorie: 1. d4 c5!“ – Eva Moser

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 22.11.2013
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer eröffnung ChessBase GmbH, Hamburg
ISBN 978-3-86681-378-6; Preis 27,90 Euro

Der Hamburger Schachsoftware-Anbieter ChessBase zeigt es schon mit dem deutlich modernisierten Layout seines Covers: es weht ein frischer Wind durch die seit vielen Jahren bekannten Trainings-DVDs. Auch wenn die Silberscheiben somit mehr ins Auge stechen, hat sich am Stil in inhaltlicher Sicht nicht allzu viel verändert. Wir erleben das bewährte Video-Training von ca. 4 Stunden Laufzeit, das sich bequem mit Hilfe des beigelegten ChessBase-Reader 12 lesen, anschauen und gedanklich verarbeiten lässt.

Neu und deutlich anders als sonst ist jedoch der Start des Trainings nach dem Installations-Prozedere: Der Lehrgang muss durch einen der Verpackung beigefügten Aktivierungs-Code über das Internet aktiviert werden – ansonsten erblickt man keine Video-Clips! Was ich davon halten soll, weiß ich noch nicht so ganz genau. Wohl gemerkt: es gibt keine großen technischen Hürden bei Installation oder Freischaltung, jedoch ist dies „Offline“ nicht mehr möglich. Ich nenne dies Zwangsaktivierung. Was wird auf meinem System dabei alles hinterlassen oder eingetragen? Aber gut, wenn ChessBase meint, diesen Weg einschlagen zu müssen...

Eva Moser, die beim norddeutschen Schach-Giganten erst wenige DVDs produziert hat, ist die zurzeit einzige österreichische Schach-Großmeisterin und seit rund 10 Jahren auf den oberen Rängen der Damenweltrangliste platziert. Ihr Fokus liegt darauf zu beweisen, dass man auch ohne profunde Kenntnisse der Schachtheorie abseits von starren Hauptvarianten oder –abspielen erfolgreich Schach spielen kann. Viele Schachfreunde kennen das Phänomen, dass man bei eigener Brettpraxis häufig an den Punkt kommt, die gespielte Variante doch nicht ganz konsequent bis ins allerletzte Detail gekannt zu haben und der Gegner den um mindestens einen Theoriezug längeren Atem hatte. Oder man hatte sich auf eine ganz konsequente Eröffnungstheorie vorbereitet, die man als Anziehender spielen wollte --- und schon weicht der auf der anderen Brettseite Sitzende ganz früh von der Theorie ab.

An dieser Stelle setzen Mosers Ideen ein: 1. d4 c5! Warum soll ich nicht selber meinen Gegner überrumpeln? Diese grandiose Idee setzt allerdings etwas voraus: wer so spielt, braucht zwingend Kreativität, Gefühl für die Stellung auf dem Brett und muss motivsicher auftreten können. Wer diese Fähigkeiten nicht besitzt, wird sich mit dem dargebotenen Inhalt schwer tun – heißt also: nichts für den blutigen Anfänger oder Neueinsteiger. Bei diesem Training liegt der Schwerpunkt der Analysen auf dem Blickwinkel des mit den schwarzen Steinen Spielenden. Die GM‘ zeigt am Beispiel zahlreicher Musterpartien (14 an der Zahl) ausgewählte strukturell besondere Highlights. Immer wieder auftretende taktische Motive und typische strategische Pläne sollen dem Betrachter vor Augen geführt werden, um so den Blick für die Situation zu schärfen. Wer diese Vorgehensweise konsequent durchgearbeitet hat, kann sich am Ende nach den vorgestellten 15 Kapiteln einem Test bestehend aus 10 Fragen, quasi prüfungsähnlich unterziehen und erhält schließlich ein informatives Video-Feedback der Expertin. Bloßes Auswendiglernen von Eröffnungen nützt hier fast gar nichts, sondern es soll aktives und überraschendes Vorgehen vermittelt werden. Ein sehr interessanter Ansatz, dem nachzugehen lohnt – warum also nicht: 1. d4 c5?

Eva Moser hat außerdem auf die absoluten Spitzenkönner des Schach weitgehend verzichtet, aber dafür einige Perlen entdeckt, die auf alle Fälle geeignet sind, ihrer Grundintention „aktives, kreatives Spiel ohne starre Theorie“ enorme Tiefe zu verleihen. Ergänzend beinhaltet die DVD eine kleine Datenbank mit weiteren 58 teilweise kommentierten Partien, die dem Thema konsequent folgen und aufzeigen, dass Schwarz mit mehr als 85% Erfolgsquote spielen konnte. Die österreichische Mundart der Expertin macht den Lehrgang noch viel sympathischer, da man die gewisse „Wiener Kaffeehausatmosphäre“ zu spüren vermag.

Systemanforderungen (mind.):
Pentium III mit 1 GHz o. besser, 1 GB RAM, Windows XP Service Pack 3, Vista, DirectX9-Grafikkarte 256 MB RAM, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Media Player 9, Maus, Soundkarte und Internetverbindung zur Aktivierung

Systemanforderungen (empfohlen):
Intel Core i7 2,8 GHz, 4 GB RAM, Windows 7 oder 8, DirectX10-Grafikkarte 512 MB RAM oder mehr, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Media Player 11, Maus, DirectX-kompatible Soundkarte und Internetverbindung zur Aktivierung

Fazit: Ein interessanter Lehrgang mit grundlegend konsequenter Abkehr von gängigen, etablierten Eröffnungsvarianten und einer Hinwendung zum kreativen, mit viel Stellungsgefühl betriebenen Spiel. Das Programm ist nichts für den völlig unerfahrenen Einsteiger, der noch nicht adäquat mit Stellungsbildern umgehen kann. Wer allerdings theoriefaul ist und mehr auf kreative Überraschungsmomente setzt, findet hier ein kleines Schatzkästlein, was allerdings niemals den Anspruch erhebt, die sogenannte „Schachbibel“ zu sein.

Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)