Schachendspiele 14 – Dr. Karsten Müller

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 19.01.2014
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: "fritztrainer endspiel"; Chess Base GmbH, Hamburg
ISBN 978-3-86681-407-3, Preis 29,90 Euro

Nun ist es denn (endlich?) geschafft: Dr. Karsten Müller gibt bekannt, dass mit dieser 14. DVD der Endspiellehrgang mit ihm als Autor zu Ende geht. Seine Einleitung zeigt in wehmütigem Tonfall, dass es unwiderruflich zu sein scheint, dass es keine weitere Fortsetzung der Reihe gibt. Ich muss gestehen, die Situation erinnert mich ein wenig daran, wie es sich seinerzeit auch mit den Serien "Dallas" (1978 - 1991: 357 Folgen), der "Denver Clan" (1981 - 1989: 218 Folgen) oder der "Lindenstraße" (seit 1985: bisher 1461 Folgen) verhielt. Eine "Never Ending Story!

Und jetzt soll wirklich alles auf einmal vorbei sein, was uns seit 2006 am Schachbrett mit akribischen Analysen und Erkenntnissen für die Endspieltheorie und -praxis bewegt hat? Der Hamburger Großmeister hat keine Scham, bei dieser 14. Ausgabe einzugestehen, dass sich doch manche Thematik häufiger wiederholt hat, weil er (oder ChessBase) erkannt hat, dass sich ein Thema wohl noch weiter ausschöpfen (oder sollte ich sagen "abgrasen"?) ließ, als ursprünglich angedacht war... - und sich somit ein weiteres kleines Zubrot verdienen ließ... Ich will damit keinesfalls die Qualität der gesamten Reihe schmälern, jedoch möchte ich den Finger auf eine wunde Stelle legen: die lukrativ umgesetzte finanzielle Strategie der 14 mal ca. 30 Euro heißt am Ende schlicht 420 Euro für zugegeben reichliche Wiederholungen, bzw. der Aufsplitterung des Schachspiels bis in die kleinsten Atomteilchen der Schachendspieltechnik und -strategie.

Auf dieser Schluss-DVD der Endspielreihe schöpft Müller noch einmal aus dem Vollen: 7 Stunden Videotraining (allerdings noch nach alter Prägung ohne interaktive Aufgaben mit Lehrgangcharakter und eigener Selbstkontrolle, wie es das neue ChessBase'sche Konzept präsentiert) mit einer so enormen Vielfalt an Kapiteln und Beispielen, dass die Produzenten selber aus dem Zählen geraten. Da wird zum Beispiel aus dem Abschnitt 1.2 das Kapitel 2 oder aus Abschnitt 2.1 das Kapitel 5 und so weiter und so fort... - ein wahres Strukturchaos.

Ob GM Müller selber bemerkt hat, was hier fabriziert wurde? Man muss es befürchten, da auch bei seiner Präsentation häufig bisher nicht bekannte Aussetzer und ..... sprachliche ..... Luft ..... löcher ..... übrig ..... blieben ..... (oder war er nur erschrocken über das, was ihm gerade bewusst wurde?) Ich weiß es nicht, muss allerdings diese Ausgabe der Endspielreihe als wirklich schlecht produziert bezeichnen.

Kommen wir aber wieder zum angestrebten schachlichen Gehalt der DVD zurück - man verzeihe mir, dass ich nur noch von Themenabschnitten und nicht mehr von Kapiteln rede, weil ich diese nicht mehr strukturiert erkennen konnte. Karsten Müller bezieht sich in seinen Ausführungen schwerpunktmäßig auf die sogenannten "Goldenen Endspielregeln", die jeder, der ernsthaft Schach spielt, mindestens schon einmal gehört haben wird.

Teil 1 - Allgemeine Faustregeln:
* das Endspiel ist kein Mittelspiel
* Aktivierung des Königs
* König und Springer blockieren den Freibauern, nicht der Turm
* Zugzwang als Waffe im Endspiel
* der richtige Bauernabtausch
* der Angreifer tauscht kein Angriffsmaterial ab
* wichtig ist nicht das, was vom Brett verschwindet, sondern das, was bleibt
* Verteidiger von schwachen Feldern / Figuren sollen abgetauscht werden
* Läufer lassen sich leichter tauschen als Springer
* der Turm, der gegen Leichtfiguren kämpft, begrüßt Abtausche
* das "Schwächen"-Prinzip
* bei statischen Schwächen dynamisches Potential reduzieren
* Flexibilität erhalten
* Eile mit Weile
* man soll die schlechteste Figur verbessern

Teil 2 - Prinzipien spezieller Endspiele:
* Mattsetzen mit Springer und Läufer - das W-Prinzip (geometrische Überlegungen)
* Opposition und Bodycheck
* Quadratregel und Dreiecksmanöver
* entfernte Freibauern
* Gewinnzonen bei Rand- und Läuferbauern
* zahlreiche Wiederholungen zu Endspielpositionen wie:
- Bauernendspiele
- Dame gegen Bauern
- Turm gegen Bauern
- Turmendspiele
- Damen-, Springer, Läuferendspiele
- Turm gegen Leichtfiguren

Das allerdings Besondere an dieser Endspiel-DVD ist das Bemühen Müllers, unseren Blick dafür zu schärfen, dass in jeder begründeten Regel auch ebenso begründete Ausnahmen liegen können. Es soll nicht um das bloße "Auswendiglernen" von Endspielregeln gehen, sondern vielmehr darum, den Blick zu schärfen, um die Ausnahmen (!) ausfindig zu machen. Erst darin zeigt sich die Kunst des wahren Schachmeisters.

Insgesamt liegen auf dem Datenträger rund 120 Partiebeispiele ausgewiesener Schachgrößen vor, an denen der deutsche Großmeister seine Ideen und Erkenntnisse darlegt.

Systemanforderungen:
Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista, Windows 7 oder 8, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte.

Fazit:
Ich bin zwiespältig hin- und hergerissen: einerseits ist die Endspiel-DVD sehr oberflächlich strukturiert / produziert worden, die ständigen Hinweise ("...eigentlich habe ich dies auf einer meiner Lieblingsfolgen in DVD 9 bereits geäußert..." o.ä.) wirken wie qualitätsarmer Abwasch - anderseits ist das, was Karsten Müller zu verkaufen hat, durchaus hilfreich, weil es beim eigenen Lernen behilflich ist - wenn man es denn nicht schon in der Vergangenheit so häufig von ihm gehört hätte...

Vielleicht hätte man sinnvollerweise auf diese 14. Ausgabe verzichten sollen / müssen, aber das werden vermutlich die zahlreichen Fans des Hamburger Endspiel-Experten nicht so gerne hören wollen.

Danke dennoch an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(komm. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)