Henrik Schlößner „Fritz-Techniktrainer“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 01.08.2006
Henrik Schlößner „Fritz-Techniktrainer“ Chessbase CD, 19,99 € unverb. Preisempf.

„Dabei stand ich total auf Gewinn!“ ist wohl der beliebteste Ausspruch eines Schachspielers nach einem Remis/einer Niederlage. Damit ignoriert der Sprücheklopfer allerdings eine der wichtigsten Schachweisheiten, nämlich Siegbert Tarraschs Satz „Nicht ist schwieriger, als eine gewonnene Partie zu gewinnen!“ (Ja, auch das Schach hat seine Sepp Herbergers!) In der Tat ist es so, dass die Umsetzung eines Positions- oder Materialvorteils häufig scheitert und frustrierenderweise sind die Gründe dafür manchmal recht unklar, so dass die Problematik zu einem Dauerbrenner werden kann. Da Lamentieren letztendlich noch nie eine „Eins“ in der Turniertabelle erbracht hat, bleibt dem Schachspieler nichts anderes übrig, als an einer solchen Schwäche zu arbeiten. Zu grämen braucht man sich deshalb sicherlich nicht, denn man befindet sich – wie der Satz von Altmeister Tarrasch zeigt – in allerbester Gesellschaft.
Bisher war es jedoch nicht einfach, die Verwertungsphase einer Partie zu trainieren, außer in den Partien selbst. Denn dabei handelt es sich ja nicht um eine Problematik à la „Matt in 3“, sondern häufig hat man die Qual der Wahl zwischen mehreren Gewinnwegen. Wie diese dann letztendlich zum Gewinn führen oder eben nicht, konnte einem eigentlich nur ein spielstarkes menschliches Gegenüber vermitteln. Dank einer innovativen Software von ChessBase kann dem nun Abhilfe geschaffen werden: Mit dem „Techniktrainer“ lassen sich über 100 technisch gewonnene Stellungen in einen Sieg überführen und das sogar gegen die starke Gegnerschaft des Schachprogrammes FRITZ (nicht enthalten, ab Version 6 nötig). Das Konzept von Henrik Schlößner ist einfach, aber wirkungsvoll: Schlößner stellt dem Anwender Positionen unterschiedlichen Charakters vor, denen alle gemeinsam ist, dass sie bei richtiger Spielweise zum Gewinn führen. Als geduldiger Gegner dient FRITZ, der sich nach Leibes- oder besser gesagt: Prozessorkräften dagegen wehrt, mattgesetzt zu werden oder im Endspiel den Kürzeren zu ziehen. Dabei kann sich der Anwender bei jeder Aufgabe zunächst einmal ganz auf eigene Faust an die Gewinnführung machen. Kommt man damit nicht klar, lässt sich weiterer Rat holen und schlussendlich eine Musterpartie nachspielen, die einen möglichen Gewinnverlauf demonstriert. Genau an den letzten beiden Punkten scheitert man ja normalerweise, wenn man auf sich allein gestellt nach dem Gewinnweg sucht: Es ist eben niemand da, der einem eine mögliche Vorgehensweise erläutert oder eine Musterlösung zeigt.
Dank der von Schlößner ausgewählten Aufgaben kann man sich zudem sicher sein, dass FRITZ in den jeweiligen Stellungen auch in gewohnter Spielstärke agiert. Anwender von Schachprogrammen wissen um deren Neigung, in verlorenen Stellungen Unsinnszüge zu produzieren, die den Gewinn zwar herausschieben, für einen menschlichen Gegner aber mitnichten eine Herausforderung darstellen. Wer Glück hat, bei dem entscheidet sich FRITZ vielleicht für solche Schwanengesänge, bevor man selbst überhaupt das Matt gesehen hat. Diese Effekte wären für ein Training natürlich kontraproduktiv, worauf Schlößner bei der Auswahl der Stellungen geachtet hat.
Henrik Schlößners CD ist anwenderfreundlich gestaltet, so gibt er z.B. einleitend Tipps, welche Einstellungen man bei FRITZ vornehmen sollte, damit die Arbeit mit der CD auch ihren Trainigszweck erfüllt. Die einzelnen Aufgaben sind klassifiziert, womit Endspiele, Angriffe, Verteidigungen usw. separat trainiert werden können. Schlößners Hilfestellungen und Lösungen zu den Aufgaben lassen sich gut nachvollziehen und er erwähnt sympathischerweise auch einmal eigene Fehler, die ihm beim Lösen unterlaufen sind. Für den Trainierenden hält die CD sicherlich einige Stunden sinnvolle Trainingsarbeit bereit. Sie verlangt aber auch eine ziemliche Frustrationstoleranz, denn es ist manchmal schon enervierend, wenn es mit dem Gewinnen wieder einmal nicht klappen will.
Schlößner hat den Schwerpunkt der Aufgaben in den Bereich Taktik/Angriffsführung gelegt, was ich für das einzige kleine Manko der CD halte, da sich hierdurch unvermeidlich thematische Überschneidungen mit den Taktik-CDs ergeben. Und an CDs mit Taktikaufgaben ist schließlich kein Mangel. Stattdessen hätte ich mir deutlich mehr Endspiele gewünscht, da es meiner Erfahrung nach typischerweise in diesem Bereich an der erforderlichen Technik mangelt. Allerdings muss man dem Autor zugute halten, dass es gerade bei Endspielen häufig nicht möglich ist, eine klare Musterlösung anzugeben, da der Verteidigung meist sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung stehen bzw. FRITZ sich eventuell gar nicht optimal verteidigen würde. Ansonsten habe ich schon einige mühsame, aber hin und wieder auch erfreuliche Zeit mit dieser CD am Rechner verbracht – FRITZ schlägt man eben nicht alle Tage!

Fazit: Eine motivierende Trainingssoftware, die vielleicht den ersten Schritt zum virtuellen Schachtrainer darstellt und ihr Geld wert ist.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes