Komodo Chess 8 - 64bit Multiprozessor Version

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 17.02.2015
 Auf Amazon.de kaufenerschienen bei ChessBase GmbH Hamburg; ISBN: 978-3-86681-442-4; Preis 79,90 Euro

Habe ich sie jetzt wirklich in Händen? Die neue Nummer 1 im Schach? So lautet zumindest die Ankündigung der neuesten Schachengine beim Hamburger Giganten ChessBase. In meiner folgenden Rezension möchte ich mich daher schon aus purer Neugierde mit der 64-bit-Version von Komodo 8 beschäftigen.

Folgendes gehört zum Lieferumfang:
* Komodo 8 Engine (64 bit)
* aktuelle Deep Fritz 64-Bit Programmoberfläche (optional 32 Bit)
* Premium-Mitgliedschaft für Schach.de für 6 Monate
* Zugang zu Let's Check *
(mit 200 Millionen tief analysierten Stellungen) und ChessBase Engine-Cloud
*) Der Let's Check Zugang mit Komodo 8 endet am 31.12.2016

Die Verwendung einer vertrauten Programmoberfläche (Deep Fritz, bei vielen Schachfreunden wahrscheinlich im Einsatz) ist sehr gut, da man so ohne weitere Umstellungsnotwendigkeiten mit seinem bisherigen Schachprogramm weiterspielen kann. Damit brauche ich zum Layout nachfolgend keine weiteren Aussagen zu treffen.

Ärgerlich ist allerdings erneut, dass nach der Installation auf einem System, auf dem bereits Deep Fritz 14 oder Houdini 4 eingerichtet waren, alle persönlichen Einstellungen verloren gehen und man somit seine Oberfläche erneut anpassen muss, falls man nicht "sein" Layout vorab gespeichert hatte. Interessant auch, dass das ChessBase Admin Tool, mit dem man die jeweilige Aktivierung der Engine vornehmen muss, Komodo 8 im Übersichtsfenster noch nicht einmal namentlich kennt - das nenne ich wahres "Understatement".

Kommen wir aber nun zu den inneren Werten der Software, um die es wahrscheinlich den meisten Schachbegeisterten geht. Was leistet das Programm - auch im Vergleich zu den aktuellen übrigen Schachengines?

Der Hamburger Anbieter hebt hervor, dass Komodo 8 anders ist als andere Schachprogramme, es macht von intensiven Suchvertiefungen Gebrauch, um damit oft tiefer als alle anderen Engines in Stellungen einzudringen. Der Computerschachexperte Larry Kaufman hat sicherlich eine Menge Arbeit in sein Produkt investiert, um es in seinem bisher schon wirklich guten positionellen Spiel zu optimieren, weil man sich dort - wenn man es überhaupt sagen darf - nach Meinung von ausgewiesenen Experten bisher mehr auf das Urteil von Großmeistern wegen ihrer reichlich zuverlässigen Einschätzung in vielen Partiestellungen verlassen konnte. Die Strategie des Komodo-Teams leuchtet grundsätzlich ein: "Es ist lohnender, dort zu arbeiten, wo es Verbesserungspotential gibt, als sich auf einen Bereich zu konzentrieren, in dem man ohnehin schon spitze ist."

Ich verzichte an dieser Stelle auf die ausführliche Analyse weiterer Highlights des Programms, als da wären: noch bessere Bewertung von Eröffnungsvarianten, noch bessere Ausnutzung ungleicher Materialverhältnisse, sowie die Einbindung der neuen Syzygy Tablebases zur genaueren Kontrolle von Endspielen mit 3, 4 und 5 Steinen, sowie von 27 der wichtigsten 6-Steiner. (Leider gehören diese Syzygy Tablebases nicht zum Lieferumfang, sie können jedoch für 59,90 Euro bei ChessBase nachträglich erworben werden. Honi soit qui .....)

ChessBase kommt damit zur einfachen Aussage: "Der neue Komodo 8 ist das spielstärkste Schachprogramm überhaupt!" Dieser Satz verleitet mich jedoch (wie schon oft in der Vergangenheit) zum "Nachhaken" - ist diese Software wirklich so überlegen? Ich habe daher die Engine einem häuslichen Test unterzogen.

Als Testsystem stand mir ein PC u.a. mit Intel i7-Prozessor, 16 GB RAM, Windows 7 Prof. 64-bit, plus adäquatem weiteren Innenleben zur Verfügung. Als Testumgebung wählte ich bei den jeweiligen Engine-Zweikämpfen für alle getesteten Produkte die gleichen Bedingungen, d.h.: ohne Eröffnungsbuch, Rechnen auf Gegners Zeit, 4 Prozessorkerne, Hashgröße 2048 MB, Zeitvorgabe 5 Minuten (ohne zeitlichen Zugbonus), Benutzung von Endspieldatenbanken, Wettkampf über 100 Partien.

In diesem ersten Testlauf habe ich mich auf drei Konkurrenten beschränkt: Komodo 8, Houdini 4 Pro und Stockfish 6 (alle auf 64-bit-Basis), die auch schon letztlich in der Presse, auf vielen Schachangebotsseiten und etlichen Schachforen als herausragend gesehen werden / wurden. Meine Messergebnisse möchte ich als reine Auflistung in Prozentsätzen darstellen:

1. Vergleich:
Komodo 8 - Houdini 4 Pro: 30% Siege - 35% Remis - 35% Niederlagen (aus Sicht Komodos)

2. Vergleich:
Komodo 8 - Stockfish 6: 15% Siege - 65% Remis - 20% Niederlagen (aus Sicht Komodos)

3. Vergleich:
Stockfish 6 - Houdini 4 Pro: 50% Siege - 20% Remis - 30% Niederlagen (aus Sicht Stockfishs)

Diese Resultate haben zuerst ein wenig überrascht, nachdem ich mich jedoch intensiver im Internet auf Schachforenseiten, die ähnliche Tests haben ablaufen lassen, informiert habe, konnte ich erkennen, dass meine Ergebnisse denen im Netz durchaus ähnlich waren.

Die Behauptung "Der neue Komodo 8 ist das spielstärkste Schachprogramm überhaupt!" lässt sich meines Erachtens statistisch nicht akkurat belegen. Es mag vielleicht überaus spielstark sein, aber damit keinesfalls das alleinig gewinnträchtigste Programm. Um meine Erkenntnisse zu verifizieren, habe ich ergänzend ein Engine-Rundenturnier auf meinem Rechner ablaufen lassen (gleiche Bedingungen wie bei den Zweikämpfen mit Hin- und Rückrunde, je 20 Turnierrunden) mit folgenden Teilnehmern:

Komodo 8, Komodo 6, Stockfish 6, Stockfish 5, Houdini 4 Pro, Deep Rybka 4.1, Deep Fritz 14, Deep Junior Yokohama 13.8

Das Turnierergebnis lautete wie folgt: (1 Punkt für Sieg, 0,5 Punkte für Remis)

1. Komodo 8 64-bit (110 aus 140 Punkten)
2. Stockfish 6 64 POPCNT (105 aus 140) - Open Source Software!
3. Stockfish 5 64 SSE4.2 (105 aus 140) - Open Source Software!
4. Houdini 4 Pro x64B (90 aus 140)
5. Deep Rybka 4.1 SSE42 x64 (55 aus 140)
6. Deep Fritz 14 x64 (50 aus 140)
7. Komodo 6 64-bit (35 aus 140)
8. Deep Junior Yokohama x64 (10 aus 140, ohne auch nur eine einzige Partie zu gewinnen)

Damit wurden die Resultate der Engine-Zweikämpfe wieder ein wenig relativiert - auch wenn die zahlenmäßigen Unterschiede keinesfalls gravierend ausfielen. Lediglich hinter den großen "Vier" klaffte eine deutlichere Lücke.

Systemvoraussetzungen:
Minimum: Pentium III 1 GHz, 2 GB RAM, Windows Vista, XP (Service Pack 3), 7/8, DirectX9, Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM Laufwerk, Windows Media Player 9 und Internetzugang für Programmaktivierung, Schach.de-Zugang, Let's Check und Updates.
Empfohlen: PC Intel i5 (Quadcore), 4 GB RAM, Windows 7/8, DirectX10, Grafikkarte mit 512 MB RAM oder mehr, 100% DirectX10- kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD ROM Laufwerk und Internetzugang für Programmaktivierung, Schach.de Zugang, Let's Check und Updates.

Fazit:
Die Programmoberfläche und -bedienung (Deep Fritz) sind für mich auch aktuell wieder Qualitätsmaßstab. Der 6-monatige Premium-Zugang zu Schach.de, die Möglichkeit an der ChessBase Cloud teilzuhaben, sowie die Gegebenheit, die Syzygy Tablebases (wenn man sie erworben hat) nutzen zu können, sind gut und hilfreich für den routinierten Schachfreund. Die Qualität der Engine geht meines Erachtens absolut in Ordnung, allerdings nicht mit einem gravierenden Vorsprung (im Zweikampfmodus außerhalb des Turniers waren sogar andere stärker).

Zwei Open Source Programme (Stockfish 5 und 6), die unter der GNU General Public License stehen und von denen sich eines Stockfish 6) selbst auch "World's Strongest Chess Engine" nennt, laufen Komodo, das immerhin fast 80,-- Euro kostet, beinahe den Rang ab.

Es bleibt festzuhalten: wer eine Engine sucht, gegen die man spielen, mit der man lernen kann und die auch aktuell ist, mag hier zugreifen. Wer sich für eine kostengünstige Alternative entscheiden möchte, sollte nur bedenken, dass dann keine sehr gute Oberfläche (Deep Fritz), kein Premium-Zugang zu Schach.de vorhanden ist und u.U. auch keine Syzygy Tablebases eingebunden werden können..... - aber das entscheidet jede(r) mit seinem Geldbeutel.

Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(Fachberater und Moderator der Bezirksregierung Düsseldorf / sowie
stellvertr. Schulleiter der Kath. Hauptschule Stadtmitte Mönchengladbach)