Wolfgang Uhlmann und Gerhard Schmidt „Offene Linien“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 24.02.2007
Praxis Schach, Edition Olms, ca. 160 Seiten, 19,95 € (http://www.edition-olms.com )

Dass man im Olms Verlag die eine oder andere Perle der Schachliteratur finden kann, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Nun hat man aber einen echten Schatz gehoben: „Offene Linien“ von Uhlmann/Schmidt zählt zu den legendären Schachbüchern, die sich jahrelang in den Bestenlisten fanden, ohne im Handel erhältlich zu sein. Zuerst erschien das Werk 1981 im Ost-Berliner Sportverlag. Doch bald war es vergriffen und an eine Neuauflage nicht zu denken. Grund dafür war Co-Autor Gerhard Schmidt, der sich erdreistet hatte, (bitte mit sächselndem Tonfall weiterlesen) „ün düs Göbied dör Bö öR Dö öuszüroisön“. Schmidt hatte also „rübergemacht“ und war damit in der DDR zur Persona non grata geworden. Selbstredend wurde sein Schachbuch gleich in Sippenhaft genommen und nur wenige Glückliche gelangten damit in den Besitz von „Offene Linien“. Nun ist das Werk endlich auferstanden aus Ruinen und steht damit wieder der Allgemeinheit zur Verfügung.

Angesichts der immensen Änderungen in der Schachwelt – ChessBase gab es 1981 noch nicht! – kann man sich natürlich fragen, ob das Werk den Sturm der Zeit einigermaßen unbeschadet überstanden hat. Genauso dachte offenbar auch das Autorenduo und überarbeitete die alte Auflage noch einmal. Hierdurch konnten einige Analysen verbessert und weitere, neue Partiebeispiele ergänzt werden. Während man den Nestor des DDR-Schachs, Wolfgang Uhlmann, eigentlich kaum weiter vorzustellen braucht, sei noch kurz über Gerhard Schmidt ergänzt, dass dieser auch im Westen dem Schach treu geblieben und inzwischen A-Trainer des Deutschen Schachbundes geworden ist.

Worum geht es nun aber im vorliegenden Buch? Wie der Titel schon verrät, haben Uhlmann/Schmidt ihre Abhandlung einem einzigen positionellen Motiv gewidmet, nämlich den offenen Linien. Für einige mag es verwunderlich sein, dass es möglich ist, ein ganzes Buch mit dieser Thematik zu füllen. Schließlich finden wir bereits in den beiden grundlegenden Strategielehren Tarraschs („Das Schachspiel“) und Nimzowitschs („Mein System“) etwas über dieses Strategem und auch in allen weiteren Mittelspielbüchern, seien sie von Euwe, Suetin oder wie sie alle heißen, wird die offene Linie behandelt. Doch wie das Schachspiel selbst ist auch dieses positionelle Motiv schier unerschöpflich. Und anders als Doppelbauern oder Springervorposten, die nicht in jeder Partie anzutreffen sind, findet man nur sehr selten Partien, in denen eine Linienöffnung nicht wenigstens einmal zur Debatte steht. Demzufolge ist das vorliegende Buch nicht etwas für Spezialisten, sondern vielmehr ein Strategielehrbuch mit Universalcharakter. Uhlmann/Schmidt wenden sich dabei an diejenigen Schachspieler, die die Grundzüge der Mittelspieltheorie bereits kennen, sich aber nun intensiver damit auseinandersetzen wollen.

Ausgehend von einem lehrreichen Einführungskapitel folgt der Leser in den weiteren Abschnitten Schritt für Schritt dem idealtypischen Schema der offenen Linie: Erzeugung einer offenen Linie, Kampf um deren Beherrschung und schließlich Ausnutzung dieser Beherrschung. Jedes dieser Kapitel enthält zu Beginn einige grundsätzliche Überlegungen, die anschließend anhand instruktiver Partiebeispiele erläutert werden. Die Beispiele setzen – in der Regel nach der Eröffnungsphase – mit einem Diagramm ein. Dem Leser werden sodann die spezifischen Merkmale der Position ausführlich erläutert, anschließend wird anhand des weiteren Partieverlaufs gezeigt, wie die Strategie in der Praxis verwirklicht werden konnte. Geschickterweise konzentrieren sich die Autoren dabei nur auf den Partieabschnitt, der für das jeweilige Kapitel interessant ist. Häufig erfolgt dann der Schluss in Kurznotation und unkommentiert oder der weitere Verlauf wird in einem anschließenden Kapitel wieder aufgegriffen, wenn z.B. nach der erfolgten Eroberung der offenen Linie die Türme zum Schluss auf die 7. Reihe eindringen. Diese Herangehensweise sorgt didaktisch geschickt dafür, dass sich der Leser auf das Wesentliche konzentriert und führt überdies zu einer sinnvollen Verzahnung der einzelnen Kapitel miteinander. Die Partienauswahl ist gelungen, neben Klassikern der Schachgeschichte finden sich auch weniger bekannte, dafür aber stets exemplarische Partien. Die Ergänzung aktuellerer Partien wird der Rezeption des Werkes sicherlich gut tun, unbedingt nötig war sie jedoch nicht, da die alten Beispiele zeitlos sind. Die Kommentare selbst? Uhlmann/Schmidt geleiten den Leser in hervorragender Weise durch das Werk. Der großmeisterliche Scharfblick Uhlmanns und Schmidts didaktische Herangehensweise ergänzen sich perfekt. Vor den Uhlmannschen Ausrufezeichen, die dieser bei der Besprechung seiner eigenen Partien gerne reichlich zwischen seine Züge prasseln lässt, braucht man in diesem Fall keine Angst zu haben – die Arbeit im Team hat hier offenbar Wirkung gezeigt. Somit bleiben beim Rezensenten keine Wünsche mehr offen; bliebe noch nachzutragen, dass auch der Rest des Druckerzeugnisses das gewohnte Olmssche Niveau hält.

Fazit: Ein Lehrbuch der allerbesten Sorte! Seinen fabelhaften Ruf hat „Offene Linien“ völlig zu Recht. Sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene werden dieses Buch mit Gewinn lesen.

Ich danke dem Olms Verlag, der das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes