Dmitrij Oleinikov „Budapester Gambit“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 28.7.2006
Dmitrij Oleinikov „Budapester Gambit“ Chessbase CD, 2. Auflage 2005; 24,99 € unverb. Preisempf.

Im weiten Feld der Literatur und elektronischen Medien über Schach dominiert ein Bereich eindeutig: Die Eröffnung. Dies ist einigermaßen erstaunlich, denn die Nachfrage der Groß- und Internationalen Meister alleine dürfte wohl kaum dazu ausreichen, Verlage zur Produktion eines solch hochspezialisierten Angebots zu bewegen, wie es die Eröffnungswerke in aller Regel darstellen. Es sind vor allem wir, die Amateurspieler, von denen solche Verlage leben. Und wir brauchen eigentlich keine Eröffnungsliteratur! Ok, eine etwas dickere Enzyklopädie könnte ich gelten lassen. Aber nach inzwischen über 25 Jahren Schach im Verein kann ich eines mit Bestimmtheit sagen: Die meisten Partien werden nicht in der Eröffnung verloren. Ich habe unzählige Partien gesehen, in denen ein seit der Eröffnung auf Gewinn stehender Spieler seinen Vorteil im Endspiel wegwarf, weil er wichtige Endspielregeln nicht kannte oder seinen Gegner pattsetzte, ich habe die grauenhaftesten Einsteller und einzügigen Matts im Mittelspiel gesehen und immer wieder Springergabeln, Springergabeln, Springergabeln... Aber offenbar motiviert nichts mehr zum Kauf eines Schachmediums als die Angst davor, schon in der Eröffnung pleite zu stehen und sich nachher von seinem Gegner anhören zu müssen, dies sei „alles Theorie“ gewesen – vielleicht ist es aber auch der Wunsch danach, selber in der Position des Besserwissers sitzen zu können und sich vom unangenehmen Problemlösungsprozess, den ein richtiges Schachspiel normalerweise mit sich bringt, freikaufen zu können, indem man eingepaukte Varianten aus der humanen Festplatte abruft – „Wissen ist Matt!“ (alter ChessBase-Slogan).
Die Verlage jedenfalls freut es. Denn im Mittel- oder gar Endspiel hat sich in den letzten 50 Jahren vergleichsweise wenig verändert, weshalb man immer noch ganz gut den alten Awerbach zu Endspielfragen zu Rate ziehen kann und sich nix Neues kaufen muss. Eröffnungswerke haben hingegen aus Verlegersicht den Vorteil, dass sie ziemlich schnell veralten, weshalb man schon wenige Jahre nach ihrem ersten Erscheinen mit einer neuen Auflage ins Land gehen kann, wobei dem Käufer suggeriert wird, dass er ohne die neuesten Varianten eigentlich schon von Beginn an auf Verlust steht. In der Frühphase des PC-Zeitalters führte diese traditionell hohe Fluktuation dann jedoch zu gravierenden Konsequenzen und kuriosen Auswüchsen: Zum einen machte es kaum noch Sinn, ein sorgfältig editiertes und mit Varianten vollgestopftes Buch über eine bestimmte Eröffnung auf den Markt zu bringen, da es bei seinem Erscheinen praktisch schon veraltet war und sich die Freaks die neuesten Züge sowieso über den Weg der EDV holten. Zum anderen erschienen eine Menge unglaublich schlecht produzierter Bücher, die die Käufer mit der schieren Menge ihrer enthaltenen Partien zu beeindrucken suchten. Zwischen den Buchdeckeln fand der enttäuschte Leser dann aber neben einigen Plattitüden lediglich Unmengen unkommentierter Partien – das Buch zur Datenbank...
Inzwischen hat sich die Situation aber deutlich verbessert und viele Verlage (insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum) sind dazu übergegangen, ihre Eröffnungsbücher anders zu konzipieren: Anstelle einer unüberschaubaren Variantenflut konzentriert man sich in erklärenden Texten auf die wesentlichen Stellungsmuster und Partien zu der in Frage stehenden Eröffnung und weist den Leser darauf hin, in welchen Abspielen er sich auf dem neuesten Stand halten sollte, weil diese momentan populär sind. So hat am Ende doch der Kunde profitiert, denn diese Art von erklärender Eröffnungsliteratur hilft dem durchschnittlichen Schachspieler sicherlich mehr als die früher üblichen Variantenkonvolute.
Ansonsten sind Eröffnungswerke nach wie vor eine Domäne der Softwarehersteller, mit ChessBase an erster Stelle. Schließlich war es vor allem die Möglichkeit, das gegnerische Eröffnungsrepertoire zu studieren, deretwegen Matthias Wüllenweber Mitte der 80er Jahre dieses Programm für Kasparow entwickelte. Seit den ersten Disketten mit etwa 1000 Partien pro Eröffnung hat sich natürlich auch bei ChessBase einiges getan, wie die vorliegende CD zeigt. Schreiten wir also, trotz der eingangs geschilderten Bedenken, zur Besprechung der vorliegenden Eröffnungs-CD.

Zunächst einmal zum Thema selbst, dem Budapester Gambit, das nach den einleitenden Zügen 1.d4 Sf6 2.c4 durch den Zug 2...e5!? entsteht, mit dem der Nachziehende einen Bauern opfert. Dabei konzentriert sich die vorliegende CD nach 3.dxe5 auf die schwarze Antwort 3...Sg4, das noch riskantere Fajarowicz-Gambit mit 3...Se4 steht nur als Partienmaterial, aber nicht kommentiert zur Debatte. Zwar wurden dem Budapester Gambit gelegentlich auch allerhöchste Großmeisterweihen zuteil (so spielte es z.B. Short als Nachziehender in der ersten Runde seines Kandidatenkampfes 1992 gegen Karpow, Karpow gelang jedoch ein Sieg in einer Musterpartie) und eine direkte Widerlegung existiert bisher noch nicht, auf höchster Ebene ist es jedoch praktisch nicht anzutreffen. Dies sollte unsereinen allerdings keineswegs davon abbringen, zu einer solchen Spielweise zu greifen, denn wir werden nur gelegentlich Karpow oder anderen Koryphäen gegenübersitzen. Stattdessen gelten für uns andere Kriterien, nach denen wir unsere Wahl der Eröffnung richten sollten. Die wichtigsten wären: „Mag ich so eine Spielweise?“ und „Krieg ich das auf’s Brett?“ Wie man sich bei einer Gambiteröffnung denken kann, ist das Budapester Gambit für Spieler geeignet, die gerne aktiv-taktisch spielen und dabei auch vor einem zeitweiligen materiellen Nachteil nicht zurückscheuen. Eine gewisse Gedächtnisleistung ist bei solchen Eröffnungen allerdings vonnöten. Hinsichtlich der Praxisrelevanz braucht man sich beim Budapester Gambit nur wenig Sorgen zu machen, da 2.c4 immer noch die Hauptantwort der Anziehenden auf 1...Sf6 darstellt.
Um es vorwegzunehmen: Wer damit liebäugelt, das Budapester Gambit in sein Repertoire aufzunehmen, kommt an dieser CD nicht vorbei. Am meisten hat mich die Kundenfreundlichkeit Oleinikovs beeindruckt: Er hat immer im Blick, für wen er diese CD macht, nämlich den durchschnittlichen Vereinsspieler. Deswegen hält seine CD viele Informationen bereit, die für unsereinen wichtig sind, die man aber häufig in Eröffnungswerken vermisst. So verwendet Oleinikov ein ganzes Kapitel darauf, dem Leser auch die merkwürdigsten Abweichungen vorzustellen, auf die Weißspieler verfallen können, wenn sie unvorbereitet mit dem Gambit konfrontiert werden und der Vorbereitung des Gegners ausweichen wollen. In vielen Publikationen finden solche Nebenvarianten häufig keine Erwähnung, weil sich die schreibende Schachelite mit ihnen nicht mehr abgibt.
Dem Anwender stehen außerdem zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, sich dem Thema anzunähern, worauf Oleinikov in einem einführenden Text auch hinweist. Das Herzstück der CD bildet die „Instructor“-Datenbank. Hier wird man in 13 Kapiteln Schritt für Schritt durch die Geschichte und die wichtigsten Abspiele des Budapester Gambits geführt. Getreu der Maxime „Weniger ist mehr“ belässt es Oleinikov bei den zentralen Partien und Ideen, was das Studium zu einer kurzweiligen Angelegenheit macht. Selbstverständlich sind dabei zum besseren Einprägen wichtige Punkte und Figurenpfade in den entscheidenden Momenten der Partien farbig markiert. Insgesamt enthält der Instructor etwa 200 Partien, davon ein Großteil sehr sorgfältig und ausführlich kommentiert. Oleinikovs Herz schlägt natürlich für den Gambitspieler, trotzdem übertreibt er es mit seiner Sympathie nicht und macht auch auf Schwächen oder Risiken für Schwarz aufmerksam. Auch in den Partienkommentare und Texten hat Oleinikov immer den Anwender im Auge und weist auf Fallen hin, in die seiner Erfahrung nach Weiß oder Schwarz gerne hineintappen oder macht auf Varianten aufmerksam, die der Schwarzspieler meiden sollte. Für das weitergehende Studium steht noch eine Datenbank mit über 13.000 Partien zur Verfügung, drei kleine Trainingsdatenbanken mit Aufgaben zu typischen Fallen, Kombinationen und strategischen Entscheidungen runden die Sache ab.
Insgesamt ein sehr angenehmes Produkt von ChessBase, das sein Geld wert ist. Nach dem Studium dieser CD wird der Anwender gut gerüstet in seine nächste Schwarzpartie gehen.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes