Wassili Smyslow „Geheimnisse des Turmendspiels“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 22.02.2007
Praxis Schach, Edition Olms, 100 Seiten, 15 € (http://www.edition-olms.com )

Die Hälfte aller Endspiele sind Turmendspiele. Wer sich also im Endspiel weiterbilden will, kommt um die Turmendspiele nicht herum. Der fast 86-jährige Exweltmeister Wassili Smyslow, der auf höchster Ebene wie wenige bis ins hohe Alter erfolgreich aktiv war, gilt als ausgemachter Experte für diese Partiephase, weshalb ein Werk von ihm über sein Spezialgebiet eigentlich gar nicht schlecht sein kann. Leider musste sich der Rezensent diesbezüglich eines Besseren belehren lassen: Der Titel des Werkes ist ironischerweise treffend, denn so wie Smyslow sich der Turmendspiele annimmt, werden sie für die meisten Leser Geheimnisse bleiben. Das liegt nicht am ausgewählten Material (60 Partiebeispiele aus der Praxis Smyslows), dass gut selektiert und thematisch sinnvoll strukturiert wurde. Leider entpuppt sich der Exweltmeister jedoch als außerordentlich mund- bzw. schreibfauler Kommentator. Die Ausgangspositionen der jeweiligen Endspiele werden kurz erläutert, bei den anschließenden Zugwechseln steuert Smyslow in der Regel nur lakonische Kommentare bei wie „Auch nach XY gewinnt Weiß“ oder „Natürlich ist YX einfacher“, nicht selten gefolgt von zehn unkommentierten Zügen. Ab und an kann der Leser darauf hoffen, in diesem Heuhaufen eine goldene Nadel zu finden, wenn Smyslow irgendwo einen allgemein gültigen Hinweis darauf gibt, wie der jeweilige Endspieltyp zu behandeln ist. Doch wenn man nicht bereits über gute Kenntnisse verfügt, werden die Erläuterungen Smyslows kaum ausreichend sein, um einen tieferen Einblick in die Materie zu erlangen. Wäre der Titel „Meine 60 interessantesten Turmendspiele“, käme dies der Sache schon näher, denn die jeweiligen Stellungen sind in dieser Form der Kommentierung zu speziell, um für eine Art Lehrwerk zu taugen.

Es ist der Edition Olms anzurechnen, dass man diese Mängel offenbar ebenfalls bemerkte und das Werk noch nach allen Regeln der Kunst aufgepäppelt hat: Gegenüber dem russischen Original hinzugefügt wurde ein Interview des Übersetzers (Dagobert Kohlmeyer) mit dem Autor, ein Nachwort von Raymond Stolze sowie ein Kapitel über „Zwölf goldene Regeln des Turmendspiels“ vom deutschen Endspiel-Guru Karsten Müller. Außerdem wurden die Endspiele nicht nur als Partiefragmente wiedergegeben, sondern die komplette Notation bis zur von Smyslow ausgewählten Endspielstellung hinzugefügt. Und schließlich wurden alle Analysen noch von A-Trainer Holger Borchers und FRITZ 9 geprüft. Am Ende ist dadurch aus dem hässlichen Entlein noch so etwas wie ein pubertierender Schwan geworden, aber eigentlich kann es nicht im Sinne des Erfinders sein, wenn die stärksten Passagen eines Buches nicht vom Verfasser stammen. Dies sind nämlich die von GM Karsten Müller ergänzten zwölf goldenen Regeln für Turmendspiele, mit denen der Leser dann doch noch etwas über das Turmendspiel vermittelt bekommt, dass er als Rüstzeug für eine eingehendere Beschäftigung mit der Materie nutzen kann. Ansonsten (Papierqualität, Druck, Inhaltsverzeichnis, Register) wird Olms seinem guten Ruf gerecht – vielleicht hätte man aber am besten daran getan, auf die Publikation dieses Werkes zu verzichten.

Fazit: Wenn Smyslow ein Geheimnisträger gewesen sein sollte, ist er es weiterhin geblieben. Auf alle Fälle lesenswert ist das Kapitel von Karsten Müller. Um etwas über Turmendspiele zu lernen, sollte man aber lieber auf andere Werke zurückgreifen. In dieser Form taugt das Buch vielleicht noch als Fundgrube gut gespielter Turmendspiele für Trainer und Fortgeschrittene, wobei der größte Teil der analytischen oder didaktischen Arbeit jedoch noch vom Leser zu leisten wäre.

Ich danke dem Olms Verlag, der das Rezensionsexemplare kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes