Rustam Kazimdzhanov „The path to tactical strength“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 08.02.2007
ChessBase Fritztrainer DVD englisch, ca. 4,15 h Spielzeit, 29,99 € unverb. Preisempf.

Im Rahmen der Rezensionen auf dieser Plattform hat Ihr ergebener Schreiberling stets darauf verwiesen, dass die Taktik beim Schach spielen von größter Bedeutung ist. Leider wird Schach aber von Unkundigen seit jeher vor allem für ein Intelligenz unter Beweis stellendes strategisches Spiel gehalten und es sei auch nicht verschwiegen, dass unter den Schachmeistern stets diejenigen, die ihre Gegner in toten Stellungen überspielen konnten, ehrfürchtiger bewundert wurden als die dreisten Taktiker. Auch die Lehrwerke der Großmeister bilden hierbei keine Ausnahme: Häufig liegt die Betonung auf den strategischen Erläuterungen, bei denen Partienverläufe angeblich stets logischen Prinzipien folgen und behauptet wird, taktische Gewinnkombinationen ergäben sich bei gutem strategischen Spiel von selbst.
Natürlich, ein Körnchen Wahrheit steckt schon in den dergestalt negativ skizzierten Formeln, aber wir Amateure haben eben wesentlich stärker mit unseren lästigen „dummen Fehlern“ zu kämpfen. Das Gros der Schachspieler vergeigt Partien aufgrund von Einstellern und nicht wegen eines Doppelbauern, einer Felderschwäche oder sonstigen positionellen Feinheiten. Wie Taktik geübt werden sollte, wurde an dieser Stelle ebenfalls oft genug dargelegt, Stichwort „Mustererkennung“. Als Trainingsmaterial hierzu gibt es verschiedene CDs von unterschiedlichen Anbietern im Angebot, die jedoch alle ihre Vor- und Nachteile haben. Deshalb war ich gespannt, welchen Pfad zur taktischen Stärke der ehemalige FIDE-Weltmeister Rustam Kazimdzhanov (oder „Kasimdschanow“ in der deutschen statt der englischen Transkription) auf seiner DVD demonstrieren will.

Kasimdschanow erklärt Taktik auf dieser DVD anhand von etwa 20 Partiebeispielen, deren kombinatorischen Gehalt er in einzelnen Lektionen von der Dauer einiger Minuten bis zu einer Viertelstunde erläutert. Dabei versucht er, ein möglichst breites Spektrum abzudecken, indem er möglichst unterschiedliche Motive vorstellt, Positionen aus allen drei Partiestadien auswählt und auch auf die spezifische Wettkampfsituation eingeht, die einen Spieler zur Taktik greifen lassen. Nun kann es angesichts der Unzahl taktischer Motive bei dieser DVD natürlich nicht darum gehen, anhand der 20 Beispiele irgendwelche Muster zu trainieren. Vielmehr erläutert Kasimdschanow, wie der Denkprozess ablaufen sollte, der einen Spieler taktische Motive sowohl erkennen als auch konkret umsetzen lässt. Zur Auffindung dieser Motive erläutert Kasimdschanow die üblichen Signale wie überlegene Position und aktivere Figuren auf der eigenen Seite, unsichere Königsstellung und ungedeckte Figuren auf der gegnerischen Seite. Aber auch der Griff zu taktischen Mitteln aus positioneller Verzweiflung oder als Übertölpelung des Gegners finden Erwähnung. Ein weiteres Augenmerk legt Kasimdschanow auf die konkrete Umsetzung der Taktik. David Bronstein hat hierfür einmal eine einprägsame Formulierung gefunden: „Man muss nicht nur die richtigen Züge finden, man muss sie auch in der richtigen Reihenfolge spielen!“ Kasimdschanow zeigt immer wieder, dass einzelne taktische Ideen, auch wenn sie im ersten Ansatz nicht gelingen wollen oder gar unsinnig erscheinen, durchaus noch im weiteren Verlauf der Kombination zum Tragen kommen können.
Dies alles ist durchaus instruktiv dargestellt und wie auch schon bei seiner Königsindisch-DVD weiß Kasimdschanow den Betrachter mit seinen flüssigen und humorigen Erläuterungen, in die er immer wieder schöne Anekdoten und Einblicke in seine Gedanken während der Partie einflechtet, zu unterhalten. Sein Englisch ist eloquent, jedoch bleibt er bei dieser DVD doch etwas sehr an einem Lieblingswort – „basically“ – hängen; darauf hätte er vielleicht bei der Aufzeichnung einmal hingewiesen werden sollen. Über die Machart der ChessBase DVDs habe ich mich bereits an anderer Stelle ausgelassen (vgl. Rezension zur Karsten Müller DVD III), diesbezüglich will ich mich nicht ständig wiederholen.

Soweit ist „Path to tactical strength“ ganz in Ordnung – aber eine Kaufempfehlung auszusprechen fällt mir schwer, weil ich mir praktisch keine Zielgruppe für diese DVD vorstellen kann, jedenfalls nicht auf dieser Plattform. Einfach mal so zum Vergnügen wird man sich kaum eine DVD für diesen Preis anschaffen mögen. Für schwächere Spieler, die noch Mühe haben, taktische Motive überhaupt zu erkennen, sind die Partiebeispiele, die Variantentiefe und die Schnelligkeit Kasimdschanows jedoch sicherlich zu starker Tobak. Ok, es ist eine DVD, man kann auf die Pause-Taste klicken und alles mehrmals betrachten. Aber einen solchen Aufwand – noch dazu mit einer englischsprachigen DVD – werden Spieler, die an ihren „Schach-Basics“ arbeiten möchten, kaum treiben wollen. Außerdem würden auch dann noch einige Fragen offen bleiben, z. B. wenn Kasimdschanow angesichts einer Minusqualität auf überragende positionelle Kompensation hinweist, die weitere Analysen unnötig mache. Erfahrungsgemäß ist dieser souveräne Transfer zwischen Material und positioneller Kompensation für schwächere Spieler jedoch ein Riesenproblem. Hätten sie es nicht, wären sie nicht mehr so schwach. Wer hingegen schon einiges taktisches und positionelles Wissen besitzt, dürfte keine Probleme haben, Kasimdschanow zu folgen – er erfährt dann aber auch nicht viel mehr als das, was er wahrscheinlich sowieso schon weiß. Denn die vorgestellten Methoden zur Stellungsanalyse und zur Auffindung taktischer Motive ermöglichen ja wiederum erst die höhere Spielstärke. Immerhin erhalten diese Anwender beim Betrachten der DVD das angenehme Gefühl, dass sie gar nicht so viel von den Großmeistern unterscheidet...

Fazit: Nichts Neues unter der Sonne für Spieler ab etwa DWZ 1800. Wer darunter liegt und eher bücherscheu ist, kann einige gute Tipps zur Strukturierung seines Denkprozesses erhalten – die dann freilich mit vielen praktischen Übungen trainiert werden müssten. In jedem Fall sind ordentliche Englischkenntnisse Voraussetzung.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes.