Zoran Petronijevic „Panow Angriff“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 28.7.2006
Zoran Petronijevic „Panow Angriff“ Chessbase CD, 2004; 24,99 € unverb. Preisempf.

In meiner vorangegangen Rezension hatte ich Dmitrij Oleinikov für seine ChessBase-CD über das Budapester Gambit uneingeschränkt gelobt. Ohne seine Leistung schmälern zu wollen: Über das Budapester Gambit lässt es sich sicherlich einfacher schreiben als über den Panow-Angriff, denn es gibt es nur sehr wenige Beiträge von Welt- oder Supergroßmeistern zu diesem Gambit. Man muss sich also als Autor schon einmal nicht durch so viele und so gewichtige Vorgängerpartien kämpfen. Außerdem kann man etwas lockerer mit Stellungs- oder Varianteneinschätzungen umgehen, wenn man sich weder in den Fußstapfen der Allergrößten bewegt, noch befürchten muss, dass einen Monat nach Erscheinen der CD ein gelobtes Abspiel vielleicht von einem Anand oder Topalow zerfetzt wird.
Dementsprechend schwieriger war die Aufgabe von Zoran Petronijevic, der sich in der vorliegenden CD mit eben dem Panow-Angriff (und der Caro-Kann-Abtauschvariante) beschäftigt. Der Panow-Angriff entsteht in der Regel aus der Caro-Kann-Verteidigung nach den Zügen 1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.c4 (bei der Abtauschvariante unterbleibt c4), es sind aber zahlreiche Zugumstellungen möglich, durch die man ggf. auch aus völlig anderen Eröffnungen im Panow-Angriff landen kann – oder umgekehrt. So ist die Stellung aus der Sizilianischen Alapin-Variante nach 1.e4 c5 2.c3 d5 3.exd5 Dxd5 4.d4 Sc6 5.Sf3 Lg4 6.Le2 cxd4 7.cxd4 e6 8.Sc3 Da5 9.0-0 Sf6 identisch mit dem Panow-Angriff nach 1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.c4 Sc6 5.Sf3 Lg4 6.cxd5 Dxd5 7.Le2 e6 8.0-0 Sf6 9.Sc3 Da5 und dies ist bei zwei so grundverschiedenen Verteidigungen gegen 1.e4 wie 1...c6 (Caro-Kann) und 1...c5 (Sizilianisch) schon recht erstaunlich. Auch die Skandinavische Verteidigung kann in den Panow-Angriff übergehen: 1.e4 d5 2.exd5 Sf6 3.c4 c6 4.d4 cxd5 - et voilà! Häufig sind Transformationen zum Angenommenen Damengambit (1.d4 d5 2.c4 dxc4), was angesichts des zentralen Themas des Angenommenen Damengambits, dem weißen Isolani auf d4, schon etwas weniger verwundert. Denn auch im Panow-Angriff gibt in der Regel dieser Isolani der Partie das charakteristische Gepräge: Der Isolani auf d4 lässt den weißen Figuren schöne Zugstraßen für aktives Spiel offen, doch Weiß wird sein Heil ohnehin im Angriff suchen müssen, da der Isolani im Endspiel zur Schwäche neigt. Der Vollständigkeit halber sei noch auf Übergänge zu/aus Französisch, Grünfeldindisch, Nimzowitschindisch und Englisch hingewiesen.

