Dr. Karsten Müller Schachendspiele 3 - Schwerfigurenendspiele

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 25.12.2006
(Damenendspiele, Endspiele mit Turm gegen Leichtfiguren, Dame gegen Turm und Dame gegen 2 Türme) ChessBase Fritztrainer DVD deutsch und englisch, 29,99 € unverb. Preisempf.
 
Früher, in den guten alten Zeiten, als die Schachfiguren noch aus Holz und nicht aus GIF-Dateien waren und als man auf Uhren drückte und nicht auf die linke Maustaste, da hat Schach natürlich viel mehr Spaß gemacht als heute... Der Abend in der Woche, an dem Vereinstraining war, wurde von einem schachfiebernden Jugendlichen herbeigesehnt wie der 24. Dezember und mit intensiver Arbeit am Schachbrett verbracht. Und während der Woche konnte man sich mit Hilfe der wenigen und deshalb kostbaren Schachliteratur, die man erworben hatte, auf den nächsten Vereinsabend vorbereiten: Schachbrett auf den Tisch, Figuren aufbauen, das Buch aufschlagen und los ging’s! Endspiele, so meinte unser Trainer, seien besonders wichtig und die dazu notwendigen Bücher wurden, wie dies bei kanonischen Lektüren üblich ist, nur mit dem Namen ihres Verfassers bezeichnet: Der Awerbach! (Zwei Bände, Ost-Berliner Sportverlag, also Sowjetschach vom Klassenfeind, aber dem mattgesetzten König ist’s egal) Der Chéron! (Vier Bände, 1.500 Seiten, das Lebenswerk eines bettlägrigen Lungenkranken)
Geschwind zauberte man vielzügige Variantenbäume auf das Schachbrett und spürte förmlich, wie die eigene Spielstärke wuchs und wuchs und wuchs und ... was erzähle ich hier eigentlich? Von intensiver Arbeit konnte am Vereinsabend keine Rede sein, stattdessen haben wir Jugendlichen fast nur geblitzt oder anderen Unsinn angestellt. Wie außerdem jeder weiß, reicht eine Trainingseinheit pro Woche in keiner Sportart aus, um nennenswerte Fortschritte zu erzielen. Die durch Verzicht auf andere Geschenke mühsam erworbene Endspielliteratur war so trocken wie irgendwas und blieb zu großen Teilen unverstanden, da niemand weit und breit zur Stelle gewesen wäre, der einem unverständliche Züge erläutert hätte, und wer einmal versucht hat, eine variantenreiche Partie auf einem echten Schachbrett nachzuvollziehen, der weiß, was ein fotografisches Gedächtnis wert sein könnte, hätte man denn eins. Geblieben ist lediglich das haptische Vergnügen des väterlichen Holzbretts und ein Hörschaden von der Mittelohrentzündung, zugezogen bei winterlichen Fahrradfahrten zum Vereinsabend.
 
Älter zu werden hat gelegentlich etwas für sich. In diesem Fall kommt man dadurch in den Genuss eines PC und Karsten Müllers bei ChessBase erschienener Endspieltrilogie „Schachendspiele 1-3“. Schachkennern ist Karsten Müller als Endspielkolumnist des ChessBase Magazins, spätestens aber seit seinem zusammen mit Frank Lamprecht veröffentlichtem „Secret of Pawn Endings“ ein Begriff. Das zur Jahrtausendwende im englischen Everyman Chess Verlag erschienene Werk erhielt, ebenso wie das nachfolgende „Fundamental Chess Endings“ beim Gambit-Verlag, höchste Weihen der Kritik. Als Endspielautor steht Karsten Müller seitdem auf einer Stufe mit John Nunn, der in den 90er Jahren mit seiner „Secrets“-Reihe im Batsford Verlag das Revival der Endspielliteratur einleitete, sowie dem Trainer-Guru Mark Dworetzki und dessen im deutschen Chessgate-Verlag erschienenes Kompendium „Die Endspiel-Universität“.
 
Mancher wird sich fragen, was denn aus dem Awerbach und dem Chéron geworden ist? Nun, wie sich schlicht und ergreifend in den letzten Jahrzehnten herausgestellt hat, sind diese ehemals so epochalen Werke in so vielen Punkten falsch oder zumindest unvollständig gewesen, dass die Zeit einfach reif für neue Endspielbücher war. Dies hat vor allem mit dem Ding zu tun, auf dessen Bildschirm Sie vermutlich gerade starren: Durch den Einsatz von Computern konnten viele Endspielstellungen komplett ausanalysiert werden. Momentan sind alle Endspiele mit 2 Königen und höchsten 4 anderen Figuren auf dem Brett, die sogenannten 6-Steiner, vollständig gelöst. Als Ergebnis hieraus verfügt man nun über riesige Datenbanken, sogenannte Tablebases, die in jeder beliebigen Stellung mit 3-6 Steinen auf dem Brett angeben können, wie diese Position bei beiderseits bestem Spiel endet und welches dabei die besten Züge für die jeweilige Partei sind. Wie sich zeigte, entsprach in den alten Büchern schon bei einigen simplen theoretischen Positionen die Darstellung nicht mehr den harten Fakten. Einen ersten spektakulären Fund machte man z.B. schon beim Viersteiner K+D vs. K+T: Zwar änderte sich nichts an der Erkenntnis, dass dieses Endspiel außer in wenigen Ausnahmefällen stets für die Damenpartei gewonnen ist. Diesen Gewinn jedoch gegen perfekte Gegenwehr tatsächlich zu erzwingen, erwies sich überraschenderweise als eine nahezu menschenunmögliche Aufgabe! So gelang es z.B. den beiden damals weltbesten Spielern Karpow und Kasparow nicht, bei einer Demonstration der Datenbank durch ChessBase den Gewinn gegen diese zu realisieren (wer meint es besser zu können, geht zu http://www.rack.de/chess/endings.cgi ). Mit dem Wissen um die Verteidigungsmöglichkeiten für die schwächere Seite ist es inzwischen sogar schon dem GM Boris Gelfand gelungen, nämliches Endspiel in einer Schnellpartie gegen GM Peter Swidler remis zu halten!
 
Abgesehen von den Funden der Tablebases haben aber natürlich auch Schachprogramme wie FRITZ ihren Anteil an zahlreichen Neubewertungen, weil sie in vielen Positionen fehlerhafte Lösungen oder bessere Gewinnwege aufzeigten. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die neue Endspielliteratur das Licht der Welt erblickte. Die aktuellen Endspielwerke, namentlich die von Karsten Müller und Mark Dworetzki, sind gottseidank nicht mehr so dröge wie zu früheren Zeiten. Fairerweise muss man den alten Koryphäen Chéron und Awerbach allerdings zugestehen, dass ihre Publikationen sowieso eher als Nachschlage- denn als Lehrwerke gedacht waren. Zu Zeiten der Hängepartien, also dem Unterbrechen einer Partie nach Ablauf einer bestimmten Bedenkzeit, machten solche Enzyklopädien noch Sinn, da man nach dem Partieabbruch den jeweiligen Endspieltyp in aller Ruhe zu Hause nachschlagen konnte. Doch der Vormarsch der Schachprogramme hat auch dieser alten Tradition den Garaus gemacht! Hängepartien wurden abgeschafft, weil man verhindern will, dass Spieler lieber die Partie abbrechen und sich von FRITZ zu Hause die beste Fortsetzung zeigen lassen, statt sich am Brett den Kopf zu zerbrechen. Heute wird jede Partie gnadenlos bis zum Ende ausgespielt und wer vor dem Händedruck nicht genau weiß, wie man mit Läufer und Bauer eine Festung gegen den Turm aufbaut, hat dann eben Pech, wenn er genau dieses Endspiel aufs Brett bekommt.
 
Demzufolge sollte gute Endspielliteratur heutzutage der Didaktik den Vorzug geben, die Vollständigkeit muss demgegenüber zurückstehen!
Das bedeutet:
-          Es sollten die Endspiele ausführlich besprochen werden, die in der Praxis häufiger vorkommen. Exotische Materialverteilungen haben in solchen Werken nichts verloren.
-          Die Darstellung der jeweiligen Gewinn- oder Verteidigungsführung sollte sich möglichst einprägsamer Muster bedienen. Wenn sich ein Vorteil durch schwierig zu findende einzige Züge schneller verwerten ließe, muss das Vorgehen nach Schema-F favorisiert werden, da es in der Praxis den Gewinn sicherer realisiert.
-          Es sollte auf typische Fehler und Fallen aufmerksam gemacht werden. In der Praxis spielen ja zwei Menschen gegeneinander, keine Computer. Und diese begehen eben typisch menschliche Fehler – oder lassen sich zu solchen verleiten.
 
Wie aus dem bisher Gesagten deutlich wird, liegen mit den Büchern von Müller und Dworetzki solche Endspiellehren als Printmedium bereits vor. Was kann in diesem Zusammenhang nun noch eine DVD, was das Buch nicht kann? Um es kurz zu sagen: Sehr viel!
 
Grundsätzlich ist bei Schach auf Video meines Erachtens Skepsis geboten. Sicher ist es für manche eine schöne Sache, wenn sie z.B. Großmeistern live dabei zusehen können, wie diese ihre Partien besprechen. Doch dass durch das passive Rezipieren eines Films ein ähnlich großer Lerneffekt entsteht wie beim selbstständigen Studium einer kommentierten Partie, wag(t)e ich zu bezweifeln.
Im Fall von Karsten Müllers DVD ist jedoch alles anders! Ich würde in diesem Fall sogar so weit gehen, dass ich zum Training der Endspiele PRIMÄR das Studium der DVD empfehlen würde, um erst zur weiteren Intensivierung auf die Literatur zuzugreifen. Das hat folgende Gründe:
 
-          Die Gesamtspielzeit der DVD beträgt ca. 7 Stunden. Dies ist zum einen ein vernünftiger Gegenwert für den Kaufpreis, zum anderen aber bedeutet dies eine weitere Reduktion der Lehrbuchinhalte auf das Wesentliche. Denn die Laufzeitlänge entsteht ja durch die intensive Besprechung der einzelnen Stellungen durch GM Karsten Müller. Die Anzahl der besprochenen Endspiele ist demzufolge deutlich kleiner. Man erhält also wirklich die absoluten Endspiel-„Basics“ und kann dann auf diesen aufbauend weitere Beispiele aus der Literatur hinzunehmen – wenn man will.
-          Selbst wenn der Anwender es beim eben kritisierten „passiven Betrachten“ dieser DVD belässt: Wir haben ja alle so einen inneren Schweinhund zu überwinden und ich weiß nicht nur aus eigener Erfahrung, dass wenige das Endspielstudium mit Lust und Feuereifer betreiben. Ein gründliches, aber ungelesenes Endspielbuch wird jedoch sicher einen geringeren Lernzuwachs erzielen können, als man ihn bereits durch das einmalige Anschauen dieser DVD erreicht. Denn:
-          Karsten Müller präsentiert die Inhalte so einprägsam und logisch aufeinander aufbauend, dass unbedingt etwas hängen bleibt. Ich habe vor dieser DVD gewiss schon einige Male etwas darüber gelesen, wie man bei der Materialverteilung K+T vs. K+S einen vom König getrennten Springer einfangen kann (gelingt dies nicht, wird die Partie remis). Ich bezweifle allerdings, dass ich es während einer Partie hätte rekapitulieren können. Wenn man aber einmal gesehen hat, wie Karsten Müller das Prinzip der Dominanz erklärt und dabei nach jedem präzisen Turmzug „Dominanz! Dominanz!“ schreit, prägt sich dies so gut ein, dass man förmlich darauf brennt, es in der Praxis selbst demonstrieren zu können.
-          Vor allem aber ist man im Unterschied zum Selbststudium der früheren „guten alten Zeiten“ mit dieser DVD beim Training nicht mehr alleingelassen. Denn diese DVD wird mit FRITZ geöffnet. Das bedeutet, dass man alles, was zuvor erklärt wurde, SOFORT in der Praxis gegen FRITZ anwenden kann. Somit erhält man augenblicklich eine Rückmeldung, ob der selbst gewählte Zug einfach nur einer der vielen Wege nach Rom ist (deren es im Endspiel gewöhnlich eine ganze Menge gibt) oder ob man damit vom richtigen Weg abkommt. Die enge Verzahnung zwischen Lehrvortrag und anschließender aktiver Umsetzung macht in meinen Augen dieses Trainingskonzept unschlagbar.
 
Auch sehr Gutes kann noch verbessert werden, weshalb ich im Folgenden noch einige Kritikpunkte loswerden möchte. Zum einen bezieht sich diese Kritik auf die Machart der Videos, die man vorsichtig umschrieben als recht spartanisch bezeichnen darf. Bei einem ziemlich eintönigen Hintergrundbild, einer einzigen Kameraeinstellung und einem schnittlosen Endprodukt sind kleine Zooms der Kamera schon das höchste der Gefühle. Auf die Dauer wirkt dies recht eintönig und die Konzentration des Betrachters geht in den Keller. Gottseidank kommt von selbst immer dann wieder etwas mehr Fahrt in die Sache, wenn Karsten Müller sich warmgeredet hat und dann durch seinen lebendigen Vortrag den Zuschauer wieder „aufweckt“. Vorstellbar wäre aber, durch wechselnde Kameraeinstellungen, wechselnde Hintergrundbilder oder einen Co-Kommentator von vornherein für eine lebendigere Atmosphäre zu sorgen. Manche werden dies vielleicht als belanglosen Schnickschnack abtun, meines Erachtens wären diese „Kleinigkeiten“ gerade für ein Aufrechterhalten der Konzentration wesentlich.
Enttäuschend außerdem das Inhaltsverzeichnis: Die wenig aufschlussreiche Betitelung (Festungen/Brechen von Festungen I, Festungen/Brechen von Festungen II, Festungen/Brechen von Festungen III usw. bis Festungen/Brechen von Festungen X [!]) lässt den Anwender ratlos, von wo er herkam und wo er hinwill.
Bezüglich des Inhalts hätte ich mir noch häufiger gewünscht, dass GM Müller auf typische Tricks für Angreifer und Verteidiger hinweist. Mehr Kritik muss es jetzt aber auch nicht mehr sein, der Gesamteindruck bleibt positiv.
 
Fazit:
Wer im Endspielbereich noch einmal aufrüsten will, dem sei diese DVD dringendst empfohlen. Für mich ist die ganze Reihe von Karsten Müller der neue Königsweg zu den Endspielen. Wie schon gesagt: Älter werden hat auch seine Vorzüge. Und noch etwas, da diese Rezension auf der ZUM steht: Kinder sind nicht unbedingt die Zielgruppe von Karsten Müller. Aber jeder, der Kindern etwas über diese Endspiele beibringen will, kann sich an Karsten Müllers Ausführungen etwas abgucken.
 
Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes