„Angreifen mit Spanisch u. Italienisch“ – Sergei Tiviakov

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 28.11.2013
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer eröffnung (englischsprachig)
ChessBase GmbH, Hamburg; ISBN 978-3-86681-385-4; Preis 27,90 Euro

Der eingebürgerte Niederländer Sergei Tiviakov – ehemaliger Jugendweltmeister und Mitglied der Smyslow-Schule – stellt uns erneut eine Repertoire-DVD für Weiß vor, die er nahezu ausschließlich mit eigenen höchst erfolgreichen Partiebeispielen bestückt hat. Der Lehrgang umfasst vier große Themenkapitel zu Angriffen gegen den schwarzen König aus der Perspektive des Anziehenden unter Verwendung der Spanischen, bzw. Italienischen Eröffnung und mehr als 30 Beispielpartien mit überaus präziser Detailanalyse.

Außer Karpov lässt unser Lehrmeister keine weiteren Schachkoryphäen zur Demonstration des strategischen Gedankenguts zu. Beim neuen Konzept, das die Leute von ChessBase geschaffen haben, gehört neben der obligatorischen Online-Aktivierung (um die Video-Sequenzen mit einer Gesamtlänge von 4,5 Stunden überhaupt betrachten zu können) auch ein Abschlusstest (dieses Mal acht Fragestellungen) mit ergänzendem Video-Feedback des GM. Der bewährte ChessBase-Reader 12 liegt wie gewohnt zur multimedialen Unterstützung und zur Förderung der Handlungsorientierung des Lernenden bei. Konnte man in früheren Ausgaben dieser Trainings-DVDs meist nur betrachten und passiv verbleiben, so ist nun deutlich mehr Aktion beim Durcharbeiten der Lehrgänge vonnöten – unter lernpsychologischen Aspekten sicherlich als durchaus fortschrittlich zu bezeichnen (learning by doing).

Zusätzlich werden wir verwöhnt durch Datenbanken mit mehr als 1 Million größtenteils kommentierter Partien und weiteren mehr als 300 Schachzweikämpfen, letztere allesamt gespielt von Sergei Tiviakov mit einer beeindruckenden Erfolgsquote für Weiß. Schauen wir uns aber doch einmal die oben genannten vier Kapitel mit den GM-Ideen etwas genauer an, um zu erfassen, welches Gedankengut uns vermittelt werden soll:

Kapitel 1: Angriffe gegen den rochierten König
Kapitel 2: Angriffe mit Lg5
Kapitel 3: Öffnung der f-Linie durch f4
Kapitel 4: Verschiedene Angriffsstrategien

In den ersten acht Beispielen (1. Kapitel) liegt der Schwerpunkt auf den Angriffsbemühungen gegen den rochierten schwarzen König und seine Verteidigungsstellung. Interessant ist in meinen Augen der Gedanke, den weißen König ungewohnt lange unrochiert in der Brettmitte verweilen zu lassen und erst in einer späteren Partiephase auf dem Damenflügel (!) zu rochieren. Damit entfällt das Risiko, bei einem beabsichtigten Bauernvorrücken auf dem Königsflügel den eigenen König akuten Gefahren auszusetzen. Sollte Schwarz allerdings eine andere Strategie (etwa aktives Gegenspiel auf dem Damenflügel) verfolgen, so bleibt optional immer noch die Möglichkeit, klassisch kurz zu rochieren.

Sergei Tiviakov empfiehlt, mit der Italienischen Partie zu beginnen, um Erfahrungen mit der ähnlich gelagerten Strategie in der Spanischen Variante erst anschließend zu gewinnen. Er hält – durchaus plausibel belegt – die Theoriekenntnisse, die durch die zweitgenannte Eröffnung zwingend benötigt werden, um nicht früh zu scheitern, für weitaus komplexer / schwieriger und rät dem Einsteiger deutlich ab.

Die nächsten sechs Beispielanalysen (2. Kapitel) führen dem Betrachter die nachfolgenden Möglichkeiten durch Lg5 vor Augen. Sowohl in der Italienischen als auch der Spanischen Partie erzielt Weiß bei ungenauem Spiel des Nachziehenden Vorteile, da u. a. der Druck auf die schwarze Königsstellung und die anfällige Bauernstruktur gravierende Auswirkungen haben.

Im 3. Kapitel (zehn Partien u. a. mit einem glänzend agierenden Ex-Weltmeister Karpov) zeigt der gebürtige russische Experte wie durch die Öffnung der f-Linie mit f4 Angriffsbemühungen erfolgreich umgesetzt werden können. Auch aktuell wird dieser Strategie Aufmerksamkeit zuteil, will heißen: diese Fortsetzung wird relativ häufig in Erwägung gezogen und angewandt. Gewinnbringend in dieser Variante sind vor allem die Probleme der schwarzen Bauernstellung bei geöffneter Linie für den weißen Turm oder nachfolgend die Dame.

Das letzte Kapitel der DVD befasst sich mit verschiedenen unterschiedlichen Angriffsstrategien des Weißen – jedoch immer unter der Prämisse der Spanischen / Italienischen Partie. Meistens folgen die Ideen aus der Andersson-Variante der Spanischen Partie (sie scheint eine der am meisten bevorzugten Analysen Tiviakovs zu sein), die sich z. B. charakterisieren lässt durch die einleitende Zugfolge: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 ...

Ein einziger Punkt, bei dem noch Anmerkungen erlaubt seien, ist die sich mir stellende Frage: Wo ist in den abschließenden Testfragen und –aufgaben auf dem Datenträger der Beleg dafür, dass sich die Problemstellung aus der Italienischen oder Spanischen Partie ergibt? Ich konnte dies nicht zwingend erkennen, da sich die Partien meist in einem fortgeschrittenen Stadium befanden, aus dem ich nicht verlässlich eine der genannten Eröffnungen diagnostizieren konnte. Es wären meines Erachtens auch andere Strategien denkbar gewesen. Nun gut – das soll nicht entscheidend sein, das interaktive Training ist dennoch bereichernd.

Systemanforderungen: (mind.)
Pentium III mit 1 GHz o. besser, 1 GB RAM, Windows XP Service Pack 3, Vista, DirectX9-Grafikkarte 256 MB RAM, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Media Player 9, Maus, Soundkarte und Internetverbindung zur Aktivierung

Systemanforderungen: (empfohlen)
Intel Core i7 2,8 GHz, 4 GB RAM, Windows 7 oder 8, DirectX10-Grafikkarte 512 MB RAM oder mehr, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Media Player 11, Maus, DirectX-kompatible Soundkarte und Internetverbindung zur Aktivierung

Fazit:
Es gelingt dem Niederländer Sergei Tiviakov sehr gut, auf mögliche strategische Aspekte bei der Italienischen und Spanischen Partie hinzuweisen, sowie Potentiale aufzuzeigen und dem Spieler mit den weißen Steinen Erfolg versprechende Varianten und praktikable Zugmöglichkeiten zu verdeutlichen. Der Lehrgang spricht Einsteiger, aber auch fortgeschrittene Spieler/-innen an. Schade nur, dass ChessBase wiederum versäumt hat, auf der Vorderseite des Covers deutlich zu machen, dass es sich um ein englischsprachiges Training handelt ( „im Kleingedruckten“ auf der Rückseite der Verpackung steht es reichlich unauffällig...). Der gebürtige russische Großmeister spricht allerdings verständlich genug, um Inhalt und Theorien nachvollziehen zu können.

Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)