Ähnlich wie in der vorangegangenen Rezension möchte ich zuerst die Frage beantworten, für welche Spieler der Kauf dieser CD in Betracht kommt. Wenn man als Weißer den Panow-Angriff oder die Abtauschvariante gegen Caro-Kann spielen will, kann man dies problemlos erzwingen. Für Schwarzspieler, die Caro-Kann auf 1.e4 spielen wollen, ist vice versa die Beschäftigung mit dem Panow-Angriff unabdingbar. Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, dass „Panow“ eine hochrangige Spielweise darstellt, die von beiden Seiten eröffnungstheoretisch alles abverlangt: Zum einen ist es – wie schon kurz anklang – eine Eröffnung mit einer immensen Zahl an Zugumstellungen. Besonders schwierig dabei ist, dass die einzelnen Züge fast immer sehr belanglos daherkommen: Ein weißer Springer geht nach f3, ein anderer nach c3, die schwarzen Springer gehen nach f6 und c6 usw. Beide Spieler müssen aber bei jedem Zug ganz genau wissen, was sie tun, denn sie enthalten alle kleine Feinheiten, ermöglichen Übergänge in bestimmte Nebenvarianten oder schließen eben diese Übergänge aus; ein Gestrüpp, in dem man leicht seinen Gegner zum Straucheln bringen oder selbst zu Fall kommen kann. Zum anderen gibt es Abspiele mit sehr unterschiedlichen Charakteren. Während eines eine positionelle Spielweise verlangt, in der beide Seiten auf subtile Weise um mikroskopische Stellungsvorteile ringen, dominiert in einem anderen Abspiel die Taktik und konkrete Variantenkenntnis und –berechnung sind erforderlich. Der Panow-Angriff ist mit anderen Worten eine Eröffnung für komplette Spieler.
Kein Wunder also, dass er stets auf allerhöchster Ebene gespielt wurde. Von der alten Garde wie Capablanca, Lasker, Aljechin, Spielmann, Vidmar, Tartakower und Euwe über Botwinnik, Tal, Smyslow, Keres, Petrosjan, Spasski, Fischer und Karpow bis hin zu den heutigen Kasparow, Kramnik, Anand, Adams, Morozevich und Polgar finden wir die Creme de la Creme des Schachs auf beiden Seiten des Brettes.

Die Aufmachung und Präsentation der einzelnen Varianten erfolgt bei Petronijevic, nun, sagen wir einmal: „nüchterner“ als bei Oleinikov. Die Historie und grundlegenden Ideen beider Abspiele (Panow und Abtauschvariante) werden in einer Einleitung gut erläutert. Daran schließt sich dann der Marsch durch die einzelnen Untervarianten an: Etwa einhundertvierzig(!) Texte stellen die jeweilige Variante und ihre Besonderheiten vor, weisen dabei auf über 800 (meist gut und ausführlich kommentierte) Schlüsselpartien sowie Abweichungen hin und geben ein Urteil über ihre theoretische Einschätzung ab. Wer den Panow-Angriff bereits im Repertoire hat, wird sich sicherlich über die klare Strukturierung freuen und schnell zu den ihn interessierenden Einzelheiten durchklicken – wer jedoch zum ersten Mal in die Materie reinschnuppert, dürfte von der Unzahl an Möglichkeiten eher erschlagen werden. Petronijevic hat keine „Spiel soundso und gewinne“ Abhandlung verfasst, was bei einer so anerkannten Eröffnung auch gar nicht möglich wäre, sondern er will erkennbar den momentanen Stand der Theorie über die zur Debatte stehende Eröffnung widerspiegeln. Dennoch: Für meinen Geschmack hätte er den Anwender schon etwas mehr ansprechen können – aber dies kann man sicherlich genauso als Tugend dieser Publikation preisen. Starke Spieler (meiner Einschätzung nach sollte man mindestens 1700 haben) werden mit dieser CD schon klarkommen; wer aber einen Hinweis auf eine schöne, einfache Waffe für/gegen den Panow-Angriff erhofft, ist hier aus oben genannten Gründen fehl am Platze - vielleicht werden sie aber noch bei der Abtauschvariante fündig. Wie bei ChessBase gewohnt besteht an Partienmaterial kein Mangel (über 25.000) und es gibt eine Trainingsdatenbank mit Übungsaufgaben, womit das Preis-Leistungsverhältnis nicht zu beanstanden ist.

Fazit: Ein grundsolides Werk, dass sich aber eher an erfahrene, spielstarke Anwender richtet.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes