Fritz 10

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 25.12.2006

„Fritz 10“: Mensch versus Maschine


Seltsames ereignet sich in diesen Tagen in Deutschland: Über Nacht ist „Schach“ in den Medien so präsent wie seit Jahren, ach was, wie seit Jahrzehnten nicht mehr!

Hunderte von Zeitungsartikeln beschäftigen sich plötzlich mit dem ansonsten angeblich massenmedial inkompatiblem „Klötzchenschieben“ (O-Ton weiland von S. M. Beckenbauer). Von Tagesschau bis Spiegel-online, von Stefan Raab bis Peer Steinbrück sind Könige wieder „in“, ohne dass man als monarchistisch gilt. Was ist passiert? Hat etwa die deutsche Nationalmannschaft bei der Schacholympiade die Silbermedaille gewonnen? Nein, das hatten wir schon im Jahre 2000 und die Medienreaktion war gleich null. Ist etwa Elisabeth Pähtz Schach-Juniorenweltmeisterin geworden? Neinnein, das hatten wir schon in den Jahren 2002 und 2005 und die Medienreaktion war gleich null. Ist dann etwa Arik Braun Schach-Jugendweltmeister geworden? Neinneinnein und abermals nein, das hatten wir erst im Oktober diesen Jahres und die Medienreaktion – Sie können’s sich denken... Was also mag der Grund gewesen sein?
Doch was soll ich hier künstlich Spannung aufbauen, wenn’s eh schon alle wissen: Der Wettkampf „Mensch gegen Maschine“ zwischen Kramnik und FRITZ war DAS schachliche Medienereignis des Jahres. Selbst die unappetitliche Toilettenaffäre im vorangegangen WM-Match zwischen Topalow und eben Kramnik konnte nicht gegen die Auseinandersetzung Neuronen vs. Chips eh... anstinken. FRITZ, die frischfischfischende Premiumsoftware von ChessBase, schlug dabei in der Bonner Bundeskunsthalle gnadenlos zu und gewann das Match deutlich mit 4:2 (gegen Kramnik spielte eine spezielle Version von FRITZ, mit eigens auf Kramnik eingestellter Eröffnungsbibliothek und hochgetunter Hardware, die in Anlehnung an die Schachprogramme Deep Thought und Deep Blue folgerichtig, aber hässlich klingend auf den Namen DEEP FRITZ hört). Wohlig werden alle Schachspieler das öffentliche Interesse registriert haben. Endlich hat unser merkwürdiges Treiben auf den 64 Feldern, zwar oft bewundert, aber genauso häufig als verschrobenes Intellektuellenspielchen belächelt, wieder die Aufmerksamkeit bekommen, die es unserer Meinung nach eigentlich tagtäglich verdient. Endlich kamen Freunde, Arbeitskollegen und Bekannte, die sonst mühsam um Aufmerksamkeit ringend unseren Schilderungen des letzten Mannschaftskampfes lauschten, aus eigenem Antrieb auf uns zu und fragten wissbegierig nach, was es denn auf sich habe mit der Rechentiefe von DEEP FRITZ, mit seinem komischen Namen und mit dem schlimmsten, schockierendsten, anfängerhaftesten und teuersten Fehler in Kramniks gesamter Schachkarriere, jenem unglaublichen 34...Da7-e3?? in der 2. Partie (siehe Diagramm),



das von FRITZ kaltrechnend mit 35.De4-h7 und Schachmatt beantwortet wurde. Die Hamburger Programmierer um Matthias Wüllenweber haben mit diesem Wettkampf sicherlich den Coup schlechthin in der Vorweihnachtszeit gelandet, denn soviel Schach war hierzulande lange nicht mehr (s.o.) und parallel zum Wettkampf erschien der neue FRITZ 10 auf dem Softwaremarkt, der nun sicherlich heftig vom Ruhm seines großen Bruders aus Bonn profitieren kann. Chapeau!

Ohne allzu viel Wasser in den Wein gießen zu wollen: Manchmal kann man schon ins Grübeln kommen, wenn man aus nächster Nähe verfolgen kann, wie unsere Medienlandschaft so tickt. Sicherlich, ChessBase hatte optimale Voraussetzungen geschaffen: Zusammenarbeit mit dem hochpotenten Sponsor RAG (die Namen der Tochterfirmen STEAG und Degussa dürften den meisten eher geläufig sein), attraktiver Veranstaltungsort in der Bonner Bundeskunsthalle mit fantastischem Schach-Rahmenprogramm sowie die Anwesenheit zahlreicher Prominenter wie Schirmherr Peer Steinbrück oder BVB Präsident Reinhard Rauball. Und niemand kann es ChessBase verdenken, wenn dieser Schauwettkampf (mehr war es ja im Grunde nicht) als „World Chess Challenge“ und als vielleicht letzte Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine apostrophiert wurde. Dabei war alles schon einmal da gewesen: Im Jahre 1997 spielte ein schnelleres, aber vielleicht nicht besseres Programm, Deep Blue, gegen einen stärkeren Schachspieler, den damaligen WM Garri Kasparow, und gewann nach einer merkwürdigen Schlussrundenniederlage von Kasparow mit 3,5 : 2,5. Somit war die Frage, wann ein Schachweltmeister gegen einen Computer verlieren würde, bereits beantwortet. Sämtliche Fragen, ob Computer irgendwann einmal Menschen überzeugend bezwingen könnten, beantwortete Chrilly Donningers Schachprogramm Hydra mit seinem vernichtenden 5,5 : 0,5 gegen Supergroßmeister Michael Adams im letzten Jahr. In Bahrein spielte Kramnik bereits 2002 gegen eine Vorgängerversion von FRITZ und erreichte noch ein 4:4. Aber das Gedächtnis der Mediengesellschaft ist kurz und so konnte das erneute Aufeinandertreffen zwischen Kramnik und FRITZ wieder von den gewohnten Superlativen und Fragestellungen („Wird es vielleicht das letzte Match sein?“) begleitet werden. Im Gegensatz zu Deep Blue und Hydra nennt FRITZ nämlich einen sympathischen Charakterzug sein eigen: Er ist käuflich. Während Deep Blue bereits in seine Einzelteile zerlegt wurde und Hydra ein exklusives Spielzeug für einen Scheich aus Abu Dhabi bleibt, ist die neue FRITZ-Software unter dem Namen FRITZ 10 ab sofort für knappe 50,- Euro erhältlich und damit Thema dieser Rezension.

Was hat sich bei FRITZ 10 gegenüber dem(n) Vorgänger(n) getan? Zunächst einmal sei vorweggeschickt, dass der Rezensent mit dem Testen dieser Version einen Sprung von Version 8 auf 10 gemacht hat. Dementsprechend kann es sein, dass die eine oder andere von mir jetzt registrierte Neuheit bereits bei FRITZ 9 vorlag. Ich bitte diesbezüglich um Verständnis. Vielleicht geht es manchem ja auch ähnlich wie mir: Wenn die Versionen in den zweistelligen Bereich gehen, sind die Unterschiede nicht mehr sooo gravierend, dass es immer das Neueste vom Neuen sein muss... Außerdem bitte ich zu berücksichtigen, dass von den zahlreichen größeren und kleineren Neuheiten der neuen Version in diesem Rahmen nur eine subjektive Auswahl vorgestellt und bewertet werden kann. Die erste Änderung fällt beim Begrüßungsbildschirm ins Auge: Neben der üblichen Wahl zwischen dem Online-Spielen auf dem ChessBase-Server und dem Spiel gegen FRITZ kann man sich einen kleinen Schachkurs ansehen. Wer bisher noch nicht wusste, wie das Spiel überhaupt geht, bekommt es in diesem Kurs mit Hilfe einiger kleiner Videosequenzen demonstriert. Ein netter Service für Neueinsteiger. Als Appetithäppchen für die FRITZ-Trainings-DVDs kann man sich außerdem einige Ausschnitte aus Trainingslektionen von z.B. Dr. Helmut Pfleger, Alexei Schirow, Viktor Kortschnoi und Garri Kasparow zu Gemüte führen. Wenden wir uns nun aber dem Herzstück eines Schachprogramms zu, dem Spiel gegen das Programm selbst. Die Oberfläche und die weiteren Funktionen sehen auf den ersten flüchtigen Blick hin unverändert aus. Bei näherem Hinsehen stellt man jedoch fest, dass sich das Aussehen der Schalter verändert hat – meiner Meinung nach nicht nur zum Positiven. Die neuen Icons sind zwar detailfreudiger, bei einer kleinen Darstellung jedoch nicht mehr durchweg intuitiv verständlich. Anscheinend geht man aber wie so häufig bei ChessBase davon aus, dass die Anwender in Sachen Hardware – hier der Bildschirmgröße – sowieso up to date sind. Ein richtiges Manko ist dies allerdings nicht, wer möchte ändert die Schaltergröße oder wartet einfach, bis man sich „an allem jewöhnt“ hat. Ebenfalls nicht jedermanns Sache wird die Verwendung der sogenannten ClearType-Fonts sein, wie man sie auch vom neuen IE 7 kennt. Dafür kann das graphisch deutlich verbesserte 2D-Brett voll überzeugen, und bei den 3D-Brettern ist die Darstellung ebenfalls signifikant „echter“ geworden.
Sehr lobenswert, dass man nun neben der Variante „Schach 960“ (jede Partie beginnt mit einer zufällig ausgelosten Stellung der Offiziere auf der Grundreihe, wobei es 960 verschiedene Möglichkeiten gibt) auch das schöne, alte Räuberschach spielen kann – oder Giveaway, wie es im Englischen heißt (es besteht Schlagzwang und wer zuerst KEINE Figuren mehr hat, gewinnt!). Man sollte sich hierbei aber nicht irgendwelcher Illusionen hingeben: FRITZ 10 spielt Räuberschach keineswegs schlechter als das normale Schach, ganz im Gegenteil. Durch den Schlagzwang verringern sich die Zugmöglichkeiten nämlich beträchtlich, FRITZ rechnet also noch tiefer als sonst und wenn nur noch wenige Figuren auf dem Brett sind, hat er in Windeseile die bestmögliche Zugfolge bis zum Partiegewinn – für ihn natürlich – auskalkuliert. Alle Züge werden dann von FRITZ á tempo bis zum für den Menschen frustrierenden Finale beantwortet.
Ein feines neues Feature der Engine ist das „Pläne zeigen“. Hierbei blendet FRITZ nach kurzer Zeit in der neuen Stellung mit Hilfe von Pfeilen Figurenpfade ein, er zeigt also dem Anwender, welche Wege die Figuren seiner Meinung nach einschlagen sollten. Mit steigender Suchtiefe reduziert sich meist die Anzahl der Routen, weil sich dann die besseren Pläne mehr und mehr herauskristallisieren. Grundsätzlich gilt eigentlich das Pläneschmieden als letzte Bastion des Menschen und letzte große Schwäche der Schachprogramme, weshalb ich dieser Neuerung zunächst skeptisch gegenüberstand. Während ich zu Hause live die Partien des Matches zwischen Kramnik und FRITZ verfolgte, beeindruckten mich jedoch Qualität und Trefferquote der FRITZ’schen Planspiele. Nicht nur schachlich Unerfahrene werden diese Funktion meiner Ansicht nach zu schätzen lernen.

Was ist zur Engine selbst zu sagen? Normalerweise sind in diesem Bereich die Verbesserungen minimal, die größten Fortschritte werden meist durch die gesteigerte Performance der Hardware erzielt. In diesem Fall ist die Sachlage anders: Im Vergleich zu meiner Vorgängerversion ist die Stellungsbewertung des neuen FRITZ 10 ein echter Quantensprung. Ein Beispiel hierzu:



Diese Stellung ist materiell annähernd ausgeglichen: Ungefähr 28 weiße Bauerneinheiten stehen ungefähr 27 schwarzen Bauerneinheiten gegenüber. Schachprogramme längst vergangener Zeiten hätten diese Position demnach mit lediglich einer Bauerneinheit plus für Weiß bewertet, ein Vorteil, der in der Regel zum Sieg noch nicht ganz ausreicht. Dabei steht Weiß in dieser Stellung natürlich recht klar auf Gewinn: Zu seinem Freibauern auf h4 kommt hinzu, dass alle weißen Figuren entwickelt sind und teilweise bereits drohend auf den gegnerischen König zielen, während sich auf schwarzer Seite die kümmerlich positionierten Streitkräfte unbeweglich zusammenballen. In den Anfängen waren Schachprogramme noch nicht in der Lage, solche dynamischen Faktoren wie Figurenentwicklung und Königssicherheit angemessen in die Bewertung einzubeziehen. Inzwischen bewertet mein FRITZ 8 diese Stellung nach einiger Rechenzeit bei einer Suchtiefe von 12 Halbzügen schon mit 2,28 Bauerneinheiten für Weiß und bei einer Suchtiefe von 14 Halbzügen bereits mit 3,00 Bauerneinheiten für Weiß. Als Mensch erscheint einem diese Bewertung jedoch immer noch zu niedrig, denn gerade im Spiel gegen einen Computer hätte man in einer solchen Stellung als Nachziehender eigentlich gar keine Chance. Dementsprechend müsste die Bewertung einer solchen Stellung tatsächlich deutlich besser ausfallen, damit sie vom Programm im Verlauf einer Partie auch angestrebt wird. Offenbar wertet meine alte FRITZ-Version die dynamischen Faktoren der Stellung aber noch zu gering. Anders sieht die Sache aus, wenn FRITZ 10 ins Spiel kommt: In erheblich kürzerer Zeit wird eine Suchtiefe von 12 Halbzügen mit einer Stellungsbewertung von 2,90 Bauerneinheiten für Weiß erreicht, bei einer Suchtiefe von 14 Halbzügen ist es schließlich ein Plus von 4,10 (!) Bauerneinheiten. Wenn man berücksichtigt, dass in diesen Bereichen von den Programmierern in der Regel um Zehntel- oder gar Hundertstel gerungen wird, kann man die Qualitätssteigerung der Engine einschätzen. In puncto Spielstärke und Analysequalität ist FRITZ 10 also uneingeschränkt zu empfehlen. Nach wie vor gibt es einige Konkurrenzprodukte wie Shredder, Junior oder Rybka, aber mit der neuen Version dürfte FRITZ sich seinen Platz als beliebtestes Schachprogramm erneut gesichert haben.
Nutzer von ChessBase 9, der Schachdatenbank aus gleichnamigem Hause und Mutter aller ChessBase-Produkte, müssen allerdings ihr Programm updaten, bevor sie die neue FRITZ-Engine in CB 9 einbinden können, was offenbar etwas damit zu tun hat, dass FRITZ 10 bereits für das angekündigte Windows-Vista kompatibel sein soll.

Ein Schachprogramm von ChessBase ist inzwischen nicht nur eine Software, mit der man zu Hause gegen seinen eigenen Computer Schach spielen kann. Jedes Programm enthält darüber hinaus die „Lizenz zum Zocken“: Eine einjährige Berechtigung, auf dem Schachserver www.schach.de mit anderen Usern (mehrere Tausend pro Tag!) im Internet Schach zu spielen (bzw. Live-Übertragungen von Schachturnieren oder ChessBase-TV anzusehen). Dieser Zugang entspricht einem Wert von 30,- €, soviel kostet es nämlich, wenn man nach dem „Schnupper-Jahr“ noch ein weiteres dranhängen will. Auf dieser Ebene hat sich bei FRITZ 10 ebenfalls einiges getan: So kann man jetzt auch mit Webcam chatten und aus dem Globus, der die eingeloggten Spieler anzeigt, direkt in Google-Earth springen. Und endlich kann man nun z.B. diejenigen Gegner, die eine schlechte Internetverbindung haben, automatisch ausfiltern. „Bullet“ spielen (mit 1 Minute Bedenkzeit für die gesamte Partie) ist nämlich sinnlos, wenn die Zugübermittlung des Gegners länger als eine Sekunde pro Zug benötigt. Mit der Möglichkeit, diese sogenannten „Lagger“ (im Englischen bedeutet „lag“ eine zeitliche Verzögerung) zu eliminieren, ist ein wichtiger Schritt von ChessBase unternommen worden. Leider bleibt aber das eigentliche Problem noch ungelöst: Einige Anwender verstehen sich glänzend darauf, trotz einer schnellen Verbindung im richtigen Moment künstlich einen Lag herbeizuführen – nämlich genau dann, wenn ihre Zeit gerade sehr knapp ist. Diese Spieler werden von dem neuen Filter aber nicht erfasst, da ihre normale Verbindung ja völlig in Ordnung ist. Es bleibt zu hoffen, dass sich ChessBase für diese Anwender noch etwas einfallen lässt, zu denken wäre beispielsweise an die Herausnahme solcher Partien aus der Wertung eines Spielers.
Ebenfalls den Bullet-Spielern entgegenkommen wird eine Neuerung bei der Zugeingabe: Das Feld, von dem eine Figur weggezogen wurde, wird durch einen kleinen Kreis markiert, überstrichene Zielfelder werden graphisch leicht hervorgehoben und schließlich ertönt ein Pfiff bei einem unmöglichen Zug. Dies alles trägt natürlich erheblich dazu bei, seiner Zugpflicht noch im Zehntelsekundenbereich regelgerecht nachkommen zu können.

Fazit: Auch jenseits des Medienrummels um ihn bleibt FRITZ für mich unter den Schachprogrammen der Primus inter Pares. Für einen zivilen Preis erhält man nach wie vor ein nicht nur spielstarkes, sondern auch anwenderfreundliches Programm, das wirklich für jeden Schachspieler – vom Weltmeister bis zum Anfänger – geeignet ist. Mit seiner Anbindung an Internet, Schachdatenbank und Trainingssoftware deckt FRITZ außerdem den gesamten Bereich von „Schach und PC“ ab.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes