Ari Ziegler „The French defence“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 13.03.2007
ChessBase Fritztrainer DVD englisch, ca. 6,5 h Spielzeit, 26,99 € unverb. Preisempf.

Die Französische Verteidigung auf einer DVD? Geht nicht? Geht doch, jedenfalls wenn man sich an Ari Zieglers Tipps hält. Ari wer? Ari Ziegler ist ein schwedischer IM mit einer aktuellen Wertungszahl von knapp über 2300, gelegentlicher Mitarbeiter bei ChessBase und Gründer von chessfighter.com. Nebenbei: Wer der Meinung sein sollte, dass ein Spieler mit einer – im Vergleich zu Großmeistern wie Kasimdschanow, van Wely, Schirow und anderen ChessBase-Autoren – derart niedrigen Wertung nur mediokre Publikationen hervorbringen könne, lasse sich gesagt sein, dass gerade die für Amateurspieler geeignetsten Veröffentlichungen häufig von nicht ganz so starken Spielern stammen. Diese haben sich nämlich der Schachbasis noch nicht so entfremdet wie die Crème de la Crème, ihre Eröffnungssysteme sind deshalb oft praxisnaher und die Erläuterungen verständlicher. Dies trifft auch auf die vorliegende DVD zu.

Thema auf „The french defence“ ist also die Französische Verteidigung, 1.e4 e6. Nun leben wir in Zeiten, in denen eine Spezialvariante des Franzosen, die erst nach dem 7. Zug von Schwarz erreicht wird, bequem ein ganzes Buch von über 300 Seiten füllt. (Die Rede ist vom – nichtsdestotrotz hervorragenden – Werk „Französisch Winawer“ des Autorenduos Kindermann/Dirr.) Da erscheint es geradezu vermessen, auf einer DVD die komplette Französische Verteidigung abdecken zu wollen. Aber Ari Zieglers DVD ist eine Repertoire-DVD. Das bedeutet, dass Ziegler nicht den kompletten Franzosen behandelt, es geht auch nicht um die für Schwarz oder Weiß jeweils besten Varianten, sondern Ari Ziegler empfiehlt den interessierten Schwarzspielern ein bestimmtes Eröffnungsschema, das er „Zentrumsmethode“ nennt und das sich gegen nahezu alle weißen Spielweisen anwenden lässt. Dieses Schema entwickelt der Autor folgendermaßen: Nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 (Vorstoßvariante) und einigen vorbereitenden Zügen soll der Dreh- und Angelpunkt des weißen Spiels, der Zentrumsbauer auf e5, durch frühes schwarzes f6 befragt werden.



Im Fall von weißem exf6 nimmt Schwarz mit einer Figur auf f6 wieder und arbeitet dann daran, e6-e5 folgen zu lassen, eventuell auch unter Opfer dieses Bauern. In vielen Abspielen wird dabei das weiße Bauernzentrum völlig aufgelöst und vor allem das französische Sorgenkind, der weißfeldrige Läufer von Schwarz, befreit. Dieser kann nämlich entweder durch das Manöver Lc8-d7-e8-g6 oder eben durch schwarzes e5 in die Freiheit gelangen. Außerdem übt Schwarz mit der geöffneten f-Linie Druck gegen die weiße Königsstellung aus, durch ein mögliches Qualitätsopfer auf f3 kann er die Rochadestellung des Anziehenden zerstören.



Nimmt Weiß jedoch nicht auf f6, so spielt Schwarz fxe5, wodurch die weiße Bauernkette ebenfalls auseinander gerissen wird. In jedem Fall erhält somit der Nachziehende kräftiges Gegenspiel, was recht erfolgversprechend ist, weil sich die Weißspieler in dieser Variante üblicherweise auf ein längeres, risikoloses „Kneten“ eingestellt haben dürften und einige der entstehenden Stellungsbilder eher ungewöhnlich sind. Der Clou von Zieglers DVD ist nun, dass er im Folgenden zeigt, wie seine Zentrumsmethode von Schwarz ganz analog sowohl gegen 3.Sc3 als auch gegen 3.Sd2, den beiden Hauptvarianten von Weiß im dritten Zug, gespielt werden kann, indem der Nachziehende nämlich mit 3...Sf6 den weißen e-Bauern nach e5 lockt. Um das Repertoire zu vervollständigen, gibt Ziegler noch Tipps, wie Schwarz gegen seltenere weiße Spielweisen wie die Abtauschvariante (3.exd5) oder geschlossene Spielweisen (2.De2) ankämpfen kann.

Im Ergebnis demonstriert Ziegler ein cleveres, aggressives Eröffnungskonzept mit hohem praktischen Gebrauchswert. 1.e4 ist nach wie vor der beliebteste Eröffnungszug, was bedeutet, dass man mit dieser DVD tatsächlich ein komplettes Verteidigungssystem gegen diesen Weißaufschlag parat hat. Nicht alle Varianten Zieglers sind heutzutage en vogue, aber alle sind prinzipiell gesund und spielbar – was bei vielen Repertoireempfehlungen à la "Gewinne mit dem XY-System" schon mal gerne übergangen wird. Ein weiterer Pluspunkt der DVD sind Ari Zieglers witzige und gut verständliche englische Kommentare, seine gelungene Partienauswahl und schließlich die gute Strukturierung der Theorie, mit der der Anwender sofort einen effektiven Leitfaden für die in Frage stehenden Abspiele erhält. Ebenfalls lobenswert: Im Unterschied zu anderen ChessBase-DVDs hat der Autor in diesem Fall zusätzlich zu den ausführlich (6,5 h Stunden Spielzeit!) per Video kommentierten Begegnungen eine Auswahl größtenteils selbst kommentierter Partien beigesteuert, von denen eine erkleckliche Zahl Ziegler selbst als Nachziehenden sieht. Dies bürgt zum einen dafür, dass Ziegler weiß, wovon er spricht, und ist zum anderen eine unverzichtbare Studiengrundlage für die ernsthafte Auseinandersetzung mit einer Eröffnung.

Etwas Wasser muss allerdings noch in den Wein gegossen werden: Mir fehlt bei dieser DVD vor allem eine Darstellung der positionellen Grundlagen. Denn Zieglers Zentrumsmethode widerspricht ja eigentlich dem Nimzowitsch’schen Grundgesetz: Bauernketten müssen an der Basis angegriffen werden. Zieglers propagiertes f6 macht genau das Gegenteil. Und nach dem eben geschilderten weißen exf6 behält der Schwarze erst einmal einen schlimm rückständigen Bauern auf der halboffenen e-Linie zurück. Inzwischen sieht man Nimzowitschs Regel nicht mehr so eng, aber ich hätte mir von einer DVD wie der vorliegenden, die sich offenbar ja vor allem an Amateurspieler richtet, gewünscht, dass sich der Autor in einem Beitrag einmal grundsätzlich über die zur Debatte stehenden positionellen Motive seines Eröffnungsschemas äußert.
Unverständlich ist für mich auch, wieso die kommentierten Partien teilweise nur in Ari Zieglers Muttersprache verfasst sind. So können wir zum Beispiel als Kommentar zu Tomas Petrik-Ari Ziegler, Chicago 2002 zu 16...Sh3 lesen: „Jag försökte få en ställning via dragomkastning, men min motståndare utnyttjade min dragföljd till max!“ Nun bin ich mit meinen Schwedischkenntnissen leider nie über „Smørrebrød, Smørrebrød, rømpømpømpøm“ hinausgekommen, weshalb Zieglers Kommentare mir in diesem Fall leider nicht wirklich weiterhelfen. Schade, dass das lobenswerterweise angefügte Partienmaterial hierdurch teilweise wieder entwertet wird.
Auch diese DVD kann in der Machart der Videos nicht völlig überzeugen (siehe meine Rezension zur Karsten Müllers Endspiel-DVD 3). In diesem Fall kommt hinzu, dass Ari Ziegler bisweilen seine Stimme derart stark absenkt, dass man sowohl einiger Hintergrundgeräusche im Studio(?!) gewahr wird, als auch Zieglers Geklapper auf der Tastatur als umso nervtötender empfindet.

Fazit: Für alle Schwarzspieler, die mit relativ geringem Aufwand eine dennoch aktive und aggressive Eröffnung gegen 1.e4 spielen wollen, absolut empfehlenswert. Wenn die Nachziehenden sich mit der in dieser Rezension kurz angerissenen Zentrumsmethode Zieglers anfreunden können, haben sie mit der DVD in der Tat ein komplettes System gegen die Königsbauereröffnung parat. Aber auch Weißspieler werden sicherlich eines ihrer Hauptabspiele gegen den Franzosen wiederentdecken und möchten vielleicht wissen, was sie bei der Zentrumsmethode erwartet. Abgesehen von den erwähnten kleineren Mängeln eine Eröffnungs-DVD, wie sie sein sollte.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes