Rustam Kazimdzhanov „A world champion’s guide to the King’s Indian“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 28.12.2006
ChessBase Fritztrainer DVD englisch, ca. 3,5 h Spielzeit, 29,99 € unverb. Preisempf.
„Junge Leute jeder Generation wollen die Königsindische Verteidigung spielen. Ich frage mich nur, warum sie so versessen darauf sind, dies zu tun. Gut, Königsindisch ist sehr einfach zu lernen: Schwarz entwickelt seinen Königsflügel, Läufer g7, Rochade, und dann ist er soweit, sich um das Zentrum zu kümmern. [...] Die Ideen wurden von berühmten Meistern der Vergangenheit ausgearbeitet. Von Boleslawski, Bronstein, Geller, Gligoric, Fischer und in jüngster Vergangenheit Kasparow. Alles ist gut bekannt. [...] Alles wurde von berühmten Altmeistern erforscht. Junge Leute müssen es einfach nur imitieren. Nichts besonderes. Für mich ist es langweilig. Für sie, wenn sie etwas Erfolg damit haben, können sie nicht mehr damit aufhören. Sie spielen und spielen es. Man muss sie viele, viele Male schlagen, bevor sie endlich aufgeben, es zu spielen. So war’s auch bei meinem Schüler Jeroen Piket aus Holland. Er spielte viele Male Königsindisch. Ich schlug ihn mehrfach. [...] Irgendwann sagte er: ‚Ich möchte endlich einmal eine vernünftige, normale Stellung mit Schwarz haben’. Und er gab schließlich den Königsinder auf.“ So äußert sich der erklärte Königsindisch-Gegner Viktor Kortschnoi auf seiner ChessBase DVD „My Life for Chess Vol. 2“ (Alle Zitate in dieser Rezension wurden von mir ins Deutsche übersetzt). Die Statistik Kortschnois mit einer Weißquote von 74% gegen Königsindisch dokumentiert überzeugend seinen Ruf als Königsindisch-Killer. Und der ehemalige WM Tigran Petrosjan, dessen Quote von 76% ebenfalls sehr beeindruckend ist, meinte einmal: „Die Königsindischspieler werden meine Familie noch viele Jahre ernähren...“

Der usbekische GM Rustam Kasimdschanow, seines Zeichens Sensations-FIDE-Weltmeister 2004, hält auf seiner englischsprachigen DVD „A world champion’s guide to the King’s Indian“ dagegen: „Bronstein sagte, dass das Evans-Gambit keine Eröffnung sei, sondern eine Schachschule. In diesem Sinne ist die Königsindische Verteidigung keine Eröffnung, sondern eine Schachuniversität. [...] Ich glaube manchmal, dass der schlechte Ruf des Königsinders von Weißspielern deshalb herbeigeredet wird, weil sie Angst haben, dagegen spielen zu müssen.“

Nur wenige Eröffnungen sind in der Lage, solche Kontroversen auszulösen wie der Königsinder, der z.B. nach den Zügen 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0-0 entsteht. Dies ist allerdings nur eine von unzähligen möglichen Varianten. Grundsätzlich spricht man von Königsindisch, wenn Schwarz gegen irgendeine weiße Spielweise ohne frühes e4 den in der obigen Zugfolge ebenfalls gezeigten Aufbau wählt. Springer nach f6, Königsfianchetto, Rochade (und in der Regel d6). Wie Kortschnoi meinte: Das ist leicht zu lernen. Und es ist natürlich auch provozierend. Schwarz sagt gewissermaßen dem Weißspieler: „Du kannst spielen, was du willst, ich hab’ hier ein Eröffnungsschema, das ist so gut, da interessieren mich deine Züge gar nicht.“ Diese Abwartestrategie hat zur Folge, dass sich der Weiße, wenn er es denn will, nahezu unbeschränkt im Zentrum ausbreiten kann. Beim sogenannten Vierbauernangriff geschieht dies: 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f4 0-0 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschien eine solche völlige „Aufgabe des Zentrums“ noch unerhört zu sein, denn sie widersprach allen damals gültigen Eröffnungslehren. Vom „Praeceptor Germaniae“, Siegbert Tarrasch, wurden solche Frechheiten folgerichtig in Bausch und Bogen verdammt. Erst unter dem Einfluss der neuen Lehren von Nimzowitsch und Réti, die die Kontrolle des Zentrums statt seiner Besetzung propagierten, begann man sich für die Indischen Eröffnungen (das sind grundsätzlich jene, bei denen die Läufer fianchettiert werden) näher zu interessieren. Nach dem zweiten Weltkrieg stellten dann vor allem sowjetische Schachspieler schnell fest, dass die so imposant aussehenden weißen Zentrumsformationen mit geschicktem schwarzen Spiel unterminiert werden können. Nach der Auflösung eines solchen Zentrums attackiert Schwarz die überdehnten weißen Streitkräfte und fällt über die offene Stellung her. Aus diesem Grund gingen die Anziehenden bald zu vorsichtigeren Spielweisen über. Aber auch hier zeigte sich schnell, dass Schwarz, wenn er dem gegnerischen Zentrum mit e5 selbst einen Zentralbauern entgegenstellt, nach der Abriegelung des Zentrums durch weißes d5 Konterchancen auf dem Königsflügel erhält. Weiß kontrolliert zwar das Zentrum und den Damenflügel, aber Schwarz kann den weißen König mit f5, f4, g5, h5, g4 usw. angreifen. Und ein mattgesetzter König wiegt im Schach halt schwerer als die Kontrolle sämtlicher Zentrums- und Damenflügelfelder. Unverschämterweise sagt der Königsindischspieler also nicht nur: „Ich kann hier spielen, was ich will!“ Er droht dem Anziehenden darüber hinaus noch mit einem Mattangriff! Dabei sind Weißspieler, die eine Partie mit 1.d4 eröffnen, traditionellerweise auf ein zähes Ringen um positionelle Vorteile aus und schätzen Mattdrohungen gegen den eigenen König überhaupt nicht. Umso attraktiver wirkt(e) der Königsinder auf die Nachziehenden. Schnell begann die Theorie zu explodieren und die von Kortschnoi genannten Altmeister hatten an der Ausarbeitung des Wissens über diese Eröffnung einen großen Anteil. Legendär wurde bspw. das Werk des erst kürzlich verstorbenen Vizeweltmeisters von 1951, David Bronstein, über das Kandidatenturnier von Zürich 1953. In diesem Turnier wurden 210 Partien gespielt, 44-mal kam es dabei zum Königsinder! In seinem Turnierbuch gelang es Bronstein, die Ideen hinter dieser neuartigen Eröffnung verständlich zu machen. Noch heute gilt „Zürich 1953“ als eines der besten Schachbücher aller Zeiten.

Wer sich näher mit der Königsindischen Verteidigung beschäftigt, stellt fest, dass sie alles andere als einfach zu spielen ist. In diesem Sinne haben nämlich Kortschnoi und Kasimdschanow recht: Zum einen ist es leicht, die Züge der Altmeister zu imitieren und etwas zu spielen, was wie Königsindisch aussieht. Zum anderen kommt die Beherrschung des Königsinders aber durchaus dem Abschluss an einer Schachuniversität nahe. Das liegt daran, dass diese Eröffnung erst in einem sehr späten Stadium konkret wird: Es ist nicht selten, dass im Königsinder nach 30 Zügen noch fast alle Figuren auf dem Brett sind. Man muss zwar immer taktisch auf der Hut sein, aber trotzdem gibt es für beide Seiten in der Regel fünf, sechs oder noch mehr gleichwertig aussehende Kandidatenzüge. Es kommt also darauf an, dass man planvoll agiert, die Streitkräfte bestmöglich koordiniert und dennoch immer Ausschau hält nach taktischen Tricks und subtilen Feinheiten. Des Weiteren opfern beide Seiten gerne mal etwas Material auf lange Sicht um ihren Angriff zu befördern, die Eröffnung ist also nichts für schwache Nerven (und auch Computer tun sich noch sehr schwer damit). In manchen Varianten wiederum muss Schwarz schon nach wenigen Zügen Kompensation für einen geopferten Bauern in einem damenlosen Mittel- oder gar Endspiel nachweisen! Wer Königsindisch spielen kann, muss also ein kompletter Spieler sein, er muss über alle Fähigkeiten verfügen, die den sehr guten Schachspieler vom guten Schachspieler unterscheiden.

In diesem Licht wird verständlich, warum Fischer während seiner gesamten Karriere (und Kasparow zumindest eine Zeit lang) dem Königsinder treu blieb (beide mit einer Quote von über 60%!): Wenn man mit Schwarz – insbesondere gegen Schwächere – gewinnen will, ist diese Eröffnung eine sehr gute Wahl. Im Damengambit ist es selbst mit 200 Elopunkten mehr für den Nachziehenden eine undankbare Aufgabe, nach dem vollen Punkt zu streben. Im Königsinder fällt Weiß dagegen noch nicht einmal ein Remis in den Schoß und wenn der Anziehende unsicher und zögerlich agiert, wird Schwarz seine oben skizzierten Pläne zielstrebig umsetzen und so den vollen Punkt einstreichen.

Auf Amateurebene üben die Partien von solchen Größen wie Fischer und Kasparow natürlich ebenfalls ihre Anziehungskraft aus und so erstaunt es nicht, dass der Königsinder auch von Wald- und Wiesenschachspielern (zu denen sich der Rezensent selbst zählt) gerne gespielt wird. Ob sie sich damit einen Gefallen tun? Es wartet eine ungeheure Arbeit auf sie, denn sie müssen jedes Mal mit einem anderen der vielen unterschiedlichen Systeme rechnen, die den Weißspielern zur Verfügung stehen und auf die es in unterschiedlicher Weise angemessen zu reagieren gilt. Das ist eben der Preis dafür, dass Schwarz die weißen Eröffnungszüge quasi ignoriert; das simple, immer funktionierende Eröffnungsschema des Schwarzen räumt dem Weißen auf der anderen Seite alle Freiheiten der Variation ein. Die Weißspieler wiederum brauchen sich nur eines dieser Systeme oder gar einen exotischeren Aufbau herauszupicken und dessen Ideen zu verinnerlichen, um eine Waffe gegen den Königsinder parat zu haben. In der Praxis schlägt die verführerische Einfachheit der Königsindischen Verteidigung also schnell in ihr Gegenteil um.
Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen! Es sollte jedoch deutlich geworden sein, dass Königsindisch meiner Meinung nach alles andere als eine leichte Eröffnung für unsereinen darstellt.

Lässt sich nun eine dermaßen komplexe Eröffnung in einem ca. dreieinhalbstündigem Video erläutern? Ich bezweifle es und das Studium der vorliegenden DVD hat mich nicht vom Gegenteil überzeugen können. Redlicherweise sieht Kasimdschanow dies offenbar selbst ganz ähnlich, denn in seinem zwanzigminütigem Kapitel über das Sämischsystem sagt er: „Das Sämischsystem ist kein Thema, das man in 20 Minuten erfolgreich behandeln könnte“. Aber der Reihe nach: Kasimdschanow liefert eine wirklich gute Arbeit ab. Sein „Usbeken-Englisch“ ist flüssig und gut zu verstehen, das Vokabular könnte für Einsteiger eher noch zu groß sein. Wer aber gewöhnt ist, englischsprachige Schachliteratur zu konsumieren, dürfte keine Verständnisprobleme haben. Kasimdschanows Kommentare sind interessant, witzig und lehrreich. Selbstverständlich nutzt er Hilfen wie die ChessBase-Feldermarkierung und ein besonders wichtiger Aspekt, nämlich die typischen Bauernstrukturen des Königsinders, wird von ihm gründlich und aufschlussreich besprochen. Nach Betrachten der Videos wird der Anwender auf jeden Fall viel über den Königsinder gelernt haben, da Kasimdschanow immer darauf achtet, die typischen Motive herauszuheben. In diesem Sinne habe ich an dem Videomaterial nichts auszusetzen.
Aber so sehr ich die DVD auch hin und her wende, sie enthält eben nur diese 3,5 Stunden Video, wovon ca. drei Stunden auf Partienkommentierung entfallen. Ergänzende Analysen oder Partienmaterial fehlen gänzlich. Nach Betrachten der DVD ist damit ihr Nutzen für den Käufer nur noch sehr gering. Er kann einschlägige Passagen später nicht noch einmal schnell nachschlagen oder überfliegen, wie dies bei einem Buch oder bei einer Schachdatenbank der Fall ist. Und in der Fülle des angebotenen Materials ist eine gute Eröffnungsmonographie (z.B. die Bücher von Bronstein oder Gallagher) dieser DVD ebenfalls weit überlegen, auf der insgesamt lediglich sechs(!) Partien besprochen werden (fünf sehen Kasimdschanow als Nachziehenden, die sechste Partie ist die berühmte Begegnung Letelier-Fischer).

Fazit: Wenn man so will, hängt alles von der Übersetzung des „guide“ im Titel der DVD ab: Wer einen Stadtführer haben will, der einen vollständigen Überblick über Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Stadt gibt und mit dem man auf eigene Faust auf Entdeckung gehen kann, der sollte sich besser für ein Buch entscheiden. Im negativen Fall bleibt das Buch allerdings ungelesen und man fährt man als Banause wieder heim. Wer hingegen lieber den Erzählungen eines Kundigen lauscht, der wird einen lebendigen Stadtführer vorziehen und im positiven Fall einige seiner Geschichten sein Leben lang behalten. In dieser Angelegenheit ist es ganz ähnlich: Die vorliegende DVD bietet einen guten Einstieg in die Materie, etwa für den Fall, dass man lediglich grob über den Königsinder informiert sein möchte oder wenn man wissen will, ob diese Eröffnung für einen selbst geeignet wäre. Kasimdschanow ist hierbei ein guter „Stadtführer“. Hat man allerdings vor, diese Eröffnung in sein Repertoire aufzunehmen, wird man um weitere/andere Anschaffungen nicht herumkommen.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes