Moser/Luther – „Die große Eröffnungsschule (3 Bde)“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 02.08.2006
 Auf Amazon.de kaufen aus der Reihe: fritztrainereröffnung
Chess Base GmbH, Hamburg
ISBN 3-937549-50-1, ISBN 3-937549-51-x, ISBN 937549-52-8, Preis je 29,99 Euro

Die DVD-Trilogie „Die große Eröffnungsschule“ zeigt dem/der ambitionierten Schachspieler/-in in kurzen überschaubaren Filmsequenzen ein breites Repertoire an gängigen, aber auch zum Teil exotischen Schacheröffnungen. In Band 1 werden die so genannten „Offenen Spiele“, in Band 2 die „Halboffenen Spiele“ und in Band 3 schließlich die „Geschlossenen Spiele“ vorgestellt.

Getragen wird diese dreiteilige Präsentation von Video-Clips durch die Großmeisterin Eva Moser aus Österreich (in den TOP 50 der Damen-Weltrangliste platziert, sie gilt als stärkste deutschsprachige Spielerin) und den Großmeister Thomas Luther aus Deutschland (zweifacher deutscher Meister und Mitglied des Silbermedaillenteams bei der Schacholympiade 2000). Insgesamt stehen auf diesen drei DVDs über 9,5 (!!!) Stunden an Filmsequenzen (im Windows WMV-Format) dem Betrachter zur Verfügung.

Ich möchte im ersten Teil dieser Rezension zuerst auf die schachinhaltlichen Aspekte der vorgestellten Eröffnungen eingehen, bevor ich dann in einem weiteren Teil die computertechnischen sowie gestalterisch-medialen Gesichtspunkte analysieren und bewerten möchte.

Als Einstieg in die Themenreihe werden auf DVD 1 zu Beginn seltene offene Eröffnungen mit ihren jeweiligen Schwächen und Widerlegungen vorgestellt. Für den/die Anfänger/-in sicherlich interessant zu erfahren, wie sich denn vermeintlich normale Züge sehr schnell als Fallgrube erweisen. Dem erfahreneren Spieler werden hier jedoch meines Erachtens nur sehr wenige Neuigkeiten und Erkenntnisse mitgegeben, so dass man auf diesen Teil eigentlich hätte verzichten können. Es schließen sich Ausführungen zum Mittelgambit (1. e4 e5, 2. d4), dem Läuferspiel (1. e4 e5, 2. Lc4) und der Wiener Partie (1. e4 e5, 2. Sc3 Sc6/Sf6, 3. f4) an.

Vielleicht darf ich hier schon anmerken, dass der Aufbau des Lehrganges stets der gleiche bleibt:
• Vorstellung des Namens der Eröffnung,
• typische Zugfolgen,
• Vorzüge, Risiken, Widerlegungen,
• Varianten, Zugumstellungen, Gewinnchancen.

Letztlich erfolgt zu jedem Thema eine abschließende Betrachtung und stereotype Rückfrage eines der beiden Moderatoren, ob der jeweils andere Präsentationspartner zu einer ähnlichen Analyse der Eröffnungsstrategie kam wie die referierende Person. Meist schließt man sich sehr farblos der Meinung seines Partners/seiner Partnerin an, nur ab und an folgt wenig ausführlich eine mögliche weitere Variante.



Nach den erstgenannten Eröffnungen folgen Königsgambit (1. e4 e5, 2. f4 exf4/Lc5/d5), Philidor (1. e4 e5, 2. Sf3 d6), Russisch (1. e4 e5, 2. Sf3 Sf6), Ponziani (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. c3), Schottisch (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. d4), Vierspringerspiel (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Sc3 Sf6), Zweispringerspiel im Nachzug (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lc4 Sf6), Evansgambit (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lc4 Lc5, 4. b4), Italienisch (1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lc4 Lc5, 4. c3) und Spanisch(1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lb5 Lc5/a6, 4. Lxc6/La4). Die beiden letztgenannten Eröffnungen (und auch eingeschränkt das Königsgambit) werden mit einer größeren Zahl an Varianten und Zugumstellungen vorgeführt. Den Abschluss der ersten DVD liefert eine kommentierte Partie von Anderssen – Dufresne (Berlin 1852), in der noch einmal die Wichtigkeit einiger Grundlagen der vorgestellten Eröffnungen am Beispiel einer brillanten Partie vorgeführt wird.

Auf dem zweiten Datenträger werden halboffene Eröffnungen vorgestellt und nachgespielt. Die von der ersten DVD bekannten Großmeister zeigen auch hier zuerst seltene halboffene Eröffnungen mit wenig erfolgreichen Zielsetzungen und den entsprechenden Widerlegungen. Es erfolgt keine Veränderung im bekannten Ablauf, also auch hier Vorstellung des Namens der Er-öffnung, typische Zugfolgen, Vorzüge, Risiken, Widerlegungen, Varianten, Zugumstellungen, Gewinnchancen und am Ende die unvermeidliche Rückfrage: „Hast du das ähnlich gesehen oder siehst du den Partieverlauf anders?“
Im Einzelnen werden Skandinavisch (1. e4 d5), Aljechin-Verteidigung (1. e4 Sf6), Pirc-Verteidigung (1. e4 d6), Nilpferd(!)-Verteidigung (1. e4 g6, 2. d4 Lg7, 3. Sf3 b6), Caro-Kann (1. e4 c6, 2. d4/Sc3 d5, 3. Sc3/Sf3), Alapin (1. e4 c5, 2. c3), Geschlossenes Sizilianisch (1. e4 c5, 2. Sc3/g3/b3), Offenes Sizilianisch (1. e4 c5, 2. Sf3 d6/Sc6/e6, 3. d4) und Französisch (1. e4 e6, 2. d4 d5, 3. exd5/Sc3) abgearbeitet. Den Abschluss bildet auf dieser DVD eine kommentierte Partie von Reti – Tartakower (Wien 1910), die ebenso dazu dienen soll, vorgestellte Grundlagen an einem Beispiel aus der Turnierpraxis zu verdeutlichen.

DVD Nummer 3 wendet sich schließlich den geschlossenen Spielen zu. An der altbekannten Vorgehensweise der ersten beiden Silberscheiben ändert sich nichts.

Im Einzelnen erhält der/die Betrachter/-in Informationen und Lehrreiches zu folgenden Eröffnungen: Englisch (1. c4), Benoni (1. d4 Sf6, 2. c4 c5, 3. d5), Holländisch (1. d4 f5), Damengambit (1. d4 d5, 2. c4 dxc4/e5/Lf5/Sc6/Sf6, 3. Sc3 o. ä.), Slawisch (1. d4 d5, 2. c4 c6), Damenbauernspiele (1. d4 Sf6, 2. Lg5/Sf3), Grünfeld-Indisch (1. d4 Sf6, 2. c4 g6, 3. Sc3 d5), Katalanisch (1. d4 d5, 2. c4 e6, 3. g3), Damenindisch (1. d4 Sf6, 2. c4 e6, 3. Sf3 b6), Nimzowitsch-Indisch (1. d4 Sf6, 2. c4 e6, 3. Sc3 Lb4), Königsindisch (1. d4 Sf6, 2. c4 g6, 3. Sc3 Lg7, 4. e4/Sf3 d6, 5. g3) und verschiedene Gambits (1. d4 Sf6, 2. c4 e5/c5). Hierbei nehmen Damengambit und Königsindisch den breitesten Raum und die größte Ausführlichkeit für sich in Anspruch. Am Ende folgt wiederum eine kommentierte Partie, diesmal Sämisch – Capablanca (Karlsbad 1929). Das übrige für die beiden ersten DVDs Gesagte gilt auch beim letzten Datenträger der Eröffnungs-Trilogie.
Unter dem Strich betrachtet wird mit der Software ein Versuch unternommen, dem Anfänger oder unerfahrenen Spieler (gilt auch für die weibliche Sprachversion) ein Grundlagenwissen über viel gespielte, gängige Eröffnungen an die Hand zu geben. Versierte Vereinsspieler oder Schachexperten werden eher ein wenig mitleidig auf die vorgestellten Erkenntnisse schauen, viele Kommentare / Zugfolgen sind einfach nur fundamental und gehen nicht intensiv auf mögliche Verstrickungen sowie Hinterhalte ein. Manche Eröffnungsvarianten, die häufig im Vereins- oder Turnierschach gespielt werden, kommen in dieser Veröffentlichung nicht vor. Damit lässt sich – zumindest was die schachfachliche Seite anbetrifft – eher recht als schlecht mit dem Chess Base-Produkt leben.

Wenden wir uns nun aber dem bereits angekündigten Aspekt der computertechnischen sowie gestalterisch-medialen Umsetzung des Programmgedankens zu. Nach dem Einlegen der jeweiligen DVD startet automatisch eine Installationsroutine, bei der der Chess Base Reader auf dem Windowssystem eingerichtet wird. An Systemvoraussetzungen erwartet die Software einen Pentium Prozessor mit mindestens 300 MHz, 64 MB RAM, Windows 98/2000/XP, DVD-ROM-Laufwerk, Maus, Soundkarte und sehr wichtig (!) den Windows Media Player 9.0. Mit der aktuellen Version des Media Players 10 oder der Beta-Version des Media Players 11 lässt sich zwar der Chess Base Reader installieren, jedoch verweigern die auf der DVD gespeicherten Video-Files die Wiedergabe im Reader. Eine Anfrage bei Chess Base diesbezüglich blieb vorerst ohne konkrete Rückantwort, es ergab sich nur der Pauschalhinweis, den ich vom Administrator der ZUM-Schachplattform bekam, dass die Software eben nur mit dem Media Player 9.0 arbeite, der geschätzte Kunde möge dies bitte solange zur Kenntnis nehmen, bis Microsoft dieses Manko beseitigt habe. (Frei zitiert aus den FAQs der Firma Chess Base.) Es bleibt dem interessierten Nutzer also nichts anderes übrig, als den Media Player 10 oder 11 durch ein von Microsoft angebotenes „Roll-Back“ von seinem System zu entfernen und wieder mit dem Media Player 9.0 zu arbeiten. Wenigstens das klappt ohne Probleme, ob ich als Windows-Anwender, der die Sicherheitslücken und -risiken in älteren Programmversionen kennt, das allerdings möchte, bleibt dahingestellt.

(Anmerkung: Der Chess Base Reader ist übrigens nicht zwingend notwendig, wenn sich auf dem PC die Schachsoftware Fritz ab Version 8 befindet. Dieses Programm ist von sich aus in der Lage, mit den bereitgestellten Daten umgehen zu können.) Sobald man diese Installations- und Softwareklippe umschifft hat, zeigt sich auf dem Bildschirm ein Schachbrett, auf dem alle gemachten und besprochenen Züge dargestellt werden, darunter eine Fläche zum Präsentieren der Video-Clips mit den üblichen Bedienungselementen des Windows Media Players und rechts daneben eine Übersicht über die Notation der kommentierten, bzw. nachgespielten Züge, mit den jeweiligen Varianten und Zugumstellungen. Der Partieablauf lässt sich jederzeit unterbrechen, zurückspulen, vorspulen – so wie man es von einer Video-Software gewohnt ist. Dieses übersichtliche Layout ist sicherlich eine der Stärken der rezensierten Software, die darüber hinaus mit den beim Schach üblichen PGN-Dateien umgehen kann, das heißt auch Druckfunktionen über einen angeschlossenen Drucker sind möglich.

Katastrophal und für mich nicht tolerierbar hingegen ist die Umsetzung des Konzepts durch die beiden Großmeister. In der Person Eva Moser trifft man auf eine ständig extrem näselnde und auch aufgrund ihrer mundartlichen Einfärbung (sie ist, wie ich bereits erwähnte, Österreicherin) kaum zu verstehende Trainerin, zumindest nicht für einen Nutzer, der nicht aus dem alpenländischen Raum kommt. Ihre wenig melodische Tonlage (gleiches gilt auch für ihren Partner Thomas Luther) ist nicht dazu angetan, mit Begeisterung oder erhöhter Motivation dem Trainingsprogramm zu folgen. Alles wirkt gequält, zum Teil langweilig und monoton vorgetragen. Stereotype Redewendungen, die ich auch schon im ersten Teil der Rezension konstatierte, lassen eigentlich nur diesen Rückschluss zu.

Wenn ich nun abschließend noch berücksichtige, dass das dreiteilige Software-Paket insgesamt runde 90,-- Euro kostet, darf ich zwar der Firma Chess Base für das kostenlose Überlassen der DVDs zum Testen danken, jedoch kann ich mich nur sehr schwer zu einer Kaufempfehlung durchringen. Vieles im multimedialen Bereich ist in meinen Augen dürftig, und der dargebotene Inhalt ist für eine(n) routinierte(n) Schachspieler/-in kaum ein Kaufanreiz.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)