Herzschlagfinale bei Schach-WM

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 18.10.2004

Hallo Leute!

Für alle, die es interessiert: Heute, am 18. Oktober 2004, hat Schachweltmeister Wladimir Kramnik (29) aus Russland seinen Titel gegen den ungarischen Herausforderer Peter Leko (25) verteidigt. Dabei ging es bei dem vom Zigarrenhersteller Dannemann gesponserten 14-ründigen Wettkampf im schweizerischen Brissago äußerst knapp zu: Nach einer Niederlage in der 1. Partie kam Leko in der 5. Partie ins Match zurück, um nach der 8. Partie sogar in Führung zu gehen. Eine Führung, die der Ungar bis zur 14. und letzten Begegnung behauptete. Doch in der alles entscheidenden Partie konnte Kramnik zum 7:7 Endstand ausgleichen und damit nach einer nicht nur im Schach üblichen Regel seinen Titel verteidigen.




Die Sitte, dass der Weltmeister bei einem Unentschieden Weltmeister bleibt, mag unbefriedigend erscheinen, aber von ihr profitierten bereits Kramniks Vorgänger Lasker (5:5 gg Schlechter 1910), Botwinnik (12:12 gg Bronstein 1951 und 12:12 gg Smyslow 1954) sowie Kasparow (12:12 gg Karpow 1987). Kettenraucher Kramnik befindet sich also in guter Gesellschaft...

Fast noch interessanter als das WM-Match selbst wird allerdings die weitere Entwicklung im Weltschach sein: Kramnik dürfte mit der Titelverteidigung seine Kritiker zunächst einmal zum Schweigen gebracht haben, die ihm vorwarfen, dass er sich zu sehr auf den Lorbeeren seiner 2000 von Kasparow abgerungenen Weltmeisterschaft ausruhe. Nicht immer galt Kramnik als sicher und nervenstark, die Titelkämpfe gegen Kasparow und Leko haben indes gezeigt, dass er in dieser Hinsicht keinen Vergleich mehr zu scheuen braucht. Und seine schachlichen Qualitäten standen immer außer Frage. Am Zuge sind jetzt der Präsident des Weltschachverbandes FIDE, Iljumschinow, und seine Finalisten Kasparow und Kasimdshanow, die in einem für den Januar 2005 annoncierten Titelkampf ebenfalls einen Schachweltmeister suchen. Im Schach gibt es bei den Weltmeisterschaften leider eine ähnliche Vielfalt wie beim Boxen. Wird diese FIDE-Weltmeisterschaft tatsächlich stattfinden, nachdem schon mehrere Anläufe mit immer unterschiedlichen Spielern scheiterten? Und wenn ja, wird es anschließend gelingen, das von allen Schachspielern lang ersehnte (Wieder-)Vereinigungsmatch zwischen Kramnik und dem zukünftigen FIDE-Weltmeister zu organisieren? Die Zeit wird es lehren; bis es soweit ist, bleibt die Lage im Weltschach unübersichtlich und konfliktträchtig.

Die letzten Worte sollen allerdings Peter Leko gelten: Der sympathische Ungar, der schon mit 12 Jahren wusste, dass er einmal Weltmeister werden wird, hat auf seinem Weg, das Ziel greifbar vor Augen, einen schweren Rückschlag erlitten. Peter Leko ist Deutschland seit langem verbunden, insbesondere dem GM-Turnier in Dortmund, wo er seit vielen Jahren zu Gast ist (er wird im Übrigen von RWE-Gas gesponsert). Wer Peter einmal in seiner stets zuvorkommenden Art erlebt hat, zweifelt nicht daran, dass ihm sicherlich mehr Daumen gedrückt wurden als dem eigenbrötlerischen Wladimir Kramnik. Nun wird Leko seine Titelambitionen für einige Zeit ad acta legen müssen. Es bleibt zu hoffen, dass er die Niederlage gut verkraftet. Dabei könnten die 400.000 Schweizer Franken Preisgeld, die Peter Leko als Vize zustehen, eine Hilfe sein; Kramnik streicht übrigens 600.000 Schweizer Franken ein.

Marcus Wegener, Köln, für PSM-Chess



Links:
http://www.worldchesschampionship.com/de/ (offizielle Seite des WM-Sponsors Dannemann)
http://www.chessbase.de/ (Partiendownload zur WM, Fotos, Videos)

http://www.chessgate.de/ (Partiendownload, teilweise kommentiert)

http://www.kramnik.com/eng/ (Homepage des neuen und alten Weltmeisters Kramnik)

http://www.karlonline.org/kol07.htm (ein schöner Artikel über Peter Leko)

http://www.schachgeschichte.de/chess/wm/matche.htm
(Dokumentation über die Schachweltmeisterschaftskämpfe der Vergangenheit)



Zu diesem Artikel gibt es Kommentare im Forum. >>