Houdini 4 Standard (Multiprozessorversion) mit Nachtrag Pro-Version

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 06.01.2014
 Auf Amazon.de kaufenChessBase GmbH, Hamburg; erschienen Dezember 2013 ISBN 978-3-86681-400-4; Preis 79,90 €
ChessBase GmbH, Hamburg; erschienen Dezember 2013 ISBN 978-3-86681-401-1; Preis 99,90 €

So gerade noch kurz vor dem Weihnachtsgeschäft ist es der wohlbekannten norddeutschen Firma ChessBase gelungen, die neueste Schach-Engine des belgischen Spezialisten Robert Houdart auf den Markt zu bringen (für eine fundierte Rezension meinerseits zeitlich ein wenig zu knapp - ich bitte dies zu entschuldigen). Die Schachwelt mit ihren zahlreichen begeisterten Spielerinnen und Spielern wartete bereits sehnsüchtig auf das Update der vorherigen 3er-Versionen und fragte sich zu Recht, was dem Computerschachspezialisten denn wieder Bahnbrechendes gelingen würde. Vorab sei folgende Anmerkung erlaubt: für diesen Test / diese Rezension stand mir lediglich die o.g. Standard-Version zur Verfügung - auf die "Pro"-Version hatte ich leider keinen Zugriff. Zur besseren Beurteilung der Vorgabe sei ergänzend erwähnt, dass die Standard-Version bis zu 6 Prozessorkerne und 4 GB Hash Memory anspricht, in der Pro-Ausgabe kann die Engine hingegen auf bis zu 32 Prozessorkerne, sowie 256 GB Speicher zurückgreifen. Im weiteren Verlauf meines Berichts werde ich auf die erwähnenswerten Unterschiede noch eingehen.

Die Versionen unterscheiden sich ansonsten überhaupt nicht in ihrem Lieferumfang: beide arbeiten in der neuen 64-Bit Programmoberfläche von Deep Fritz 14 (diese wurde bereits vor wenigen Wochen von mir getestet und rezensiert), sie beinhalten eine Premium-Mitgliedschaft für den Schachserver "Schach.de" für 6 Monate und bieten bis zum 31.12.2015 jederzeitigen Onlinezugriff auf die weltweit größte Analysedatenbank "Let's Check" mit mehr als 200 Millionen weitreichenden Engine-Analysen.

Neu im Vergleich zu anderen Schachprogrammen ist allerdings die Fähigkeit, mit den sog. "Syzygy-Tablebases" (Endspieldatenbanken) umgehen zu können, die leider nicht beiliegen, sondern separat aus dem Netz heruntergeladen werden müssen. Dabei fallen für die 3 - 5 Steiner etwa 560 MB Download-Volumen an, für die 6-Steiner sind es beachtliche 82 GB!!! (für einen bloßen ISDN- oder DSL-2000-Zugang sicherlich ein wenig viel...) Mit dieser Ergänzung erhält Houdini noch eine weitaus stärkere Unterstützung, da die Engine laut Hersteller für diese Tablebases optimiert wurde. Für Computerbesitzer mit Hochgeschwindigkeit-Flatrates sicherlich mehr als nur erwähnenswert.

Bei diesem Kaufpreis fragt sich mancher Schachfreund sicherlich zu Recht, warum man dann überhaupt die bereits ein wenig länger verfügbare Deep Fritz 14-Ausgabe käuflich erwerben sollte - die Oberfläche ist die Gleiche, aber wenn Erfahrungswerten bisheriger Nutzer Glauben geschenkt wird, dürfte die Qualität der Houdini-Engine der Fritz'schen deutlich überlegen sein und wäre demnach quasi ein "Schnäppchen" für den, der so einen Giganten braucht. Auf den meisten Online-Schachplattformen dürfte sich in nächster Zeit wieder zeigen, dass mancher Schachfreund noch stärker geworden ist als zuvor - natürlich und selbstredend nur durch hartes Training und Analyse am Brett... Für "Otto-Normalverbraucher" stellt sich die Frage nach der Spitzenqualität eher nebenher. Bereits die frühen Fritz-, Rybka-, Houdini-Versionen (oder wie alle anderen heißen mögen) zeigten dem menschlichen Geist deutlich seine Grenzen auf - nicht jeder von uns heißt Carlsen.

Da ich aus genannten Gründen nunmehr nicht weiter auf die grafische Oberfläche eingehen möchte, komme ich zwangsläufig zu dem, was vielleicht die meisten Betrachter interessiert: eine Leistungsanalyse, bzw. einen Spielstärkenvergleich bekannter Schach-Engines. Für diesen aktuellen Test standen mir folgende 64bit-Maschinen zur Verfügung: Deep Fritz 13, Deep Fritz 14, Rybka 4.1, Houdini 3, Houdini 3 Pro, Stockfish 4, Komodo 6, Houdini 4a und Houdini 4b (die beiden letztgenannten sollen sich lediglich in minimaler Schnelligkeit unterscheiden, abhängig vom jeweils verwendeten Prozessor im heimischen PC). Um eine Vergleichbarkeit der Resultate zu erhalten, sollten für alle Kandidaten später natürlich vergleichbare Rahmenbedingungen gelten (gemeinsames Buch, HASH-Größe, etc.). Es gibt mittlerweile zahlreiche Testergebnisse der verschiedenen Engines von unterschiedlichsten Anwendern / Computerschachfreaks im Internet zu finden (Google oder Wikipedia sind da gute Freunde), aber mich persönlich interessiert doch immer wieder, wie die Giganten auf meinen eigenen Systemen abschneiden, die nicht lediglich für Schachtests optimiert sind.

Zuvor sollte allerdings ein Testlauf die optimalen Stärken der einzelnen Engines abfragen, alle sollten mit ihrer höchsten Leistungsfähigkeit arbeiten dürfen (d.h. für Houdini 4 Standard, dass er auch lediglich mit seinen eigenen Rahmenbedingungen rechnen konnte: 6 Cores, max. 4 GB HASH). Zum Einsatz kamen als Hardware ein Tower-PC mit Intel Core i7 CPU 3,2 GHz, 16 GB RAM unter Windows 7 64bit, sowie ein Notebook mit Intel Core i7 QM-CPU up to 2,9 GHz, 16 GB DDR3-RAM. Gespielt wurde hier ein Engine-Turnier mit 200 Partien bei einer Bedenkzeit von 5 Minuten, plus 2 Sek./Zug. Es ergab sich ein Gesamtergebnis, das mich persönlich doch ein wenig überraschte:

1. Houdini 3 Pro (+92 =93 -15)
2. Houdini 4b Standard (+83 =98 -19)
3. Stockfish 4 (+72 =98 -30)
4. Houdini 4a Standard (+68 =106 -26)
5. Deep Fritz 14 (+47 =98 -55)
6. Houdini 3 (+39 =104 -57)
7. Komodo 6 (+26 =88 -86)
8. Rybka 4.1 (+24 =86 -90)
9. Deep Fritz 13 (+20 =87 -93)

Höchstwahrscheinlich ausschlaggebend für den Sieg der älteren Houdini-Version war wohl die Tatsache, dass dieses Programm die Hardware besser ausschöpfen konnte, als der "Standard-Houdini" mit seinen Einschränkungen. Mit der "Pro"-Version wäre da sicherlich mehr für die 4er-Ausgabe erreichbar gewesen. Aber es bleibt herauszuheben, dass trotz der Beschränkung der Standard-Engine dies noch allemal ausreichte, um alle übrigen Gegner, die überhaupt nicht eingeschränkt waren, zum Teil deutlich in die Schranken zu weisen.

Um die Vergleichbarkeit in einem zweiten Test bei fairen Bedingungen für die Chess-Engines herbeizuführen, wurde ein jeweiliger Einzelwettkampf (max. 4 GB HASH, 4 Cores) zwischen den beiden Erstplatzierten durchgeführt mit einem wohl eher zu erwartenden Ergebnis:

1. Houdini 4b Standard (+63 =96 -41)
2. Houdini 3 Pro (+41 =96 -63)

Damit ergibt sich eine Prozentquote von 55,5% zu 44,5% für die Houdini 4 Standard-Engine, was einem rechnerischen ELO-Zuwachs von etwa 32 Punkten entspricht, damit bleiben - zumindest auf meinen Systemen - die von Houdart zugesagten +50 Punkte als ein wenig überschätzt stehen. Auf weitere Einzelvergleiche habe ich verzichtet, da meines Erachtens keine weiteren signifikanten Abweichungen denkbar erschienen.

Systemvoraussetzungen (mind.):
Pentium III 1 GHz, 2 GB RAM, Windows Vista, XP (Service Pack 3), 7/8, DirectX9, Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM Laufwerk, Windows Media Player 9, Internetzugang für Aktivierung, Schach.de-Zugang, Let's Check und Updates.

Systemvoraussetzungen (empf.):
Intel i5 (Multicore) Prozessor, 4 GB RAM, Windows 7/8, DirectX10, Grafikkarte mit 512 MB RAM oder mehr, DirectX10-kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD-ROM Laufwerk, Internetzugang für Aktivierung, Schach.de Zugang, Let's Check und Updates.

Fazit:
Welche Erkenntnisse hat der Test für mich erbracht? Nun, die neue Houdini-Engine ist sicherlich eine Weiterentwicklung des Gegebenen auf hohem Niveau. Selbst bei der ein wenig abgespeckten Standard-Variante zeigt sich eine Leistungsverbesserung, von der ich allerdings eingestehen muss, dass sie nur arithmetisch messbar war. Ob sich in der realen Partiepraxis solche ELO-Steigerungen als deutlich spürbar erweisen, muss ich offen und unbeantwortet lassen. Eines ist jedenfalls klar: Houdini 4 in Verbindung mit der Deep Fritz 14-Oberfläche ist das Beste, was Schachenthusiasten derzeit in die Hände bekommen können. Hochachtung für den / die Programmierer, die das auf die Beine gestellt haben. Sollte die Entwicklung im Bereich der Schach-Engines so weitergehen, vermag ich bestimmt in wenigen Jahren nicht mehr einzuschätzen, ob Schach überhaupt noch etwas für menschliche Wesen ist...

Der zu entrichtende Kaufpreis für dieses Paket (ca. 80 € oder für ca. 20 € mehr die Pro-Variante) ist wirklich über jeden Zweifel erhaben.

Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)

Nachtrag:
Mittlerweile konnte ich dank des Produzenten ChessBase, der über die ZUM e.V. ein Rezensionsexemplar der "Pro-Version" zur Verfügung gestellt hat, noch eine Ergänzung des o.g. Leistungstests durchführen.

Beim Einsatz der Houdini 4 Pro-Engine zeigte sich letztlich, dass sie der Standardversion wohl doch überlegen ist. Der größere HASH-RAM und die höhere Anzahl an Prozessor-Cores heben das Level noch mehr an. Ein direkter Engine-Vergleich der "Pro-" mit der "Standard-"Variante führte bei 200 durchgeführten Partien zu einer Quote von 63,5% zu 36,5% Punkten.

Hiermit dürfte dann auch die Hierarchiewelt innerhalb der Houdini-Engines wieder einigermaßen zurechtgerückt sein. 20 Euro mehr lohnen sicherlich den erneuten Leistungszuwachs.