David Bronstein „Secret Notes“ (englisch)

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 24.02.2007

David Bronstein, Sergey Voronkov, Tatjana Boleslavskaya, mit einem Vorwort von Garry Kasparov
Praxis Schach, Edition Olms, ca. 230 Seiten, 19,99 €

Wo soll ich anfangen?

David Bronstein ist tot, er starb am 5. Dezember des letzten Jahres im Alter von 82 Jahren. Und wenn Sie, werte Leserinnen und Leser, dass Schachspiel lieben oder wenn Sie etwas über die Liebe zu diesem Spiel erfahren wollen: dann kaufen Sie dieses Buch! Es enthält lediglich 38 Schachpartien, die nur kurz besprochen werden – und dennoch finden Sie hierin viel, viel mehr Schach als in hunderten anderer Schachbücher. "Schach ist mehr als nur ein Spiel, es ist Kunst, Wissenschaft und Sport" so lautet ein beliebter Topos, der immer wieder gerne zitiert wird, vor allem natürlich von Schachspielern. Aber mal ehrlich: In wie vielen Schachbüchern spüren wir etwas davon? Unzählige Seiten Papier werden bedruckt mit Notationen, Varianten, Analysen, aber in welchen Büchern ERLEBEN wir Schach und erleben es als ein Kulturgut des Menschen?

David Bronstein gehörte zur ersten Garde und zur ersten Generation derjenigen Spieler, die nach dem zweiten Weltkrieg aus dem riesigen Reich der Sowjetunion nach und nach an die Öffentlichkeit traten. Natürlich hatte Russland mit Vizeweltmeister Michail Tschigorin und Weltmeister Alexander Aljechin schon immer hervorragende Schachspieler gestellt, doch das Zentrum schachlichen Lebens lag bis in die Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts noch in Zentral- und Westeuropa. Von Lenin und Stalin wurde Schach aber bald nach der Revolution als „Gehirngymnastik für die Massen“ intensiv gefördert und avancierte zum Volkssport, die Schachturniere in Moskau 1925, 1935 und 1936 sowie Michail Botwinniks Sieg in Nottingham 1936 taten zur Popularisierung ihr Übriges dazu. Unter der Aufsicht des linientreuen Kommunisten Botwinnik, dem vom hochrangigen Parteifunktionär Krylenko alle möglichen Privilegien zugestanden wurden, entwickelte sich hinter der Abgeschiedenheit des eisernen Vorhangs die berühmte „sowjetische Schachschule“. Diese Schule existierte nicht im Sinne eines speziellen Lehrplans, in dem irgendwelche besonderen Schachgeheimnisse aufgezeichnet gewesen wären. Vielmehr handelte es sich um ein – nicht unbedingt humanes – Kader- und Fördersystem, mit dem aus einem riesigen Pool die jeweils besten Nachwuchsspieler ausselektiert wurden. Hinzu kamen wertvolle Erkenntnisse aus gemeinschaftlicher Analysetätigkeit, namentlich in den modernen Eröffnungen und Mittelspielen (vor allem in den Indischen Abspielen und der Sizilianischen Verteidigung). Diese Erkenntnisse wurden zum einen nicht so ohne weiteres preisgegeben, zum anderen trugen sie selbst im Falle einer Veröffentlichung durch Fachzeitschriften eine gewissermaßen „natürliche Chiffre“: russische Sprache und kyrillische Schrift sind in der westlichen Welt nur wenigen geläufig. Den dergestalt geschulten Komsomolzen winkten staatliche Unterhaltszahlungen, Privilegien wie Konsumgüter und Auslandsreisen sowie hohe gesellschaftliche Anerkennung. Selbst während des II. Weltkrieges stand das schachliche Leben in der Sowjetunion nicht still, wurden Meisterschaften ausgetragen und Patriarch Botwinnik erhielt von Molotow persönlich die Erlaubnis, sich intensiv dem Schach widmen zu können. Kein Wunder also, dass Botwinnik nach dem Krieg an die Spitze der Schachwelt herangelangt war und sich 1948 die Krone des Schachweltmeisters aufsetzen konnte. Seitdem sahen und sehen sich die westlichen Spieler einer Phalanx sowjetischer (jetzt wieder russischer, armenischer, ukrainischer, lettischer usw.) Spieler gegenüber, die eigentlich nur Bobby Fischer jemals richtig durchbrochen hat – indem er z.B. russisch lernte, um die einschlägigen Schachzeitschriften lesen zu können... Welche Rolle spielte David Bronstein im sowjetischen Schach? Eine der Stärken der „sowjetischen Schachschule“ lag immer darin, dass in ihr kein einheitlicher Schachstil gepredigt wurde. So konnten neben dem „Wissenschaftlertypus“ eines Botwinniks so völlig unterschiedliche Spieler wie Wassili Smyslow, Michail Tal, Tigran Petrosjan, Boris Spasski, Anatoli Karpow und Garri Kasparow zur Weltelite aufsteigen. David Bronsteins schachliches Credo war stets die Kreativität. Beständig suchte er nach neuen Ideen, originellen Lösungen, schöpferischen Möglichkeiten. Dies konnte durchaus dazu führen, dass Bronstein eine Stunde(!) überlegte, bevor er seinen ersten(!) Zug ausführte. Auf der anderen Seite lag ihm immer sehr viel daran, das Schachspiel einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, z.B. durch Publikationen, (an dieser Stelle darf kein Rezensent der Welt versäumen, auf Bronsteins Turnierbuch über das Kandidatenturnier von Zürich 1953 hinzuweisen, ein Meilenstein in der Schachliteratur des 20. Jahrhunderts) z.B. aber auch durch Änderungen der Regularien oder Modifikationen des Austragungsmodus. Dabei schreckte er selbst vor den ehrwürdigsten Schachtraditionen nicht zurück, auf sein Konto gehen Vorschläge zur Änderung der Bedenkzeitregelung (Einführung von Schnellschach, Verwendung digitaler Uhren, Zeitboni pro Zug), Abschaffung der Hängepartien, Simultanspiel mehrerer Partien zwischen zwei Großmeistern, Kommentierung der Züge durch die Großmeister während der laufenden Partie u.v.a.m. Einige seiner Vorschläge sind inzwischen Selbstverständlichkeit geworden, andere wirken immer noch bizarr. In jeder Phase seine Lebens bot Bronstein jedoch Gewähr für einen schier unerschöpflichen Strom der Kreativität.
Es verwundert nicht, dass ein Mann mit einer solchen Geisteshaltung in der Sowjetunion keinen leichten Stand hatte. „Seit meiner Kindheit liebe ich die Freiheit, und ungeachtet des Landes, in dem ich aufwuchs, habe ich all die Jahre versucht, in diesem Geist zu leben“, äußert sich Bronstein später in seinem Erstlingswerk bei Olms, dem „Zauberlehrling“. Dass dies keine leeren Worte sind, stellte Bronstein im Jahre 1976 unter Beweis: Er verweigerte sich einem Aufruf zur Verdammung des Dissidenten Viktor Kortschnoi, der indes von der gesamten restlichen Schachelite des Landes brav unterzeichnet wurde. In der Logik der Machthaber hieß dies, dass Bronsteins Staatstreue zu fragwürdig war, um ihm eine Ausreisegenehmigung zu erteilen. Mit anderen Worten: David Bronstein war bis zum Untergang der Sowjetunion ein Gefangener im eigenen Land. Für 13 lange Jahre war ihm die Teilnahme an Turnieren im Ausland verwehrt! Welche Strafe für einen Menschen, der sich nicht nur als Großmeister, sondern immer auch als Kommunikator verstand...

Was macht ein David Bronstein nach dem Zerfall der Sowjetunion? Natürlich, er geht wieder auf Reisen! Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, nimmt er dabei mit. Denn darum geht es in „Secret Notes“: Bronsteins Reisen zu alten und neuen Bekannten quer durch ganz Europa. Wenn ich Sie jetzt bei dem Gedanken ertappe, was an einem Reisetagebuch so interessant sein soll, dass der Rezensent darüber derart in Verzückung gerät: Es ist eben Bronstein, der hier schreibt. In einem angenehmen Plauderton, der nie langweilig wird, mit einer unerschöpflichen Neugier und Empathie für die Menschen um ihn herum und stets mit einem feinen Sinn für Kultur, Politik und Ironie. Und selbstverständlich schreibt er nicht ausschließlich über seine Reisen in den 90er Jahren, sondern er blickt gelegentlich zurück auf ein halbes Jahrhundert Schach. Lesen Sie selbst einmal, wie Bronstein die Vorgänge beim Kandidatenturnier von Zürich 1953 schildert, in dem die sowjetischen Apparatschiks ihre Teilnehmer dazu zwangen, durch Partieabsprachen Wassili Smyslow den 1. Platz vor dem Amerikaner Samuel Reshevsky zu sichern. Sie werden sich dann vielleicht fragen, warum es einer Dekade, eines Skandalkandidaturniers auf Curaçao und eines Artikels von Bobby Fischer bedurfte, bis die FIDE das dererlei Mauscheleien Vorschub leistende Turnierformat endlich zu Kandidatenzweikämpfen umänderte (in jenen Tagen, als die FIDE noch nicht ganz so korrupt war wie heute). Das Buch werden Sie dabei sicherlich nicht aus der Hand legen, denn was Bronstein dort schildert, ist ein wahrer Schachkrimi. Aber die geneigten Leser erwartet noch viel mehr: Bronstein öffnet sein Familienalbum für Sie. Betrachten Sie den selbstbewusst das Kinn emporreckenden fünfjährigen David Bronstein im Kreise seiner jüdischen Familie oder den jugendlichen Bronstein als Londoner Dandy im Jahre 1947 oder den lächelnden Fünfzigjährigen, der einem Zehnjährigen namens Nigel Short einen Preis überreicht – dieser Autor lässt Sie teilhaben an seinem Privatleben, wie ich es bisher von keiner Autobiographie eines Schachspielers kenne. Bronstein wäre jedoch nicht er selbst, wenn er sich lediglich sentimentaler Rückblicke bediente. Natürlich finden sich in Hülle und Fülle Gedanken und philosophische Betrachtungen über das Schachspiel, seine Krisen, seine zukünftigen Möglichkeiten. Und immer wieder kleine Partieeinsprengsel, Miniaturen, die die Schönheit des Schachs in all seinen Facetten zeigen. Abgerundet wird das Buch zu guter Letzt von David Bronsteins Frau, Tatjana Boleslavskaya, die einige Kapitel „Aus der Sicht einer Reisebegleiterin“ ergänzt.

Wenn Sie sich von David Bronstein mit auf die Reise nehmen lassen, werden Sie am Ende von „Secret Notes“ mehr über Schach wissen. Nicht über Eröffnungen, Mittelspielkombinationen und Endspieltechnik. Aber Sie werden etwas darüber wissen, wie Schachspieler miteinander umgehen und scherzen, welche Etikette sie beim Spiel pflegen, was es mit der geheimnisvollen sowjetischen Schachschule auf sich hatte – und vielleicht werden Sie auch etwas von dem nachempfinden können, was Menschen dazu antreibt, ihr ganzes Leben diesem Spiel zu widmen.

Zum Schluss kann ich als Rezensent nicht umhin, meinem Respekt vor David Bronstein Ausdruck zu verleihen. Sicherlich, seine Ideen sind manchmal nicht nur originell, sondern bisweilen auch exzentrisch, wie Kasparow in seinem Vorwort schreibt. Und es finden sich auch Passagen mit etwas Eigenlob und Legendenbildung in diesem Werk. Aber wenn ich auf die jetzige Schachelite blicke, auf Kramnik, Topalow, Anand, Leko und wie sie alle heißen: Niemand von ihnen hat bisher auch nur einen Bruchteil dessen geleistet, was Bronstein für das Schach getan hat. David Bronstein ist tot. Wer wird jetzt noch solche Bücher schreiben?

Fazit: In der englischen Auflage vielleicht noch nicht jedermanns Sache, eine hoffentlich bald folgende deutsche Übersetzung aber wird ein Muss für jeden Schachliebhaber sein!

Ich danke dem Olms Verlag, der das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes