Alexander Bangiev - „Weißrepertoire 1.e4“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 07.10.2006
Alexander Bangiev (http://www.bangiev.de) „Weißrepertoire 1.e4“ (aufbauend auf dem Grand-Prix-Angriff, Anm. d. Verf.) Chessbase CD, 2. Aufl. 2006; 26,99 € unverb. Preisempf.

Außenstehende werden sich bisweilen doch ein wenig wundern, wenn sie Schachspielern bei ihren Unterhaltungen zuhören. Da werden „Quallen geopfert“, obwohl das Meer für eine religiöse Darbringung viel zu weit entfernt ist, Könige „röcheln kurz oder lang“, obwohl niemand sie würgt und man kann einen „Sizilianer im Anzug“ sehen, obwohl sich keine Mafiosi im Saale befinden (wobei dies angesichts der momentanen Vorgänge bei der WM zwischen Topalow und Kramnik vielleicht nicht mehr lange so bleiben wird). Man wagt nicht sich auszudenken, was Normalsterbliche assoziieren, wenn sie hören, dass „ein Grünfeldinder platt steht“...
Wie im Jägerlatein findet man eben auch in „Schachisch“ kuriose Spezialvokabeln. Für unsere Rezension interessant ist hierbei der Ausdruck „im Anzug“, der natürlich nicht als Kleidungsvorschrift für Jugendliche im coolen Trendy-Schlabberlook verstanden werden will. Vielmehr ist hiermit gemeint, dass ein Weißspieler (der also den „Anzug“, den ersten Zug hat) ein Eröffnungssystem wählt, dass üblicherweise von Schwarz (der den Nachzug hat) gespielt wird. Die Überlegung dabei ist einleuchtend: Was ich mit Schwarz gut kenne und erfolgreich anwende, wird mit einem Mehrtempo gewiss nicht schlechter zu spielen sein. Im Extremfall reicht dann eine einzige Eröffnung für das ganze Schachleben und wer das nicht glaubt, sollte sich einmal die Partien von Roland Voigt alias „Hausigel“ auf dem ChessBase-Server ansehen: Hausigel ist dort einer der besten Bullet-Zocker (Bullet = 1 min. Bedenkzeit für die gesamte Partie) und er spielt, wie sein Alias schon andeutet, mit Schwarz und Weiß praktisch ausschließlich das Igel-System, bei dem man nahezu unabhängig von gegnerischen Zügen immer dieselbe Aufstellung wählen kann. Angesichts der kurzen Bedenkzeiten eine hervorragende Wahl von Voigt, der damit während der Eröffnungsphase weitgehend auf „Autopilot“ schalten kann.

Nun ja, das ist Bullet-Schach und im normalen Leben spielt auch Roland Voigt viele unterschiedliche Eröffnungen, wie die meisten von uns. Logischerweise erreicht man nämlich im Schach auf lange Sicht optimale Resultate dadurch, dass man so flexibel wie möglich auf das Spiel des Gegner reagieren kann und dies erreicht man wiederum nur durch ein breites Eröffnungswissen. Das Prinzip, in einem Buch/einer CD mit meist obskuren Schemazügen ein komplettes Repertoire „gegen alles“ zu vermitteln, geistert aber immer wieder durch die Schachpublikationen. Im vorliegenden Werk des regen CB-Autors IM Alexander Bangiev ist es zwar nicht eine Eröffnung für beide Farben, aber immerhin ein komplettes Weißrepertoire mit 1.e4, das dem Anwender das Eröffnungsleben erleichtern soll. Persönlich stehe ich solchen Ansätzen eher skeptisch gegenüber: Zwar kann ich nachvollziehen, wenn Schachspieler sich die Arbeit an der Eröffnungstheorie vereinfachen wollen, aber deshalb nur mit einem Schmalspureröffnungsprogramm zu agieren – warum spielt man dann überhaupt Schach? Das Klötzchenschieben auf den 64 Feldern ist halt kein simpler Zeitvertreib. Und wenn man sich und seinen Gegner schon in der Eröffnung langweilen will, sollte man konsequenterweise im ersten Zug damit anfangen und direkt 1.c4 spielen – mit 1.e4 erst die eröffnungstheoretischen Schleusen zu öffnen um dann mit einem Standardrepertoire der Fluten Herr werden zu wollen, wirkt jedenfalls etwas flatterhaft.

Im vorliegenden Fall war ich jedoch positiv überrascht: Wie schon der CD-Begleittext deutlich macht, ist das Herzstück dieser CD eine Abhandlung über den Grand-Prix-Angriff (GPA) gegen die Sizilianische Verteidigung. Die Theorie des GPA entstand in den Siebzigern und Achtzigern in England bei offenen Wochenendturnieren (dort „Grand-Prix-Tournaments“ genannt): Auf der Suche nach einer effektvollen Waffe gegen Sizilianisch griffen mehr und mehr Weißspieler mit großem Erfolg zu einem neuartigen Angriffsplan, der vor allem durch den Aufmarsch des f-Bauern charakterisiert wird. Eine typische GPA Eröffnungskatastrophe für Schwarz sähe z.B. so aus: 1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.f4 Sc6 4.Sf3 g6 5.Lc4 Lg7 6.0-0 e6 7.d3 Sge7 8.De1 0-0 9.f5 exf5 10.Dh4 Se5? 11.Lg5 und Schwarz kann aufgeben, weil die Fesselung den Se7 kosten wird.



Der GPA ist zwar kein Lieblingskind supergroßmeisterlicher Aktivitäten und seine Glanzzeiten sind auch schon eine Weile her, aber im Amateurbereich ist er nicht totzukriegen und wird unermüdlich gespielt, was, wie ich nicht müde werde zu betonen, auch unser gutes Amateurrecht ist. Bangiev stellt nun auf dieser CD mit zahlreichen Analysen und kommentierten Partien den Grand-Prix-Angriff vor. Das sind dann allerdings alles andere als obskure Schema F-Varianten, sondern, wie bei einem Sizilianer nicht anders zu erwarten, komplexe und in der Regel hochtaktische Abspiele, die von beiden Spielern einiges abverlangen. Dabei öffnet Bangiev auch des Meisters Schatzkästlein und zeigt bisher noch nicht gespielte Varianten und Ideen für Weiß. Ein kleines bisschen optimistisch sieht der Verfasser die Angriffschancen des GPA schon, bei solchen Repertoirebüchern ist dies freilich die Regel. Den meisten anderen Autoren ist Bangiev in Sachen Objektivität allerdings um Längen voraus, denn er weist immer wieder darauf hin, wenn er Abspiele für riskant hält oder Weiß den Bogen nach seiner Meinung überspannt. Hinzu kommt, dass Bangiev den GPA nicht einfach nur als taktische Variante anpreist, mit der man den Schwarzspieler irgendwie überraschen kann, sondern er legt von den ersten Zügen an großen Wert darauf, dass der Anwender die positionellen Grundlagen und die sich daraus ergebenden Angriffspläne dieser Eröffnung versteht. Diese positionellen Beurteilungen fallen allerdings etwas aus dem Rahmen, denn Bangiev verwendet eine Terminologie und Betrachtungsweise, die nicht den üblichen Konventionen entspricht. Dies hängt damit zusammen, dass der Autor eine eigene Strategielehre entwickelt hat, die hier darzulegen sicherlich zu weit führen würde (mehr dazu kann man aber auf der Homepage des Autors erfahren). Zu dieser Strategielehre, die originell, aber nicht unumstritten ist, hat Bangiev bereits drei CDs bei ChessBase herausgegeben („Felderstrategie 1-3“). Der Käufer kann indes beruhigt sein: Es sind keine weiteren Euros nötig, um die von Bangiev in „Weißrepertoire“ erläuterten positionellen Hintergedanken zu verstehen. Und auch wenn sein Konzept diskutabel ist, gilt für Schachspieler immer, dass es das schlechteste ist, gänzlich OHNE ein positionelles Konzept zu spielen.

Soviel zum – definitiv gelungenen – Teil dieser CD über den Grand-Prix-Angriff. Der eigentliche Clou von „Weißrepertoire“ liegt aber darin, dass Bangiev nun, ausgehend von dem im GPA-Teil vorgestellten Eröffnungsschema, dem Anwender Wege aufzeigt, wie er alle anderen üblichen Erwiderungen von Schwarz gegen 1.e4 auf ähnliche Weise bekämpfen kann. Wie spielt man gegen Französisch? 1.e4 e6 2.f4! Wie spielt man gegen Caro-Kann? 1.e4 c6 2.f4! Wie spielt man gegen Pirc? 1.e4 d6 2.Sc3 Sf6 3.f4! Auch wenn es nun so aussehen mag, als würde Bangiev einfach immer dieselben Züge vorschlagen, zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass er auch in diesen Teilen Sorgfalt walten lässt: Bangiev verspricht nie mehr, als er auch halten und macht immer klar, wann er anerkanntere Varianten zugunsten der Schema-Züge auslässt, außerdem achtet er genau darauf, wie die optimale Zugreihenfolge auszusehen hat und welche Fallen für Weiß links und rechts vom Wegesrand lauern. Und schließlich kommen ansonsten noch einige weitere Abspiele außer den soeben gezeigten vor. Wenn ich auch nach wie vor der Meinung bin, dass man als Schachspieler einen solch Repertoireweg nicht einschlagen sollte: Erstens ist jeder selbst seines Glückes Schmied und zweitens finden 1.e4-Spieler hier mit Sicherheit zumindest die eine oder andere Variante, die sie mal „außer der Reihe“ ausprobieren können. Auch dieser Teil der CD kann also empfohlen werden. Abschließend enthält die CD noch eine „Trainingsdatenbank“, über die wir allerdings lieber schnell das Mäntelchen des Schweigens legen – sie würde nicht vermisst, ließe man sie weg...



Schlussbetrachtung: Die Praxisrelevanz des GPA ist äußerst hoch, da Sizilianisch die meistgewählte Antwort auf 1.e4 darstellt. Von daher kommt man nicht um diese CD herum, wenn man den GPA spielen will. Da die zweite Auflage gegenüber der ersten nicht nur die deutsche Übersetzung, sondern auch Partienergänzungen bis 2006 enthält, ist man mit Bangievs Werk auf dem neustmöglichen Stand. GPA-Uninteressierte sollten „Weißrepertoire“ nicht kaufen, da, wie erläutert, das gesamte Konzept auf dem GPA aufbaut. Mit den weiteren Repertoirevorschläge kann man es halten, wie man will, man kann mit ihnen tatsächlich sein gesamtes Weißrepertoire aufbauen oder den Rest der CD einfach als Fundgrube für Eröffnungsüberraschungen nutzen. Mit Recht zielt die CD laut Begleittext auf fortgeschrittene Schachspieler, ohne solides Grundwissen und Urteilsvermögen wäre die Variantenfülle erschlagend. Den Titel der CD halte ich im Übrigen für unglücklich: Ich könnte mir vorstellen, dass ein großer Teil potentieller Käufer verloren geht, der die näheren Ausführungen zur CD erst gar nicht zur Kenntnis nimmt, da er an einer Repertoire-CD kein Interesse hat. Zumindest im Untertitel hätte man den Grand-Prix-Angriff erwähnen sollen, um den Inhalt der CD direkt ins rechte Licht zu rücken. Der Preis ist nicht von schlechten Eltern, die vergleichbaren erhältlichen Printmedien bieten aber allesamt ein schlechteres Preis-Leistungs-Verhältnis.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes